Medaillenspiegelei

Vom Nutzwert eines Medaillenspiegels

Dass derzeit die Paralympics in Sotschi ohne nennenswerte politische Meinungsäußerung der Athletinnen und Athleten stattfinden, ist ein nicht zu vernachlässigendes Thema. Der Hunger nach Bestätigung der eigenen Leistung macht aus Sportlern Egoisten. Dass zudem die deutschen Massenmedien immer dann ihre Kritik zurückfahren, wenn Medaillenerfolge „unserer“ Olympiamannschaft zu vermelden sind, verstärkt mein Unwohlsein und gibt mir Hinweise darauf, dass ein propagandistischer Erfolg der Spiele nicht von der Hand zu weisen ist. Bei vorliegendem Erfolg mag man nicht mehr die Umstände anprangern und bei einer Enttäuschung will man von ihnen auch nichts mehr wissen.

Totalitäre Regime und Demokratien nutzen den Medaillenspiegel gleichermaßen als Reklame für sich und ihre positive Ausstrahlung auf die Welt und noch mehr auf die eigene Bevölkerung. Wenn die Leistung im Sport stimmt, dann kann es mit dem Leid politischer Gefangener, der Unterdrückung von Minderheiten, der Einschränkung der Meinungsfreiheit und der rücksichtslosen Verhängung der Todesstrafe nicht so schlimm sein.

Wie gehen wir mit den uns vorgelegten Medaillenspiegeln um? Was sind sie uns wert und wie gehen wir mit der Ablenkung um, für die sie verwendet werden? Am Ende der Olympiade in Athen 2004 war das Wehklagen beispielsweise groß. Dort, so meldeten die Gazetten, hätten die deutschen Olympioniken jämmerlich versagt. Sie jammerten in einer Zeit, da sie uns gleichzeitig immer wieder in Bereichen der Politik und der Wirtschaft ein typisch deutsches Jammer vorwarfen, das uns am Aufschwung hindern sollte.
Ich konnte damals nur mit meiner Provokation unter dem Titel „Medaillenspiegelei – Wie Deutschland wieder gut dasteht“ reagieren und fühle mich heute aufgrund ihrer weiterhin bestehenden Aktualität bestätigt. Obwohl. Werden Medaillenspiegel überhaupt noch gelesen?

Medaillenspiegelei

Wie Deutschland wieder gut dasteht

Deutschlands Meinungsbildner zetern, sie klagen, das Jammern müsse ein Ende haben. Und was passiert? Die Olympiade bricht als mediales Großereignis über uns herein, soll Ablenkung und Optimismus in unsere ganzheitlich angekratzten Gemüter bringen und mit lebensbejahendem Konsumzwang diverse Krisen überwinden lassen.

Nun ist sie vorbei, die Olympiade und die Welt ist mit dem Erlöschen der Flamme Athens noch trister geworden. Unsere nach neuesten modischen Erfordernissen ausstaffierten Vertreterschaft einer intensiv geförderten Sportelite hat versagt. Bis auf ein paar rühmliche Ausnahmen natürlich, die meistens auf Pferden saßen oder bewaffnet waren und an anderer Stelle bereits genügend gewürdigt wurden.

Die Olympiaflagge. Eigentlich zählt doch nur der eigene Erfolg.

Die Olympiaflagge. Eigentlich zählt doch nur der eigene Erfolg.

An dieser Stelle geht es um das Versagen und um das, was innerhalb der nächsten vier Jahre im Interesse der Medien und Sportkonsumenten besser gemacht werden kann und muss.

Es wurde der bundesdeutsche – westliche – Interessierte auch in der Vergangenheit nicht verwöhnt. Stets gab es östliche Brüder und Schwestern, denen trotz der ökonomischen Defizite ihrer zudem kleineren deutschen Heimat, stärkere Muskeln wuchsen, als es uns vergönnt war. Wir verkrafteten den gesamtsportlichen Mangel lange mit der Ausrede, wenigstens im Fußball – bis auf einen kleinen Ausrutscher namens Sparwasser – immer tonangebend gewesen zu sein. Doch wir erlebten auch, wie die amerikanischen Sportartikelhersteller immer stärker wurden und mit amerikanischen Medaillenträgern werben konnten. Da sahen die Unseren immer recht mickrig aus. So fiel Helmut Kohl eine sportpolitisch bislang unerreichte Finte ein!

Er kaufte in unserem Namen die DDR! Das Angebot klang günstig. Wirtschaftlich hatte dieses Land rein gar nichts auf der Pfanne, konnte also nicht viel kosten, doch sportlich – außer, bis auf die eben erwähnte Sparwasser-Panne, im Fußball – war es unerreicht und versprach, unser Leben als Graue Maus viel bunter und allseits anerkannt werden zu lassen. Fakten sprachen dafür: 1988 holte die DDR im Land des Klassenfeindes, bei der Olympiade in Los Angeles, insgesamt 102 Medaillen. Die damalige Bundesrepublik brachte es auf 40. Addiert man nun diese beiden Ergebnisse, hätte ein vereinigtes Deutschland damals die noch existierende UdSSR um zehn Medaillen geschlagen. Wir wären wer! Ganz oben. Noch vor den USA.

Heute wissen wir, dass die DDR eine Mogelpackung war.

1992, bei der ersten Postvereinigungsolympiade, errangen die deutschen Sportler keine 142 Medaillen, sondern 92. Das waren wohl die Überreste des Freudentaumels ob des endlich in ganz Deutschland verfügbaren Kapitalismus und sollte 1996 wieder besser werden. Denkste. Dort reichte es nur für 65 Metallscheiben, 2000 waren es 56 und nun in Athen musste man sich mit 48 begnügen. Deutschland ist sportlich wieder dort angekommen, wo es vor der Wiedervereinigung war.

Die DDR war ein glatter Fehlkauf, dessen Kaufvertragsklauseln wir bis heute nicht verstanden, dessen Gesamtpreis wir heute nicht kennen. Günstig können wir den Erwerb jedenfalls nicht mehr nennen, denn die bisher aufgelaufenen Ratenzahlungen von ungefähr 1.300 Milliarden Euro sagen noch nichts darüber aus, wie viele Raten noch ausstehen. Diese Information hat unser Einkäufer, Herr Kohl, in seine verschwiegene Pension mitgenommen. Womöglich ist er auch nur einem windigen Geschäftemacher zum Opfer gefallen, ist ebenso unwissend wie wir und verdient unser Mitleid. Ebenso wird man ihm nicht gesagt haben, dass steigende Arbeitslosigkeit, aus den Fugen geratene Renten- und Krankenkassen als Folgen des Fehlkaufs erhebliche Schäden in Deutschland anrichten würden.

Doch wir sollten die Vergangenheit beiseite räumen und ein Programm entwickeln, das bereits in vier Jahren Wirkung zeigt. Handlung tut angesichts der wirtschaftlichen und politischen Bedeutung des Sports not. Leistungsfähigkeit muss auf internationaler Ebene immer wieder bewiesen werden. Diese Ansicht ist auch in Kreisen der politischen Parteien, der Wirtschaft und der Sportverbände weit verbreitet. Mehr noch.

Dem Autor wurden höchst brisante Auszüge des Ergebnisses einer eiligst einberufenen Task Force zugespielt. Aufgrund der Eile soll die Entscheidung über die Durchführung innerhalb einer Art großer Koalition bereits gefällt worden sein.

Das nationale olympische Komitee wird beauftragt, sich für Sportarten im internationalen Komitee einzusetzen, in denen Spitzenleistungen deutscher Sportler zu erwarten sind, weil nur diese sie betreiben. Nach dem Motto „Vorsprung durch Spezialisierung“ wurden zum Beispiel Faustball (bei dem allerdings vor der Stärke der Österreicher gewarnt wurde), Brennball (als Alternative zum Baseball), Völkerball, Formel 1 und das in Ostfriesland betriebene Boßeln genannt, bei dem uns höchstes ein kleine Minderheit der im Norden der Niederlande lebenden Friesen Gefahr drohen könnte..

Gezielt sollten nach ausgiebigen Doping-Tests ausländische Spitzensportler angeworben und eingebürgert werden. Die Einbürgerung sollte selbstverständlich leistungsbezogen temporär begrenzt werden.

Die deutschen Massenmedien werden angehalten, gewichtete Medaillenspiegel zu veröffentlichen, die nach „wichtigen“ beziehungsweise „unwichtigen“, nach „interessanten“ beziehungsweise „uninteressanten“ Sportarten zielgruppengerecht unterscheiden. Da sich die Mehrheit der Zuschauer und Leser für die Ergebnisse deutscher Sportler interessiert, ist diese Gewichtung leicht zu finden.

Alternativ können die Medaillenspiegel relativ nach der Größe und der Bevölkerungszahl ermittelt werden. Dies soll gelten, solange das jeweilige Land größer und/oder bevölkerungsreicher als die Bundesrepublik ist, weil sonst mit einer unerwünschten Verzerrung der Statistik zu rechnen ist.

Die Stasiakten werden intensiv nach verlorengeglaubtem Wissen durchsucht. Zu dem, was aus der DDR bisher bekannt ist, gehört die bereits im Kindergarten beginnende Talentförderung. Für 2008 ist das zu spät. Vielmehr sollten aus den zu ergründenden Erfahrungen der DDR-Wissenschaft nicht nachzuweisende Dopingverfahren entwickelt werden, um in diesem Bereich wenigstens den Stand der USA zu erreichen. Natürlich sollte so geschickt verfahren werden, dass nicht noch Jahre später stattfindende Verfahren zur Aberkennung der Olympiasiege Erfolg haben können. Hier ist die politische Einflussnahme in den internationalen Doping-Kontrollgremien nicht zu vernachlässige.

Die Motivation aufgrund sozialer Fluchtträume wurde in Deutschland lange vernachlässigt. Daher hat die Bildung einer sozialen Unterschicht nach dem Vorbild der in diesem Bereich sehr erfolgreichen USA bereits begonnen. Wie dort am Beispiel der Sprinter und Basketball-Spieler gezeigt wird, ist der Sport ein gern genommenes Mittel, den Slums zu entkommen. Sportstipendien, im Sinne einer derzeit in aller Munde befindlichen Eliteförderung, könnten hier weitere Anreize bieten. Bezüglich der Unterschichtserweiterung ist Deutschland bereits auf einem guten Weg.

Um die Maßnahmen in ausreichendem Rahmen finanzieren zu können, wird der Kauf der DDR rückgängig gemacht und die Ware an die Russische Republik als Rechtsnachfolger der UdSSR zurückgegeben. Da mit einer Beseitigung der offensichtlichen Mängel nicht zu rechnen ist, sollte eine Rückgabe zur Wiederherstellung der kaufmännischen Ehre schnellstmöglich erfolgen. Fehlende Geldmittel können die Russen bis zum Erreichen des bisher gezahlten Kaufpreises auch mittels Öl- und Erdgaslieferungen begleichen.

Wir sehen, der Zug ist für die Sportnation Deutschland mit ihren großen Potentialen noch nicht abgefahren. Eine entschiedene Politik kann in ganz wenigen Jahren den Sport erfolgreich machen, das weltweite Ansehen des Landes steigern und zufriedene Bürger in einer florierenden Wirtschaft vor ihren Bildschirmen sitzen lassen.

© Dirk Jürgensen – 06.09.2004 – Veröffentlichungen des Textes und der Bilder, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.