Rotzbengel

Fußballer spucken nicht nur auf den Rasen

Spucken war ein gesellschaftlich normales Ding, das erst bei der Einführung von zu schnell faulenden Teppichen in Wohnräumen in Spucknäpfe gelenkt werden musste.

Es sind manchmal die Dinge am Rande des Geschehens, die einen gesellschaftlichen, einen ästhetischen oder anderen Wandel verdeutlichen. Vieles, worüber man früher gar nicht nachdachte, ist plötzlich allgegenwärtig und verschwindet im Unbewussten. So sollte man ein Fußballspiel, wie hier im Jahr 2004 beschrieben, etwas genauer beobachten, oder auch lieber nicht. Immerhin interressierte sich auch der WDR für mein feuchtes Thema und lud mich aufgrund des Artikels zu einer Radiosendung ein.

Rotzbengel

Eine Annäherung an einen besonderen Saft

Kapitel I

Dies hätte ein sporthistorischer Beitrag werden können.

Ein Fanclub meines Heimatvereines feierte sein fünfjähriges Bestehen. Die „Lost Boyz Flingern“ zeigten dankenswerterweise in einem kleinen Programmkino an vier verschiedenen Abenden die größten auf Video verfügbaren Spiele der Vereinsgeschichte.

So durfte ich auch beim Pokalsieg meiner Fortuna aus Düsseldorf gegen den 1. FC Köln zugegen sein. Die näheren und ferneren Umstände und das Zustandekommen des Endergebnisses von 2:1 möchte ich vernachlässigen. Nein, dieses Finale aus dem Jahre 1980 erhielt während seines recht dramatischen Verlaufs einen ganz besonderen historischen Aspekt, den ich vor dem Wiedersehen nie bedacht habe:
Ich sah während der gesamten Spielzeit keinen der beteiligten Sportler auf den Rasen des Gelsenkirchener Parkstadions spucken!

Kapitel II

Dies hätte ein autobiographischer Beitrag werden können.

Im Alter von zwölf bis vierzehn Jahren standen wir Jungens bisweilen an möglichst unbeobachteten Lokalitäten herum und versuchten uns im Rotzen. Auf dem Bürgersteig hätten wir uns dafür geschämt.

Derjenige, der die größten und ekligsten „Grünen“ oder „Gelben“ erzeugen konnte – dies hatte in Ermangelung der so benannten Partei noch keine politische Aussage – war der Held. Nur kurzfristig, denn in weiteren Bereichen des jugendlichen Lebens bewies er sich als nicht besonders kompetent und galt als sozialer Außenseiter, der sich durch das Rauchen unterschiedlichster Kräuter zweifelhaften, aber doch immer wiederkehrenden Respekt verschaffte. Meist ging es jedoch um handelsübliche Zigaretten. Wenn keine heimischen Vorräte geplündert werden konnten, das war recht häufig der Fall, hatte das Rotzen immerhin den großen Vorteil der Kostenlosigkeit.

Heute fällt mir das Nachvollziehen unserer Wettkämpfe, bei denen ich übrigens nie gewann, und besonders das Ergründen der damaligen Motivation schwer. Hier sind die Psychologen gefragt, den Status unserer prämännlichen Entwicklungsstufe zu analysieren. Wir waren beschäftigt und wurden nicht kriminell!

Kapitel III

Dies hätte ein medizinhistorischer Betrag werden können.

Markus 8.22 – 8.26: „Als sie nach Betsaida kamen, brachten die Leute den Blinden und baten Jesus, den Mann anzurühren. Jesus nahm ihn bei der Hand und führte ihn aus dem Ort hinaus. Er spuckte ihm in die Augen, legte ihm die Hände auf und fragte: ‚Kannst du etwas erkennen?’“ – und wir können uns die Antwort denken. Natürlich war der Mann geheilt und die Wirkung des wertvollen Speichels war von Hippokrates bis Galenus unbestritten. Man leckte die Wunden, um sie zu heilen, spuckte aus, um den Teufel (pfui!) zu vertreiben und um das Gleichgewicht der eigenen Körpersäfte zu erhalten. Immerhin waren die gelbe und die schwarze Galle, das Blut und der Schleim nur schwer, zum Beispiel durch Aderlass oder einfacher durch das Spucken, in gesunden Maßen zu halten.

Spucken war ein gesellschaftlich normales Ding, das erst bei der Einführung von zu schnell faulenden Teppichen in Wohnräumen in Spucknäpfe gelenkt werden musste. Öffentliche Räume, Gaststuben, wurden mit Sägemehl bestreut, was die spätere Reinigung erleichterte und die Rutschgefahr auf den damals üblichen Dielenbrettern eindämmte. Später, viel später, als endlich das Tuberkel gesichtet werden konnte, wurden auch die gesundheitlichen Gefahren entdeckt. Besonders das öffentliche Spucken, dessen Ekligkeit von der Konsistenz und Farbe durch die häufige Nutzung von Kautabak beträchtlich unterstützt wurde, ächtete man von nun an gesellschaftlich.

Noch meine norddeutsche und fast hundertjährige Urgroßmutter sagte mir zwar im Sinne der Antike „Watt rut mutt, mutt rut! (Was raus muss, muss raus!)“, doch im Geiste der Aufklärung durfte der Auswurf nur ins Taschentuch.

So haben wir es in der Erziehung zur Hygiene und zur Empfindung des Ekels kennengelernt und das Tabu akzeptiert, zumal die Entstehung immer größerer Ballungszentren das natürliche Verschwinden der Speichelspuren unmöglich machte.

Kapitel IV

Dies hätte ein Spielbericht zur Fußball-Europameisterschaft 2004 werden können.

Die Hymnen der beteiligten Nationalmannschaften werden abgespielt. Egal, welche Partie gleich angepfiffen wird, die nun folgende Handlung ist austauschbar.

Die Kamera fährt vor den teils verkrampft singenden, teils unbeteiligten Gesichtern der Spieler vorbei. Die letzte Hymne ist gespielt und die Körper lösen ihre Erstarrung. Ich sehe als Erstes zwei Spieler einer Mannschaft gleichzeitig auf den Boden spucken. Überblendung auf die andere Mannschaft. Einer spuckt. Wimpeltausch und Händedruck. Seitenwahl. Der Schiedsrichter wirft die Münze. Im Hintergrund rotzen zwei nicht deutlich zu erkennende Spieler kurz hintereinander. Die Teilnehmer nehmen ihre Positionen ein. Einige versammeln sich um den Mittelkreis. Dreifach nervöses Spucken auf verschieden Seiten, denn gleich geht es los.

Anpfiff. Rückpass. Ein Pass nach vorne, den der linke Außenstürmer annehmen kann und ungefähr zehn Meter vor die Strafraumgrenze bringt, doch dort vom aufmerksamen Verteidiger rüde von den Beinen geholt wird. Pfiff. Die Kamera zeigt den auf dem Boden liegenden Spieler. Einer seiner Mannschaftskameraden spuckt nur einen Meter davon entfernt auf den Rasen. Der Gefoulte steht wieder auf und spuckt. Die Abwehrmauer aus fünf Spielern – davon zwei rotzend – wird formiert, der Ball wird vom Freistoßschützen zurechtgelegt. Der Schuss bleibt in der Mauer hängen. Kontrollierter Rückpass auf den Torhüter. Und so weiter.

Ein ganz normales Spiel, wie der geneigte Leser festgestellt haben dürfte, nicht einmal zwei Minuten alt. Es wird im weiteren Verlauf dem Mittelmaß zuzuordnen sein.

Da die Kamera nie alle Spieler gleichzeitig ins Bild fassen kann, muss ich davon ausgehen, nicht alle Aktionen auf dem Spielfeld mitbekommen zu haben. Meine persönliche Hochrechnung besagt allerdings, dass ungefähr fünf Minuten nach dem Erklingen der Nationalhymnen die geschätzte Menge eines mit Speichel gefüllten Bierglases auf den Rasen verteilt wurde. Ein Spiel dauert nach einer alten Weisheit neunzig Minuten. Da kommt schon einiges zusammen.

Plötzlich fällt mir eine denkbare Persiflage des Werbespots (von Mc Donald´s) ein, mit dem wir in den Spielpausen der EM ständig penetriert werden:

Verhältnismäßig harmlose Kinder werden in zuerst noch schicken gelben Mannschaftstrikots, der Schrittfrequenz durchtrainierter Fußballprofis hilflos ausgeliefert, über den Rasen gezerrt, rutschen im Gegensatz zum echten Werbefilm aus und werden mit Gesichtern durch die schleimige, Fäden ziehende, aber ungemein beschleunigende Spucke gezogen.

Kapitel V

Jetzt ist es eine amateurpsychologische Betrachtung.

Jugendliche, meist, aber inzwischen nicht nur männliche Jugendliche, spucken sich in außerordentlicher Intensität durch das Stadtbild. So, wie die Hosen der letzten Jahre immer weiter in die Kniekehlen rutschten, ist die Zeit durch eine erhebliche Intensivierung des nach außen dringenden Speichelflusses gekennzeichnet. Ob eine Verbindung zwischen diesen Sachverhalten besteht, vermag ich nicht zu sagen. Nur möchte ich die Mediziner und auch die Psychologen aufrufen, ihr heutiges Wissen zusammenzutragen, damit ich erfahre, warum dieses Tabu der früheren Jahre, über dessen Existenz ich nie erbost war, nun so in Vergessenheit gerät und meine Theorien verworfen oder bestätigt werden.

Steht die Entwicklung auf unseren Trottoirs mit der auf dem Fußballrasen in direkter, wechselseitiger oder ursächlicher Beziehung?

Ist das Ausspucken – ich meine noch nicht nur das direkte Spucken ins Gesicht des Gegenspielers, wie es im Jahre 1990 Herr Rijkaard gegenüber Herrn Völler und aktuell Herr Totti gegenüber Herrn Poulsen betrieb – ein Zeichen für die Geringschätzung oder gar des Hasses?

Gut, bei Herrn Rijkaard gehört die für Deutschland unrühmliche Weltgeschichte, die in diesem Zusammenhang verwachsene Unbeliebtheit der „Moffen“ in die zuständige Motivationskette. Ein temporärer Hass aus längst überwunden gewähnten Feindseligkeiten, der von der konkreten Persönlichkeit des Gegenüber losgelöst, in Krisensituationen, wie einem entscheidenden Spiel, ungebremst zutage tritt.

Viel privater, wenn nicht in seiner Eigentlichkeit gegen den Spucker selbst gerichtet, ist das Aufbäumen des klassischen italienischen Muttersöhnchens namens Totti, dem die freie Wahl der Waffen verboten wurde. Da folgt also Herr Totti, ein weltberühmter Star, den die Öffentlichkeit längst als abgenabelt kennen will, hörig den Anweisungen einer fernen Mutter und zerstört in Sekundenschnelle das Bild vom mediterranen Macho, zum jämmerlichen Schwächling und modernen Ödipus. Die Mutter hat gesiegt. Sie kann ihren in der Damenwelt völlig inakzeptabel gewordenen Sohn allein für sich behalten.

Meist und glücklicherweise ist das Ziel des Spuckens nicht das gegnerische Gesicht, sondern nur der Rasen. Ist nicht das Markieren des Spielfeldes, das permanente Spucken auf den von Feind und Freund genutzten Rasen, ein bei Hunden, vornehmlich Rüden, beobachtetes Zeichen, wer an dieser Stelle der Herr ist?

Hat ein Spieler erst einmal angefangen, bleibt dem Gegner nun keine andere Wahl. Bekanntermaßen sind Heimspiele immer ein Vorteil. So muss auch des Gegners Rasen zum eigenen Rasen gemacht werden, denn niemand will den Platz als Verlierer verlassen. Es ist unausweichlich. Die Markierung des Herausforderers muss mit der eigenen zu überdeckt werden. Die Besitzer edler, doch nicht mehr wachsender Staudengewächse in hundeaffinen Vorstädten werden mir dieses Standardverhalten bestätigen, das nur mittels kleiner Drähte bekämpft werden kann, die genügend Elektrizität aufweisen.

Ein weiterer Aspekt ist der Beweis der eigenen Stärke. So ist das männlich dominante Rotzen auf dem Fußballfeld und das vorpubertäre Vergleichen der „Grünen“ nichts anderes als eine wunschorientierte Simulation des Samenergusses zur Einschüchterung des Konkurrenten. Losgelöst vom Fußball ist es ein Imponiergehabe, um die Gunst des begehrten Weibchens zu erlangen. Doch, aus männlicher Sicht: leider, honorieren die modernen Weibchen, Verzeihung: Frauen, dieses Überbleibsel aus der Vorgeschichte nicht mit der gewünschten Ehrfurcht. Das speicheltriefende Werben treibt das verwirrte Männchen in eine einseitige hormonelle Irre, die, wir sehen es im Falle Totti, auch noch von der Mutter gestützt wird.

Neben dem aktiven Akt des Spuckens darf nun auch dessen passive Wirkung nicht unerwähnt bleiben.

Ich beginne mit einem Beispiel aus der Tierwelt. Bisweilen kommt es vor, dass ein Hund sich in fremden Kot wälzt. Er nimmt damit den Geruch eines anderen Tieres an, verbirgt seine Identität und täuscht seine Verfolger. Dies ist ein Verhalten, das uns Menschen zutiefst widerwärtig erscheint. Zunächst, denn wir müssen uns fragen, welcher uns fremde Genuss einen Spieler dazu treibt, kurz hinter der Strafraumgrenze zu einem Schwalbenflug anzusetzen, wenn die Landung und das später minutenlange Herumwälzen in den von Gegnern und Mitspielern hinterlassenen Speichelpfützen unvermeidbare Konsequenz ist?

Er folgt der Vernunft des Jagens und Gejagtwerdens. Der mit dem ganzen Körper den Boden berührende Angreifer versteckt sich hinter dem Geruch anderer Spieler, will also für die gegnerische Abwehr unsichtbar werden.

Neben dieser Tarnkappenwirkung, die uns die Tierwelt lehrt, gibt es zudem einen menschlich kannibalistischen Aspekt, den wir alle im Verborgenen mit uns herumtragen und so gerne vergessen.

Krieger bemalen sich mit dem Blut ihrer erlegten Feinde. Bisweilen trinken sie auch deren Blut und glauben, auf dem Weg zur Unbesiegbarkeit, Mut und Stärke des Toten übernehmen zu können. Nun fließt das Blut beim Fußball nur in Ausnahmefällen und wenn, dann meistens im Publikum. Doch wenn der eine Körpersaft nicht in ausreichender Menge vorhanden ist, bleibt noch der andere. Das freudvolle Wälzen, das tiefe Bohren des Gesichts in die feuchte Grasnarbe und das immer wieder zu beobachtende wundersame Wiedererstarken nach wenigen Minuten sollte als Beweis für diese Theorie genügen. Auffällig ist allerdings, dass der Begriff des „Speichelleckers“ so negativ behaftet ist. Doch in der Sprache der Sieger wird nur zu gerne die Inanspruchnahme dieser archaischen Form des Dopings verleugnet.

Fußball scheint in seiner heutigen Ausprägung also ein Sport zu sein, der weit mehr als nur ein Ballspiel ist und sich vom positiven Gruppenerlebnis des gemeinsamen Gewinnens, in ein intensives Ausleben unserer tiefsten Wurzeln verwandelt hat.

Dies sind allesamt amateurpsychologische Thesen, die ihrer professionellen Bestätigung harren. Vielleicht wird diese nie kommen, weil vorher von der Seite der Halsnasenohrenärzte der Einwand kommt, gerade die Fußballer müssten aufgrund ihres bei jedem Wetter stattfindenden Trainings mit weit verbreiteten und in vielen Fällen chronischen Entzündungen der Nasennebenhöhlen leben. Sie könnten ihr Laufpensum gar nicht ohne den immer wieder den Rachenraum füllenden Auswurf leisten. Eine These, der ich folgen könnte, wenn das Verhalten auf den Fußballplatz beschränkt wäre und die bereits erwähnten Hosen mit dem Kniekehlenschritt der männlichen Jugendlichen jegliche Trainingswirkung des Gehens im Keim erstickten.

So möchte ich die Forschung in aller Eindringlichkeit aufrufen, alle noch offenen Fragen zu klären!

Übrigens: Bis zu zwei Liter Spucke kann ein Mensch pro Tag produzieren. Bei 80 Mio. Deutschen sind das 58.400.000.000 Liter jährlich. Eine erhebliche Menge, die uns auf dem zähflüssig benetzten Weg zurück in die Antike begleitet.

© Dirk Jürgensen – Veröffentlichungen des Textes, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.