Niemals würde ich zum FC Bayern gehn!

Flinger Broich

Verdammt viel ist inzwischen geschehen. Sogar in die Erste Liga hat sie wieder hineinschnuppern dürfen, meine Fortuna aus Düsseldorf. Es war trotz des Abstiegs ein schönes Gefühl, das sich in Tragik verwandelte, doch irgendwie würde ich meine Dauerkarte noch immer nicht gegen die eines anderen Vereins eintauschen. Egal, ob dieser mit einem Double leben mag oder unbedingt das Triple feiern will. Gerade in der Zeit eines in seiner Übermacht schon langweiligen FC Bayern erinnere ich mich besonders gerne an eine Zeit vor fast schon zehn Jahren, wenngleich ich mich über den sofortigen Wiederaufstieg selbstverständlich riesieg freuen würde.

Verlierer unter sich. Oder: das schöne Gefühl, nach oben noch unendlich viel Platz zu haben.

Dies ist ein Bericht aus einer Liga, in der das Stoppen des Balles arge Schwierigkeiten bereitet, manches langsamer und unbeholfener als in der Sportschau wirkt und die Stadien noch keine Rasenheizung besitzen. Ehrliche Knochenarbeit, Blutgrätschen, hoffnungsvolle Talente, ausgemusterte Erstligaspieler und die Nähe zum Spielfeld. Und Fans, die noch welche sind. Fans, die nicht deshalb ein Spiel besuchen, weil die Mannschaft heute schon erfolgreich ist, sondern damit sie ihren Enkeln bei der Übertragung des Champions-League-Finales 2016 davon erzählen können, dass sie damals ganz unten dabei waren.

Geneigter Leser, ich möchte es früh genug klarstellen: Es geht um ein Auswärtsspiel, zu dem ich meine Fortuna begleite! Meine Fortuna aus Düsseldorf.

Wenige erinnern sich noch an diesen Verein, der zurecht von der Zeit und den Millionären der Bundesliga vergessen wurde. Glorreich waren die Siebziger, unvergessen die Pokalsiege und die überraschend häufigen Erfolge gegen die Bayern, um dann mit garantierter Zuverlässigkeit gegen die Grauen Mäuse der Liga zu versagen.

Genau das war immer die Eigenart der Fortuna: überragende Spiele gegen die Großen und grenzenloses Versagen gegen die Kleinen.

Stets überwogen die Namenlosen, doch einige gab es dann doch. In meiner Kinder- und Jugendzeit, lange nach Toni Turek, unserem Anteil am Wunder von Bern, hießen sie Biesenkamp, Baltes, Woyke, Köhnen (der immer zuverlässige Egon mit der Glatze), Zimmermann (der mit den Bomben), Dieter Herzog (der Quasi-Weltmeister), Rainer Geye, da waren die Allofs-Brüder, Gerd Zewe, Rudi Bommer und Holger Fach.

In der Summe gab es mehr Eintagsfliegen als Dauerbrenner, doch es war und ist eines immer sicher: egal in welcher Liga die Fortuna spielt, es ist immer spannend. Es geht immer um den Auf- oder um den Abstieg.

Welcher Verein kann das in dieser Konsequenz bieten? Welcher Verein verlangt soviel Leid und Qual von seinem Anhänger? Das Ärgern, Zittern, Hoffen und Trauern beschrieb Nick Hornby im Ballfieber / Fever Pitch sehr anschaulich als Arsenal erfolglos war und, noch wahre Fans besaß, die ständig Grund zum Meckern und nur ganz kurze Glücksmomente hatten. Erfolg verdirbt die Fans. Und die Zusammensetzung der Fangemeinschaft dazu. Eine Folge, die bei der Fortuna unbekannt ist, weil die Ursache fehlt.

Fußball ist Poesie. Fußball schreibt meist Tragödien, selten Komödien und nur in Ausnahmefällen Heldenepen. Manchmal reicht es nur zum Kabarett und zum Sarkasmus. Dieter Nuhr hat einmal gesagt: „Wir sind Fortuna Düsseldorf – wir können alles!“ Und er tat gut daran in diese Aussage keine qualitative Tendenz zu packen. Er sagte auch: „Wer Fan der Fortuna ist, muß das Leben nicht fürchten.“ Leben heißt Leiden. Eben.

Trainer Hickersberger sagte sträflicherweise: „Die Niederlagen machen uns stark.“ Fachleute erinnern sich noch an den darauf folgenden, direkten Absturz von der ersten Bundesliga über die zweite in die dritte Liga. Fans nannten diese Episode „Über-die-Dörfer-Tournee“, gaben ihr im vorhinein schon Kultcharakter und träumen noch heute davon, denn unter Aleks Ristic gelang, ich glaube als noch unerreichter Rekord, der direkte Aufstieg über die zweite in die erste Liga.

Aber auch das ist schon lange her. Der Fahrstuhl macht keine Pause.

Die Fortuna spielt in der Oberliga. Eigentlich trostlos. Aber sie spielt gut. Sie führt recht souverän und ungeschlagen die Tabelle an, ängstigt die Gegner, weil Spiele bereits mit 3:0 in der ersten Hälfte entschieden werden, sie wird wahrscheinlich Herbstmeister, hat alle Chancen auf den Aufstieg und so viele Fans hinter sich, wie sie es sich in ihren letzten Bundesligajahren gewünscht hätte. Der Zuschauerschnitt ist besser als der manch eines Zweitligavereines. Die Kassenwarte der Oberliga-Gegner werden trotz ihrer Niederlagen der Fortuna nachtrauern. Immerhin begleiten bis zu 5.000 zahlende Fortunen ihre Mannschaft bei den Auswärtsspielen und bereiten ihrer Mannschaft ein Heimspiel auf fremdem Platz.

Wir werden sehen. Am 29.11.2003. Böse Vorahnungen. Als Favorit und dann noch in Köln…

Oh Massimo (Morales – ja so hieß der damalige Trainer), Vater des Erfolges und Schüler Trapattonis, warne die Jungs!

Auswärtsspiel in Köln. Egal in welcher Liga, egal in welcher Sportart. Allein dieser Sachverhalt ist für eine Mannschaft aus Düsseldorf Grund genug, nervös, unsicher und grenzenlos übermotiviert ins Spiel zu gehen. Nirgendwo ist die Rivalität so tief verwurzelt in der großen Politik, im Sport, vom mehrheitlich bevorzugten Bier bis in jede kleine private Stichelei hinein zu finden. Die Städte hassen sich, gönnen sich gegenseitig nichts und sind damit so stark miteinander verbunden oder sogar aufeinander angewiesen, wie diese beiden.

Die Kölner Namenscousine gilt als heimstark und abwehrstark: Zuhause fünfmal gewonnen, einmal unentschieden gespielt, einmal verloren und insgesamt schon siebenmal den eigenen Kasten sauber gehalten. Eine schwere Aufgabe.

Auswärtsspiel in Köln. Normalerweise kommen gerade einmal sechshundert Zuschauer in das Südstadion. Heute soll es anders werden, denn Düsseldorf bringt Einiges mit, was Kölner Verantwortliche mit einem Topzuschlag und der Regelung belohnen, die die Tribüne nur für neutral gekleidete Zuschauer freigibt. 4.000 werden offiziell gezählt. Vielleicht sind es 6.000? Vielleicht 4.000 Düsseldorfer? Sicher sind es mehr.

Und es geht schnell. In der 7. Minute 0:1 für uns Gäste, in der 9. Minute Foulelfmeter und das 0:2 und in der 25. Minute das 0:3. Wann konnte ich jemals eine solche Überlegenheit meiner Fortuna genießen? Doch wie schnell droht Überheblichkeit! Kaum beginnen meine Stehplatznachbarn, die in drei Jahren fälligen Champions-League-Gegner abzuwägen, fällt in der 28. Minute das 1:3 und das dominante Spiel ist für den Rest der Halbzeit vorüber. Schon ziehen die altbekannten dunklen Wolken auf. Die werden noch finsterer als unser Torjäger Frank Meyer in der 53. Minute regungslos an der Torauslinie der Kölner liegen bleibt. Schwer verletzt wird er vom Platz getragen. Meine Befürchtungen bleiben dort. Aber die Mannschaft tut das, was sie tun muß und erinnert sich an ihre Überlegenheit, spielt wunderschön und schießt in der 70. Minute das entscheidende 1:4.

Auch Köln ist geschlagen. Puh. Die internationalen Träume können weitergeträumt werden. Die Herbstmeisterschaft ist da und der Aufstieg greifbar nah. Wer denkt noch daran, daß noch nicht einmal die halbe Saison vorüber ist?

Und es kommt, wie es kommen mußte. Beim darauf folgenden Heimspiel verteilen die noch immer feiernden Fans T-Shirts mit dem „Herbstmeister“-Aufdruck und ein schwacher namenloser Gegner aus Düren nimmt einen 0:1-Sieg mit.

So lieben wir unsere Fortuna, denn die Liebe stirbt mit der Gewohnheit.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Umfrage, würden 69% der deutschen Männer auf Sex verzichten, um ein Spiel von Werder Bremen zu sehen. – Bestimmt sind Fortuna-Fans die besseren Liebhaber.

 

Ersterscheinungsdatum: 25.02.2004 – zuerst auf Einseitig.info

© Dirk Jürgensen – Veröffentlichungen des Texts, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

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