Düsseldorfer Robinsonade

Als ich aus der Tür trat, hatte es zu schneien begonnen.

Schön, dachte ich. So hatte es seit Ewigkeiten nicht mehr geschneit.

Meine Vernunft drückte ihre Tasche fester unter den Arm und ging, wie sie es um diese Stunde gewohnt war, nach links in Richtung S-Bahnhof Volksgarten.
Mein kindliches Ich hingegen wandte sich nach rechts, trat als Allererster – so muss es sein – auf die dünne, unberührte Schneeschicht und hinterließ mit jedem Schritt einen sauberen Abdruck meines Sohlenprofils auf dem Bürgersteig der Feuerbachstraße.
Sollte der Schneefall andauern, würde der Abdruck bald verschwunden sein.

Schnee bringt Ruhe in die Stadt. An diesem Tage besonders.
An diesem Tage anders.

Erst in dem Augenblick, da ich an der sonst zu jeder Stunde stark befahrenen Kreuzung stand, merkte ich, dass ich alleine war.
Kein Auto drängte vom Autobahnzubringer kommend in die Stadt, niemand stand an der Ampel, um endlich auf die andere Seite gelangen zu können. Mein Stadtteil war menschenleer. Und nicht nur von Menschen leer.
Alle Autos waren fort.
So, als hätte ich einen Aufruf zur vollständigen Evakuierung Düsseldorfs verschlafen. Kein parkendes, kein fahrendes Auto.
Kein Salz auf der Straße.
Nichts, was den städtischen Schnee innerhalb weniger Minuten in jenen schmutzig-grau-braunen Matsch verwandelte, der unter den Kotflügeln der Autos klebte
und den Hosensaum bei jedem Schritt mehr und mehr durchnässte.
Nicht einmal Möwen, die krächzenden Wintergäste dieser Kreuzung, saßen wie sonst in diesen Monaten streitend und kackend auf ihren Laternenmasten.

Nun kam mir das Bild bekannt vor. Romane, Filme beschäftigten sich gern mit solchen Situationen. Ein Robinson, plötzlich allein, sollte sich als einziger Überlebender einer Apokalypse in einer ungewohnten Welt zurechtfinden. Natur griff um sich, Technik war nur noch in primitivsten Formen praktikabel.

Und meist, an einem Punkt der Geschichte, da gingen den Autoren die Ideen aus, wie auch die geplünderten Konservendosen nur begrenzte Haltbarkeit aufwiesen, da fand der Held dann „völlig überraschend“ doch noch eine – zur Gründung einer neuen Menschheit erforderliche – weibliche Heldin oder gar eine versprengte Gruppe überlebender Exemplare seiner Spezies. Gern verlor sich die Geschichte dann in unerträgliche Esoterik, Religiosität oder Zombieaction.

Zwar kam mir die Erinnerung an die vorgefertigten Endzeitphantasien in den Sinn, doch waren sie mir im Grunde egal.
Auch Furcht spürte ich überraschenderweise nicht.
Es überwog ein Gefühl der Entspannung.
Zu friedlich war alles.

Ich folgte der Corneliusstraße in die Innenstadt.

Eben, weiter als sonst und unberührt lag die Fahrbahn zwischen hohen Häuserreihen da.
Diese weiße Schlucht sollte jene sein, die aufgrund ihrer Feinstaubbelastung einst sogar die überregionalen Medien erregte?
Die Straßenbahnschienen waren unter dem Schnee verschwunden und ich zog mit meinen Schritten eine halbe Diagonale bis zur Mitte der Straße. Ich spazierte dort, wo der Aufenthalt sonst lebensgefährlich war, genau zwischen den verborgenen Schienen. Ich blickte hinauf.
Kein Licht erhellte auch nur eine Wohnung.
Die Reklameschilder waren unbeleuchtet.
Ampeln und Laternen hatten dienstfrei.
Hätte ich eine Kamera dabei gehabt, wäre das Foto einem Negativ gleichgekommen:
Der Himmel dunkel, die Häuser dunkel, die Straße vom Schnee erhellt.

Die Schneedecke wies inzwischen eine für diese Region ungewöhnliche Dicke von ungefähr zehn Zentimetern auf. Angenehmer Pulverschnee, der sich mit einem simulierten Torschuss zur Wolke aufwirbeln ließ.

Ein wohliges Gefühl durchzog mich. Die Kälte war erträglich, im Grunde nicht zu spüren.
Ich schritt allein durch meine Stadt. Denn wem außer mir sollte die Stadt an einem solchen Tag gehören? Vielleicht gehörte mir die ganze Welt.

Mein Übermut wuchs.

Am Ende der geraden Corneliusstraße machte ich einen leichten Linksschwenk und bog in die Berliner Allee ein.
So, als wäre ich doch noch auf ein weiteres Lebewesen gestoßen, ging ich auf den seit Ewigkeiten gen Osten schreitenden Berliner Bären zu. Zum ersten Mal in meinem Leben berührte ich ihn, erhöhte seinen natürlichen Hut aus Schnee mit einem geschickten Schneeballwurf um ein weiteres kleines Stückchen, ohne dass er sich wehrte.

Er, der in der Haltung eines Schlafwandlers – war es eine Fluchtbewegung? – wie ein böse gequälter Zirkustanzbär auf seinen Hinterbeinen inmitten stinkender Abgase versteinerte.
Ich ließ ihn zurück.

Die Berliner Allee, eine künstliche Schneise durch die Stadt.
Durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges ermöglicht, parallel zur Königsallee geführt, sollte sie einst einen lebhaften, modernen Boulevard darstellen.
Lärmend machte sie der Verkehr, doch lebhaft habe ich sie nie kennenlernen dürfen.
Höchstens ein kurzes Lebenszeichen hatte sie vor den Eingängen des einen Kaufhauses und der zwei Kinos abgegeben.
Die Kinos hatte man vor einigen Jahren geschlossen.
Flaniert wurde weiterhin auf der Kö.

Leblos breitete sich die Berliner Allee also auch heute vor mir aus. Sie hatte sich also kaum verändert und ich stand schnell auf ihrer Kreuzung mit der Steinstraße.
Links die Johanneskirche, rechts metallisch glänzend die sich übereinanderschiebenden Packeisplatten des Brunnens auf dem Platz der Deutschen Einheit.
Doch vor mir, zwischen dichten, den Pulverschnee immer wieder abschüttelnden Bambusreihen verborgen, forderte mich eine Steigung heraus.

Die Rampe der Tausendfüßler genannten Hochstraße.

Hätte ich doch einen Schlitten dabei!
Schnee und Gefälle!

Kindheitserinnerungen.
Die stete Hoffnung, der morgendliche Schnee möge auch noch nach Schulschluss liegen.
Als ich klein war, ging es dann in den Volksgarten.
Später, als wir von Oberbilk nach Holthausen umgezogen waren, in den Heye-Park.In beiden Parks, das ließ mich irgendwann an der offiziellen Gültigkeit ihrer Namen zweifeln, hießen die von einem Erwachsenen im Sommer kaum wahrgenommenen Hänge Teufelsberg oder Todeshang.

An diesem Hang des Tausendfüßlers würde man eine enorme Geschwindigkeit entwickeln können, und kein Zaun, keine Mauer und kein Baum würde ein Bremsen erforderlich machen.

Sollte der Zustand der Welt bis dahin so bleiben, würde ich am Nachmittag in eines meiner bevorzugten Sportgeschäfte oder Kaufhäuser eindringen.
Ich würde mir den besten Schlitten nehmen.

Als es noch Autos gegeben hatte, war ich gern über diese Hochstraße gefahren. Mit dem eigenen Auto, auch gern gemeinsam mit erstaunt blickenden Gästen, meist jedoch im viel zu schnell fahrenden Bus.

Da nur eine Richtung erlaubt gewesen war, ging die Fahrt immer aus der entgegengesetzten Richtung, meinem heutigen Fußweg entgegen.

Ich schaute in die erste Etage eines Warenhauses.
Keine Verkäuferinnen, keine Kunden.
Nur Textilien, für die sich niemand interessierte. Ohne Menschen gab es also noch richtige Sonntage.

Ich wechselte mehrmals die Seiten, schaute mal in die eine Schlucht der Schadowstraße in Richtung Wehrhahn und mal in die andere in Richtung Königsallee.
Hätte man nicht begonnen, das abgerissene Eckhaus am Ende wieder aufzubauen, hätte ich die Kö sehen können. – Also weiter.
Der Gründgensplatz.
Die gleichmäßig weiße Fläche ließ ihn weniger trist als sonst erscheinen. Seiner Aufgabe als Trichter eines Gullys in seiner Mitte war er endlich enthoben. Endlich kam er seiner Bestimmung als Vorplatz eines weichen Eisberges nach, bildete in Form und Farbe eine Einheit mit dem Schauspielhaus.

Daneben, halb vor mir, das Dreischeibenhochhaus. Mehr Skulptur als Gebäude, jetzt frei vom elenden Zwang einer Nutzung.

Ich war am nördlichen Ende des Tausendfüßlers angekommen, und mir fehlte wieder der Schlitten. Da aber der Schnee, inzwischen wohl fünfzehn Zentimeter hoch, noch immer locker, nicht angetaut und wieder festgefroren war, konnte ich die Rampenpiste mit normalem Schritt hinabschreiten.

Unten machte ich eine Kehrtwendung und schwenkte kurz danach am äußersten Rand des Jan-Wellem-Platzes nach rechts.

Der Teich des Hofgartens, die Landskrone, lag still da.
Keine weißen und keine schwarzen Schwäne, keine Gänse und keine Enten sorgten wie sonst für eine hoffnungslose Überdüngung des Wassers. Das Ufer war frei von Futterresten, Vogel- und Hundekot.

Zumindest oberflächlich.

Kurz überlegte ich mich ins Parkhotel einzuquartieren.
Aber nichts und niemand hatte mich zu drängen. Lieber wollte ich kurz in die Altstadt schauen, auf den Rhein und dann den Heimweg antreten, Pläne schmieden, denn es gab für einen Robinson in Düsseldorf noch viel zu tun.
Was, das wusste ich nicht genau.
Also nahm ich entlang der Elberfelder Straße Kurs auf die Altstadt.

Als die Bolkerstraße friedlich wie nie vor mir lag, musste ich mich plötzlich beeilen. Ausgerechnet die Sauberkeit und Stille der sonst von Alkohol, grölenden Mallorca-Partygängern und der von Fastfood dominierten Kneipenzone störte mein Behagen.

Ich fragte mich, ob mir die Freiheit der Entscheidung genommen war, auf diese Art der Unterhaltung zu verzichten.
Hatte es nicht auch etwas Angenehmes, in einer Stadt Bezirke zu kennen, auf die man nach Stimmungslage gern verzichtete oder sich einließ?

War meine Stadt ausgerechnet hier und jetzt ärmer geworden? Welchen Sinn hat die Schönheit, wenn die Hässlichkeit verschwunden ist?

Es drängte mich zum Rhein, ich wollte mich nicht mit üblen Gedanken belasten,
bog rechts ab, überquerte den leicht ansteigenden Burgplatz und sah zu meiner Erleichterung den Rhein noch fließen.

Ich atmete tief durch.

Wenn ich tatsächlich das einzige Lebewesen meiner Stadt war und wenn dieser Fluss die Stadt weiterhin durchströmte, dann blieb Düsseldorf am Leben.
Wenn eines dieser Elemente stürbe oder versiegte, wo bliebe dann die Stadt? –

Gut, dass mir niemand beim Denken zuhören konnte.
Müsste ich solche Sätze lesen, würde ich das Buch wahrscheinlich angewidert schließen.
Aber wer außer mir sollte noch Bücher schreiben und hinterher lesen?

Rheinaufwärts drängte es mich am Mannesmannufer entlang, am natürlich (natürlich!) ausgestorbenen Landtag und dem Rheinturm vorbei in den Hafen.

Düsseldorf MedienhafenDieser sogenannte Medienhafen hatte sich kaum verändert.
Wie an einem normalen Wochentagsvormittag wirkte er auf den ersten Blick ausgestorben – jetzt war er es auch auf den zweiten.

Mit wenigen ansehnlichen Gipfeln war der Hafen eine schroffe, abweisende Felsenlandschaft. Nicht für den Menschen geschaffen.

Meine Schritte wurden im noch immer pulvrigen, inzwischen aber mindestens zwanzig Zentimeter tiefen Schnee schwerer, doch nicht langsamer.

Von Unterbilk, entlang der Gladbacher Straße, die nur, weil sich die klotzige Bilker Kirche in den Weg stellte, zur Bilker Allee wurde, ging ich nach Bilk.

Ich hätte mir aus einem Supermarkt etwas zu Essen besorgen können.
Wer weiß, wieviel Schnee am nächsten Tag liegen und meine Besorgungen erschweren würde?
Nein, lieber wollte ich schnell nach Hause.
Vermutlich würde die abtauende Gefrierbox längst einen See in meiner Küche verursacht haben.

Ein kurzes Stück Corneliusstraße, die kurz vor dem Abbiegen in meine Straße für rund hundert Meter Erasmusstraße genannt wurde, hatte ich noch zu gehen. Dahinter wurde sie für weitere hundert Meter zur Mecum- und dann auch noch zur Witzelstraße. – …

Ich nahm mir vor, spätestens im Sommer etwas Ordnung in meine Stadt bringen. Straßen sollten den Namen auf ihrer vollen Länge tragen und ihn nicht ständig wechseln.

Der Mensch braucht eine Aufgabe.

Alle meine Spuren von vorhin waren wie erwartet längst mit Neuschnee aufgefüllt, verschwunden.
Wieder waren meine Spuren die ersten.
Die ersten in der ganzen Stadt.
Und irgendwann würden sie die letzten sein.

An meiner Haustüre angekommen, zog ich nicht den Schlüssel hervor.
Nein, anstatt die Tür zu öffnen, drehte ich mich der Vernunft gemäß auf der Stelle um, …

… drückte meine Tasche fester unter den Arm, …

… ging nach links, …

… sagte der Nachbarin und ihrer kleinen Tochter „guten Morgen“ …

… und ein viel zu schnell vorbeifahrendes Auto spritze einen Schwall schmutzigen Matschwassers an mein Hosenbein. „Das wird böse Salzränder geben“, sagte ich mir.

 

Im Rahmen einer Schreibwerkstadt des Kulturzentums Zakk, in der Düsseldorf im Mittelpunkt stand, ergab sich im Jahr 2008 ein Text, eine Improvisation, aus einem vorgegebenen Anfangssatz. „Als ich aus der Tür trat, hatte es zu schneien begonnen …“ Gerade im jetzigen Februar 2013 denke ich oft an diese Geschichte, denn die Vorbereitungen zum Abriss des Tausendfüßlers haben begonnen und die Kühle in der Anmutung meiner Heimatstadt hat immer weniger mit dem Winter zu tun.

© Dirk Jürgensen – Veröffentlichungen des Texts, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.