Sehrsehr geschicktes Abwehrverhalten 2.0

Die älteren Sportinteressierten werden mit dem vorangestellten Text aus dem Jahre 2004 noch etwas anfangen können. Nicht zuletzt für die jüngeren Beobachter der medialen TV-Übertragungszene möchte ich einige aktuelle Anmerkungen folgen lassen. Insgesamt erfüllt mich der alte Text übrigens mit Stolz. Ich glaube damals einer Entwicklung auf die Spur gekommen zu sein, die inzwischen alle, wirklich alle Lebensbereiche erreicht hat. Zwischen Politik, Kultur und Privatem ist nichts verschont geblieben. – Was macht Berti Vogts eigentlich heute? 2004 war er jedenfalls noch nicht Trainer der Nationalmannschaft Aserbaidschans und Rudi Völler …

Sehrsehr geschicktes Abwehrverhalten

Wie ein ehemaliger Abwehrspieler mit Offensivdruck unsere Sprache reformierte.

Kennt ihr noch Berti Vogts? Der war früher noch kein Schotte, sondern Terrier und später das, was Tante Käthe einmal werden sollte. Damals hieß Tante Käthe noch Tante Käthe und war noch nicht unser Teamchef. Teamchef ist so ähnlich wie Bundestrainer. Das war nämlich der Berti.

Berti war keine große Artikulationsleuchte. Er hätte allein das Wort schon für eine Schweinerei gehalten. Doch er schafft es, das Vokabular aller – ich betone: aller – nachfolgenden Trainer- und Spielerinterviews maßgeblich zu beeinflussen. Selbst Überflieger, wie Günter Netzer (Schuhgröße 47) kommen nicht ohne Bertis geniale Sprachschöpfung aus.

Passt während der nächsten Sportschau mal auf und geht zwischen den Spielen nicht aufs Klo. Dann hört ihr, dass ein Spielverlauf nie ausgeglichen, besonders ausgeglichen oder sehr ausgeglichen war und ein Gegner nie hart, besonders hart oder sehr hart in die Zweikämpfe gegangen ist, sondern immer sehrsehr ausgeglichen oder sehrsehr hart.
Keinem – ich wiederhole: keinem – fußballaffinen Interviewpartner zwischen Möller und Hitzfeld geht ein einzelnes „sehr“ über die Lippen. „Sehr“ gibt es nur als Doppelpass.

„Ich bin sehrsehr glücklich, dass mein Knie gehalten hat, als ich den sehrsehr schwer zu nehmenden Ball volley aus sehrsehr spitzem Winkel vorbei an dem sehrsehr gut postierten Schlussmann ins sehrsehr enge Netz semmelte“, könnte die Aussage eines sehrsehr redegewandten Torjägers lauten, wenn er in der Lage wäre, fünf sehrsehr intelligente Fragen im Voraus zu beantworten. Antizipatorisch nennt das ein sehrsehr intelligenter Tennisreporter.

Aber ihr habt recht. Ein Fußballer sollte keine schönen Reden schwingen, sondern Tore müllern oder verhindern. Sehrsehr viele Tore.

Und in der nächsten Woche erinnere ich euch daran, dass für einen Reporter ein Einszunullsieg niemals knapp ist. Er ist immer denkbar knapp.

Die damals angesprochene Woche war nur eine rhetorische. Zehn Jahre später – ach, wie die Zeit vergeht – ist es endlich Zeit für eine Erweiterung. Die Präsenz des mit dem Fuß vorangetriebenen Balls im in der Zwischenzeit recht flach gewordenen Fernsehgerät ist weiter angewachsen und macht seinen indirekten Einfluss auf unsere Sprache nicht eben geringer.

Das Doppelwort „sehrsehr“ hatte längst die Katakomben des längst zur XYZ-Arena mutierten Stadions verlassen, da war es – so hat es sich in meine Erinnerung gebrannt – unser ruhrgebietisches Ausnahmetalent Mesut Özil, kurz bevor oder nachdem er ins linguistisch ferne Spanien aufbrach. Mir ist es jedenfalls bei ihm zuerst und später dann immer wieder aufgefallen. Inzwischen haben es alle seine deutschsprachigen Kollegen als geeignet bewertet und benutzen es in nahezu jedem nach einem Spiel geführten Interview. Sie sind offenbar mit dem Duden des Jahres 2013 einer Meinung und halten das betroffene Adverb für eine „scherzhafte Mischbildung“. Dieser absichtlich oder auch aus unbewusster Nachahmung angewendete Kniff hilft, wenn das Spiel nicht zu einhundert Prozent zufriedenstellend verlaufen ist. Dann kann er die Atmosphäre der Befragung ins eher Positive wenden.

Wurde also der spielentscheidende Schuss neben das Tor des Gegners gesetzt, war die Fehlpassquote auffallend hoch und der erreichte Tabellenplatz längst keiner Erwartung gerecht, werden die Fehlleistungen immer von einem „nichtsdestotrotz“ gemildert oder korrigiert. „Nichtsdestotrotz hätten wir unsere Chancen nutzen müssen.“ „Nichtsdestotrotz haben wir für das Rückspiel alles offen gelassen.“ „Wir wollten engagiert in die Zweikämpfe gehen, waren aber nicht immer schnell genug hinter dem Ball. Nichtsdestotrotz haben wir einen Punkt mitgenommen.“ Sollte es ganz schlimm gelaufen sein, ist ein gerne verwendetes Satzmuster: „Nichtsdestotrotz haben wir viel Qualität im Kader.“ Übrigens geht die Mischbildung auch im positiven Fall. Lobt ein Reporter beispielsweise den oben angesprochenen Herrn Özil ob seiner großartigen Leistung, fügt dieser in einer gönnerhaften Attitüde „nichtsdestotrotz ein Lob an die Mannschaft“ hinzu.

Da ist dann auch die Qualität nicht mehr weit. Früher kannte ich fernab einer lexikalischen Klärung eine hohe oder eben niedrige Qualität bestimmter Waren. Das stammte vermutlich aus der Verstellung, dass man Qualität anhand einer imaginären Messlatte vergleichbar machen musste. Qualität, das war ein Kriterium, das meiner Generation von der Stiftung Warentest beigebracht wurde. Die Begrifflichkeit schwankte meist zwischen ungenügend (sehr niedrig) über ausreichend, befriedigend, gut, bis hin zu sehr gut (sehr hoch) und es bedurfte schwieriger Materialprüfungen, um die korrekte und möglichst objektive Taxierung zu erfahren. Vergleichbarkeit wurde mit Varianten von Schulnoten geschaffen, damit es jeder kapierte.

Selbst bei einer sprachlichen Erweiterung auf „sehrsehr gut“, bleibt der alte Qualitätsbegriff bestehen. Beim Fußball nicht. Er macht Qualität mehr oder weniger zählbar, also zu einer Mengeneinheit innerhalb des Kaders. Sie ist, wie uns Spieler, Trainer und Manager zu beweisen suchen, selten wenig und meistens in großer Zahl, also viel vorhanden. Das rechtfertigt a priori die Einkaufspolitik des Vereins. Sie besteht, hört man also etwas genauer hin, um Einzelqualitäten, aus Teilmengen. Es geht ihnen nur vordergründig darum, ob ein Team als Einheit eine hohe oder geringe Qualität aufweist, sondern um den einzelnen Spieler. Jeder für sich ist eine Qualität. Dieser besitzt sie aufgrund seines Talents oder Trainingsfleißes nicht, er stellt sie dar, er ist sie. Ist diese fallweise Überhöhung oder Erniedrigung, diese Reduzierung auf eine Kostenstelle gewollt oder nur die Folge einer ständig kopierten Adjektivverwirrung? Ich vermute es beruhigt In der Regel. Einem Funktionär, wie Matthias Sammer traue ich dieserart auch die qualitative Bewertung einer zu teuer eingekauften Gruppe von Sklaven zu. Gerne verfällt dieser in ein zwischen das einer Unternehmensberatung und einer provokant ausgerichteten Motivationsschulung angesiedeltes Sprachverhalten. Mancher hat eben das Pech, in seinem Job nicht sympathisch wirken zu dürfen. Schade nur, dass nach der „realen Wirtschaft“ nun auch der Sport von solchen Karrierebildern betroffen ist.

Zurück im Sprachlichen lassen uns die Verantwortlichen nichtsdestotrotz immer wieder mit dem Urteil allein, welchen der Protagonisten zwischen dem zerfurchten Grün des Spielfelds und der abseits im Gelände zu findenden Übungsgruppe 2 wir für eine Krampe oder einen Fußballgott halten sollen. Was nützt die Qualität des Kaders, wenn sie nur verbal in Erscheinung tritt? Wenn spielerische Weltklasse nicht zum gewünschten Ergebnis führt, die Quantität der vermiedenen Tore zu niedrig und die der geschossenen Tore nicht hoch genug ist? Dann ist der Weg etwas für den Sportteil der Zeitung und nur das Ziel ist das Ziel, dann freut der nativ parteiische Fan über jeden schmutzigen Sieg.

Ob ein Parteivorsitzender der SPD einst sagen wird: „Wir konnten unsere Wähler nicht in genügender Zahl mobilisieren, um Frau Merkel zu schlagen. Nichtsdestotrotz besitzen wir sehrsehr viel Qualität in unserer Partei.“

Ich werde das Gefühl nicht los, diesen Satz schon gehört zu haben.