Anonym, versteht sich

Erziehungsberechtigte zwischen Stalking und Aufsichtspflicht

Neulich kam mir ein junges Mädchen entgegen. Meine unverbindliche Alterschätzung kam auf süße 15 bis 17 Jahre. Die rechte Hand war ans Ohr gelegt, ein untrügliches Zeichen für aktives Telefonieren. In der dieserart entstandenen Armbeuge hatte sich die Kordel einer Papiertüte verfangen, die aus einer überregional bekannten Parfümeriekette stammte, und in der linken Hand baumelte eine braune Kunstledertasche mit golden schimmerndem Besatz, die mittels stetig wiederkehrendem Buchstabenkürzelaufdruck an ein süddeutsches oder italienisches Modelabel erinnern sollte. Es, das Mädchen, war also auf ihrem Weg zur Schule, schloß ich scharfsinnig. Es, wie ich bereits erwähnte, telefonierte und je mehr wir uns und sie mich ignorierend näherten, umso deutlicher konnte ich Akustisches verstehen:

„Boah, weißt du?“

Kurze Pause.

„Kannst glücklich sein.“

Kurze Pause.

„Echt. – Meine Eltern sind jetzt bei Facebook und stalken mein Profil.“

Ich war warf noch einen letzten Blick auf ihr entsetztes Antlitz, unterdrückte ein mit einem jugendlich-coolen „Ha-l-lo“ eingeleitetes „ihr habt ja Sorgen“ und ging als alter Mann meines Weges.

„Meine Eltern sind jetzt bei Facebook und stalken mein Profil.“

Sollte dieser letzte mir aus dieser Unterredung bekannte Satz jemals einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt werden, bedürfte er eine eingehenden Erklärung, versprach ich mir. Sicher, das Mädchen stellte diese zeitgemäße Prosa vermutlich und einzig einer Altersgenossin zur freundschaftlich erwarteten Empörung bereit. Diese wird sich in demselben Kulturkreis und somit lingual auf vergleichbarem Niveau befunden haben. Sie konnte der Worte Bedeutung also ohne Schwierigkeit entschlüsseln. Doch hätte er, der Satz, in diesem Wortlaut und im Behuf der Beschwerde über die Erzeuger des Mädchens kaum den Großeltern gegenüber referiert werden können, ohne einen Katalog von Fragen zu entblättern:
Wer, was oder wo ist Fehsbuck? Offensichtlich halten sich die Eltern des Mädchens dort auf.
Was bedeutet stohken und warum geschieht dies nicht frontal, sondern von der Seite?
Warum können die Eltern nicht zuhause stohken, sondern nur bei diesem Fehsbuck?
Sollten die Großeltern des Englischen mächtig und zur Anfertigung einer Übersetzung der Begriffe Facebook und Stalking fähig sein, könnten die Fragen etwas anders lauten, auf Antworten müssten sie allerdings auch noch einen Moment warten:
Stellen die Eltern ihrer Tochter nach, um ein gelungenes Profilfoto von ihr zu erhaschen, das bei einem Verlag emittiert werden soll, der sich auf Gesichtsbücher, also Portraitsammlungen spezialisiert hat? Welche Rolle spielen die Eltern in diesem Verlag oder dieser Organisation? Das hört sich recht schräg, recht spekulativ, unwahrscheinlich und wenig hilfreich an.

All jenen Verwirrten, zu denen ich mich oft auch zu zählen weiß, möchte ich mit einem kleinen Erklärungsversuch helfen:
Es geht mal wieder ums Internet. Worum auch sonst?

Facebook ist ein amerikanisches Unternehmen, das ein sogenanntes soziales Netzwerk anbietet. Der Begriff des Sozialen ist in diesem Zusammenhang – es ist ein amerikanisches Unternehmen – natürlich missverständlich. Die bei Wikipedia (einer Art von – schon wieder – Internetlexikon) zu lesende Definition greift nur rudimentär: „In der Umgangssprache bedeutet ‚sozial’ den Bezug einer Person auf eine oder mehrere andere Personen; dies beinhaltet die Fähigkeit (zumeist) einer Person, sich für andere zu interessieren, sich einfühlen zu können, das Wohl Anderer im Auge zu behalten (Altruismus) oder fürsorglich auch an die Allgemeinheit zu denken. Aber es bedeutet auch, anderen zu helfen und nicht nur an sich selbst zu denken.“

Man kann sich bei Facebook anmelden und dort Informationen über sich hinterlassen, die vielleicht für andere Menschen von Interesse sind und zu Freundschaftsanfragen reizen. Die zu diesem Zweck veröffentlichte wahre oder erlogene Selbstdarstellung nennt sich „Profil“ und die Profile, die zueinander finden, nennt man Freunde. Manche Freunde kennt man auch im analogen Leben, erschreckend viele jedoch nur im digitalen.
Facebook lebt davon, mehr oder weniger zu den Profilen und Freundesgruppen passende Werbebotschaften für Geld zu vermitteln und im Rahmen schlaffer amerikanischer Datenschutzrichtlinien die Daten der eigenen Mitglieder zu verkaufen. Anonym, versteht sich – hohoho. Die Käufer bleiben anonym. Anders wäre der Datenverkauf ja uninteressant.

Wer also sein Profil anderen Menschen zugänglich macht, kann sich über dessen Verbreitung kaum beschweren. Nicht einmal, wenn der Vater rein zufällig und unverbindlich nach jugendlicher Attraktivität Ausschau hält – etwas Anregung tut schließlich jeder Ehe gut –, im Moment des Drückens auf den gefällt-mir-Knopf des Profilfotos seines eigen Fleisch und Blut gewahr wird. Nicht einmal, wenn die Eltern interessehalber – man hört ja so viel von Facebook und so – mal hier, mal dort suchen, zuerst verdutzt und dann auch interessiert auf ihrem Bildschirm finden, was sie an die längst vergessene Aufsichtspflicht gemahnt: Lolita1995 – noch zu haben … Da werden nicht nur Erzeuger nervös und neugierig, auch manch fragwürdige Zeitgenossen. Und Lolita1995 empfindet das als krankhaftes Nachstellen und nimmt sich demgemäß als Stalkingopfer wahr, während der neutrale Beobachter fragt, wer nun die Sache mit Facebook missverstanden hat.
Für alle, die nun doch wieder den Faden verloren haben, weil Erklärungen mit erklärungswürdigen Begriffen und Zusammenhängen kaum funktionieren, und weil ein Mensch einfach nicht alles verstehen muss: Facebook ist eine Droge zur Befriedigung von Profilierungssucht. Und umgekehrt. Drogen haben immer Neben- und Wechselwirkungen.
Ach was, nein, schalten wir zurück. Das sind alles angefeuchtete Phantasien eine alten Mannes. Völlig überzogen und von den Schlagzeilen des Boulevards verängstigt. Das Mädchen vom Beginn dieser Geschichte nutzt das Internet natürlich nur zum Wissensaustausch und zur Organisation der Schulprojekte. Es nutzt die sozialen Medien zur Pflege internationaler Brieffreundschaften und manchmal auch zur Terminabsprache mit Mitschülerinnen, um jede Hausarbeit pünktlich und vollständig abgeben zu können. Das Misstrauen übersensibler Gluckeneltern ist vollkommen unbegründet, ein Hemmschuh in der Entwicklung zur Eigenständigkeit. Schlimm sind diese ach so modernen Eltern, die einfach nicht loslassen können, weil sie ihr schlechtes Gewissen drückt, denn jobbedingt können sie sich doch viel zu wenig um ihre Brut kümmern. Kommunikation zwischen jungen Menschen funktioniert heute anders als damals, als … Die wachsen mit den neuen Medien auf, können damit umgehen, haben einen ganz anderen Umgang mit persönlichen Daten als ihre hysterischen Eltern, die noch Furcht vor lächerlichen Volkszählungen kannten. Total die Opfer.

Und so weiter.
Nur, warum war dieses kleine Luder so aufgebracht? Ha-l-lo?

© Dirk Jürgensen – Veröffentlichungen des Texts, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.