Spendenaufruf – Ich brauche 1.500.000 Euro

Vorab sei gesagt, dass der gleich folgende Text nunmehr fast genau zehn Jahre alt ist. Inzwischen bin ich um genau dieses Stück älter, aber leider keinen Deut wohlhabender geworden, denn auf meinen damals veröffentlichten Aufruf hat sich aus mir unerfindlichen Gründen kein Spender gemeldet. Somit würde ich, sollte ich den Text anlässlich der zum Jahreswechsel üblichen Aufrufe neu verfassen und mit aktellen Beispielen würzen, die Zielsumme um ein sattes Drittel auf 1 Million Euro reduzieren und könnte die angesprochene Entlastung des Arbeitsmarktes meinerseits dennoch realisieren. Tja, wenn das kein Angebot ist, …

Von der Verhältnismäßigkeit der Geldmittel

Mit etwas Glück befinde ich mich als Nichtraucher ungefähr in meiner Lebensmitte. Ein Abschnitt hat begonnen, in dem der Gedanke an das Später und den Ruhestand mehr Gewicht als früher erhält. Dieser Gedanke, der Blick in die Geldbörse und die anschließenden Berechnungen lehrten mich: mir fehlen 1,5 Millionen Euro, um endlich einem Jüngeren Platz zu machen und die Beschäftigung meiner letzten Jahre nach dem Lustfaktor auszurichten. Sorgen um eine drohende Arbeitslosigkeit oder mangelnde berufliche Anerkennung wären mir nach Auszahlung des Geldes fremd und Leistung könnte ich ganz allein für mich im Grad meiner Zufriedenheit messen. Dabei würde ich sogar staatsbürgerlich treu die Zinsen versteuern und hätte meinen zwei Kindern auch noch ein anständiges Erbe vorzulegen.

Leider habe ich jedoch noch niemanden gefunden, der mein soziales und arbeitsmarktpolitisch dankenswertes Experiment in Form einer entsprechenden Spende fördert.

Reichtum

Nein, einem Auto mit diesem Wesen auf der Motorhaube gilt mein Streben und auch mein Spendenaufruf nicht.

Meine teuren Versuche mit einer Handvoll Lottoscheine ans große Geld zu kommen, wurden leider inzwischen als gescheitert erklärt. Auch bin ich ein eher ängstlicher Typ. Daher fällt der – selbstverständlich gewaltfreie – Banküberfall oder die Millionärswitwenentführung flach. Die in der Folge bei meinem Geschick zwangsläufig notwendige Unterkunft in der Justizvollzugsanstalt böte mir erheblich zu wenig Freiraum. Drogenhandel und Prostitution sind gesellschaftlich nicht anerkannt und wurden zudem auch meinerseits als verwerflich befunden. Was also tun?

Ich könnte in die Politik gehen, mich in irgendein Parlament wählen lassen. Dort, heißt es, herrschten Korruption und grenzenloser Drang nach Selbstbereicherung. Ich könnte neben meinem demokratisch legitimierten Amt Beraterverträge mit der Lobby meiner Wahl abschließen, nach kurzem, erfolglosem Wirken mein Mandat zurückgeben, um ein fettes Übergangsgeld mit prächtiger Altersversorgung zu kassieren. Allerdings fehlt dazu mir die nötige Machtversessenheit und Ferne zum Leben des so genannten einfachen Menschen. Ich will doch bloß abkassieren! Und ich weiß um meinen mit Sicherheit zu erwartenden Zwiespalt, als moderner Sisyphos innerhalb der institutionellen Mühlen tatsächliche Verbesserungen für die Menschheit durchsetzen zu wollen.

Politik? Abgehakt.

Da fällt mir der häufig zu hörende Wunsch ein, Menschen der freien Wirtschaft, Menschen der Praxis, Manager sollten die Politik in die Hand nehmen, damit es mit unserem Land aufwärts ginge. Wenn dann an deren alter Wirkungsstätte ein Platz frei würde, könnte ich einspringen. Deshalb habe ich mir das Anforderungsprofil für Wirtschaftskapitäne auf meine Eignung hin überprüft. Um es vorweg zu nehmen: es sieht so aus, als sollte nun der Teufel mit Beelzebub ausgetrieben werden, denn leider fand ich dort die den Politikern nachgesagten negativen Charakterzüge in maximierter Form vor. Das sollte ich begründen:

Bei welchem Beispiel könnten wir alle mitreden? Ach ja. Nehmen wir einfach die Beteiligten des Mannesmannverkaufs an Vodafone und den laufenden Prozess: Da hat ein Manager namens Esser wohl gute Arbeit geleistet, denn der Wert des Unternehmens ist nach 1994 innerhalb von fünf Jahren von 7,5 Milliarden auf 75 Milliarden Euro gewachsen. Was dieser Wert bedeutet, weiß ich nicht, denn die Zahl der Mitarbeiter hat mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten können. Da der Laden aber trotzdem so schön viel wert war, wurde er nun verkauft. All die Jahre erhielt der Manager sicher ein angemessenes Gehalt, bekam auch zwischendurch ein paar Prämien, doch als der Verkauf perfekt war, somit die eigentliche Grundlage seines Gehalts in diesem Unternehmen zu verschwinden drohte, sprach ihm der eigentlich auch von Arbeitslosigkeit bedrohte Aufsichtsrat, ohne sich selbst dabei zu vergessen, eine Anerkennungsprämie von 15,9 Millionen Euro zu. Gut, die eben erwähnte Arbeitslosigkeit hätte sich nur auf diesen einen Job bezogen, doch gab es sicher andere, gleichzeitig besetzte Stellen, die ihn hätten auffangen können.

Da frage ich mich, was ein Mensch geleistet haben kann, um aufgrund seiner Leistung auf einen Schlag eine Prämie zu bekommen, mit der er, die medizinisch-biologische Komponente einmal außen vor gelassen und meine Rechnung zugrunde gelegt, mehrere hundert Jahre alt werden kann?

Hat er ein sicheres Mittel gegen Aids, gegen die Hungersnöte und die Kriege dieser Welt gefunden? Der Medizinnobelpreis war im Jahre 2003 nur mit 1,1 Millionen Euro dotiert. Da müssen also bei Mannesmann ganz andere Entdeckungen gemacht worden sein, die noch geheim gehalten werden, weil sie die Welt auf einen Schlag in ein angehendes Paradies verwandeln können. Oder kriegt man den Nobelpreis auch für ein altes Hausmittel gegen Fußpilz?

Nein, der Mann hat für Geld in einem Unternehmen gearbeitet. Ganz normal, wie es jeder tut, der sich den Weg in die Selbständigkeit nicht zutraut. Mir kommen die Tränen, wenn ich Herrn Ackermann, den Chef der Deutschen Bank, höre, der sagt, man hätte Herrn Esser nicht als Mohr, der seine Schuldigkeit getan hat, mit leeren Händen gehen lassen können.

Leer? Armer Mohr. Der Spielraum zwischen leer und 15,9 Millionen entspricht sogar im untersten Bereich einem ganzen Haufen von Nobelpreisen.

Oh, was müssen Manager großer Unternehmen im Rahmen ihrer Verantwortung für Scheußlichkeiten tun, ohne großen Bewusstseinsschaden zu nehmen? Sie schicken, ohne mit der Wimper zu zucken, Tausende von Mohren in die Wüste der Arbeitsamtsflure. Kleinere Abteilungen mit nur dreißig Mohren streicht schon das mittlere Management, das hätte ein Esser oder Ackermann gar nicht erst bemerkt.

Hätte es sie im vorliegenden Fall selber getroffen – eine Handvoll gut bezahlter Männer, die in ihrer kleinen aber feinen Realität ohne Verhältnismäßigkeit der Geldmittel gut zurecht kommen – sie wären trotz ihres fortgeschrittenen Alters ohne Arbeitsamtshilfe bald wieder hervorragend untergekommen.

So erlebe ich die Verhältnismäßigkeit der an falscher Stelle vorhandenen Mittel. Und mag der Leser mich deshalb als Neider identifizieren. Mag er mir vorwerfen, die Notwendigkeiten der globalisierten Arbeitswelt zu verkennen, mich als moralistisches Weichei bezeichnen:

Wenn die Begriffe Neid und Moral so eng zusammenrücken, tut es mir nicht weh.

So interessiert mich die Frage nicht, ob in diesem vorliegenden Fall ein Gesetz verletzt wurde, ob es sich um Bestechung handelt oder ob in den USA viel höhere Prämien und Abfindungen gezahlt werden.

Der Prozess wird den Anzeichen nach mit Freisprüchen enden. Alles wird rechtens gewesen sein. Aber, muss ich da sagen und mir und anderen an die Nase packen, bei welcher Summe wird die werte Leserin und auch der Leser weich?

Ich persönlich hätte für einen Bruchteil der besagten Summe – sagen wir 1,5 Millionen Euro – meine liebe Oma verkauft. Ehrlich.

Schwanke ich?

Ach was. Nein! Ich wäre auf den Stühlen Beelzebubs nicht gut aufgehoben.

Schon auf dem Schulhof hatte ich Skrupel, den kleinen Brillenträgern unverschämt viele mir fehlende Weltraumbilder für meine doppelten abzuluchsen und kaufte unökonomisch zahlreiche neue Bildertütchen.

Politik und Wirtschaft – abgehakt!

Ein teuer erkaufter Seelenfrieden.

Einmal versuche ich es doch nochmal mit einem Lottoschein.

Oder mit der Klassenlotterie.

Oder mit „Platz an der Sonne?

Gibt es eigentlich „Wer wird Millionär?“ noch?

Was bringt die gute alte Heiratsschwindlerei ein?

Warum gibt es so wenige Ideen, ehrlich an das große Geld zu kommen?

Sollten Sie sich nun für eine Spende an den Autor interessieren, steht Ihnen das Kontaktformular zur Anfrage zur Verfügung. Auf Wunsch werde ich die Angelegenheit mit vollster Diskretion behandeln.

PS: Meine liebe Oma lebt leider längst nicht mehr.

02.03.2004

© Dirk Jürgensen – Veröffentlichungen des Textes und der Bilder, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.