Ob die Haut ermüdet?

Zwischen Fußball ist Kosmetik

Seit es das Fernsehen und spätestens seit es die Champions League gibt, werden zweigeschlechtliche Partnerschaften immer wieder vor harte Proben gestellt. Und nachdem die gestiegene Empfangsgerätedichte pro Haushalt die Pflicht zum Mitschauen obsolet machen konnte, erreichen ganz neue Fragestellungen die deutschen Wohnstuben.

Sag mal.

Was denn?

Sag mal. Woran merke ich eigentlich, daß meine Haut müde ist?

Wie, deine Haut müde?

Ja, wann meine Haut müde ist.

Hast du wieder Fußball geguckt?

Ja, ist grad Halbzeit.

Und jetzt fühlst du dich krank?

Wieso?

Weil du so komische Fragen stellst.

War doch nur eine Frage.

OK, weil du eine komische Frage stellst. Aber bist immer komisch drauf, wenn du Fußball guckst.

Echt? Nee, bestimmt nur, wenn Sat1 die Rechte hat. Da sind die Pausen gefühlt doppelt so lange und mit unendlich viel Werbung vollgestopft. Aber darum geht das jetzt doch gar nicht. Obwohl.

Worum denn?

Ja, ich meine, du bist eine Frau. Und da hast du doch mehr Erfahrung damit.

Womit Erfahrung? Mit langen Pausen – oder was? Mit der Menopause höchstens – aber noch lange nicht… Ist ja wohl unerhört. Du hast ja wohl ne Menopause! Ich bin erst Achtunddreißig, Alter.

(Sie öffnet den Kühlschrank, holt ein Bier heraus und gibt es ihm.)

Hier, verbringe bitte die Halbzeitpause wie alle anderen Männer. Nimm das Bier ins Wohnzimmer und vergiß nicht auch noch aufs Klo zu gehen. – Boah, meine Erfahrung – als Frau. Ich glaub, ich krieg die Krise.

Ach Quatsch, nein. Bitte. Reg dich wieder ab, bitte. Ich wollte doch nur eine harmlose Frage stellen.

Gut, was willst Du?

(Sie verschränkt die Arme und wippt ungeduldig mit dem rechten Fuß.)

Bin gespannt, was  jetzt kommt.

Also, wenn ich morgens aufstehe, bin ich müde.

Klar – und ich mache den Kaffee, obwohl ich auch müde bin.

Ja, gut, kann ich ja auch mal wieder öfter wieder machen. Aber…

Anders Thema?

Ja.

Natürlich. Immer wenn es unangenehm wird.

Ja – nee, So meine ich das nicht. Also…

Was?

Was ich fragen will. Das meine ich nicht so.

Wie denn?

Nochmal. Wenn ich morgens aufstehe, bin ich – sind wir – müde. Ist ja ganz normal, und wenn ich ins Bad gehe, lasse ich erstmal kaltes Wasser laufen, damit es richtig kalt ist und mache mein Gesicht naß. Auch die Augen. Das hat bisher immer einigermaßen geholfen. Ein bißchen jedenfalls.

Und auf den Bodenfliesen ist ne Pfütze.

Ja – nein. (Versucht seinen Gedankengang unbeirrt fortzuführen.)

Was ich sagen will: Wenn ich aus dem Bett komme und zu wenig geschlafen habe oder wenn ich einfach lange gearbeitet habe, dann sehe ich müde aus.

Normal.

Genau, normal. Das will ich damit sagen. Und wenn meine Augen müde sind, dann liegt das daran, daß ich wieder zu lange am Monitor gesessen habe und etwas Schlaf könnte den müden  Augen helfen.

Oder mal ne Arbeit ohne Computer. Mit den Händen und so. Und dann auch noch die Nächte mit den Kumpels durchdaddeln. Das kann auf die Dauer ja auch nicht gut sein.

Richtig, da verstehen wir uns. Äh, verstehst du mich.

Muß ja schließlich auch mal ein triftiger Grund zu finden sein, warum ausgerechnet wir geheiratet haben. Einfühlungsvermögen nennt man sowas!

Ach komm.

War’n Scherz. – Aber jetzt sag doch mal endlich, worauf du hinaus willst. Sonst feiern wir Silberhochzeit, die Kinder sind auß’m Haus und deine Halbzeitpause ist auch längst um.

Hm. Ich meine, du hast als Frau viel mehr Erfahrung mit Kosmetik als ich.

Ist wohl wahr, aber was hat das denn mit deiner Müdigkeit zu tun?

Eben.

Was, eben?

Das weiß ich eben nicht.

Ja, und? Ich versteh nur noch Stuttgart Einundzwanzig.

In der Halbzeitpause zeigen die immer Werbung für Männerkosmetik. Und da ist dann immer so ein Zeugs dabei, das man sich ins Gesicht schmieren oder unter die Augen malen soll, damit die Haut – oder auch die Augen – nicht mehr müde sind.

Kenn ich. Gibt es für Frauen schon lange.

Eben, aber woran erkenne ich, daß meine Haut müde ist? Wenn, dann bin ich doch müde – und nicht meine Haut.

Da ist was dran. Vielleicht sieht die Haut dann schlaffer, grauer, irgendwie anders aus. Du siehst dann eben müde aus – aber stimmt, das ist, weil du müde bist. – Was soll’s? Die wollen das Zeug nur verkaufen. Und da du als Mann kosmetisch gesehen ein verdammt brachliegender Acker bist, versuchen die das eben in den Halbzeitpausen beim Fußball.

Wenn kaum ein Mann zusieht, weil der die Pause nutzend vor dem Kühlschrank oder dem Klo steht.

Vor dem Klo steht? – Ich denke, du setzt dich…

Tu ich ja auch.

Und wo kommen die Spritzer immer her?

Nein, ich setz mich – ehrlich. Und jetzt lenkst du aber ab. Außerdem gehen bestimmt immer die Frauen das Zeug für ihre Männer bei Douglas oder in was weiß ich für einer Drogerie kaufen. Ich hab ja jedenfalls immer Schwellenangst und muß mich überwinden…

Du mußt dich also überwinden, wenn du mir das übliche Parfümgeschenk zu Weihnachten kaufst? Toll.

Nein, natürlich nicht.

Ach komm.

Ehrlich, mach ich gern und aus voller Überzeugung.

Na gut, laß mich jetzt mal in Ruhe. Ich glaube dein Spiel läuft längst schon wieder. Ich geh jetzt ins Bett, damit ich morgen nicht zu müde bin.

Und deine Haut?

Von mir aus auch, damit die nicht so müde ist. Geh Fußball gucken.

Hm.

(Dreht sich mit dem Bier in der Hand um und verzieht sich in Richtung Wohnzimmer. Kommt nochmal zurück.)

Du-u?

Was ist denn jetzt schon wieder?

Eben, als das Einszunull gefallen ist,…

Ja.

(Sie beginnt bei angestrengt gleichgültigem Gesichtsausdruck wieder mit dem Wippen des rechten Fußes.)

Da ist mir was aufgefallen.

Was ist meinem Problembärchen denn da bloß so plötzlich eingefallen? Daß sein altes Vierundzwanzigstundendeo nicht bis zum nächsten Duschen reichen könnte, oder was?

Ach.

Ja, was ist dir denn eingefallen?

Meinst du, ich sollte mir mal die Brust rasieren?

Ersterscheinungsdatum: 24.10.2010 – zuerst auf Einseitig.info

© Dirk Jürgensen – Veröffentlichungen des Texts, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.