2015 – Ein Jahr, das keinen Rückblick verdient

Die Rückwärtsbewegung hat weiter Fahrt aufgenommen

 von Dirk Jürgensen ...

Das Jahr 2015 liegt in den letzten Zügen und es wäre wieder einmal Zeit für einen Rückblick. Doch noch nie war die Arbeit an einer solchen Rückschau trostloser als heute. Daher, die Leser meiner früheren Jahresrückblicke an dieser Stelle und im leider nicht mehr existenten Online-Magazin Einseitig.info mögen mir verzeihen, weigere mich angesichts dieser Trostlosigkeit der Recherche, der Überprüfung, was denn erwähnenswert sein könnte. Meine Motivation weiter belastend kommt hinzu, dass es kaum auffiele, wenn ich meinen „Rückblick auf ein rückwärtiges 2014“ einfach erneut verwendete. Diesen leitete ich damals so ein:

„Der Jahresrückblick auf das nun auslaufende Jahr 2014 fällt recht kurz aus: Demokratien wie Diktaturen haben sich weltweit darauf geeinigt, zwischen Nationalismus, religiösem Fanatismus und Marktradikalität angesiedelten Bekloppten alle Freiheiten zu gewähren. Kein Zeitgenosse wird sich an mehr Krisenherde oder gar Kriege erinnern können, was nicht allein an der größeren Durchdringung unseres Bewusstseins durch weltweite Nachrichten liegt. Vernunft ist nur noch das Leitbild einer schweigenden Mehrheit – oder gar Minderheit? Man weiß es nicht, denn schweigend degeneriert jede Mehrheit zu Minderheit. Auch in diesem Sinne war 2014 zu großen Teilen ein Jahr der Rückwärtsbewegung.“ Danach ließ ich „eine auszugsweise Auflistung der Beklopptheiten“ folgen, die meine These von der Rückentwicklung der menschlichen Gesellschaften mühelos belegten.

Bild: ©Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Bild: ©Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Nun muss konstatiert werden, dass die dramatische Rückwärtsbewegung 2015 noch weiter Fahrt aufgenommen hat, dass schlimmste Befürchtungen noch übertroffen wurden:

Bekloppte Fanatiker stürmten und mordeten in der Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo.

  • Ein bekloppter Pilot ließ eine vollbesetzte Passagiermaschine an einem Berg zerschellen.
  • In den Krisenherden dieser Welt werden täglich so viele Menschen Opfer von Fanatismus und Gewalt, dass der Massenmord vom November in Paris in globaler Sicht beinahe als nebensächlich empfunden werden könnte – und natürlich nicht darf.
  • In Deutschland – also in einem Land, dessen Bürger es wahrlich besser wissen müssten – brennen Flüchtlingsheime und es dürfte sogar sein, dass die Eltern oder Großeltern der aus unerfindlichen Gründen selten rechtsradikalen Brandstifter einst selbst Flüchtlinge waren. Pegida, AfD, Le Pen, Orban und wie all die Ableger der rückwärtsgerichteten Ideologien auch heißen, geben ihnen das moralische (sic!) Fundament für ihre Taten. Sicher, die bestreiten es und werden, sollte es noch schlimmer werden, die Folgen ihrer Reden weder erahnt noch gewollt haben. Wir kennen das.
  • International verkommen Demokratien mehr und mehr zu Castings und in der Folge zu Veranstaltungen zur Wiederwahl angehender und bereits fertig entwickelter Despoten.

Man kann so viel erahnen und muss dabei noch nicht einmal diversen Chemtrails am Himmel oder anderen Verschwörungstheorien folgen. Mit etwas Mühe schafft das jeder Mensch, der einen Rest von diesem – wie heißt dieses so oft und gern missbrauchte oder einfach nur falsch verstandene Ding noch? Ach ja – gesunden Menschenverstand besitzt und die Finger von der Bildzeitung lässt. Aber was macht dieser Mensch?

Er sieht zu, wie die europäische Idee der Solidarität, der Freiheit und der Gemeinsamkeiten zuerst zur bloßen Solidarität mit staatstragenden Banken verkam und nun vom längst für vermodert gehaltenen Nationalismus verdrängt wird. Er hört, dass die Verhandlungen über ein ihn in allen Lebensbereichen betreffendes Freihandelsabkommen (T-TIP) einer strengen Geheimhaltung unterliegen, eine öffentliche Diskussion von den demokratischen Institutionen ferngehalten wird. Er geht nicht auf die Straße, um gegen den Waffenexport, gegen den demokratiefeindlichen Lobbyismus, gegen die menschenverachtenden Auswirkungen der Globalisierung zu demonstrieren. Nein, er demonstriert gegen die Flüchtlinge, die er auch aufgrund seiner vorherigen Interesselosigkeit erst zu solche hat werden lassen. Seine Interesselosigkeit schreibt er dann auch noch der allgegenwärtigen Lügenpresse zu. Wählen geht er lieber gar nicht oder macht sein Kreuzchen ausgerechnet bei denen, die von Freiheit des anders Denkens gar nichts halten. Ignoranz, Abgrenzung und die ängstlichen Schritte zurück machen die Welt so wunderbar einfach und den Bekloppten dieser Welt die Bahn für ihr beklopptes Wirken frei. So bleibt Bertold Brechts Aussage aktuell:

„Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber.“

Wer mag, darf nun im Rückblick auf 2014 nachlesen, ob dieses Jahr 2015 an irgendeiner Stelle doch einen nennenserten Fortschritt verborgen hält. Der Autor ist für entsprechenden Hinweise dankbar.

Trinken wir auf ein hoffentlich besseres 2016! Was bleibt uns auch anderes übrig?