Bühne frei für Mutter Ey

Eine ungewöhnliche Totenandacht

ae5eabf4d72aecfb6b01653f2c3c7706Der Geräuschpegel im Foyer des Theater FLINgern ist hoch. Die Premiere zu „Bühne frei für Mutter Ey“ ist ausverkauft und entsprechend gefüllt die Räume der kleinen Bühne in Düsseldorf-Flingern. Philipp Kohlen-Priebe, Hausherr und Regisseur,  begrüßt Ehrengäste. Unter ihnen  die Enkelin der Künstlermutter Johanna Ey, Frau Dr. Barbara Ey und die über die Grenzen Düsseldorfs hinaus bekannten Galeristen Remmert und Barth. Die Totenfeier, die hier gehalten wird, hat etwas äußerst Fröhliches. Beerdigt ist die Dame im Mittelpunkt des Geschehens schon lange. Vergessen sollte man sie keinesfalls. So sehen es auch Autorin und Regisseur des Theaterstücks, das an diesem Abend zum ersten Mal vor größerem Publikum gespielt wird.

Vor 60 Jahren, am 27. August 1947, starb eine Persönlichkeit, die Düsseldorf im Bereich der Kunst einen unermesslichen Dienst erwiesen hat. Ihre unschätzbare Leistung genießt damals wie heute bedauerlicherweise viel zu wenig Beachtung. Johanna Ey drängte sich weder damals noch heute in den Vordergrund. Und so liegt es eigentlich in den Händen ihrer Heimatstadt und deren Vertreter, diese starke Frau aus dem verstaubten Image des unbeweglichen „Ehrenbürgertums“ zu erlösen und zu einer dynamischen Begleiterin städtischer Geschichte zu machen.

Eine eindrucksvolle Ausstellung im Stadtmuseum, die wesentliche Ey-Bilder, Zeichnungen und Gemälde ihrer Freunde zeigt, sollte niemand versäumen. Schade nur, dass gerade das Stadtmuseum, das so viele Schätze, die die Geschichte um diese Frau erzählen, ihr Eigen nennt und die gerade eine hervorragende Ausstellung zum „Jungen Rheinland“ hinter sich gebracht hat, gerade zum sich rundenden Todestag Johannas nichts in Petto hat, es zumindest nicht publiziert.

Johanna Ey als Verfechterin der Subkultur

Johanna Ey kämpfte fast immer gegen die Fronten des Establishments. Sie tat das nicht um der Auflehnung Willen, sondern aus tiefer Überzeugung und mit einem unabdingbaren Verständnis für Menschlichkeit, einem unerschütterlichen Glauben an die Kraft der Fantasie und weil es sich nun einmal gehörte, ordentlich und respektvoll miteinander umzugehen.

Sie war ein weitaus fortschrittlicher Geist, als jene, die sich auf vermeintlich fortschrittlichen Pfaden, aber im Sinne der Moden und Konventionen verhielten. Manch einer vermag hier zur Recht Parallelen zur Gegenwart entdecken. Mutter Ey war eine Verfechterin der Subkultur, die auch heute nur selten auf Akzeptanz und Rückhalt zählen kann.

Sie trug mit dieser Einstellung die Saat zur kulturellen und menschlichen Entwicklung ihrer Stadt und ihres Landes weiter, bis über alle Grenzen hinaus. Ihr Künstlersalon, ihre Kunsthandlung war die Blume, sie die fleißige Arbeiterin und die Bilder und Gedanken ihrer Schützlinge die Sämlinge. Die Saat ging auf, die Biene starb und zurück blieben viele Könige in vollem Ornat – bis heute. Doch auch Könige lernen dazu, sagt man und wissen die Mühen ihrer Untertanen zu schätzen.

In der Tat – sie war weder studiert, noch etabliert. Ihr Wissen und ihr Verständnis für das Wesentliche entstammt dem Leben und ihrer natürlichen Menschenkenntnis. Das mag in Anbetracht gegenwärtiger Wertvorstellungen mit ein Grund dafür sein, dass ihre geniale Arbeit so maßlos unterschätzt wird.

Und so ist es kaum verwunderlich, dass der Hype, den Philipp Kohlen-Priebe zum 60. Todestag erwartet, ausbleibt. Lediglich sein Theater und die Galerie Remmert und Barth gedenken der Förderin von Künstlern wie Max Beckmann, Otto Dix, Otto Pankok und Gert Wollheim, ohne die jene ihren Ruhm vielleicht schon aus finanzieller Not nie erreicht hätten.
Sie allein hatte den Mut, die Künstler auszustellen und machte sie durch die Unterstützung mit Brot, Geld, Mut, viel Liebe und einem zweiten Zuhause, ihrer Bäckerei und Kunsthandlung, bekannt.

Johanna on stage

Das Stück, das die Autorin Gerda Hinze auf die Bühne bringt, ist volkstümlich und direkt, wie die Frau, um die es geht. Die Retrospektive lässt Johanna Ey aus ihren Aufzeichnungen zitieren. Sie erweckt Auszüge aus Zeitungen zum Leben und macht aus ihnen mehr als nur einen zu erwartenden trockenen Bericht. Vielmehr wird ein Stück Zeitgeschichte skizziert. Wie lebten Künstler, wie lebte Johanna Ey in dieser Zeit, die markiert war von Umbrüchen, schweren menschlichen Schicksalen? Wie behielt man in jenen Tagen den Mut und wehrte sich aktiv und mit heiler Haut gegen Regierungen, die für Vernichtung und Zerstörung die Verantwortung trugen? Wie stand man auf, gegen eine Macht, die tötete und wahren geistigen Fortschritt im Keim zu ersticken verstand? Wie tat man das auch dann noch, wenn kein Brot zu beißen da war und man von Angst und Schrecken geplagt wurde? Wie kam man mit seinem Gewissen klar, wenn man nicht den Mut fand, Freunden zu helfen? Wie überwand man sich trotzdem und stellte sich der Gefahr? Wie half man, wenn man selbst nichts mehr hatte? Johanna Ey tat es mit Willenskraft, einer guten Portion gesunder, rheinischer Naivität, Menschenverstand und Trotz. Sie tat es, weil sie überleben musste und keine Wahl hatte und weil sie einfach mit allen zusammenhielt, wenn es bitter wurde. Sicherlich half ihr auch ihr Humor und die Fantasie, die Johanna Ey offenbar besaß und die auch in diesem Stück seinen Niederschlag findet.

Fotografien, die die Enkelin aus dem Familienarchiv ausgräbt, zeigen Johanna in vielen bislang unbekannten Situationen und Posen. Kleine Pikanterien, von denen bisher in den Büchern nichts zu lesen war, wie die vom Wachtmeister, der maßgebliche Kontakte herzustellen wusste und über dessen Duzfreundschaft zur Kunsthänderlin man sich wunderte, würzen die amüsante Darstellung.
Wer die Bäckersfrau und Abenteuerin, die zur Kunsthändlerin wurde, kennenlernen will, hat mit diesem Stück die beste Gelegenheit dazu. Ihre Kaffeestube, ihre rheinische Natur und ihre Kämpfernatur und ihr unvergleichliches Gespür für die Kunst des „Jungen Rheinlands“ werden plastisch und unterhaltsam geschildert.

Das Leben, so scheint es… die Menschen der Stadt Düsseldorf haben Johanna nicht vergessen und so darf sich der Theatermacher über volle Kassen und Häuser freuen. Wer noch Karten für die kommenden Vorstellungen haben möchte, der sollte sich sputen. Denn schon jetzt steht hinter vielen Terminen bereits ein dickes „Ausverkauft“.

Ersterscheinungsdatum: 29.08.2007 auf einseitig.info

© Marie van Bilk/Maria Jürgensen –  Veröffentlichungen, auch in Auszügen nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin.

© Foto Theater FLINgern

image_print