Irritiertes Winkewinke

von Dirk Jürgensen ...

Verhaltensforschung anlässlich der WM

– Fußballfreie Abende geben dem Geist Raum, sich endlich einmal um andere Dinge zu kümmern und das aktuell uns alle so stark beschäftigende Problem des Runden mit dem Eckigen kurz zu vernachlässigen. Das Menschliche jenseits des Wettkampfes darf und sollte uns an fußballfreien Abenden bewegen.

Anzeigetafeln sollten wieder die wirklich wichtigen Dinge anzeigen.

Foto: ©complize / photocase.de

Erinnern Sie sich beispielsweise an jene schwarzweißen Zeiten, als Anzeigetafeln nur über den derzeitigen Spielstand Auskunft gaben, als Luxusvarianten höchstens noch die Uhrzeit mitteilen konnten? Wer die Mannschaftsaufstellungen erfahren wollte und und keine Mark für die Stadionzeitung opfern mochte, hatte dem Stadionsprecher zuzuhören. Damals konnte man den Torschuss in seiner Wiederholung mit Glück frühestens in der Sportschau am heimischen Fernseher bewundern. Anzeigetafeln sind erst in der Neuzeit zu hochauflösenden Displays geworden.

So komme ich auf ein Phänomen, das vor einigen Jahren aufgetaucht ist und intensiv bei den Übertragungen der laufenden Weltmeisterschaft zu beobachten ist. Eines, das vermuten lässt, dass die Verfahren medialer Technik noch nicht perfekt in die humanen Kommunikationsmuster integriert wurde:

Menschen, die sich auf der Anzeigetafel des Stadions entdecken, winken immer in Richtung ihres Konterfeis und nicht in die Kamera.

Lediglich eine in kurzem Abstand vor die Nase gesetzte Kamera gibt den meist in ihren Landesfarben angestrichenen, teilweise auch liebreizend knapp bekleideten Fans die Chance, ihr Winken in die richtige Richtung zu winken. Doch das bleibt die Ausnahme. In den allermeisten Fällen wird meine Beobachtung bestätigt.

Die Geschichte einer Irritation

Die Evolution hat uns lange vor unserem Entschluss zum aufrechten Gang gelehrt, dass der per Mimik oder Gliedmaßenbewegung geäußerte Gruß ohne Empfangsperson unsinnig ist. Wenn wir einen uns bekannten Menschen erkennen, wenn wir ihm zudem wohlgesonnen sind, oder aus anderen Gründen nicht vor ihm verbergen möchten, winken wir, lächeln oder rufen ihm sogar etwas zu, wenn uns die nonverbale Kommunikation als nicht ausreichend erscheint. So auch in einer WM-Arena, in der das folgende Schema immer wieder abläuft:

  1. Auf der Anzeigetafel erkennen wir eine uns sehr bekannte und hoffentlich auch liebgewonnene Person, der wir unbedingt einen Gruß schicken wollen.

  1. Dass es sich dabei um das Abbild der zerknitterten Gestalt aus dem morgendlichen Badezimmerspiegel handelt und uns unser Verhalten irgendwie auf eine Stufe mit einem in Gefangenschaft gehaltenen Wellensittich stellt, ist dabei nicht schlimm. Denn bevor wir

  2. zu dieser schmerzhaften Erkenntnis gelangen, kann sich unser durch viele Jahre TV-Konsum geschultes Hirn mit der Information durchsetzen, dass das rezipierte Bild in dieser noch laufenden Sekunde ebenfalls auf allen mit TV-Empfängern ausgestatteten Kontinenten und der Raumstation ISS im Orbit wahrgenommen wird. Da es die Oma

  3. ganz sicher freuen wird, winken wir ihr nun umso wilder ins Bild. Eigentlich. Denn tatsächlich grüßen wir, wie oben bereits erwähnt, nur unser eigenes Spiegelbild.

  4. Mit leichtem Entsetzen stellen plötzlich wir fest, dass uns unser Konterfei aus einem zunächst unerfindlichen Grund die kalte Schulter zeigt und wild nach links oder rechts, jedenfalls an völlig Unbekannte sendet. Die unweigerliche Enttäuschung gibt

  5. dem Besinnen auf unser technisches Verständnis und der Logik eine Chance. Die Kamera wird gesucht, oft auch gefunden und setzen erneut und hoffnungsvoll zum Winkewinke in die Kamera an. Was nun folgt, ist eine große Gemeinheit, die totale Ernüchterung.

  6. Die Regie wechselt im Moment, da wir die Kamera ausmachen, im Bruchteil einer Sekunde auf eine andere Kamera im weiten Rund und lässt uns, meist für immer und ewig, von der Mattscheibe verschwinden.

  7. Oma wird uns in der Kürze der Zeit nicht erkannt haben und wir konnten ihr noch nicht einmal ein Lebenszeichen vom Amazonas abgeben. Was bleibt, sollten wir uns einst wieder auf einer Anzeigetafel erkennen, ist die Hoffnung auf eine reaktionsschwache Bildregie.

Fazit

Das Mediengeschäft ist ein hartes. Es kennt keine Sentimantalitäten. Offensichtlich halten die Bildregisseure die Winkerei für ebenso bescheuert wie ich. So kann ich verstehen, warum sie die Menschen der Irritation aussetzen, Hohn und Spott aussetzen. Aber muss das sein? Spüren sie nicht wie ich die Einsamkeit jener Zeitgenossen, die so gerne einen Gruß in die Welt schicken wollten und nicht durften? Anzeigetafeln sollten wieder die wirklich wichtigen Dinge anzeigen.

Bin ich froh, dass morgen wieder Fußball gespielt wird.

image_print