Scham in Zeiten von Corona

Kein Klopapierwitz

von Dirk Jürgensen …

Die Flugscham für mich kein Thema
mehr. Weil es kaum noch Flüge gibt. Was mich neuerdings persönlich
emotional sehr berührt, ist meine Klopapierscham.

Papierfabrik - Foto: © Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Nicht nur vor, sondern auch während
dieser Seuchenzeit habe ich Toilettenpapier immer erst gekauft, wenn
ein gewisser Meldebestand von drei oder vier Rollen erreicht war.
Früher war das kein Problem. Ich bin einfach in den Discounter
meiner Wahl gegangen, habe ein Paket des übrigens heutzutage gar
nicht mehr kratzigen Papiers mit dem Blauen Umweltengel gegriffen und
bin damit völlig ohne einen Hintergedanken nach Hause spaziert.
Heute ist es so, dass mir, wenn ich meine täglich erforderliche
Fitnessrunde drehe, Leute mit Klopapierpaketen unter dem Arm
auffallen. Gut möglich, dass all die Berichte über Plünderungen
und die hinterher unvermeidlichen Klopapierwitze meine optische
Sensibilität gesteigert haben. Aber die tatsächlich meist leeren
Regale für Hygienezellstoffe können meine Wahrnehmung nur
bestätigen.

Letztens, die Neugier trieb mich dort hin, denn ich war eigentlich auf der Suche nach einem Paket günstiger und dennoch leckerer Vollkornnudeln, wartete nur noch ein einsamer Zweierpack mit dieser ganz teuren, zwischen den 15 Lagen wahrscheinlich mit Watte gepolsterten, edlen Parfümen aufgewertete Ware auf eine am Popo empfindsamen Käuferin oder einen entsprechenden Käufer. Ich wagte zu widerstehen, schließlich war mein Meldebestand noch nicht erreicht. Eine Panik wollte partout nicht aufkommen.

Das ist heute beim Anbrechen der
fünftletzten Rolle anders geworden. Als ehemaliger Handelsschüler
weiß ich, dass der Meldebestand aufgrund längerer Lieferzeiten
durchaus früher als gewohnt eintreffen kann. Was tun? Würde ich
jetzt gegen jede umweltpolitische und preisliche Überzeugung
zugreifen und dieses umweltschädliche, zuerst die Wälder
vernichtende und hinterher den Abfluss verstopfende Zeug nehmen? Oder
werde ich Glück haben und mein Recyclingpapier ergattern können,
weil die Klopapierwitze inzwischen bei jeder Prepperin oder jedem
Prepper angekommen sind oder das Kinderzimmer aufgrund der
Rollenstapell keines mehr ist? Doch gehe ich einmal von diesem
Glücksfall aus, was werden die Leute denken, wenn ich mit meinem
Paket unter dem Arm den Laden verlasse?

»Ach guck mal, Alfred. Da ist wieder
so ein Hamsterer. Der hat sein Lager wohl noch immer nicht voll.«

Ja, die Klopapierscham hat mich
ergriffen. Ich werde wohl jedem Passanten aus sicherer Entfernung
erklären, dass ich die eine gekaufte Packung wirklich für den
sofortigen Anbruch vorgesehen habe. So oder so bleibt die Situation
peinlich. Ich sehne mich nach der Zeit vor Corona zurück. Eine Zeit,
in der mir egal war, was die Leute über mich sagten.

PS: Übrigens erwarte ich nach der Corona-Krise eine neue. Eine ökonomische Schieflage, in die die Papierindustrie geraten wird. Die Hamster haben dafür gesorgt, dass der deutsche Klopapierumsatz in kurzer Zeit um 700% gestiegen ist. Da die aktuelle Seuche keinen signifikanten Einfluss auf den Stoffwechsel hat, wird nicht mehr als vor ihrem Ausbruch geschissen, wird es nach Beendigung der viralen Krise also sehr lange dauern, bis die riesigen Vorräte verbraucht sind. Das bedeutet, wenn es mit der Wirtschaft postcoronal wieder aufwärts geht, werden die Aktien der Toilettenpapierbranche ins Bodenlose fallen.

Ich allein werde diesen Industriezweig mit meiner weiterhin auf den Meldebestand beruhenden Nachfrage kaum retten können und höre schon jetzt den Ruf nach Staatshilfen, schließlich ist die Produktion von Klopapier systemrelevant!

Egal, ob wir uns nach Corona den
dringend notwendigen radikalen Umbau des Kapitalismus vornehmen, oder
nicht. Wir sollten gewarnt sein, denn geschissen wird immer!




Corona, die linke Bazille

Vom Virus lernen

von Dirk Jürgensen …

Ich weiß, diese Überschrift ist
irreführend, denn eine Bazille ist ein Bakterium und weist mit den
Viren keinerlei verwandtschaftliche Beziehung auf. Für den
naturwissenschaftlich falsch verwendeten Begriff bitte ich um
Verzeihung. Aber ich konnte nicht anders, denn er zeigt in eine
Richtung, in die unsere Gedanken während der verordneten Zwangspause
und besonders nach der hoffentlich recht bald überstandenen Pandemie
gehen sollten.

Corona ist ein antikapitalistisches Virus

Dabei ist die Lungenkrankheit Covid-19 beziehungsweise SARS-CoV-2, wie Corona weniger anschmiegsam ebenfalls firmiert, ein völlig Ideologiefreies Wesen. Es hat kein Hirn, es hat keine Zunge die ideologische Leitsprüche formulieren kann. Dennoch lässt es mit beinahe wunderbarer Leichtigkeit die Börsenkurse und Ölpreise sinken, es zeigt, wie wenig rational unser Konsumverhalten gesteuert ist, wie fatal die Gewinnorientierung im Gesundheitswesen ist und dass es jenseits der allgemein duldsam hingenommenen Wachstumsreligion Alternativen geben muss oder gar gibt. Kurz gesagt bringt es vollkommen unmotiviert unser ökonomisches System ins Wanken. Ganz nebenbei besetzt es sogar den lange nur noch von »ewiggestrigen Linken« verwendeten Begriff der Solidarität wieder positiv. Beinahe könnte man also vermuten, Corona sei der potentielle Zünder einer Revolution, wie sie Marx und Engels nicht erträumen konnten.

Manchmal bedarf es eben nur eines
völlig unschuldigen und planlosen Auslösers. Auch der Urknall vor
ungefähr 14 Milliarden Jahren wird nicht zum Ziel gehabt haben, dass
wir uns mindestens alle zwei Jahre ein neues Handy genehmigen können.
Anhand der Opfer weltweit kann man leider nicht von einer friedlichen
Revolution sprechen, denn jedes Todesopfer ist eines zuviel. Dennoch
und gerade angesichts der Be- und Überlastung unserer Sozial- und
Gesundheitssysteme weltweit können wir Menschen Lehren aus der
Pandemie ziehen. Wenn wir es denn wollen. Nur drei mehr oder weniger
bedeutende Beispiele:

Corona versus BWL im Krankenhaus

Vor Corona wurde das deutsche
Gesundheitswesen immer weiter nach betriebswirtschaftlichen Maßstäben
zusammengespart. Auch der heute so gelobte Gesundheitsminister ist
ein Vertreter dieser Marktorientierung. Das Virus hat für ein
hoffentlich nicht nur kurzfristiges Umschwenken gesorgt, denn
Gewinnmaximierung hat im Gesundheissystem nichts zu suchen.
Eventuelle Sparmaßnahmen müssen immer gleichzeitig eine Optimierung
der Versorgung bewirken. Nur dann sind sie sinnvoll. Ebenso darf es
kein Mehrklassensystem in der Gesundheitsversorgung und
Krankenversicherung geben. Die pharmazeutische Industrie muss sich am
Gemeinwohl und nicht am Börsenkurs orientieren. Die medizinische
Versorgung ist zu wichtig, um sie den Mächten des Marktes
auszusetzen. Pflegekräfte müssen ihrer gesellschaftlichen Relevanz
in einer alternden Gesellschaft entsprechend gut bis sehr gut bezahlt
werden. Dass jede Altenpflegerin gesellschaftlich bedeutender als
eine ganze Clique von Börsenmaklern ist, ist schließlich eine
Binsenweisheit. Die aktuell im Netz verabredeten Applausaktionen sind
nett gemeint, helfen jedoch nur, wenn sie ein Zeichen für einen
ausdauernden Sinneswandel sind. Der Bereich der Alten- und
Krankenversorgung muss zum Leuchtturmprojekt für die notwendige
Neuordnung des Wirtschaftssystems werden. Hier wie übermall muss die
Gemeinwohlorientierung als ökonomisches Prinzip vorangestellt
werden. Wachstum ist nur im Sinne eines Zugewinns an Lebensqualität
zu verstehen. Zufriedenheit darf nicht länger als Wachstumsbremse,
sie muss als Abbild von Lebensqualität zum Ziel des Handelns erklärt
werden. Wie gesagt, Corona ist eine im positiven Sinn linke Bazille.
Doch nicht nur das.

Corona ist Klimaaktivist

Ganz nebenbei beweist Corona, dass die
Gesundung des Klimas und das Erreichen der gesteckten Klimaziele
möglich ist, dass es ein grünes Virus ist. Sollte die Pandemie noch
einige Monate andauern, könnte das Jahr 2020 als echtes Jahr des
Fortschritts für die Umwelt in die Geschichte eingehen. Kein
Klimastreik, kein öffentlicher Auftritt Greta Thunbergs, keine
monatelangen Verhandlungen zwischen Klimaaktivistinnen und
Wirtschaftsbossen hätte das jemals erreichen können. So wichtig die
Bewegung der Fridays for Future war und bleiben wird, so beweist erst
die Zeit der Seuche, woran es in der globalen Umweltpolitik hapert.
Es fehlt die Bereitschaft des Menschen, sich in seinem Konsum zu
mäßigen. Plötzlich bleiben die meisten Flugzeuge am Boden,
Urlaubsreisen mit kleinerem CO2-Fußabdruck oder der
Ersatz von Geschäftsreisen durch Vidokonferenzen werden interessant,
der globale Handel mit eher überflüssigen Gütern wird ein bisschen
infrage gestellt, die Vorteile einer lokalen Produktion wichtiger
Güter – Europa ist in diesem Sinne schon als lokal zu betrachten –
werden erkannt. Erst wenn die Pandemie überstanden ist, werden
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre nicht nur negativen
Auswirkungen nachweisen können. Ich bin gespannt, ob wir mit den
Ergebnissen der entsprechenden Untersuchungen etwas anzufangen
wissen.

Corona lässt Blasen platzen

Der Kapitalismus, das wissen wir noch von der Bankenkrise vor ein paar Jahren, neigt zur Bildung von Blasen, die irgendwann platzen. Kommen wir in diesem Zusammenhang zum Fußball und damit zu einem griffigen Sinnbild für eine dieser Blasen, die Corona zum Platzen bringen kann. Der allein von vermeintlich rettungslosen Romantikern gescholtene »moderne« Fußball, so stellen wir gegenwärtig fest, ist auf die Fernsehübertragungen reduziert tatsächlich bedeutungslos. Die ins Aberwitzige gestiegenen Spielergehälter und Ablösesummen werden nicht mehr zu bezahlen sein, wenn die ebenso jedem Vernunftsgedanken widersprechenden Beträge für die Übertragungsrechte ausbleiben. Wie lange es mit der Pandemie noch dauert, ist nicht abzusehen. Abzusehen ist jedoch der mögliche Ablauf einer Katastrophe, wie sie den Romantikern unter uns sogar Hoffnung schenken kann:

Der moderne Fußball im Zeichen von Corona - Foto: © Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Die Pandemie verhindert Spiele –
Geisterspiele, also Spiele ohne Publikum in den Stadien, sind
aufgrund fehlender Stimmung weniger attraktiv – Bezahlsender wie
Sky verlieren ohne Fußballübertragung ihren Zweck und damit ihre
Abonnenten – Bezahlsender ohne Abonnenten können nichts mehr für
die Übertragungsrechte bieten – Vereine und Ligen müssen ihre
Etats kürzen – überzogene Ablösesummen werden einfach nicht mehr
gezahlt und die Spielergehälter gleichen sich an – eine Liga wird
ohne Solidarität der Vereine untereinander nicht bestehen können,
da sie ohne Gegner sinnlos ist – reine Kommerzprodukte, die dem
Solidaritätsgedanken widersprechen, dürften ihre Geldgeber
verlieren oder sie gründen eine eigene kleine, vielleicht
internationale Liga – die verbliebenen nationalen Ligen werden
ausgeglichener und damit spannender – die Romantiker haben
gewonnen. Das ist doch utopisch, werden die Anhänger (noch)
finanzkräftiger Vereine einwenden. Ja, das ist es.

Von Corona lernen

So hat mich das Beispiel des ruhenden Fußballs in der Corona-Krise endlich wieder auf das Thema der so notwendigen Utopien zurückgebracht, das mich seit Jahren umtreibt. Es darf natürlich nicht bei diesem Beispiel bleiben, denn Utopien – Modelle für eine bessere Gesellschaft, für ein besseres Wirtschaftssystem, für mehr Zusammenhalt und Toleranz – haben wir in allen Lebensbereichen und Weltgegenden bitter nötig.

Aktuell sollen wir zur Vermeidung
weiterer Ansteckungen möglichst zuhause bleiben. Jenseits der hart
arbeitenden Menschen in den Krankenhäusern, Arztpraxen und
Supermärkten fährt die Gesellschaft um einige Stufen herunter. Die
lange geforderte Entschleunigung ist endlich da. Wer in diesen Tagen
aus dem Fenster blickt, kann aufgrund der freiwilligen oder
erzwungenen Ausgangssperren und des »Social Distancings« selbst in
einer sonst hektischen Großstadt eine zunehmende Gelassenheit
wahrnehmen. Es ist kurzum die beste Zeit, Post-Corona-Utopien zu
entwickeln, die wir möglichst bald unseren politischen
Vertreterinnen und Vertretern beibringen sollten, wenn diese es denn
angesichts des Drucks der Lobbyisten zulassen. Ansonsten müssen wir
also selber ran. Falsch wäre es jedenfalls, nach überstandener
Pandemie in die alten Verhaltensmuster und die von fragwürdigen
Zeitgenossen erzeugten Ängste vor Fremdem und Neuem zurückzufallen.

Nach den Terroranschlägen vom 9. September 2001 hieß es angesichts des großen Entsetzens in wiederkehrender Tonspur, nichts würde mehr so wie vorher sein. Eine Aussage, die schnell zur Plattitüde wurde. Nichts Entscheidendes hat sich seitdem wirklich geändert – zumindest nicht im Positiven. Sollte dieser Spruch nach dem Besiegen des Corona-Erregers wieder im Mediengewirr auftauchen, müssen wir sehr wachsam sein. Corona als Zäsur zu verstehen, wäre ein Zeichen der Hoffnung und des Aufbruchs.




Jürgensen x 3 im Müllerhuus

Die 23. Kunsttage in Ditzum

 von Dirk Jürgensen …

Am letzten Oktoberwochenende ist es wieder soweit. Das kleine Fischerdorf Ditzum am Dollart in Ostfriesland verwandelt sich zum inzwischen 23. Mal ein Kunstdorf. In entspannter Atmosphäre schlendern zahlreiche Kunstinteressierte von Haus zu Haus, denn Privathäuser, Geschäfte, Lokale und sogar die Kirche des Ortes verwandeln sich für zwei Tage in Galerien.

Magnus Jürgensen vor einem seiner Bilder - Foto: © Dirk Jürgensen - Düsseldorf
Magnus Jürgensen vor einem seiner Bilder – Foto: © Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Die offizielle Eröffnung der Kunsttage findet am Samstag (26.10.2019) um 12.00 Uhr in der ev.-ref. Kirche in Ditzum statt. Dort wird die Düsseldorfer Kunsthistorikerin Melanie Florin die Besucherinnen und Besucher, die ausstellenden Künstlerinnen und Künstler mit ihrem Vortrag auf ein spannendes Wochenende einstimmen. Um 13 Uhr werden dann, verteilt über das ganze Dorf, 31 ganz unterschiedliche künstlerische Positionen zwischen Malerei, Fotografie skulpturalem Schaffen zu besichtigen – und natürlich auch zu erwerben – sein. Aus den nahen Niederlanden werden in diesem Jahr 19 Kunstschaffende erwartet, die meisten davon sind Mitglieder der »Stichting Beeldend Kunstenaars Aa en Hunze«.

An dieser Stelle sei nicht ganz
uneigennützig auf das hingewiesen, was im Ditzumer »Müllerhuus«
passieren wird:

Nach einem fotografischen Alleingang
Dirk Jürgensens im vergangenen Jahr heißt das Motto 2019 »Jürgensen
x 3«: Maria Jürgensen wird Beispiele ihrer Gemälde, Zeichnungen
und Textgestaltungen, Magnus Jürgensen wird teilweise großformatige
Gemälde und Beispiele seiner Druckgrafik, Dirk Jürgensen
Fotografien aus seiner Serie »30 Sekunden« präsentieren.

Zahlreiche Kontraste, wie auch
überraschende Verbindungen zwischen den Werken sind garantiert.
Ebenso könnte es noch mehr oder weniger spontane Programmpunkte
geben, die das »Müllerhuus« zu einem Fixpunkt auf der Kunstroute
durch Ditzum machen dürften.

Die Türen der Ausstellungen der Ditzumer Kunsttage werden am Samstag (26.10.2019) von 13.00 Uhr bis 18.00 Uhr und am Sonntag (27.10.2019) von 11.00 bis 17.00 Uhr geöffnet sein.

Weitere Informationen finden Sie auf der Hompage der Gemeinde Jemgum, zu der Ditzum gehört.

Wir – Jürgensen x 3 – können
sicher auch im Namen aller anderen Ausstellenden sagen, dass wir uns
schon jetzt sehr über die zahlreichen Gespräche mit
Kunstinteressierten freuen.




Besser leben mit dem Rücken zur Wand

Gedanken über den Rücktritt und
andere Schritte

 von Dirk Jürgensen …

Wer mit dem Rücken zur Wand steht,
kann nicht zurücktreten. Diesen Satz sollten nicht nur
Politikerinnen und Politiker einen Moment wirken lassen.

Denn er ist in seiner bildhaften Bedeutung überraschend richtig, nur verstehen wir ihn in seiner alltäglichen Verwendung anders.

Wer mit dem Rücken zur Wand steht, hat
die wohl sicherste Position inne, muss nicht allein auf sein
Vertrauen bauen.

Wand © Dirk Jürgensen

Wie bitte?

Ich stehe immer hinter dir, kann eine
Drohung sein.

Nur wer mit dem Rücken zur Wand steht,
hat einen Dolch im Rücken nicht zu fürchten. Gefahr kann allein von
vorne kommen. Nicht einmal ein Absturz in hinter uns lauernde
gefährliche Tiefen – nicht Untiefen, schließlich wären diese gar
nicht tief – ist möglich.

Gut, wer mit dem Rücken zur Wand
steht, kann nur die Flucht nach vorne oder zur Seite antreten. Das
mag zunächst ein Nachteil im Sinnes eines gerne im Mittelpunkt
Stehenden sein, der die jederzeit mögliche ausweichende Bewegung in
alle Richtungen als Sinnbild der Freiheit versteht und für den die
Sicht auf die Dinge eine notgedrungen kurzfristige ist. Eine Freiheit
bis zur Beliebigkeit. Das Fähnchen im Wind. Liberal im liberalen
Sinne, ist, in Erinnerung an den großen Loriot, eben nicht nur
liberal. Der Standpunkt in der Mitte ist recht instabil und erfordert
eine immer schneller werdende Rotation. Aus allen Richtungen droht
ein Hinterhalt, und die aus Überforderung wachsende Sehnsucht nach
einer sicheren Wand im Rücken, einem Rückhalt, wird verständlich.

Früher wurden Kinder zur strafenden
Demütigung in die Ecke gestellt. Eine Ecke besteht sogar aus zwei
Wänden. Dabei hat man schon mit dem Gesicht zu nur einer Wand
stehend Freund wie Feind unsichtbar in seinem Rücken – sieht nur
die Wand, die selten transparent oder ein Spiegel ist, spürt
Unsicherheit. Außer ihr hat dieser bedauernswerte Mensch nichts und
niemanden, der sich schützen vor ihm aufstellt. Jeder Schritt zurück
führt tiefer ins Ungewisse, was im vorangestellten Beispiel der
Rohrstock des Lehrers die Häme der ganzen Klasse war.

Ein Zurücktreten wäre mit dem Gesicht
zur Wand zwar möglich, doch an einen Gewinn an Gewissheit, an
Sicherheit und das Verhindern eines für beide Seiten schmerzhaften
Anrempels ist nur nach einer Drehung zu denken. Hoffnung böte
höchstens ein offenes Hintertürchen. Das fehlt meistens. Der
Fortschritt bei einem zur Wand gerichteten Blick bedeutet ohne
vorherige Drehung kostet bestenfalls eine platte Nase. Da ist sie
wieder, die beruhigende Wirkung eines Rückens zur Wand. Wer wünscht
sich schon am Ende seines Lebens, dass die einzige hinterlassene Spur
ein blutiger Abdruck der Nase an einer Wand ist?

Wer mit dem Rücken zur Wand steht,
kann nicht zurücktreten. Und, das möchte ich den letzten
Zweiflerinnen und Zweiflern ans Herz legen, ist wirklich für alle
Seiten von Vorteil. Unsere anonyme Musterperson kann beim Versuch
seines physikalisch eigentlich unmöglichen Rücktritts – also
nicht einmal aus Versehen – niemandem auf die Füße treten.

Wer mit dem Rücken zur Wand steht, hat
die ganz große Zukunft vor sich.

Wer zurücktritt, wer nach hinten
ausweicht, hofft möglichst bald die Wand im Rücken zu spüren, sein
Gesicht weiterhin in Würde zeigen zu können, sein Gesicht nicht zu
verlieren. Wer zurücktritt, hofft damit bestenfalls dem Doch
entgangen zu sein. Julius Cäsar hätte einst wohl besser mit dem
Rücken zur Wand gestanden.




120 Sekunden für eine gemischte Tüte

Ein gelesener Film mit Büdchen

 von Dirk Jürgensen …

Musikvideos gibt es reichlich. Wie sieht das eigentlich mit Lesungsvideos aus? Ich meine damit keine abgefilmten Lesungen mit jeweils einem Glas Wasser vor einem Publikum auf unbequemen Stühlen zwischen den Regalreihen eines Buchladens. Es geht um den Versuch, eine Geschichte aus den gemeinsam mit Maria Jürgensen und Michael Schumacher entstandenen Büdchengeschichten – einem mit einigen Chansons gewürzten literarischen Bühnenprogramm unter dem Titel „Die gemischte Tüte“ – etwas anders als gewohnt zu präsentieren. Die Musik fehlt, dafür sind die Bilder hinzugekommen.

Meine Geschichte der „120 Minuten für eine gemischte Tüte“ wurde von Magnus Jürgensen visualisiert. Man findet ihn, nein, seine Filme unter mjuer.de und anderswo im weltweiten Internet. Projektanfragen können an ihn gerichtet werden.

Das Copyright für den Text, für das gesprochene Wort liegt bei mir, Dirk Jürgensen, das für die Visualisierung bei Magnus Jürgensen. Die Weiterverbreitung sollte also immer mit diesem Hinweis geschehen.




Der Markt ist definierter als der Verstand

Vom Komparativ der Gangstas

 von Dirk Jürgensen …

Es kann gut sein, dass ich aufgrund altersbedingter Schwerhörigkeit den Bang nicht gehört habe und mich auf diesem Wege im erweiterten Kollegahskreis erkundigen muss. Aber wozu soll das Internet denn sonst gut sein?

Sprache verändert sich. Auch und gerade auf der Straße, in der Hood eben. Wo eine Frau heute als Bitch bezeichnet wird, wurde sie einst nur leicht abgeschwächt sexistisch Keule oder Alte genannt. Bemerkte man in ihrem Umfeld einen neuen Freund, handelte es sich um ihren aktuellen Stecher, obwohl man gar nicht einschätzen konnte, ob dieser zu seinen vermuteten koitalen Fähigkeiten keine weitere aufweisen konnte. Ja, Sprache verändert sich, wird verändert und das Verständnis hinkt hinterher. Nicht nur im Milieu der Karussellbremser.

So spüre ich nicht erst seit dem großen Presseecho auf die bekannte Preisverleihung bei einem bestimmten Wort Unverständnis. Sprache verändert sich und Worte erhalten neue Bedeutungen. Normal. Das ist so, seit – so lautet meine aus wissenschaftlicher Luft gegriffene Vermutung – seit die erste aufrecht gehende Frau das Bedürfnis äußerte, mit ihrem männlichen Mitbewohner des Baumes oder der Höhle sprechen zu müssen. Heute arbeiten die Medien, die Politik, die Werbung, die Kunst gemeinsam mit der Jugend an der Veränderung unserer internationalen Sprachen und an der Neudefinition von Begriffen.

Neudefinition, Definition, definieren. Da haben wir ihn, den Begriff, den ich bis in der jüngeren Vergangenheit stets mit recht großer Sicherheit begreifen, definieren konnte. Das ist nun nicht mehr so.

Bislang war ich mit diesen erfolgreichen Erklärungen sehr zufrieden, die so ähnlich bei Wikipedia nachzulesen sind:

Eine Definition (lateinisch definitio »Abgrenzung«, aus de »(von etw.) herab / weg« und finis »Grenze«) ist je nach der Lehre, der hierbei gefolgt wird, entweder

  1. die Bestimmung des Wesens einer zu erklärenden Sache,
  2. die Bestimmung eines Begriffs,
  3. die Feststellung eines tatsächlich geübten Sprachgebrauchs, also wie ein Wort oder Begriff zu verstehen ist oder
  4. die Festsetzung oder Vereinbarung eines solchen in der Sprachwissenschaft,
  5. als Legaldefinition die Bestimmung eines Rechtsbegriffs in der Rechtswissenschaft.

Die in dieser Erklärung fehlende Neudefinition der »Definition« ist mir vor einiger Zeit in einem Werbespot aufgefallen, als es um eine vermutlich einzigartige Wimperntusche ging, von der behauptet wurde, dass sie die Wimpern der Zielgruppe definieren könne. Nicht betonen, besonders hervorheben, schöner machen, nein »definieren« soll das Zeug. Der Wimperntusche wurde von den Werbetätigen also eine linguistische oder juristische Unterscheidungsfähigkeit zugesprochen.

Ich denke, die kosmetische Farbe mag noch so hochwertige Inhaltsstoffe aufweisen und Schönheitswunder vollbringen, aber an dieser Stelle geht es wohl doch zu weit. Denn weder erklärt mir dieses Produkt das Wesen der Wimpern als solche oder was Wimpern im allgemeinen Sprachgebrauch beschreiben, noch hilft sie dem um Gerechtigkeit ringenden Richter bei einer sachgerechten Entscheidung.

So habe ich mich anlässlich dieses Textes zu einer weiteren Recherche verführen lassen. Wie ich dabei erfahren konnte, ist besonders in den einschlägigen Muckibuden der Republik davon die Rede, man müsse seinen Körper oder zumindest spezielle Muskeln und Muskelpartien »definieren«. Unbedarft, wie ich nun einmal bin, wollte ich total vergreister Gestriger schon den sich an den dortigen Folterinstrumenten Gefesselten gerne empfehlen, sich nicht dieser körperlichen Quälerei auszusetzen, sondern einen kleinen Ausflug in die Stadtbücherei zu wagen. Dort könne man sich ein einigermaßen populärwissenschaftliches Werk ausleihen, das die Leserin und den Leser in die Welt der Anatomie geleitet. Und das zu einem Preis, bei dem kein Fitnessabo standhalten könnte. In derartigen Büchern würde der Bizeps als Skelettmuskel des Oberarms und der Schließmuskel des Popos als Ringmuskel defininiert. Ganz ohne Schweiß. Vermutlich könnte beim Überfliegen der Einleitung bereits der ganze menschliche Körper definiert werden. Vielleicht in dieser Art:

Der (menschliche oder auch tierische) Körper ist die materielle Einheit, die Masse eines Lebewesens, in dem sich alle Knochen, Organe usw. befinden.

Definitionen bedürfen also eher geistigen als körperlichen Trainings und ein somit definierter Körper benötigt zur Untermauerung ihrer Abgrenzung von anderen Dingen keine Eiweißzufuhr. Man kann die Quantität und Qualität des Trainings definieren. Man kann den Körper als muskulös oder schwammig definieren, doch allein die Aussage, ein Körper, ein Muskel oder ein Wimpernhaar sei definiert, sagt überhaupt nichts aus. Ihr sollte bei Interesse immer die Frage folgen, als was dieses Objekt der Definition definiert ist. Auch kann man das Wort „Definition“ niemals im Komparativ gebrauchen. Etwas kann definiert werden, jedoch niemals definierter sein als. Oder neuerdings doch?

Sicher haben Sie längst bemerkt, worauf mein Beitrag hinaus möchte und Sie werden sagen, dass ich anhand meiner Rechercheergebnisse durchaus selber feststellen könnte, was ein selbsterkorenener Gangstarapper in seinem gelebten Traum, als echter Gangster im Knast zu sitzen oder bei einer Schießerein unter Gleichgesinnten ums Leben zu kommen, damit ausdrücken möchte, wenn er seinen Körper für definierter als den eines Opfers des Naziterrors (seines Opfers?) hält. Er hält ihn in erschreckender Banalität für durchtrainierter. Das ist ebenso doof wie respektlos. Und hätte es in meiner Jugend bereits die Variante dieser eher bildungsfernen Kunstrichtung des Sprechgesangs gegeben, wäre der Sixpack unter der Goldkette des Rappers wohl mit dem aufgedunsenen Bauch eines in Biafra verhungernden Kindes in Konkurrenz getreten. Beide Vergleiche sind gleichermaßen geschmacklos, menschenverachtend, frei von jeder Empathie, auf den bloßen Skandal aus und vor lauter Dummheit strotzend hemmungslos.

Die Frage ist natürlich, ob die auch noch mit einem Musikpreis ausgezeichneten Gangstas tatsächlich so bildungsfern sind, wie sie sich geben, oder ob sie in Wirklichkeit mit Intelligenz und Absicht ihre Botschaften in die Hirne ihrer kritiklosen Jünger setzen, die der Einfachheit halber Provokation für Revolte halten und faschistoide bis faschistische Parolen als vollkommen normal empfinden / begreifen / definieren.

Bei genauerer Überlegung ist es übrigens nichts Besonderes und der vor Kraft fast platzenden Ausdrucksweise der Rapper nicht gerecht werdend, seinen vom Wohlstand geprägten Körper für schöner oder irgendwie besser als den eines Verhungernden zu halten. Eine besondere Leistung, auf die man stolz sein kann, steckt ganz sicher nicht dahinter. Ganz im Gegenteil, sie ist lächerlich.

Es ist jedoch verharmlosend, die verwendeten Rhymes als bloße Hülsen, als sinnentleerte Sprüche anzusehen, die erst dann beängstigend wirken, wenn man sie zu definieren versucht. Sie sind allein schon daher beängstigend, weil sie nicht einmal Ironie beinhalten, ihre Autoren und Interpreten an keiner Stelle zur Selbstironie fähig sind, sie leichtfertig oder absichtlich Abgrenzung legitimieren. Zudem in einem Kontext, der vor antisemitischen Plattitüden und Parolen, Sexismus, Schwulenhetze, Gewaltphantasien und Entmenschlichung nicht zurückschreckt.

Der schlimmste Horror ist, dass all das auch noch marktkonform ist. Es findet Kunden, generiert Millionenumsätze und sichert damit den monetären Erfolg. Das suggeriert Qualität, wo keine ist. Kein anderes Ziel als die Unterstützung des jeweiligen Marktwertes und ökonomischen Erfolgs hat der Echo. Um diese Form der kapitalistisch orientierten Schwarmdummheit also im Komperativ der prämierten Gangstas auszudrücken:

Der Markt ist definierter als der Verstand.




Zurück zum Eisbein?

Wieviel Deutschland gehört zu Deutschland?

 von Dirk Jürgensen …

Angst vor dem Minarett?

»Alle Religionen seindt gleich und guht, wan nuhr die Leute, so sie profesieren, erliche Leute seindt, und wen Türken und Heiden kähmen und wolten das Land pöbplieren, so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen.«

Der Fußball gehört nicht zu Deutschland, der ist in England zuhaus.

Die Gotik gehört nicht zu Deutschland, sie ist in Frankreich entstanden.

Die Nudel gehört nicht zu Deutschland, vielleicht noch nicht einmal zu Italien, denn sie wurde in China erfunden.

Die Kartoffel, das weiß jeder, gehört keinesfalls zu Deutschland, denn die kommt aus Südamerika.

Der Wein gehört auch nicht zu Deutschland, der stammt aus dem Kaukasus.

Das Christentum gehört nicht zu Deutschland, das entwickelte sich aus dem Judentum im römisch beherrschten Israel.

Der Mensch gehört nicht zu Deutschland, der kommt aus Afrika. Es könnte sogar sein, dass nicht einmal die Bayern nicht zu Bayern gehören, denn die stammen vermutlich von den Elbgermanen ab. Die lebten vorher entlang der Elbe bis hinunter nach Böhmen und Mähren. Da wird also ein gehöriger Anteil auch nicht zu Deutschland gehören.

Ja, wieviel Deutschland gehört eigentlich zu Deutschland? Wollen wir angesichts dieser »Problematik« in letzter Konsequenz wirklich auf Sushi, Döner und Pizza verzichten und wieder regelmäßig zum Eisbein greifen – ohne zu wissen, ob das Spenderschwein überhaupt aus Deutschland stammt?

Immer, wenn wir etwas genauer hinschauen, gehört kaum etwas zu Deutschland, das sich heute in innerhalb der Landesgrenzen befindet. Aber trotz dieser Zugehörigkeitsverwirrung gibt es dieses Land noch und es leben Menschen darin. Manche sogar einigermaßen gerne und ohne ständing danach gefragt zu werden, ob sie dazugehören, dazugehören wollen oder nicht. Dabei ist es ganz einfach:

Wenn auch nur einer der hier Lebenden an die Wiederauferstehung des Großen Kürbisses glaubt, dann gehört auch sein Glaube zu Deutschland, wie auch der Spott der Übrigen dazugehört.

Große Geister der Geschichte, Kunst und Technik gehören zu Deutschland, wie ein schreckliches historisches Erbe mit seinem vegetarischen Despoten, eine Reihe kaum verständlicher Dialekte und Sprachen, eine Zeit des Friedens und der Aussöhnung mit den ehemaligen Feinden zu Deutschland gehört. German Angst, german Zuverlässigkeit, made in germany und leider – ich sage das nur schweren Herzens – gehört sogar Pegida zu Deutschland.

Sicher würden wir uns freuen, wenn nur positive, jedem Einzelnen genehme Dinge zu Deutschland gehörten, aber das kriegen wir doch nicht einmal mit unseren ganz eigenen, persönlichen Eigenschaften zwischen Fett- und Magersucht hin. Wie soll das denn mit Deutschland klappen?

Im Geiste der Aufklärung und Toleranz waren wir schon einmal viel weiter, als es unser aus seiner eigenen Heimat Bayern vertriebene Heimatminister Seehofer vermuten lässt.So wurde in Preußen einst die Frage aufgeworfen, ob römisch-katholische Schulen aufgrund ihrer Unverträglichkeit abgeschafft werden sollten. Die dazugehörige Eingabe kommentierte Friedrich der Große:

»Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden und Mus der Fiscal nuhr das Auge darauf haben, das keine der andern abrug Tuhe, den hier mus ein jeder nach seiner Fasson Selich werden.«

Ob es nun richtig war und ist, als Staat überhaupt religiös ausgerichtete Schulen und eine derart seltsame Orthographie zu dulden, sei dahingestellt, aber dieser Grundsatz der Toleranz, nach dem »jeder nach seiner Fasson glücklich« werden soll, bietet uns eine angenehm allgemeinverständliche Kurzfassung des kathegorischen Imperativ Kants, dessen Ethik ganz sicher zu Deutschland gehört. Und als im Jahr 1740 auch noch Vertreter der Stadt Frankfurt am Main in Potsdam anfragten, ob denn gar ein Katholik in einer evangelischen Stadt Bürgerrechte erhalten dürfe, erhielten sie vom Alten Fritz die passende und von großer Entspanntheit geprägte Antwort:

»Alle Religionen seindt gleich und guht, wan nuhr die Leute, so sie profesieren (= ausüben), erliche Leute seindt, und wen Türken und Heiden kähmen und wolten das Land pöbplieren (= bevölkern), so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen.«

Bekanntlich war Friedrich der Große Preuße. Ist es damit logisch, dass eine derart fortschrittliche Einstellung auch heute noch nicht zu Bayern gehört? Zu Deutschland – zum von den Deutschen bei jeder Gelegenheit so gern herbeizitierten »gesunden Menschenverstand« – sollte sie jedoch unbedingt gehören. Aber gehört Bayern – siehe oben – zu Deutschland? Es kommt immer drauf an.

Ich habe übrigens in meiner Heimatstadt Düsseldorf noch niemanden fragen hören, ob denn der Buddhismus und der in Japan hauptsächlich ausgeübte Shintoismus zu Düsseldorf gehören. Hoffentlich liegt es nicht allein daran, dass die hier lebenden Japaner – die sogar immer wieder mit Stolz als Bereicherung der Landeshauptstadt erwähnt werden – einfach nur viel wohlhabender sind, als die meisten zugereisten Moslems. An der engen Verbindung des Shintoismus zum ultrarechten Nationalismus Japans, der viele seiner Anhänger noch immer die »Heldentaten« aus dem Zweiten Weltkrieg verherrlichen lässt, liegt es wohl nicht. Geld, ja diese Religion gehört zu Deutschland.

Eine Placebodiskussion

Doch genug davon. Ich tappe selber immer wieder in diese Falle, obwohl ich mir darin sicher bin: Wir sollten uns besser darüber klar werden, dass dieses ständige Fragen danach, ob irgendwelche Dinge, Glaubensrichtungen, Ideen oder sexuelle Praktiken zu Deutschland gehören, nur dazu da ist, Placeboprobleme zu schaffen, die von der Behebung tatsächlicher Missstände ablenken. Wer sich mit der Diskussion darüber, ob der Islam zu Deutschland gehört, die Zeit vertreibt, wird in all der Ausgrenzung von Realität kaum noch in der Lage sein, unsere sterbenden Sozialsysteme zu reformieren, sie zu neuem Leben zu erwecken.
Erst wenn alle etwas von ihnen haben und nicht nur Versicherungen und deren Anteilseigner, wenn beispielsweise ein Gesundheitsminister Spahn seine Politik nicht nach seinen gewinnorientierten Freunden in der Lobby ausrichtet, wenn Konzerne sich über Steuerzahlungen am Gemeinwohl beteiligen, haben wir in Deutschland endlich mehr Kraft und Muße, unsere Toleranz und die Integration von Minderheiten und schweigenden oder schimpfenden gefühlen wie tatsächlichen Mehrheiten in ein solidarisches Leben etwas intensiver zu pflegen. Denn sie gehört zu Deutschland, weil ich es so will, weil ich zu Deutschland gehöre, obwohl es mir manchmal verdammt schwerfällt.




Termine

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https://www.youtube.com/watch?v=HAoGGIbBcSY

Video/Motion Design: Magnus Jürgensen


Programm der Alten Backfabrik01.10.2017

Der Berg liest

–> Maria Jürgensen, Dirk Jürgensen und Michael Schumacher sind drei von 24 Autoren, die im Rahmen von“Der Berg liest – Das Lesefestival“ in der alten Backfabrik aus ihren Werken lesen. Gesungen wird auch.

Michael Schumacher – liest ab 12 :30 Uhr aus „Zeitlinien“

Maria Jürgensen – liest ab 13 Uhr aus ihrem Menschenskind-Programm und singt

Dirk Jürgenesen – liest um 13 Uhr 30 und 21 Uhr aus „Norderschauholm“.

Eintritt frei

Beginn: 10 Uhr

Ort: Alte Backfabrik, Marienstraße 52a, 42105 Wuppertal

Dieser Termin ist leider Geschichte. Hier gibt Eindrücke von diesem herrlichen Fest der Worte.


Menschenskinder - © Entwurf: www.wittinghofer.de31.10.2017

Menschenskind

–> Drei Autoren und ein Pianist erzählen uns etwas vom Leben. Gewürzt werden Missgeschicke, Begegnungen, Skurrilitäten und Erinnerung mit einer Prise Chanson und einer großen Portion Melancholie und Witz.

Mit von der Partie sind Detlef Burket (Pianist und Sänger), Dirk Jürgensen (Autor), Maria Jürgensen (Autorin und Sängerin), Michael Schumacher (Autor).

Eintritt frei

Beginn: 19 Uhr 30

Ort: Sebastianushaus, Sebastianusplatz 9, 41516 Grevenbroich-Hülchrath


05.11.2017

Lesesession Borken

–> Gewandte Vorleser und Autoren tragen ihre Lieblingstexte vor, die entweder aus eigener Feder oder dem Bücherschrank stammen. Das Ganze wird begleitet von Musik. Maria Jürgensen und Michael Schumacher sind diesmal ebenfalls bei Claudia Wiemer in Borken zu Gast.

Eintritt frei

Beginn: 17 Uhr

Ort: FARB Forum Altes Rathaus Borken, Wilbecke 12, 46325 Borken


 




Fotografische Entschleunigung

30 Sekunden – Eine halbe Minute Ewigkeit

 von Dirk Jürgensen …

Das Thema »Zeit« geht uns nicht aus den Köpfen. Ob wir unser Privatleben planen, die Arbeit uns Zeit stiehlt, versaut oder Erfüllung bringt, ob wir die Wochen und Tage bis zum Urlaub zählen oder das, was uns vom Leben übrig bleibt, ob wir auf den Bus warten oder im Stau stehen, die Zeit beschäftigt uns immer – besonders wenn wir von der so notwendigen »Entschleunigung« reden.

30 Sekunden © Jürgensen - DüsseldorfSo lag es für mich nicht fern, der Zeit ein Fotoprojekt zu widmen, eine künstlerische Annäherung an das Thema zu suchen. Denn besonders in der Fotografie ist die Zeit ein außerordentlich einflussreicher Aspekt.

Normalerweise, wir erwarten als Ergebnis in der Regel ein scharfes, nicht verwackeltes Bild, konserviert ein Foto einen Zeitabschnitt, der nur hundertstel oder tausendstel Sekunden währte. Es täuscht uns das, was mit dem Klacken des Verschlusses schon längst Vergangenheit wurde, als ewige Gegenwart vor. Mit ihrem Einfrieren des Bruchteils einer Sekunde ist die Fotografie ein Hilfsmittel für unsere oft zu fahrige Wahrnehmung und gleichzeitig eines für unsere unpräzise Erinnerung. Wir wollen das so und akzeptieren damit die zeitlich winzige Wirklichkeit eines Fotos als Wirklichkeit des Lebens.

Versucht man in der Fotografie Zeit sichtbar zu machen, gibt es die Möglichkeit mit Serienaufnahmen Veränderungen, Bewegungen und Abläufe in Sequenzen einzuteilen. Jedes Bild für sich ist dann wieder ein kurzer und für sich abgeschlossener Ausschnitt aus der Zeit. Den zwischen den einzelnen Bildern entstandene Zwischenraum füllt unsere Phantasie, so, wie auch ein Film aus vielen Einzelaufnahmen besteht und die Geschwindigkeit des Bildwechsels uns den lückenlosen Fluss des Geschehens vorgaukelt.

Eine andere Möglichkeit ist die, die Belichtungszeit zu verlängern, sie in einen Bereich zu bringen, den wir glauben, mit unserer Wahrnehmung erfassen zu können. Sagen wir, eine halbe Minute. Müssen wir eine halbe Minute warten, kann das eine Ewigkeit bedeuten, doch erleben wir gerade einen großen Genuss, gehen 30 Sekunden viel zu schnell vorbei. Beim Fotografieren selbst bedeuten 30 Sekunden oft eine Ewigkeit, eine Zeit, in der man sich mit dem Drücken des Auslösers dem Zufall aussetzt. Stellt man sein Kamerastativ beispielsweise in einer Fußgängerzone auf, möchte die Bewegung eines Passanten verfolgen, dreht er sich unerwartet um, ein Kind läuft ihm in die Quere und die eben noch schlaff am Mast hängende Fahne im Hintergrund wird von einer Windböe erfasst. Wer mit einer Belichtungszeit von einer halben Minute fotografiert, erfährt die Ewigkeit solcher Momente.

Wie sehr sich dieser Zufall sich auch an der Bildkomposition beteiligen mag, immer ist das Ergebnis ein Dokument dessen, was innerhalb seines Erfassens geschah, eines, das aber auch zeigt, wie flüchtig die Ausdehnung der Zeit dieses Geschehen macht. Menschen, Tiere, Dinge in Bewegung verwandeln sich in ihre eigenen Spuren, sie werden durchsichtig, verschwinden bei schneller Bewegung ganz. Was bleibt, ist die Position der Ruhe, nicht die der Eile. Die Hektik der Innenstadt verwandelt sich in eine indifferente Wolke, wird letzthin aufgelöst.

So würde ich mich freuen, wenn der Bildband mit einer Auswahl meiner Fotografien, die konsequenterweise alle mit einer Belichtungszeit von 30 Sekunden entstanden, der Wahrnehmung der Zeit ein kleines Stück Geschwindigkeit nehmen könnten.

Wir reden so viel von Entschleunigung. Auch sie ist eng mit einer bewussten Wahrnehmung von Zeit verbunden. Vielleicht mögen Sie in diesem Zusammenhang mein künstlerisches Experiment sogar für sich selbst fortsetzen, indem Sie sich einfach(?) die Zeit nehmen, sich eine der im Buch versammelten Fotografien herausgreifen und sie eine halbe Minute lang anschauen, so lange, wie die Kamera benötigt hat, das Bild aufzuzeichnen. Ich würde mich freuen zu erfahren, was Sie sehen, was bleibt.


Das Bilderbuch »30 Sekunden – Eine halbe Minute Ewigkeit« (ISBN:978-3-744-85498-6) hat 52 Seiten im handlichen Format von 21x15cm mit zahlreichen Schwarzweiß- und Farbaufnahmen und kann in Deutschland für 8.50 € überall dort erworben werden, wo es Bücher gibt. Ihr lokaler Buchhändler wird es gerne für Sie bestellen.

Wenn Sie es partout nicht vermeiden können, dürfen Sie es natürlich auch bei Amazon oder über die folgende Box beim BoD-Bookshop ordern.

Weitere Informationen zu diesem Projekt finden Sie unter knipsenundtexten.de im Netz.

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Norderschauholm

Die Entstehung einer Chronik

 von Dirk Jürgensen ...

Norderschauholm ist ein kleines Dorf auf einer Halbinsel an der Ostseeküste Schleswig-Holsteins. Suchen Sie es nicht auf der Landkarte, bemühen Sie nicht Google-Earth. Sie verschwenden nur Ihre Zeit, denn dieses Dorf ist meine Erfindung.

Heutzutage gilt alles, was man sich vornimmt, als ein Projekt. Gut, dann ist Norderschauholm eben ein literarisches Projekt, bei dem Sie mich begleiten können. Es ist ein Projekt, das noch an seinem Anfang steht und hoffentlich in einigen Monaten, viel eher in einigen Jahren, zu einem guten Ende kommen wird.

So ist der Plan: Norderschauholm wird aus einer lockeren Reihe von Geschichten über seine Bewohner und Besucher – von denen übrigens der Verfasser selbst einer ist – entstehen, die in sich durchaus geschlossen sein können und dennoch immer miteinander verwoben sind.

Ich schreibe die Geschichten nicht chronologisch aufeinander folgend auf, vielmehr entwickeln sich Zeitläufte, Vorgänge und menschliche Typen intuitiv, ich habe Ideen, kenne bereits einige Hauptfiguren, finde autobiographische Einwürfe, Erfahrungen und möglichst meinen Kurs, doch bin ich gespannt, wie oft ich von diesem abweichen werde, welche neuen Ideen und neue Geschichten die Kursabweichungen hervorbringen werden.

An dieser Stelle werde ich immer wieder Episoden aus der so entstehenden Norderschauholm-Chronik vorstellen, Rohversionen dessen, was irgendwann einmal überarbeitet und in eine passende Reihenfolge gebracht als Buch erscheinen soll. Aus diesem Grund werden ich mir niemals die Mühe machen, die Texte dem Leseverhalten im Internet oder den Algorithmen der Suchmaschinen entsprechend zu optimieren. Ich bitte dafür um Ihr Verständnis und vermute, Sie werden es haben und sich wie ich auf ein Norderschauholm freuen, das sich das Ziel gesetzt hat, sich als winzige Utopie in unseren Köpfen festzusetzen. Denn Dystopien gibt es genug.

Los geht’s!




Menschenskind

Auswärtsspiel in Wuppertal

 von Dirk Jürgensen ...

Eine Lesung mit Musik mit Michael Schumacher, Maria Jürgensen und Dirk JürgensenDer Sommer hat noch nicht einmal begonnen, da laufen schon die Vorbereitungen für seine Hochphase. Am 16. Juli präsentieren wir, das sind Maria und Dirk Jürgensen gemeinsam mit unserem wunderbaren Freund Michael Schumacher in Wuppertal neue Geschichten und etwas Gesang unter dem Titel „Menschenskind“.

Menschenskind!

Ein Ausruf des Erstaunens, der Empörung und der Begeisterung – und irgendwie das, was wir alle sind.

Drei Autoren erzählen also etwas vom Leben.
Gewürzt werden Missgeschicke, Begegnungen, Skurrilitäten und Erinnerung
mit einer winzigen Prise Chanson und einer großen Portion Melancholie und Witz.

Michael Schumacher – Seit knapp drei Jahren treibt der gebürtige Wuppertaler sich nach einer mehrjährigen Pause wieder auf Bühnen herum, moderiert und organisiert in seinem Wohnort Xanten Poetry Slams und ist auch mit Prosa und Lyrik auf Lesebühnen zu hören.
Im Duo mit Ralph Beyer ist er mit dem Programm „Die tun euch nichts, die wollen nur lesen“ unterwegs. Morgens trinkt er Kaffee, danach Tee. Aufgewachsen im Bergischen Land, wohnt er jetzt grauhaarig und gerne am Niederrhein. Frei nach der rheinischen Lebensweisheit: Et is so, aber auch mal so. Was sagt das über seine Texte? Nichts. Oder alles. Je nachdem.

Maria Jürgensen schreibt, liest, singt, fotografiert und malt und macht ein bisschen davon auch vor Publikum. Sie schrieb für das Kulturmagazin „Einseitig.info“ und ist Autorin von Kurzprosa und Kolumnen. Als Mitglied des Netzwerks freier Kulturjournalisten war sie Mitorganisatorin und Jurorin des „Joseph-Heinrich-Colbin-Preises“. Wer mehr von ihr lesen will, findet sie genau hier.

Dirk Jürgensen wechselt gern vom Fotokünstler zum Autor und umgekehrt.
Als Mitbegründer und Schreiber des inzwischen legendären Online-Magazins „Einseitig.info“ war er Mitorganisator und Juror des „Joseph-Heinrich-Colbin-Preises“. Er ist Herausgeber einer deutschsprachigen Version des Finanzblasenklassikers „Das vergoldete Zeitalter“ von Mark Twain und Charles Dudley Warner. Gemeinsam mit seiner Frau versorgt er  dasvergoldetezeitalter.de mit Texten. Seine Fotografien sind im Netz unter knipsenundtexten.de und in einer Reihe handlicher Bildbände zu finden.

Die Veranstaltung findet im Wuppertaler Weltkulturladen statt, beginnt um 20 Uhr und der Eintritt ist frei, Spenden werden jedoch gerne entgegengenommen.

Weltkulturladen
Röttgen 102
42109 Wuppertal

Weitere Informationen gibt es bei Facebook.





2016 – Ein Jahr für Egomanen

Demokratie im Selbstzerstörungsprozess

 von Dirk Jürgensen ...

Der Autor dieser Zeilen hat sich entschieden, das Jahr 2016 nicht mit einem Rückblick zu versehen. Zu oft müsste er seinen recht deprimierten Rückblick auf das Jahr 2015 zitieren und noch ein paar weitere dunkle Töne beimischen. 2016 war ein Erfolgsjahr für Egomanen, der Nationalismus greift weiter und immer stärker um sich – sogar bei uns in Deutschland, wo wir es doch wirklich besser wissen müssten. Zuletzt hat dann auch die Präsidentschaftswahl in den USA bewiesen, dass es immer auch noch schlimmer kommen kann und der Begriff der Schwarmintelligenz zumindest im Politischen ein sehr fragwürdiger ist.

Der Schwarm ist es, der den weltweiten Selbstzerstörungsprozess der Demokratien beschleunigt. Zerstörung und Zurückentwicklung statt Verbesserung und Fortschritt heißt die Devise, die mit diffusen Ängsten legitimiert wird, die man uns viel zu lange hieß ernst zu nehmen. Dabei hat das Umtätscheln der höchst informationsresistenten besorgten Bürger sie zum Schwarm werden lassen. „Postfaktisch“ wurde auch in diesem Zusammenhang zum würdigen Wort des Jahres 2016. Es scheint so, dass die jahrelange Lektüre der Bildzeitung und das Zurückziehen in eine ganz eigene kleine Welt des ach so einflusslosen „kleinen Mannes“ zu einer Überforderung angesichts der heutigen Informationsvielfalt geführt hat. Erschwerend kommt hinzu, dass das die Presse längst ablösende Medium Facebook immer nur die eigene Meinung stärkt, anstatt das Weltbild zu entfalten. Sogar dumme und falsche „Fakten“ dienen dem Jeweiligen Status quo. Nebenbei sei die Frage erlaubt, ob die derzeit aufkeimenden Debatte um die Verhinderung von „Fake News“ auch in der Redaktion der Bildzeitung als Drohung empfunden wird?

Establishment? Welches Establishment?

Der Autor, der in den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts politisch sozialisiert wurde, der dem Establishment als Klasse einer reichen Machtelite durchaus immer kritisch begegnete, fragt sich, was die heutigen Kritiker des Establishments überhaupt unter diesem recht englischen Wort verstehen. Was ist das für ein Establishment, das überall und jetzt bekämpft werden soll, wenn man einen Donald Trump zum Präsidenten wählt? Einen, der genau jener Clique angehört, die man zu bekämpfen vorgibt. Wählt man ihn nur, weil er sich einer Ausdrucksweise bedient, die außer Dummschwätzerei und gröbster Beleidigung kaum Alternativen kennt, weil er ein so herrlich unerzogener und gemeiner Egomane ist, wie man es nie sein durfte? Political correctness ist zum Schimpfwort mutiert und niemand stellt die Frage, ob diese neue incorrectness hilft, wenn sie größtenteils aus Lügen und Blendereien besteht?

Protestwahl dient keinem Selbstzweck

Immerhin zeigt Trump schon jetzt ganz deutlich, wozu es führt, wenn man politisch ahnungslos allein aus Protest irgendjemanden, den lautesten und frechsten Kandidaten wählt. Protestwahl dient niemals einem Selbstzweck, hinterher kommt es genau anders herum, als man es wollte. Trump holt einen Außenminister aus der Ölindustrie, der sich herrlich mit dem anderen Egomanen in Russland versteht. Trump holt einen Finanzminister aus dem Umfeld genau jener Bank, die eine der Hauptrollen in der Krisenauslösung gespielt hat, die so viele seiner Wähler in die Armut trieb. Ein Kabinett reinen Establishments. Noch jubeln seine Anhänger, er würde die Regierung endlich wie eine Firma führen wollen. Eine Firma, das wird nur zu gerne übersehen, die auch pleitegehen kann, wie es auch Trump mit einigen seiner Firmen erlebt erlebt und erfolgreich verdrängen konnte.

Trump ist das Sinnbild für den absoluten Sieg des Kapitalismus, wenn man will, auch des Ablegers mit dem Namen Neoliberalismus. Der sogenannte Amerikanische Traum, in dem unzählige Tellerwäscher zu Millionären wurden, soll wieder im ganzen Land geträumt werden. Wohlgemerkt, geträumt soll er werden. Gelebt wurde er noch nie, denn dass der Kapitalismus immer nur temporär zu einem breit angelegten Wohlstand führt, wenn man ihn nicht mit ganz engen Zügeln fasst, dass er immer ein Spiel von wenigen Gewinnern und vielen Verlierern ist, gelangt immer erst in das Bewusstsein seiner Jünger, wenn die nächste Krise auch sie erreicht. Ewiges Wachstum ist auch so ein Wunschtraum, der nicht Realität werden kann, der uns aber von jenen wenigen Gewinnern als Realität „verkauft“ wird, die in einer Krise nicht wieder bei Null beginnen müssen.

Kein Meister rettet den Zauberlehrling

Wir in Europa sollten uns einfach wieder an die paar Jahre Geschichtsunterricht in der Schule erinnern und daran denken, dass lauter Protest immer dann angemessen ist, wenn er der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Toleranz dient. Der Ruf nach einem starken Mann als Äußerung des Protests ist fatal. Die demokratisch gewählten Trump, Putin und Erdogan (es sind die markantesten Beispiele und die Liste könnte durchaus viel länger sein) sollten Mahnung genug sein.

Vielleicht ist der Wahlerfolg Trumps zumindest einigen Europäern eine Lehre, eine, die einen Wilders in den Niederlanden, eine Le Pen in Frankreich oder die unsäglichen Nein-ich-bin-kein-Nazi-aber-Verharmloser der AfD verhindern.

Political correctness heißt nicht, dass man sich in großen Koalitionen bis zum Tode kompromissbereit zeigt. Im Sinne der Grundrechte – der Menschenrechte – darf es keine Kompromisse geben. Das sollten auch jene Parteienvertreter und Kommentatoren wissen, die derzeit hoffen, dem Rechtsrutsch und den Rufen der „besorgten“ Bürger mit Thesen aus dem braunen Umfeld begegnen zu müssen. Mischt man einem Eimer mit roter oder schwarzer Farbe Braun hinzu, kann das Rot oder Schwarz hinterher nur schmutziger aussehen – eine nachträgliche Korrektur ist schwierig.

Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.

Das ist ein oft verwendetes und passendes Zitat, doch wir sollten nicht zu fest damit rechnen, dass den politischen Zauberlehrlingen im Parlament und auf der Straße mitten im größten Schlamassel Goethes Meister zu Hilfe kommt.

Populisten verbreiten keinen Spaß

Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass „Die Zeit“ kurz vor dem Jahresende in ihrer 52. Ausgabe an ein Jubiläum erinnert hat, das mir sehr am Herzen liegt. Zugegebenermaßen etwas uninspiriert – aber immerhin – erinnert die Wochenzeitung in ihrem Feuilleton an das vor 500 Jahren erschienene Werk „Utopia“ des Thomas Morus. Nun ist es sicher keine Binsenweisheit, dass „Die Zeit“ unter den „Lügenpresse“ skandierenden „besorgten“ Bürgern kaum Käufer findet, doch halte ich es für ein gutes Zeichen, dass überhaupt eine Zeitung an dieses Thema erinnert. Die Gegenwart verlangt angesichts der von den Populisten unterstützten und in ihrem Sinne verwendeten Schreckensbildern nach einer Wiederkehr der Utopie, der Vorstellung davon, wie Gesellschaft besser, gerechter und friedlicher funktionieren kann. Populisten nutzen die Ziel- und Bilderlosigkeit einer Gesellschaft rücksichtslos und leider sehr erfolgreich aus.

Wer meine hier zu findenden Beiträge zum Utopie-Thema kennt, der weiß, dass ich eine Utopie für ein Mittel halte, ein verständliches Bild von einer besseren Welt zu zeichnen, das sich anzustreben lohnt. Und um den üblichen Einwänden zu entgegnen: Niemals sollte davon ausgegangen werden, dass eine Utopie eins zu eins umgesetzt werden kann. Zu kompliziert ist diese Welt. Aber was nützt der Weg, wenn es kein Ziel gibt, das zu erreichen Spaß macht? Haben sie schon festgestellt, wie wenig Spaß die rechten Populisten verbreiten? Ihr Hass und der Wunsch nach Herrschaft und Abgrenzung ist kein wünschenswertes Bild einer friedlichen und freien Zukunft! Utopien können hingegen Optimismus und positives Handeln fördern. Sie erzählen nicht von einem religiös begründeten Totenreich, von keinem Paradies, für das man sterben muss, um hinein zu gelangen und für das bislang niemand eine wirklich nachweisbar gültige Eintrittkarte vorliegen konnte.

Der Geist der Utopie gehört in den Politik- und in den Wirschaftsteil der Zeitung

Wir müssen die Utopie nur wieder in unser Leben holen und darüber sprechen, ob die Menschen tatsächlich immer nur schlecht und korrupt sind, eine Idee von Gerechtigkeit zur Dystopie kippen. Dabei sieht man sich selbst doch immer auf der Seite der Guten. Was hindert uns „Gutmenschen“ also daran, die Utopien der historischen Autoren – nicht die Dystopien, mit denen sie oft verwechselt oder gleichgesetzt werden – zur Hand zu nehmen und selbst an einer neuen Utopie zu bauen? Mit etwas Engagement könnte der Geist der Utopien dann aus dem Feuilleton heraus sogar die Seiten der Politik und der Wirtschaft inspirieren, denn da gehört er hin.

Dieser Gedanke soll mein – wenn auch nur eine winzig kleiner – Hoffnungsschimmer auf ein besseres 2017 sein. Ein Schimmer, der auch auf dieser Internetpräsenz einst sichtbar werden soll. Spätestens dann wird die Facebook-Präsenz darunter leiden.

Hoffnung Utopie - Bild: ©Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Bild: ©Dirk Jürgensen – Düsseldorf




Das Bilderbuch vom Rheinturm in Düsseldorf

Anregungen für einen Spaziergang

 von Dirk Jürgensen ...

Vor einigen Monaten habe ich einen kleinen Fotoband herausgebracht, in dem der Düsseldorfer Rheinturm zahlreiche Cameo-Auftritte hat. Cameo-Auftritte sind jene Überraschungsauftritte, die man meist vom großen Alfred Hitchcock in Erinnerung hat. Gut, man kann auch sagen, dass der Rheinturm auf den 64 Seiten des kleinenBandes die Hauptrolle spielt. Aber das wäre dem Ansatz meines Fotoprojekts nicht gerecht geworden, denn es geht darum, was dieses schlicht-schöne Bauwerk uns Düsseldorfern bedeutet und wie es uns täglich begegnet.

Rheinturm - Bild: ©Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Rheinturm – Bild: ©Dirk Jürgensen – Düsseldorf

So ist diese Sammlung auf 64 Seiten eine Anregung für eigene Erkundungen geworden. Es lohnt sich, mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen, ihre teils recht verborgenen schönen Seiten zu entdecken. Natürlich darf sie auch Besuchern der Stadt am Rhein einen Anlass zu Spaziergängen jenseits von Königsallee, Rheinpromenade und Altstadt liefern. Es ist schon spannend, wie viele Sichtachsen, Durchblicke und Einblicke immer wieder neu gefunden werden können. So kann auch ich nach Fertigstellung des Bandes immer wieder nur feststellen, dass ich noch ganz viele wichtige Ansichten übersehen habe.

Vermutlich könnte das Bilderbuch niemals komplett werden.

Das moderne Wahrzeichen einer modernen Stadt

Der Rheinturm ist innerhalb kürzester Zeit zu einem bedeutenden modernen Wahrzeichen der Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens geworden. Das liegt vermutlich an seiner Lage direkt am Rhein, vielleicht auch an seiner überaus schlichten Architektur und sein Korrespondieren mit der Düsseldorfer Brückenfamilie. Sicher lassen sich auch noch zahlreiche weitere Gründe finden, warum die Düsseldorfer ihn so mögen und Besuchern immer wieder die an ihm angebrachte Dezimaluhr erklären. Auf jeden Fall ist der Rheinturm ein Hinweis darauf, dass Düsseldorf eine sehr junge Großstadt ist und sich erst in Zeiten der Industrialisierung von einer beschaulichen preußischen Provinz-Verwaltung zu einer dynamischen Metropole verwandeln konnte.

Der kleine Band wird im Print-on-Demand-Verfahren hergestellt und ist über den stationären Buchhandel, wenn es nicht anders geht, auch über die Online-Händler wie Amazon zu beziehen.

Rheinturm – Cameoauftritte eines Düsseldorfer Wahrzeichens
ISBN: 978-3-741-28557-8
Format 21×21 cm
Preis (in Deutschland) 8,50€

Weitere Informationen zum Buch.




2015 – Ein Jahr, das keinen Rückblick verdient

Die Rückwärtsbewegung hat weiter Fahrt aufgenommen

 von Dirk Jürgensen ...

Das Jahr 2015 liegt in den letzten Zügen und es wäre wieder einmal Zeit für einen Rückblick. Doch noch nie war die Arbeit an einer solchen Rückschau trostloser als heute. Daher, die Leser meiner früheren Jahresrückblicke an dieser Stelle und im leider nicht mehr existenten Online-Magazin Einseitig.info mögen mir verzeihen, weigere mich angesichts dieser Trostlosigkeit der Recherche, der Überprüfung, was denn erwähnenswert sein könnte. Meine Motivation weiter belastend kommt hinzu, dass es kaum auffiele, wenn ich meinen „Rückblick auf ein rückwärtiges 2014“ einfach erneut verwendete. Diesen leitete ich damals so ein:

„Der Jahresrückblick auf das nun auslaufende Jahr 2014 fällt recht kurz aus: Demokratien wie Diktaturen haben sich weltweit darauf geeinigt, zwischen Nationalismus, religiösem Fanatismus und Marktradikalität angesiedelten Bekloppten alle Freiheiten zu gewähren. Kein Zeitgenosse wird sich an mehr Krisenherde oder gar Kriege erinnern können, was nicht allein an der größeren Durchdringung unseres Bewusstseins durch weltweite Nachrichten liegt. Vernunft ist nur noch das Leitbild einer schweigenden Mehrheit – oder gar Minderheit? Man weiß es nicht, denn schweigend degeneriert jede Mehrheit zu Minderheit. Auch in diesem Sinne war 2014 zu großen Teilen ein Jahr der Rückwärtsbewegung.“ Danach ließ ich „eine auszugsweise Auflistung der Beklopptheiten“ folgen, die meine These von der Rückentwicklung der menschlichen Gesellschaften mühelos belegten.

Bild: ©Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Bild: ©Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Nun muss konstatiert werden, dass die dramatische Rückwärtsbewegung 2015 noch weiter Fahrt aufgenommen hat, dass schlimmste Befürchtungen noch übertroffen wurden:

Bekloppte Fanatiker stürmten und mordeten in der Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo.

  • Ein bekloppter Pilot ließ eine vollbesetzte Passagiermaschine an einem Berg zerschellen.
  • In den Krisenherden dieser Welt werden täglich so viele Menschen Opfer von Fanatismus und Gewalt, dass der Massenmord vom November in Paris in globaler Sicht beinahe als nebensächlich empfunden werden könnte – und natürlich nicht darf.
  • In Deutschland – also in einem Land, dessen Bürger es wahrlich besser wissen müssten – brennen Flüchtlingsheime und es dürfte sogar sein, dass die Eltern oder Großeltern der aus unerfindlichen Gründen selten rechtsradikalen Brandstifter einst selbst Flüchtlinge waren. Pegida, AfD, Le Pen, Orban und wie all die Ableger der rückwärtsgerichteten Ideologien auch heißen, geben ihnen das moralische (sic!) Fundament für ihre Taten. Sicher, die bestreiten es und werden, sollte es noch schlimmer werden, die Folgen ihrer Reden weder erahnt noch gewollt haben. Wir kennen das.
  • International verkommen Demokratien mehr und mehr zu Castings und in der Folge zu Veranstaltungen zur Wiederwahl angehender und bereits fertig entwickelter Despoten.

Man kann so viel erahnen und muss dabei noch nicht einmal diversen Chemtrails am Himmel oder anderen Verschwörungstheorien folgen. Mit etwas Mühe schafft das jeder Mensch, der einen Rest von diesem – wie heißt dieses so oft und gern missbrauchte oder einfach nur falsch verstandene Ding noch? Ach ja – gesunden Menschenverstand besitzt und die Finger von der Bildzeitung lässt. Aber was macht dieser Mensch?

Er sieht zu, wie die europäische Idee der Solidarität, der Freiheit und der Gemeinsamkeiten zuerst zur bloßen Solidarität mit staatstragenden Banken verkam und nun vom längst für vermodert gehaltenen Nationalismus verdrängt wird. Er hört, dass die Verhandlungen über ein ihn in allen Lebensbereichen betreffendes Freihandelsabkommen (T-TIP) einer strengen Geheimhaltung unterliegen, eine öffentliche Diskussion von den demokratischen Institutionen ferngehalten wird. Er geht nicht auf die Straße, um gegen den Waffenexport, gegen den demokratiefeindlichen Lobbyismus, gegen die menschenverachtenden Auswirkungen der Globalisierung zu demonstrieren. Nein, er demonstriert gegen die Flüchtlinge, die er auch aufgrund seiner vorherigen Interesselosigkeit erst zu solche hat werden lassen. Seine Interesselosigkeit schreibt er dann auch noch der allgegenwärtigen Lügenpresse zu. Wählen geht er lieber gar nicht oder macht sein Kreuzchen ausgerechnet bei denen, die von Freiheit des anders Denkens gar nichts halten. Ignoranz, Abgrenzung und die ängstlichen Schritte zurück machen die Welt so wunderbar einfach und den Bekloppten dieser Welt die Bahn für ihr beklopptes Wirken frei. So bleibt Bertold Brechts Aussage aktuell:

„Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber.“

Wer mag, darf nun im Rückblick auf 2014 nachlesen, ob dieses Jahr 2015 an irgendeiner Stelle doch einen nennenserten Fortschritt verborgen hält. Der Autor ist für entsprechenden Hinweise dankbar.

Trinken wir auf ein hoffentlich besseres 2016! Was bleibt uns auch anderes übrig?




Düsseldorf, die reiche Stadt wird ärmer

Zum Ende einer Institution, dem Sternverlag

 von Dirk Jürgensen …

Noch nie hat mich die Nachricht über die bevorstehende Schließung eines Geschäfts so sehr wie diese geschockt. Das Ende des Sternverlags zum März 2016 bedeutet das Ende einer Düsseldorfer Institution, die das Leben vieler Menschen mitgeprägt und ein Leben lang begleitet hat. Brauchte man einst ein Buch, das der ebenfalls längst geschlossene kleine Buchhändler im Quartier nicht vorrätig hatte, lautete die unvermeidliche Frage: Warst du schon im Sternverlag?

Sternverlag - ©Foto: Jürgensen - Düsseldorf

Sternverlag – ©Foto: Jürgensen – Düsseldorf

Als die Schreibwarengeschäfte und Buchläden im Stadtteil schlossen, besorgte man die Schulbücher im Sternverlag. Jetzt, da ich längst keine Schulbücher mehr brauche, ist der Sternverlag immer die erste Anlaufstelle, wenn mir nicht einfällt, welches Buch ich denn verschenken oder selber lesen sollte. Eine ach so angesagte Mayersche, die nichts als ein großer Schnickschnackladen mit ein paar frontal präsentierten Bestsellern ist, kann all die Anregungen nicht bieten, die der Sternverlag bietet und leider bald bot. Und Amazon hat noch keine Möglichkeit gefunden, die Haptik eines Buches am Rechner zu simulieren.

Mit dem Sternverlag verliert Düsseldorf wieder einmal ein großes Stück seiner einst so markanten Einzelhandelsgeschichte. Ketten beherrschen auch in dieser Stadt den Markt und machen es völlig unerheblich, in welcher Stadt man sich gerade bewegt, um einzukaufen.

Der Sternverlag bedeutet die so notwendige Einzigartigkeit und ist hervorragend geeignet, Fremden und Neudüsseldorfern als Besonderheit präsentiert zu werden. Sucht man einen Laden, der Literatur nicht nur bestellt, weil er ein beschränktes Spezialsortiment oder nur die üblichen Vertreter verschiedener Bestsellerlisten vorrätig hat, sucht man einen Laden, weil man sein Buch eben nicht im Internet bestellen, es vor dem Kauf berühren und darin blättern möchte, hat man im Sternverlag eine große Chance fündig zu werden.

5000 Quadratmeter Verkaufsfläche sind für einen Buchhändler gigantisch, heutzutage kaum mit Gewinn zu bewirtschaften, dem Investorenwohl ein Graus. Die wirtschaftliche Vernunft schlägt auch hier einmal wieder zu. Die kulturelle Vernunft zählt nicht in der Gegenwart, sondern erst morgen – sie kommt in keinen Quartalszahlen vor. Vor Ablauf des nächsten Quartals ist der Laden zu.

Es geht nicht nur um den einen Buchhändler. Der Sternverlag ist für viele Düsseldorfer der einzige Grund, die Friedrichstraße aufzusuchen. Natürlich ist das ein Teil des Problems. Läge das Geschäft auf der viel stärker frequentierten Schadowstraße, sähe die Geschichte wahrscheinlich anders aus. Unweigerlich wird die Schließung des Sternverlags weitere Schließungen nach sich ziehen, weil der Straße der Leuchtturm verloren geht. Im kommenden Jahr wird diese Entwicklung dramatisch, da die Straßenbahn unter die Erde verlegt wird und somit kein Sichtkontakt nach draußen mehr besteht, der Spontanausstiege möglich macht.

Das ist der Lauf der Zeit. Das muss man hinnehmen. Die Stadt verändert sich, wie sich auch die Einzelhandelsstruktur verändert. So sprechen die „Vernünftigen“ unter uns. Doch ist es immer wieder eine Schande, wenn die Zukunft ärmer und langweiliger als die Gegenwart wird. Das sollte man dann doch nicht immer so einfach hinnehmen.

Im niederländischen Maastricht führen die Mitarbeiter einen der schönsten Buchläden Europas, der dennoch von der Schließung bedroht war, mit Erfolg weiter. Sie konnten ihn über eine Crowndfounding-Aktion retten. Schade, dass die Utopie bei uns einen so schlechten Ruf hat.

Würde sich in Düsseldorf eine ähnliche Initiative gründen, wäre ich sofort dabei!




Gotteskrieger? Nichts für mich.

Also, Gott, wie ist das jetzt mit Deiner Macht?

 von Dirk Jürgensen …

Wenn ein Gott von mir verlangte, seine Drecksarbeit zu übernehmen, indem ich Ungläubige töten oder versklaven sollte, um seine Herrschaft zu manifestieren oder sein beleidigtes Ego zu verteidigen, würde ich mich sofort vom Glauben an seine Göttlichkeit lossprechen.

Gott - © Foto: Jürgensen - Düsseldorf

… oder auch nicht. – ©Foto: Jürgensen – Düsseldorf

Wer ein Gott ist, der muss nichts delegieren, der kann mir und dem Rest der Menschheit seine göttliche Macht gefälligst persönlich glaubhaft demonstrieren. Er könnte zum Beispiel den, wie seine Jünger immer wieder vorgeben, von ihm geschaffenen Menschen in ein friedfertiges, in ein freies und tolerantes Wesen verwandeln. Er müsste ihm beibringen können, vernünftig und in Gerechtigkeit mit seinen Artgenossen zusammen zu leben und es wäre ihm aufgrund seiner Einzigartigkeit, seiner Güte und Souveränität gar nicht so wichtig, dass an ihn geglaubt wird. Was könnte ihn der menschliche Zweifel kratzen? Da stünde ein echter Gott drüber. Soviel Selbstbewusstsein müsste er doch besitzen; als Gott müsste er das wirklich hinbekommen. Er müsste es schaffen, aus Glauben Wissen zu machen, jene beiden Worte, deren Verwechslung die Religionen so gerne im Sinne ihrer gepachteten Wahrheit zelebrieren. Und wenn nicht, ja, was ist er dann anderes als ein Schaumschläger, an den zu glauben reine Verschwendung ist? Für ihn würde ich meine Hände nicht schmutzig machen und meine humanistischen Werte verraten.

Also, Gott, wie ist das jetzt mit Deiner Macht? Gehst Du jetzt endlich mal gegen die Mörder vor, die in Deinem Namen ihren Mist verzapfen und von Weltherrschaft träumen? Und vergiss dabei nicht all die Nazis und andere idiotischen Verbrecher und verbrecherische Idioten, die Deine ganze Schöpfung versauen.

Wie wäre es also jetzt endlich einmal mit einem Gottesbeweis, mit einem klaren Nachweis, dass Du gar keine Reservierungen für ein Paradies entgegen nimmst, dass die Sache mit den 40 Jungfrauen ein Einfall von Menschen ist?

Viel Zeit gebe ich Dir dazu nicht mehr, denn Du hast schonzu lange gewartet und ich fürchte, wir Menschen müssen den Mist ohne göttliche Hilfe wieder in die Reihe kriegen. Irgendwie.

Beten wird aufgrund der weiter zu erwartenden göttlichen Passivität wenig helfen. Gebete mögen dem Einzelnen vielleicht Trost schenken, ihn beruhigen. Der Nutzen ist allgemein allerdings gering, wenn man bedenkt, dass auch die religiös motivierten Terroristen vor ihrer Tat – wenn sie noch leben sollten, auch danach – beten. Lebensfreude hingegen, ist das, was den religiösen oder nationalistischen Fanatikern dieser Welt abgeht – und ihrer Ideologie schadet. So gehören Lebensfreude und Humor, jene wirklichen Beweise des Menschseins, unbedingt im Kampf gegen die Angst, die Dummheit, den Terror, den Faschismus, den Nationalismus und den religiösem Fundamentalismus jeder Couleur dazu. Aber das ist unser Problem.

Sicher wird es auch nach dem hoffentlich irgendwann gewonnenen Kampf immer wieder Menschen geben, die sich von einem Gott oder von ihren Überzeugungen verpflichtet fühlen, die Drecksarbeit zu erledigen. Ob es ein Anders Brevik oder die ISIS-Fanatiker in Paris sind, sie alle glauben und glauben zu wissen im Guten und im Dienste einer besseren Welt eine Drecksarbeit erledigt zu haben. Vermutlich helfen Medikamente in diesen Fällen mehr als jede Überzeugungsarbeit, aber für alle nicht so pathologischen Fälle hilft es, früh genug über die Frage nachzudenken, ob ein gerechter oder auch zorniger Gott, nicht auch ohne sie zurechtkommen kann und ein echter Gott keine Missionare braucht.