Vom Vorwurf der Parteinahme in Kriegszeiten

von Dirk Jürgensen ...

Oder: Wem nützt die ständige Vereinfachung und Zuweisung vorgeblicher Parteinahme?

Foto: ©Jürgensen - Düssseldorf

Foto: ©Jürgensen – Düssseldorf

Ich halte Putin für einen gefährlichen Macho mit sehr fragwürdiger Geheimdienstvergangenheit und den russischen Kapitalismus für mindestens so menschenverachtend wie den us-amerikanischen. Merkels Ergebenheit gegenüber Bush und Obama widert mich an. Ich kritisiere die Politik der israelischen Regierung und hasse keinen Juden, wie ich auch die Russen nicht hasse, obwohl ich nicht verstehen mag, warum sie mehrheitlich so einen wie Putin wählen. Muss man Homophobie und die Unterdrückung von Opposition in seine Kritik einbeziehen, wenn man viel zu liberale Waffengesetze und das noch immer nicht geschlossene Gefangenenlager in Guantanamo anprangert? Sind amerikanische Fundamentalisten christlicher Art schlimmere oder bessere Menschen als liberale, aber Steuern hinterziehende Bankvorstände? Wenn ich die demokratisch gewählte Regierung Israels kritisiere, weil sie mit ihrem Verhalten den radikalen Islamismus fördert, will ich übrigens nicht automatisch die mindestens ebenso bekloppten radikalen Kämpfer auf der anderen Seite vergessen zu kritisieren. Das klappt nur nicht immer im gleichen Satz. Man mag mir in diesem Sinne übrigens gerne vorwerfen, das gerechtfertigte Beschimpfen der Faschisten unter den Ukrainern unterlassen zu haben, als ich meine Ansicht über Putin und die von ihm zumindest geduldeten Separatisten erwähnte. Wie, ich hatte Letztere gar nicht erwähnt? Dann eben jetzt.

Immer, wenn ich der einen Seite eine verbale Ohrfeige verpasse, verschone ich die andere unbedingt abzuwatschende Seite. Oft weiß ich noch nicht einmal mehr, wer den jeweiligen Konflikt einst ausgelöste, doch habe ich vor vielen Jahren lernen müssen, dass das Nachsitzen nach einer Schulhofkeilerei beide Kontrahenten gleichermaßen und ohne Klärung der Schuldfrage trifft. Denn die Keilerei selbst war das Vergehen und von der Beteiligung daran konnte sich keine Seite freisprechen. Das könnte beruhigen.

Sicher ist das Verhältnis zwischen pubertär aufgeheizten weniger komplex und schon gar nicht so historisch aufgeladen als jenes zwischen Staaten oder ethnischen Mehr- und Minderheiten, aber eine Sache ist unbedingt festzuhalten:

In den meisten Kriegen kämpfen Arschlöcher gegen Arschlöcher. Das ist in der Ukraine so, in Syrien und anderswo im gleichen Maße.

Auch Deutschland ist noch lange keine arschlochfreie Zone. Im Gegenteil – und ich will noch nicht einmal ausschließen, dass ich in den Augen mancher Mitbürger selber eines bin. Wie auch immer ihr/Ihr Urteil ausfällt, bin ich überzeugt ein viel kleineres Arschloch zu sein, als es der Handelsvertreter eines Rüstungskonzerns ist, der sein Geld damit verdient. den kriegführenden Arschlöchern das gegenseitig massenhafte Unterdrücken und Mordenzu  ermöglichen. Letzthin ist es sogar fast egal, ob es besoffene Separatisten mit oder ohne Beteiligung russischer Söldner, ob überforderte oder ebenfalls besoffene Soldaten der ukrainischen Armee waren, die MH-17 abschossen, wer den Befehl dazu gab, wenn nicht geklärt wird, wer diesen Idioten die Raketen geliefert hat. Klären wir das, wenn wir wissen, dass tatsächlich ein Abschuss vorlag.

Trotz aller Offenheit und massenhaften Meinungsverbreitung dieser Tage, leben Kritiker in ihren weltweiten Foren und Blogs in einer schweren Zeit. Wer seine Kritik als Denkanstoß versteht, kann angesichts der schnellen und oft übermäßigen Reaktionen schnell den Mut verlieren. Ob die Kritik vollständig gelesen oder gar verstanden wurde, bleibt ungeklärt und das Denken verkommt zur Nebensache. Neben einem „like“ wird ihm in zunehmendem Maße und unabhängig von der Argumentationskette Ignoranz, Parteinahme und Blindheit auf dem ganz selbstverständlich falschen Auge vorgeworfen. Russenhass und Amerikahörigkeit lautet die Anklage der einen Seite, Ignorieren der Nazis in der Ukraine und bezahlte oder verblendete Putinversteherschaft die der anderen. Im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt wird ihm entweder das Einknicken vor dem sich ausbreitenden Islam oder andererseits Antisemitismus vorgeworfen. Wer achtet schon darauf, dass auch Araber und Palästinenser als Semiten gelten und darauf, dass diese Bezeichnung eine sprachgeschichtliche Bedeutung und keinesfalls eine religiöse hat. Meinung, Ansicht, Glaube, Vorurteil und Wissen. Manchmal wünscht man sich einen globalen Klassenlehrer, der alle Seiten nachsitzen lässt.

Die Ausgewogenheit eines Beobachters mindert keinen kriegerischen Konflikt, da die Fronten verhärtet sind. Ausgewogenheit ist dennoch ein wichtiger Aspekt. Besonders dann, wenn man seine Kritik mit einer Recherche an möglichst unterschiedlichen Quellen untermauert. Vollständig kann Ausgewogenheit niemals sein, denn kein Mensch und kein Prozess der Meinungsbildung ist perfekt und als endgültig richtig anzusehen. Der Irrtum liegt immer im Bereich des menschlich Wahrscheinlichen, wenn man ihn auch nach bestem Wissen und Gewissen zu vermeiden sucht. Hingegen ist eine gehörige Portion Einseitigkeit nötig, um eine Kritik griffig und genügend schmerzhaft zu gestalten. Einseitigkeit macht die andere Seite für Konter anfällig. Das sollte man hinnehmen. Diese Konter kommen mit Glück in sachlich stimmiger Form und ansonsten, so ist es aktuell in allen Foren zu beobachten, als simple Zuweisung vorgeblicher Parteinahme für die andere, für die „dunkle Seite der Macht“. Um es also mit einer Antwort auf die einleitende Frage zu versuchen:

Wer keine Diskussion will, wer eine Meinung nur duldet, wenn sie der eigenen entspricht, wer seinen Starrsinn oder seine indoktrinierte Sichtweise für unumstößlich und sogar für das Ergebnis eigener Erfahrungen hält, wer keine Argumente vorzubringen hat, nutzt es zur Schaffung seines Selbstwertgefühls, den anders Denkenden als parteilich zu bezeichnen.

Wer dem Glauben verfallen ist, dass der Feind eines Arschlochs automatisch keines ist, hat ein großes Problem.

In den meisten Fällen merkt er es aber nicht und ist somit unser aller Problem.