Ein solcher Bau steht normalerweise 200 Jahre

Ein Rückblick auf den erfolglosen Kampf um den Düsseldorfer Tausendfüßler

 von Dirk Jürgensen ...

Die Debatte um den Abriss der von den Düsseldorfern liebevoll „Tausendfüßler“ genannten Hochstraße ist ein bedenkliches Kapitel der jüngeren Stadtgeschichte. Die Art und Weise, wie die Bürger vor vollendete Tatsachen gestellt und wie standhaft ihre Einwände und vielfach konstruktiven Gegenvorschläge ignoriert wurden, ist ein Musterbeispiel dafür, wie man die allgemein beklagte Politkverdrossenheit manifestiert. Parallelen zu „Stuttgart 21“ und Bilder von der Arroganz der Macht sind unverkennbar.

Der Düsseldorfer Tausendfüßler – Die Auseinandersetzung um den Erhalt der Hochstraße und um die Kö-Bogen-Planung

Der Düsseldorfer Tausendfüßler

Der Tausendfüßler war ein Baudenkmal, ein Teil eines Ensembles mit dem Dreischeibenhochhaus, dem Schauspielhaus und dem angrenzenden Hofgarten, das die an klassischen Altertümern arme Stadt in ihrem Kern als moderne und aufstrebende Stadt prägte und bekannt machte. Dieses Ensemble ist nicht mehr vollständig und aus den Wirren der noch auf Jahre dominierenden Großbaustelle treten nach und nach riesige Tunnelrampen ins Blickfeld, die stark daran zweifeln lassen, dass die Befürworter des Abrisses Recht behalten werden.

Est stimmt zeitweise traurig, mit seinem Protest und den anderen Vorstellungen von einer Aufwertung der Düsseldorfer Stadtmitte richtig gelegen zu haben. Ein Triumph sieht jedenfalls anders aus. Und um nicht all das selbst Erlebte aus der Amtszeit der Oberbürgermeister Joachim Erwin und Dirk Elbers (beide CDU) aufführen zu müssen, möchte ich all jenen Menschen ein Buch ans Herz legen, die wissen möchten, wie eine bürgerferne und bezüglich der Folgekosten unvernünftige städtische Baupolitik aussieht und wie sie leider von Erfolg [sic!] gekrönt sein kann.

Der Düsseldorfer Tausendfüßler – Die Auseinandersetzung um den Erhalt der Hochstraße und um die Kö-Bogen-Planung

Die Herausgeber Manfred Droste und Hagen Fischer haben in akribischer Kleinarbeit eine umfangreiche Dokumentation zusammengestellt, die all die Informationen von der Zeit der Planung und dem Bau des Tausendfüßlers, zu seiner Ästhetik, seiner bis in die letzten Tagen tadellosen Funktionalität über den fragwürdig abgelaufenen Verkauf des ihm anliegenden Jan-Wellem-Platzes und der sehr stückweisen Neuplanung seines innerstädtischen Umfelds bis zu seinem endgültigen Abriss aufführt.

Aus der Sitzung des Düsseldorfer Stadtrats am 5. Mai 1960, als der Bau der Hochstraße beschlossen wurde, eine kurze Passage zitieren, in der vom damaligen obersten Stadtplaner Friedrich Tamms die heute oft geäußerte Behauptung eindeutig widerlegt wird, der Tausendfüßler sei nur ein Provisorium gewesen:

Ratsherr Schulhoff (CDU): „Ich habe nur eine Frage, Herr Professor Tamms, die Sie nicht beantwortet haben. Sie wurden gefragt, wie lange die Hochstraße stehen wird. Darauf haben Sie gesagt: Die Hochstraße steht solange sie steht. Das ist nicht exakt. Sie müssen doch über die Lebensdauer etwas sagen können.“ (Starke Unruhe – Zwischengespräche)
Beigeordneter Professor Tamms: „Ein solcher Bau steht normalerweise 200 Jahre.“

Im Folgenden hält uns das Buch die ausführliche gutachterliche Stellungnahme zum Denkmalwert des Bauwerks von Axel Föhl (LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland) aus dem Jahr 1991 bereit. Sie ist außerordentlich aufschlussreich und beinahe spannend zu lesen. Man möchte fast bedauern, dass sie in der Zeit der Abrissdiskussionen nicht als Mehrteiler in den Düsseldorfer Tageszeitungen erschien. Sie ist selbst für einen Laien beinahe spannend zu lesen und zeigt sehr detailliert, wie intensiv und ohne zu sparen an der grazilen Form des Tausendfüßlers geplant und wie sorgfältig die Bauausführung erfolgte. Nur ein Zitat daraus:

Für die Erhaltung der Hochstraße Jan-Wellem-Platz liegen künstlerische, wissenschaftliche und städtebauliche Gründe vor. Die Gestaltungsqualtät des Brückenbauwerks hebt sich mit der Leichtigkeit ihrer Formgebung (ihrer „Entmaterialisierung“, um den Begriff Tamms aufzugreifen) wie der Eleganz im Grundriss, Aufriss und Querschnitt, mit ihren „kontinuierlich geführten Kurven höherer Grade“, ihrer einfach und doppelt sinusförmig geschwungenen Untersicht und ihrer geringen Bauhöhe von dem Gros der gleichzeitig, aber auch später ausgeführten innerstädtischen Hochstraßen positiv ab.

Es ist wirklich eine Schande, dass man diese Sicht der Dinge niemandem mehr am Objekt vorführen kann.
Lore Lorentz sagte einmal:

Düsseldorf hat eine Stärke: Kein Dom überragt die Gegenwart.
Ihre Schwäche: Sie weiß nicht, daß es ihre Stärke ist.

Dieses schwierige und einen voreiligen Abriss fördernde Verhältnis Düsseldorfs zu seiner eben nur aus Bausünden bestehenden Moderne könnte man nicht besser beschreiben. Baudenkmäler benötigen Zeit, um allgemeine Wertschätzung erfahren zu können. Uns Düsseldorfern fehlt es wohl an der nötigen Geduld.
So wird die hier beschriebene Dokumentation die Fehler der Vergangenheit nicht mehr korrigieren können, aber vielleicht kann sie helfen, in Düsseldorf und anderswo demnächst weniger solcher Fehler zu begehen und vor einem Abriss zu überlegen, was eine attraktive, eine lebenswerte und individuelle Stadt zwischen den vielerorts zu beklagenden Normbauten ausmacht.


 

Der Düsseldorfer Tausendfüßler – Die Auseinandersetzung um den Erhalt der Hochstraße und um die Kö-Bogen-Planung
Manfred Droste und Hagen Fischer (Herausgeber)
erschienen beim Droste-Verlag in Düsseldorfer
ISBN 978-3-7700-6000-9
19,80 € (D)


Mehr zum Thema:

Der große Pan ist tot

Abschied vom Tausendfüßler

Zwei Netzfundstücke zum Thema:

Die Rettung des Tausendfüßlers ist noch möglich! – Scissorella

Tausendfüßler. 1962 – 2013. Düsseldorf verabschiedet sich von der Moderne. – Scissorella




Brian Fies und auch wir träumten von der Zukunft

Wir brauchen Utopien – Teil 7

 von Dirk Jürgensen ...

Und wir träumten von der Zukunft – Eine Geschichte von Hoffnung und Wandel von Brian Fies

„Und wir träumten von der Zukunft“ von Brian Fies

Kennen sie das? Man besucht einen antiquarischen

Hier handelte es sich um die mehrmals im Jahr stattfindende Büchermeile auf der Düsseldorfer Rheinpromenade.
, schaut in das Vorwort eines Buches – oder liest dessen erste paar Zeilen – und meint, mit dem Autor auf einer Wellenlänge zu sein, vielleicht den gleichen Geburtsjahrgang sein Eigen zu nennen? So ist es mir mit der bei Knesebeck erschienenen Graphic Novel „Und wir träumten von der Zukunft“ des amerikanischen Sachbuch- und Comic-Autors Brian Fies ergangen.

Nach nur wenigen Sätzen war mir klar, dass mein wiederholtes Klagen über das Fehlen neuer Utopien einen Unterstützer gefunden hat.

1970 war ich zwölf Jahre alt. Die technische Entwicklung zwischen Industrie, Privatleben und Raumfahrt machte riesige Schritte. Im Jahr 2000 würden saubere [sic!] Atom-Autos lautlos über die Straßen gleiten, der Mond wäre ein erschwingliches touristische Ziel geworden und aufgrund der technisch bedingten Rationalisierung in Industrie und Verwaltung nach der enorm gestiegenen Produktivität die wöchentliche Arbeitszeit für den Einzelnen rapide gesunken. Im Alter von vielleicht 45 Jahren würde ein spannendes Rentnerleben beginnen, das die Computer beziehungsweise Roboter mit ihrem Fleiß locker finanzierten. Wer hätte schon erwarten können, dass die technische Entwicklung nur wenige Gewinner hervor brächte und gesellschaftlich eher kontraproduktiv verliefe? Ich bin mir sicher, dass 1970 die Prophezeiung, man würde im Jahr 2015 im Schnitt noch immer acht Stunden am Tag arbeiten und das Renteneintrittsalter auf 67 verschieben, mit verständnislosem Kopfschütteln oder einem lauten Lacher kommentiert worden.

Brian Fies schreibt in seinem eben erwähnten Vorwort:

Als die Zeitschrift Popular Science zur Jahrtausendwende nach den versprochenen Flugautos fragte, war das ein Witz, aber einer, der den Finger in die Wunde eines nicht gehaltenen Versprechens legte. Irgendwo war und unterwegs etwas verloren gegangen. Als die düsteren, unbeabsichtigten Folgen der Welt von morgen sichtbar wurden, erschien die Grundidee der hoffnungsfrohen Zukunft, auf die hinzuarbeiten sich lohnte, plötzlich altmodisch und naiv. Einstige Helden wurden zu Bösewichtern, Optimismus war etwas für Trottel; die cleveren, coolen, zynischen Zeitgenossen setzten ihre Karten nun auf das dystopische Schicksal. Ich bin anderer Meinung.

Nach dieser eindeutigen Standortbestimmung im Sinne seines optimistisch-utopischen Denkens beginnt die Geschichte von Buddy und seinem Vater mit einem Besuch der Weltausstellung 1939 in New York, findet Zwischenstationen 1945 mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, den Facetten des Atomzeitalters 1955, der bemannten Raumfahrt um 1965 und wird mit dem Apollo-Sojus-Projekt 1975 enden.

Fies lässt seine Protagonisten in all den Dekaden nicht realzeitkonform, sondern stark verlangsamt altern. Der 1939 von der Präsentation der endlosen technischen Möglichkeiten beeindruckte Junge, wird erst zum Ende der Geschichte erwachsen sein. Er wird bis dahin von einem Comic-Helden namens Cap Crater und dessen Gehilfen Cosmic Kid – Buddys Alter Ego – im Kampf gegen den immer wieder zeitgemäßen Bösewicht Xandra begleitet. Fies gestaltet dies bezüglich des jeweiligen Zeitgeistes stilistisch – in der vorliegenden gebundenen Ausgabe sogar haptisch – authentisch wirkenden Comic-Einschüben.

Mit dem Erwachsenwerden Buddys, seiner Entfremdung vom Glauben seines Vaters an den American Way of Life und der Ernüchterung bezüglich der nicht eingetroffenen Utopien, endet auch die Comic-Serie um Cap Crater, der seinen Ruhestand auf dem stillen Mond verbringen will. Am Ende sieht man Buddy mit seiner kleinen Tochter, die die alten Geschichten mit einem kleinen 3D-Beamer zu neuem Leben erweckt und die Resignation mit einem etwas zu amerikanisch-pathetischen Blick in eine wunderbare interstellare Zukunft des Menschen fortgewischt wird. Dies ist in kleiner Schwachpunkt dieser ansonsten hochinteressanten Graphic Novel, denn Fies bleibt uns die Erklärung schuldig, woher er seinen Optimismus nimmt. Allein das Lesen und Erzählen utopischer Geschichten kann ihn nicht begründen. Oder doch?


Und wir träumten von der Zukunft – Eine Geschichte von Hoffnung und Wandel

ISBN: 978-3-868-73150-7

von Brian Fies – erschienen im Knesebeck-Verlag, bei dem das Buch inzwischen vergriffen ist.

Fragen Sie Ihren örtlichen Antiquar!


Der in Kalifornien lebende Brian Fies wurde durch sein zunächst als Web-Comic erschienenes Buch „Mutter hat Krebs“ weltbekannt. Er beschäftigte sich in dieser Graphic Novel mit der Geschichte der Krebserkrankung seiner Mutter. Fies hat dafür 2005 den Eisner Award for Best Digital Comic, 2007 den Harvey Award und 2008 den Deutschen Jugendliteraturpreis erhalten.




Geschichten zwischen Schwarz und Weiß

Ein Bilderbuch

 von Dirk Jürgensen ...

Geschichten zwischen Schwarz und Weiß von Dirk Jürgensen – Foto: ©Dirk Jürgensen, Düsseldorf - Link zu knipsenundtexten.de

Geschichten zwischen Schwarz und Weiß von Dirk Jürgensen – Foto: ©Dirk Jürgensen, Düsseldorf

Mit „Geschichten zwischen Schwarz und Weiß“ habe ich nun einen künstlerischen Bildband mit Ein-, Aus- und Durchblicken, mit Spiegelbildern und rätselhaften fotografischen Fundstücken herausgebracht.
Bewusst wurde im Untertitel der Begriff des Bilderbuchs gewählt, denn das Bilderbuch ist das Medium, mit dem wir schon als Kind Geschichten entdeckten, als uns die Dechiffrierung der Schriftsprache noch längst nicht möglich war. Die Bilder, wenn auch an vollkommen anderen Orten aufgenommen und mit ganz unterschiedlichen Inhalten, dürften banale, erwartete oder überraschende Beziehungen zueinander aufbauen. Jedes Foto erzählt für sich genommen eine eigene Geschichte, kann der Endpunkt, der Zwischenstand oder der Beginn einer noch nie erzählten Geschichte darstellen.
Die verwendete Schwarzweißfotografie ist durchaus kein Anachronismus, sie ist und bleibt gerade in unserer bunten Reklamewelt ein wichtiges künstlerisches Stilmittel. Das Wettrennen um die Darstellung möglichst vieler Farben und Pixel ist ein Wettbewerb, an dem sich die menschliche Phantasie selten beteiligen mag. Am Ziel fände es irgendwie endgültige, scheinbare oder tatsächliche Realitätsvorgaben, wo es sich doch lieber durch Abstraktion oder eben Reduktion herausfordern ließe.
So möchte dieses in Graustufen verfasste Bilderbuch der Phantasie reichlich Spielraum zur Interpretation, zur Schaffung unendlich vieler Farben und Worte für noch geheime Geschichten bieten.

Geschichten zwischen Schwarz und Weiß von Dirk Jürgensen, Düsseldorf (ISBN: 978-3-734-76433-2) hat 48 Seiten im Format 21×21 cm und kann in Deutschland für 7,90 € überall dort erworben werden, wo es Bücher gibt. Der hier verwendete Link auf das Versandhaus Amazon ist nur eine Möglichkeit zur Bestellung. Vorzuziehen ist natürlich die Unterstützung des lokalen Buchhandels.

Weitere Informationen zu den Büchern dieser in loser Folge erscheinenen Reihe gibt es bei knipsenundtexten.de.




Libertalia – Von Piraten lernen

Wir brauchen Utopien – Teil 6

von Dirk Jürgensen ...

Vermischen wir das Bild gesetzloser Halunken mit etwas Seefahrerromantik und wildem Abenteuer, stellen wir der brutalen Truppe einen herzlosen, von Grund auf bösen oder einen unfreiwillig in Ungnade des Königs geratenen Kapitän voran, ist unsere tradierte Vorstellung von Piraten zwischen Captain Blood, Captain Flint, dem Roten Korsar und Jack Sparrow vollständig. Wir übersehen dabei, dass das Piratentum durchaus auch eine bis in die heutige Zeit wirkende politisch-philosophische Komponente besitzt, die in der sich entwickelnden Globalisierung des 17. und 18. Jahrhunderts zu begründen ist und uns heute alternative Ideen zum aktuellen Demokratieverständnis im so dominanten Kapitalismus aufzeigen kann. Ein im Januar 2015 erschienenes Buch bietet uns eine wichtige Ergänzung zu unserem bisherigen Piratenbild:

Libertalia - Die utopische Piratenrepublik - bei Matthes & Seitz

Libertalia – Die utopische Piratenrepublik – Link zu Amazon

Es handelt von der Geschichte des auf Madagaskar gegründeten Seeräuberstaates „Libertalia“, es beschreibt die Legende von einer wohl tatsächlich gelebten Utopie, die früh Vorbild für Basisdemokratie, einen freiheitlichen – also libertären – Kommunismus werden sollte und einige Parallelen mit den spanischen Anarchisten der Dreißigerjahre des letzten Jahrhunderts aufweist. Sie dürfte lange vor der französischen Revolution und der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung eine enorme Brisanz besessen haben, da in einem Gemisch aus Tatsachenberichten, journalistischem Material, Fiktion und politischer Idee sogar Vorgriffe auf die Aufklärung gewagt wurden und der Text die Bewunderung der vorgetragenen Ideen mit einigen eher alibihaft  daherkommenden Bemerkungen zu überspielen versucht.

1728 erschien unter dem Namen Charles Johnson der bis heute meist Daniel Defoe zugeschriebene zweite Band der „Allgemeinen Geschichte der Piraten“, der ein Bericht über die Piratenrepublik und ihre Gründer enthalten ist. Dass die Urheberschaft weiterhin umstritten ist, dazu ein niederländischer Buchdrucker und eine anonyme Autorschaft ins Spiel gekommen ist, soll hier nur am Rande erwähnt werden. Viel interessanter ist, dass der Text fast dreihundert Jahre warten musste, um endlich unter der Herausgabe von Helge Meves von David Meienreis erstmalig in die deutsche Sprache übersetzt zu erscheinen. Dass man sich beim Berliner Verlag Matthes & Seitz für Daniel Defoe als auf dem Cover zu vermerkenden Verfasser entschieden hat, sei der Einfachheit oder auch der besseren Vermarktung geschuldet. Dass man den schmucken Band um eine von Arne Braun übersetzte „Beschreibung der Regierung, Gewohnheiten und Lebensart der Seeräuber auf Madagaskar“ von Jacob de Bucqouy und um eine Vielzahl ergänzender Beiträge vervollständigte, macht ihn umso wertvoller.

„Libertalia“ erzählt vom aus wohlhabenen Hause stammenden Misson, der eher zufällig an die Führung eines Schiffs gerät und seinem Freund, dem von der geld- und karrieresüchtigen Kirche enttäuschten ehemaligen Priester Caraccioli, der ihm die theoretischen Grundlagen für seinen revolutionären Führungsstil schafft und die Mannschaft in aufklärerischem Geist religionskritisch und antimonarchistisch belehrt.

Caracciolis Rat folgend lässt sich Misson von der Mannschaft zum Kapitän wählen und ebenso demokratisch über den weiteren Kurs abstimmen. Bei der Diskussion um die zu hissende Flagge schlägt der Bootsmann eine schwarze vor, doch Caraccioli entgegnet:

Sie seien keine Piraten, sondern Männer, entschlossen, die Freiheit zu behaupten, die Gott und die Natur ihnen geschenkt hätten; sie würden sich keinen anderen Regeln unterwerfen als denen, die für das Wohlergehen aller nötig seien.

Weiterhin führt er aus, dass Gehorsam gegenüber Vorgesetzten notwendig sei,

wenn diese die Pflichten ihres Amtes kennten und danach handelten; wenn diese beflissene Wächter der Rechte und Freiheiten der Menschen seien; wenn sie dafür sorgten, dass Gerechtigkeit walte; wenn sie sich gegen die Reichen und Mächtigen stemmten, sobald diese versuchten, die Schwächeren zu unterdrücken.

Nach weiteren Ausführungen kommt er zum Schluss, dass ihre Sache

mutig, gerecht, unschuldig und ehrenhaft und die Sache der Freiheit sei und plädiert für eine weiße Flagge mit der Göttin der Freiheit, Libertas, darauf […]

Das auf dem Schiff vorhandene Geld wird in einer Schatztruhe verwahrt und von Misson zum Gemeineigentum erklärt. Er mahnt, dass

wenn die Gleichheit untergehe, folgten Elend, Verwirrung und gegenseitiges Misstrauen wie die Ebbe der Flut.

Auch ruft er auf,

Gefangenen eine humane zu großzügige Behandlung zuteilwerden zu lassen,

obwohl ihnen selbst vermutlich nicht so ergehen würde.

Auf nun folgenden Kreuzfahrten wird reichlich Beute gemacht und zahlreiche Sklaven können befreit werden, die sich in einem recht modernen Sinne meist in die eigene Schiffsbesatzung integrieren lassen, denn sie werden eingekleidet und auf die Messen der Mannschaft aufgeteilt, um unter anderem schneller die Sprache zu erlernen und sie zu überzeugten Verteidigern der Freiheit zu machen. Hier zeigt sich der wirklich zeitgemäße humanistischer Aspekt der Geschichte, der uns in Zeiten einer bis zum Hass zunehmenden Angst vor einer gesellschaftlichen Überfremdung zu denken geben müsste, schließlich ist die lebensnotwendige Interaktion auf einem Schiff der damaligen Zeit ein gutes Laborumfeld zur Erprobung des Funktionierens einer Gesellschaft.

Nach einigen weiteren Abenteuern wird irgendwo auf Madagaskar die freie Kolonie Libertalia – die Bewohner bezeichnen sich als Liberti – gegründet und der recht bekannte Piratenkapitän Thomas Tew schließt sich an. Tew erhält den Auftrag zur Eroberung von Sklavenschiffen, um durch deren Befreiung die Kolonie auszubauen, was überaus erfolgreich gelingt. Erbeutetes Geld wird

dem kollektiven Schatz zugeführt,

da in einer Gesellschaft ohne Eigentumsschranken

Geld keinen Nutzen

hat.

Nachdem es in der Kolonie zu Streitigkeiten zwischen Missons und Tews Mannschaften gekommen ist, fordert Caraccioli die friedliche Beilegung und regt für zukünftige Fälle der Allgemeinheit dienende Gesetze und eine Regierung an. So wird eine demokratische Staatsform beschlossen, in der ein für drei Jahre gewählter Conservator als höchste Gewalt eingesetzt wird. Danach wird innerhalb von zehn Tagen die Verteilung eines gerechten Anteils von Privateigentum, wie auch ein allgemeines Gesetzbuch beschlossen, gedruckt und verteilt.

Leider endet kurz nach der Konstitution Libertalias aufgrund einiger dramatischer Schicksalsschläge und eines Angriffs auf die Kolonie – keinesfalls aufgrund interner gesellschaftlicher Probleme – die Utopie der ersten libertären Republik. Doch hält uns das hier besprochene Buch noch einige sehr aufschlussreiche Piratensatzungen bereit, die durchaus nachweisen können, dass die auf Gerechtigkeit basierenden Ideen der Liberti höchstwahrscheinlich unbewusst in ähnlicher Form auch von ganz anderen Piraten geteilt wurden. Neben allgemeinen Verhaltensregeln werden in diesen Satzungen die Verteilungsschlüssel für den Umgang mit erbeuteten Gütern und sogar die soziale Absicherung bei Verwundung festgelegt.

Nicht nur einmal erwähnt darf die „nähere Beschreibung der Regierung, Gewohnheiten und Lebensart der Seeräuberdes Niederländers Jacob de Bucquoy bleiben, der aufgrund seiner Gefangenschaft in der Hand von Piraten interessante Hinweise auf die erstaunlich unabhängige und vernunftorientierte piratische Gerichtsbarkeit und eine Art Muster-Piratensatzung vorlegt. Danach – vermutlich angesichts der multikulturellen Zusammensetzung der Mannschaften – ist es unter Androhung von Strafe beispielsweise untersagt, über die Religion zu streiten. Ein Ansatz, der uns heute sehr gut gefallen sollte.

„Libertalia – Die utopische Piratenrepublik“ ist ein überraschend aktuelles Werk, das zwar sehr spät, aber irgendwie genau zur richtigen Zeit in deutscher Sprache erschienen ist. An Tagen, an denen Pegida und deren Derivate jenseits von Dresden einen bedenklichen Konservativismus mit dem Vehikel einer hervorgelockten latenten Fremdenangst propagieren und wirkliche Ideen eines gesellschaftlichen Fortschritts in Form von größerer Gerechtigkeit als „Gutmenschentum“ abtun. Wer hätte je gedacht, dass man Piraten in dieser seltsamen Wortverdrehung als „Gutmenschen“ bezeichnen könnte?

Die Idee eines libertären Kommunismus, der nichts mit dem bekannten totalitären Kommunismus gemein hat, die Hinweise darauf, dass multikulturelle Gesellschaften doch funktionieren, sogar von ihrer Vielfalt profitieren, das Integration auch bedeutet, den zu Integrierenden an den eigenen Tisch einzuladen, dass unsere auf Zins aufgebaute Geldwirtschaft und die ungerechte Verteilung von Reichtum auf Kosten einer armen Mehrheit mehr als einer Reform bedürfen, findet in dieser früh gelebten Utopie von Libertalia Unterstützung und ist ein wichtiger Kontrapunkt in einer aktuell so abgelenkten Diskussion. Ja, wir können von 300 Jahre alten Piraten lernen, wie wichtig Utopien sind.

Ganz nebenbei, dieser wichtige recht unpolitische Punkt sei nicht vergessen, sollte der mit schöner Goldprägung ausgestatte „Libertalia“-Band samt seines reichen Schatzes an ergänzender Information in keinem Bücherregal mit einer abenteuerlich ausgerichteten Sammlung von Piratengeschichten fehlen.


Daniel Defoe: Libertalia – Die utopische Piratenrepublik

Im Verlag Matthes & Seitz, Berlin

Herausgegeben von Helge Meves, übersetzt von David Meienreis und Arne Braun

ISBN 978-3957570000 – 22,90 € (D) – Fragen Sie Ihren lokalen Buchhändler!


Surfziele zum Thema:

Ein Interview von Tobias Lehmkuhl mit Helge Meves beim SWR2 am 5.1.2015

Wikipedia zum „Goldenen Zeitalter der Piraterie“

Informationen zu Thomas Tew




Düsseldorf traut sich was

von Dirk Jürgensen ...

Bilder vom Rosenmontagszug 2015

Rosenmontagszug Düsseldorf 2015 - © Dirk Jürgensen - Düsseldorf

All den Xxgidas wird klar gesagt, worin der tatsächliche Untergang des Abendlands liegt. – © Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Rosenmontagszug 2015 - Düsseldorf ist Charlie! - © Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Düsseldorf ist Charlie! Denn Satire ist ein wesentlicher Bestandteil des Karnevals und Angst kein guter Ratgeber. – © Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Das unsägliche Freihandelsabkommen TTIP. Dieser Wagen zeigt die Gefahren, über die viel zu wenig gesprochen wird. - © Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Das unsägliche Freihandelsabkommen TTIP. Dieser Wagen zeigt die Gefahren, über die viel zu wenig gesprochen wird. – © Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Ob es Griechenland schafft, sich gegen den Zyklop Merkel durchsetzen kann? - © Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Ob es Griechenland schafft, sich gegen den Zyklop Merkel durchsetzen kann? – © Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Der Terrormarkt ist ein hart umkämpfter. Selbst als Tod kommt man ins Schwitzen. © Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Der Terrormarkt ist ein hart umkämpfter. Selbst als Tod kommt man ins Schwitzen. © Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Die Friedensmerkel stellt sich dem Ukraine-Krieg entgegen. Nicht, dass es ihren Schmabel stutzt. © Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Die Friedensmerkel stellt sich dem Ukraine-Krieg entgegen. Nicht, dass es ihren Schnabel stutzt. © Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Terror hat nichts mit Religion zu tun. Sie - egal, welche - wird nur gerne vom Terror instrumentalisiert, könnte man hinzufügen. © Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Terror hat nichts mit Religion zu tun. Sie – egal, welche – wird nur gerne vom Terror instrumentalisiert, könnte man hinzufügen. © Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Und wer es noch immer nicht verstanden hat, den verprügelt der Papst - mit würdevollen Schlägen. © Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Und wer es noch immer nicht verstanden hat, den verprügelt der so christliche Papst – mit seinen würdevollen Schlägen. © Dirk Jürgensen – Düsseldorf

– Wie schon so oft treffen die mutigen von Jaques Tilly gestalteten Wagen des Düsseldorfer Rosenmontagszugs auch 2015 wieder den richtigen Nerv. Es gibt so viele Dinge, gegen die man auf die Straße gehen kann. Fremdenfeindlichkeit gehört nicht dazu. Verstehen wir den Rosenmontagszug, den sich vermutlich wieder um die 1 Million Menschen auf den Straßen Düsseldorfs anschauten, als größte Demonstration, die all die Dügida-, Pegida-, Kögida- und Legida-Originale und deren Derivate in die Bedeutungslosigkeit drängt!




Märchenhaftes Müllerthal

 von Dirk Jürgensen ...

Bilder einer Wanderung in der Kleinen Luxemburger Schweiz

Märchenhafts Müllerthal - Bilder von Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Märchenhafts Müllerthal – Bilder von Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Nur eine Wanderung durch die märchenhafte Landschaft unseres Nachbarlandes Luxemburg hat ausgereicht, um meine Eindrücke unbedingt in einem kleinen Bildband mit dem Titel „Märchenhaftes Müllerthal“ festhalten zu müssen.  Dieser ist nun in den Handel gekommen und kann für 7,90 Euro (D) unter der ISBN 978-3-734-74625-3 überall da bestellt werden, wo es Bücher gibt.

Weitere Informationen

 

 




Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden!

von Dirk Jürgensen ...

Je suis Charlie

Wir sollten uns gerade anlässlich des schlimmen Mordanschlags gegen die Pressefreiheit und gegen den Humanismus einmal kurz daran erinnern, dass die meisten Opfer islamistischer Gewalt selber Moslems sind. Ist das nicht ein Grund, sich an die Seite der Opfer zu stellen, gleichgültig, welcher Religion man sich zugehörig fühlt oder ob man Atheist ist?

Ich habe keine Angst vor dem Islam, wie ich auch keine Angst vor dem Christentum habe. Ich habe Angst vor durchgeknallten Gewalttätern und Verbrechern, die mir aus Missverständnis oder einer bestimmten Auslegung altertümlicher oder mittelalterlicher Schriften oder politischer Theorien heraus nach dem Leben trachten. Da gibt es zwischen Brevik, NSU und IS auf unserem kleinen Planeten verdammt viele Zeitgenossen, die mir Angst bereiten.
Und ich habe – mehr noch, als vor den Initiatoren – Angst vor den tumben Mitläufern der Pegida, Dügida, Vokuhila oder Köhida, die sich in den Dienst einer Ideologie begeben, die unser Land schon einmal nach Strich und Faden ruiniert hat.

Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden!

Charlie Hebdo - Le Pen

Quelle: https://charliehebdo.files.wordpress.com/2012/01/affiche-lepen.jpg

Das Einhalten dieses Grundsatzes kann sehr anstrengend sein, bedeutet manchmal persönliches Beleidigtsein, Ärger, Streit und auch juristische Auseinandersetzung – aber es ist all das wert. Das sollten auch die Pegida-Anhänger aus dieser ominösen Mitte der Gesellschaft wissen, schließlich lesen sie doch ganz bestimmt mehr als nur die Bildzeitung, jenem Fanal des Widerstands gegen die allgegenwärtige Lügenpresse? Dass einige Bekloppte und Fanatiker jedweder Couleur mit der eigenen Freiheit oder der des Nachbarn nichts anfangen können, sollte uns klar sein, aber gegen die hilft keine Pauschalverurteilung.
In den meisten Kriegen kämpfen Arschlöcher gegen Arschlöcher. Arschlöcher hat es immer gegeben und wird es immer geben. In jeder Religion, in jeder Partei, in jeder Stadt und in jedem Land, vielleicht sogar in jeder Familie. Das ist kein Grund dafür, diejenigen, die keine Arschlöcher sind, mit ihnen in einen Topf zu werfen! Vielmehr sollten wir die Arschlöcher der Lächerlich preisgeben. Dafür müssen wir Satire immer aushalten können, auch wenn sie uns persönlich nicht gefällt.

PS: Frau Le Pen fordert inzwischen die Einführung der Todesstrafe für islamistische Terroristen. Tja, die Frau weiß eben, wie man religiös verblendete Mörder belohnen kann, indem man sie zu Märtyren macht. Sogar so unterstützen Rechtsradikale den Islamismus. Die sind also gar nicht so weit voneinander entfernt und sicher fühlt sich der eine oder andere Pegida-Aktivist oder AfD-Parteigänger schon wie in einer deutschen Front National. Schlimm.




Meerblick

 von Dirk Jürgensen ...

Der erste Bildband ist erschienen

Meerblick - Dirk Jürgensen / Düsseldorf bei Amazon

Meerblick – Bilder von Dirk Jürgensen / Düsseldorf bei Amazon

 – Meerblick, so lautet der schlichte Titel des soeben erschienenen ersten Bands aus der entstehenden Reihe kleiner und möglichst kostengünstiger Bildbände eigener Projekte. Er zeigt Impressionen verschiedener Reisen an die Ost- und Nordsee, an die Atlantikküste vom Baskenland bis nach Galicien und auf die Insel Lanzarote.

Es mag sein, dass die gezeigten Bilder oftmals nicht dem entsprechen, was gemeinhin mit fröhlichem Strandleben, mit einem Sommerurlaub an der See in Verbindung gebracht wird. Schließlich entstanden einige der Aufnahmen bei eher kühler Witterung, im Herbst oder Winter, in den Abendstunden, an Tagen, die kaum den Qualitätsanforderungen der Postkartensammler genügen dürften – und sie sind immer schwarzweiß, machmal düster-melancholisch, wie aus alten Fotoalben entnommen, verträumt, beängstigend bis ironisch.

Meerblick (ISBN 978-3-735-70733-9) hat 48 Seiten im Format 21x21cm und kann in Deutschland für 7,90 €

Die an verschiedenen Stellen verwendeten Amazon-Links sollten bitte nur als Hinweis auf eine mögliche Bestelladresse verstehen werden. Natürlich ist die Unterstützung des lokalen Einzelhandels immer vorzuziehen.
dort erworben werden, wo es Bücher gibt.




Und hinterher haben sie wieder von nichts gewusst!

von Dirk Jürgensen ...

Wer Faschisten auf den Leim geht, hat kein Verständnis verdient

 – „Aber“ ist das Unwort des Jahrzehnts. Ich will es einfach nicht mehr hören. So, wie ich auch von all diesem Verständnis nichts mehr hören will, von dem Politiker und im Fernsehen interviewte Fachleute angesichts der Vielzahl von Normalos auf diesen unsäglichen Pegida- oder Vokuhila-Demonstrationen schwafeln. Die Fremdenfeindlichkeit ist verabscheuungswürdig, „aber“ man müsse Verständnis für die Sorgen und Ängste dieser Menschen haben. Unfug!

Keinerlei Verständnis darf man haben!

Die Bekloppten des Islamischen Staates sind zu bekämpfen, keine Frage – gleichzeitig dienen sie hervorragend als Propagandamittel zur Radikalisierung nach Rechts. IS ist eine super Kampagne für die NPD und die Neo-Montagsdemonstranten merken das nicht? Ach was, niemand in Deutschland ist heute noch so ungebildet und so dumm, Faschisten so einfach auf den Leim gehen. Und wenn doch, dann darf es nicht vor Häme schützen.

Wo waren diese ängstlichen und sorgenvollen Wesen, als man Banken rettete und gleichzeitig Sozialetats kürzte? Wo ist diese furchtsame Mitte der Gesellschaft zu finden, wenn Millionen von Euro abgreifende Manager einmal mehr die Notwendigkeit von Entlassungen aufzeigen und über die Schädlichkeit von Mindestlöhnen dozieren? Wo demonstrieren diese armen Angstbürger, wenn ausgerechnet diejenigen, die sich Solidarität finanziell gut leisten könnten, aus dem Sozialsystem heraus schleichen und mehr Selbstverantwortung des Einzelnen fordern, um im Krankheitsfall oder im Alter einigermaßen versorgt zu sein?

Mit kurzem Nachdenken finde ich sicher noch viele andere Dinge, die in unserem Staat nicht richtig laufen, gegen die man auf die Straße gehen könnte und eigentlich auch sollte – doch ausgerechnet die vermeintliche Islamisierung unseres ach so geliebten Abendlandes motiviert Couch-Kartoffeln plötzlich zur öffentlichen Meinungsäußerung. Meinungsäußerung, dass ich nicht lache. Gemeinsam mit Hooligans, Neo- und Altnazis und stets im Geiste eines Sarrazin – das darf doch wohl mal gesagt werden – zeigt man sich europäischer Patriot und nennt das Meinungsäußerung.

Wer hat Angst vor der Hispanisierung Deutschlands

Weihnachten in fremder Sprache – Wer hat Angst vor der Hispanisierung Deutschlands?

Es ist halt immer einfacher, sich einen schwachen, zumindest etwas anders aussehenden Sündenbock oder auch Feind zu suchen. Da bieten sich die Ausländer, die Flüchtlinge und die Menschen anderen Glaubens (wer ist denn noch „hiesigen“ Glaubens? Ist das Christentum nicht auch nur ein Import aus dem Orient?) schnell an. „Halt!“ So wird man mir entgegen rufen. „Wir haben doch gar nichts gegen Ausländer, schon gar nicht gegen Flüchtlinge, aber …“ „Wir haben auch nichts gegen Moslems, wenn sie sich benehmen, aber …“ Und schon geht es wieder mit diesem „aber“ los. „Wir wollen nicht, dass dieser IS zu uns kommt und unseren Kindern die Köpfe abschneidet.“ Sicher, wer will das schon? Der allergrößte Teil der Moslems dieser Welt ganz sicher auch nicht.

In Deutschland gab es einst viele Menschen, die „nichts gegen Juden“ hatten, „aber“ … Diese Menschen „waren keine Nazis, aber …“ „Hitler (diese seltsame Einzelperson unserer dunklen Geschichte) hat Autobahnen bauen lassen, aber das mit den Juden war ein Fehler. Und wir haben von all dem nichts gewusst und schon gar nicht gewollt.“

Es lohnt nicht, sich über die unverbesserlichen Nazis zu wettern, die wie Rattenfänger agieren und mit kruden Parolen schlummernde Fremdenängste der Normalbürger wecken. Was viel schlimmer ist, ist die Dummheit, mit der diese Normalbürger in die gleichen Fallen wie die Generationen unserer Großeltern oder Urgroßeltern getappt sind. Doch das kümmert die demonstrierenden Spießer wenig und die von ihnen gerufenen Geister freuen sich über die neue Machtoption. Weihnachtslieder singend ins Deutsche Reich!

Hinterher würden sie im Notfall behaupten, DAS nun wirklich nicht gewollt zu haben oder von allem nichts gewusst zu haben. Ich werde mit ihnen kein Mitleid haben, denn schließlich sind auch die einfachsten Gemüter unter ihnen einst zur Schule gegangen. Und so klug, dass man sich nicht in die Hände der Faschisten begibt, sollte jeder seine Schule verlassen haben. Darüber nachzudenken, was ein unüberlegtes „aber“ bedeutet und dass die einstigen christlichen Werte Toleranz und Teilen hießen, würde vermutlich eine Überforderung bedeuten.




2014 – Freie Bahn den Bekloppten!

von Dirk Jürgensen ...

Ein Jahresrückblick auf ein rückwärtiges 2014

2014, das Jahr der Bekloppten - Foto: © Jürgensen - Düsseldorf

Foto: © Jürgensen – Düsseldorf

– Der Jahresrückblick auf das nun auslaufende Jahr 2014 fällt recht kurz aus: Demokratien wie Diktaturen haben sich weltweit darauf geeinigt, zwischen Nationalismus, religiösem Fanatismus und Marktradikalität angesiedelten Bekloppten alle Freiheiten zu gewähren. Kein Zeitgenosse wird sich an mehr Krisenherde oder gar Kriege erinnern können, was nicht allein an der größeren Durchdringung unseres Bewusstseins durch weltweite Nachrichten liegt. Vernunft ist nur noch das Leitbild einer schweigenden Mehrheit – oder gar Minderheit? Man weiß es nicht, denn schweigend degeneriert jede Mehrheit zu Minderheit. Auch in diesem Sinne war 2014 zu großen Teilen ein Jahr der Rückwärtsbewegung.

Eine auszugsweise Auflistung der Beklopptheiten:

  • Den Islamischen Staat ausrufende Dumpfbacken mit Minderwertigkeitskomplex errichten eine mittelalterliche Macho-Gewaltherrschaft, die anhand ihrer in Echtzeit und 3D gerenderten Grafikleistung jeden Ego-Shooter zum Märchenquartett schrumpfen lässt. Religion ist zu einer Phantasy-Orgie mutiert, in deren höchsten Level dem Gewinner 72 Jungfrauen versprochen werden. Ob der Hersteller des Spiels das wirklich liefern kann?

  • Wer aufgrund dieser Idiotie einmal mehr den Untergang des hiesigen Abendlandes befürchtet, schließt sich der

    Selbstverständlich weiß der Autor, dass Vokuhila die Abkürzung für eine seltsame Haarmode aus den Achtzigern ist. Er hat sich sehr bewusst für die Verwechslung mit der lokal etwas variierenden „Bürgerbewegung“ entschieden, um dieser keine weitere Popularität zu verschaffen.
    oder einer ähnlich umständlich abgekürzten und von Neonazis gesteuerten Initiative an, um seine Fremdenängste endlich auf der Straße ausleben zu können. Man bezeichnet sich als „bürgerliche Mitte“, trägt seinen braunen Kern endlich wieder offen, will kein Nazi sein, hat nichts gegen Ausländer, aber… Verschwiegen wird in all der Angstdemonstration, dass die Opfer der islamistischen Gewalt in der Mehrzahl Muslime sind. Doch übersehen wir nicht den einen Vorteil dieser fragwürdigen Protestbewegung: Endlich braucht der gepflegte Hooligan keinen Bundesligaspielplan mehr zur Terminierung seiner Freizeitaktivitäten.

  • Wer in der Ostukraine und drumherum ein Friedensengel, ein Faschist oder relativ harmloser Nationalist oder gar Freiheitskämpfer ist, was Schwärmerei von den vermeintlichen Vorzügen einer untergegangenen UdSSR ist bei einem inzwischen ultrakapitalistischen und nationalistischen Russlands ist und welche von den Massenmedien verbreitete Nachrichten Demagogie oder oder einigermaßen ungefärbte Neutralität darstellen, interessiert nicht mehr. Wenn beide Seiten lügen, wird bestenfalls weggehört.

  • Der Nahostkonflikt, der Nahostkonflikt. Der ist irgendwie immer da und immer gleich. Ob man nun die Seite der Palästinenser oder die der Israelis unterstützen oder verurteilen mag, ist inzwischen relativ unbedeutend. Zu sehr sind auf beiden Seiten die vernünftigen Kräfte ge- oder verschwunden. Allerdings scheint es in der Region trotz der Dauer des Konflikts noch Waffen, Sprengstoff und Menschenmaterial in ausreichender Menge zu geben, wie es zu meinem Erstaunen auch noch genügend zu zerstörende Wohnhäuser zu geben scheint. Da die jeweiligen Bevölkerungen ihre Wahlzettel immer radikaleren Gruppierungen widmen, werden noch ein paar Generationen über den Nahostkonflikt diskutieren dürfen. Das Gebiet ist ein wunderbares Biotop, in dem studiert werden kann, dass Menschen, die keinen anderen als den Kriegszustand kennen, nicht unbedingt die Motivation zum Frieden entwickeln.

  • Als die Bürger der USA einen afroamerikanischen Präsidenten wählten, schien der Rassismus endlich besiegt, höchstens noch in den Köpfen einer zu vernachlässigenden Minderheit vorhanden. Nun erlebt das Land Proteste und Unruhen wie schon lange nicht mehr, denn das Land der Freien muss erkennen, wie der latente Rassismus in Polizei und Justiz anhand der Todesopfer jüngster Zeit nach außen tritt. Wäre die Waffenlobby nicht derart im Konservativen verwurzelt, würden sicher jetzt perfide Parolen laut werden, nach dem beispielsweise der 18-jährige Michael Brown noch leben könnte, wenn er denn im Besitz einer Handfeuerwaffe gewesen wäre, um sich gegen den Polizisten zu wehren. Ein bekloppter Gedanke, von dem sich der Autor sofort distanzieren möchte.

  • Europa war einst ein großes Ziel. Etwas ist schief gelaufen. Inzwischen wird Europa als bürokratische, nicht als demokratische Einheit wahrgenommen. Die Bevorzugung von Wirtschaftsinteressen behindert die gesellschaftliche Entwicklung und wir lassen uns ständig mit Arbeitsplatzkeulen bedrohen und von Heiligsprechungen eines allgegenwärtigen Marktes blenden. Der europäische Geist erscheint hingegen viel zu selten und separatistische Gedanken, nationalistische Idealbilder geben längst überwunden geglaubte Alternativen vor. Europagegner werden im Parlament Europas immer mehr und fördern den Zersetzungsprozess. Anstatt nun im Gegenzug Europa voranzubringen, kümmert sich die von den Wählern kaum noch geforderte Politikkaste weiter für die Interessen der Interessenverbände. Die Lobbyisten kümmern sich wenigstens noch um Politik. Die Demokratie muss aufpassen, dass die Lethargie nicht zur Agonie wird.

  • In Japan, einem Land, das es besser wissen müsste, soll 2015 der stillgelegter Atommeiler Sendai wieder hochgefahren werden. So hat es die Präfektur Kagoshima trotz zahlreicher Protesten aus der Bevölkerung mehrheitlich entschieden. Nur 70 km vom Standort des Kraftwerks entfernt befindet sich der aktive Vulkan Sakurjima. Schön bekloppt, sollte man meinen. Fast so bekloppt wie die Briten, die ihr neues Kernkaftwerk Hinkley Point in Somerset 35 Jahre lang subventionieren werden und dafür auch noch die Freigabe der EU erhalten haben. Zur Begründung der Genehmigung schreibt die deutsch Vertretung der EU-Kommission auf ihrer Homepage: „Im Verlauf der der eingehenden Unetersuchung konnten die britischen Behörden nachweisen, dass mit der Beihilfemaßnahme ein echtes Marktversagen behoben wird, und die anfänglichen Zweifel der Kommission ausräumen. Insbesondere könnten die Projektträger aufgrund der beispiellosen Art und Tragweite des Projekts nicht die erforderlichen Finanzmittel beschaffen.“ Da reagiert der Markt ausnahmsweise einmal richtig, wird ihm ein Versagen unterstellt. So einfach geht das in einer Lobbykratie. Was nach den 35 Jahren sein wird und wer die unermesslichen Kosten nach der Stilllegung – wenn keine Katastrophe die Laufzeit verkürzt – in 60 Jahren tragen wird, ist leicht zu erraten. Es wird vermutlich nicht der Betreiber sein (können). Auch in diesem Sinne wird dann wieder der Markt versagen.

  • Wenn auch viele innenpolitische Themen zwischen PKW-Maut und dem geduldeten Herausmogeln aus dem sozialen Netz die allgemeine Beklopptheit begründen könnten, darf das Ebolafieber auch in diesem Jahresrückblick nicht fehlen. Seit 1976 ist es bekannt, als im damaligen Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, 280 Menschen an ihm starben. Zwischendurch tauchte der Erreger immer wieder auf und ließ in Afrika immer wieder Menschen sterben, bis er 2014 dann zum großen Schlag ausholte und Menschen in Guinea, Liberia, Sierra Leone, Nigeria, dem Senegal, der Demokratischen Republik Kongo und Mali befiel. Als dann auch noch Infizierte in die USA und nach Spanien reisten, wurde die Sache auch für uns brenzlig. Schließlich hielt sich das Virus bislang an die kontinentalen Grenzen Afrikas, einem ökonomisch – und daher menschlich – eher unergiebigen Erdteil. Viren sind clever. Würden sie ihre Wirte vornehmlich in den USA oder in Europa dahinraffen, hätte die Pharma-Industrie längst genügend Pillen oder Spritzen im Angebot. Wer zahlen kann, dem wird geholfen. Solidarität ist ein Begriff längst vergangener Zeiten und auf den Märkten hinderlich.

Wenn sich Fortschritt weiterhin technisch anhand einer höheren Auflösung in der Bilddarstellung eines Handy-Displays definiert und nicht gesellschaftlich durch wachsende Freiheit und Gerechtigkeit, wird 2015 ebenso nach hinten losgehen. Wir werden Regierungen wählen, die uns schaden, wir werden aktiv oder passiv Entwicklungen unterstützen, die wir nicht wollen und wir werden uns von Unternehmen und Staaten aushorchen lassen, weil alles so unüberschaubar und irgendwie bequem ist. Die Bekloppten dieser Welt freuen sich darüber und haben weiterhin freie Bahn. 2014 dürfte ihnen Mut gemacht haben und da hilft es auch nichts, dass ganz Deutschland Fußball-Weltmeister geworden ist.




Das vergoldete Zeitalter – Eine Geschichte von heute

von Dirk Jürgensen ...

Die erste deutschsprachige Ausgabe seit 1876

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Es war dem Herausgeber wichtig, die verbesserte Ausgabe zu einem günstigeren Preis anbieten zu können. Mit einem Ladenpreis von 19,80 Euro ist das auch gelungen. Weniger war bei immerhin 464 Seiten und fehlender Massenproduktion leider nicht drin. Zusätzlich gibt eine E-Book-Variante für nur 6,99 Euro. Damit lässt sich die nächste Wirtschaftskrise mit einem Schmunzeln begrüßen, denn so richtig hat sich unser geliebter Kapitalismus seit Twains Zeiten nicht gebessert.

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George Orwell und die Zerstörung einer anarchistischen Utopie

von Dirk Jürgensen ...

Wir brauchen Utopien – Teil 5

– Wer sich mit utopischen Zukunftsmodellen beschäftigt, kommt am Anarchismus vorbei und sollte unbedingt nach Spanien blicken.

Als Thomas Morus im Jahr 1516 sein „Utopia“ schrieb, waren die Begriffe Sozialismus und Kommunismus noch in keinem Wortschatz zu finden. Im 16. Jahrhundert mit seinen aus dem Elend erwachsenen Bauernaufständen und den Ideen eines entstehenden Humanismus, der sich an den Bürger-(Polis-) Gedanken und anderen frühen demokratischen Vorstellungen orientierte, war „Utopia“ ein Gegenentwurf zum Feudalismus. Gemeinsames Arbeiten an und mit gemeinsamen Produktionsmitteln in allgemeiner Freiheit, kein Ausufern privaten Eigentums, das waren revolutionäre Vorstellungen und sind bis heute ein nicht realisiertes Sinnbild einer idealen und gerechten Gesellschaftsordnung – ein Wunschbild, eben eine Utopie – geblieben.

Das 17. und 18. Jahrhundert, die Zeit der Aufklärung in Verbund mit dem Fortschreiten der wissenschaftlichen und technischen Entwicklung, das Entstehen industrieller Massenproduktion und die Anfänge der Globalisierung, veränderte die Lebensumstände der Menschen enorm. Der Feudalismus wurde von einer neuen Klassengesellschaft abgelöst. Der neue Adel bestand aus den wenigen Industriekapitänen jener Zeit. Und wenn auch der Humanismus als Teil aufklärerischen Gedankenguts verstanden werden kann, war angesichts der Kategorisierung des Menschen als Produktionsfaktor Arbeit – wir würden heute vielleicht Humankapital sagen – und den damaligen Zuständen zwischen Verarmung der Landbevölkerung und der Kinderarbeit in den wachsenden Städten nichts zu spüren. Einzelne Revolten, frühsozialistische Versuche, wie beispielsweise die eines Robert Owen, konnten dem herrschenden rücksichtslosen Kapitalismus in seiner Gesamtheit nichts anhaben und zeigten, wie weit das Ziel einer gerechten Gesellschaft von der gelebten Realität der Unterschicht entfernt war.

So fand Karl Marx für die Bestrebungen der Frühsozialisten nach Demokratie und Gleichheit den Begriff des „utopischen Sozialismus“, in dem zwar ein lobenswertes Ziel, nicht jedoch der Weg dahin bestimmt wurde. Marx lehnte es sogar ab, das Ziel zu definieren und den Menschen das unwissenschaftliche Bild einer Idealgesellschaft zu erfinden. Er beschränkte sich bewusst darauf, historisch-systematisch die notwendigen Handlungsschritte zu entwickeln, um die gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen über den Kampf der Klassen zu verbessern.

Der Gedanke liegt nahe, dass die seit Marx betriebene negative Besetzung des Utopiebegriffs letzthin dafür gesorgt hat, das eigentliche Ziel aus den Augen zu verlieren. Somit bewirkte dieses Bilderverbot zwangsläufig das Umschlagen sozialistischer und kommunistischer Revolutionen hin zum zentralistischen Totalitarismus einer Einheitspartei oder eines Komitees, der auf dem ziellosen Weg in eine undefinierten Idealgesellschaft jedes Vergehen als Mittel zum Zweck des Machterhalts rechtfertigte.

Einen anderen, einen keineswegs zentralistischen Weg schlugen zum Ziel einer gerechten Gesellschaftsordnung schlugen die Anarchisten ein, deren früher Hauptvertreter Pierre-Joseph Proudhon war. Er gilt als Begründer des Syndikalismus, Mutualismus und Förderalismus. Proudhons gerne zitierter Satz aus dem Jahr 1840 „Eigentum ist Diebstahl!“ sollte übrigens relativiert betrachtet werden, denn lehnte nicht das Privateigentum an sich ab, sondern er forderte die Abschaffung des Privatbesitzes an Produktionsmitteln.

In der Folge Proudhons hielten Michail Bakunin und Pjotr Alexejewitsch Kropotkin ähnlich wie Marx und Engels eine soziale Revolution für erforderlich, um die Besitzverhältnisse entscheidend verändern zu können. Im Gegensatz zu den Marxisten wurde die Führung durch eine elitäre Kaderpartei wie auch eine staatliche Hierarchie abgelehnt. Marx sah den Staat mit der fortschreitenden Revolution absterben, die Anarchisten trauten dieser undeutlichen Entwicklung nicht, sie wollten ihn direkt abschaffen, verfolgten einen antiautoritären Sozialismus.

Von 1864 bis 1872 kamen die Vertreter verschiedenster Gruppierungen, die sich zur Arbeiterbewegung zählten, in der IAA (Internationale Arbeiterassoziation) zusammen. Nachdem Karl Marx aufgrund unüberbrückbarer Unterschiede zwischen den Lagern erfolgreich dafür gesorgt hatte, dass Bakunin 1872 ausgeschlossen wurde, zerbrach die Erste Internationale, die dann 1876 vollständig aufgelöst wurde.

Dies war der Beginn eines bis in die heutige Zeit währenden Konflikts zwischen den Marxisten und den Anarchisten, eines Konflikts in dem es viel um Meinungshoheiten und um Macht, in dem die Marxisten fast immer die Oberhand gewannen. Obgleich eigentlich beide Gruppierungen ein nahezu gleiches Ziel verfolgen, kam es in der Geschichte immer wieder zu

Bis heute scheint der Begriff des Anarchisten ein Synonym für einen Bombenleger zu sein, dabei waren diese Zeiten schon vor 100 Jahren längst vorbei.
, zur Zensur, zu Mord und Verfolgung.

Die Zeitung der Escuela Moderna, einem anarchistischen Bildungsprojekt von Francisco Ferrer

Die Zeitung der Escuela Moderna, einem anarchistischen Bildungsprojekt von Francisco Ferrer – Quelle: Wikipedia

Ein Land, in dem der Marxismus im Gegensatz zum Anarchismus verhältnismäßig wenig Fuß fassen konnte, ist Spanien. Besonders das industriell geprägte Katalonien und das landwirtschaftlich dominierte Andalusien sind hier zu nennen. Selbst der Spanische Bürgerkrieg, aus dem das faschistische Franco-Regime als Sieger hervorging, konnte nicht verhindern, dass es in Spanien noch heute zahlreiche Beispiele anarchistisch geprägter kommunaler Kooperationen gibt.

Auch der Verlauf des Bürgerkriegs selbst, an dem zuerst Marxisten und Anarchisten auf Seiten der Republikaner gegen den Faschismus kämpften, war vom eben beschriebenen Konflikt geprägt – vielleicht sogar entscheidend. George Orwell, der in seinem Bericht „Mein Katalonien“ als Mitkämpfer im Spanischen Bürgerkrieg berichtet, lässt das mit seinen Beobachtungen und dem entstandenen Nebenkriegsschauplatz vermuten:

„Der allgemeine Umschwung nach rechts begann ungefähr im Oktober und November 1936, als die UdSSR anfing, die Zentralregierung mit Waffen zu versorgen, und als die Macht von den Anarchisten auf die Kommunisten überging. Außer Russland und Mexiko besaß kein anderes Land den Anstand, der Zentralregierung zu Hilfe zu kommen, und Mexiko konnte aus einleuchtenden Gründen Waffen nicht in großen Mengen liefern. So waren also die Russen in der Lage, die Bedingungen zu diktieren. Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass diese Bedingungen vor allem lauteten: »Verhindert die Revolution, oder ihr bekommt keine Waffen.« So wurde die erste Maßnahme gegen die revolutionären Elemente, nämlich die Verdrängung der P.O.U.M. aus der katalanischen Generalidad, nach Befehlen der UdSSR durchgeführt. Man hat abgeleugnet, dass die russische Regierung irgendeinen direkten Druck ausgeübt habe. Aber diese Tatsache ist nicht von großer Bedeutung, denn man kann annehmen, dass die kommunistischen Parteien aller Länder die russische Politik ausführen. Es wird aber nicht geleugnet, dass die kommunistische Partei die hauptsächliche Triebkraft zunächst gegen die P.O.U.M., später gegen die Anarchisten, den von Caballero geführten Flügel der Sozialisten und allgemein gegen eine revolutionäre Politik war. Nachdem sich die UdSSR einmal eingemischt hatte, war der Triumph der kommunistischen Partei gesichert.

Zunächst wurde das kommunistische Prestige dadurch enorm gehoben, dass man Russland gegenüber dankbar war für die Waffen und die Tatsache, dass die kommunistische Partei besonders nach Ankunft der Internationalen Brigade den Anschein erweckte, als könnte sie den Krieg gewinnen.

Zweitens wurden die russischen Waffen durch die kommunistische Partei oder die mit ihr verbündeten Parteien ausgeliefert, und sie achteten darauf, dass ihre politischen Gegner sowenig wie möglich davon erhielten (Anm.: Das war der Grund dafür, dass es an der aragonischen Front so wenig russische Waffen gab, da die Truppen dort hauptsächlich Anarchisten waren. Bis zum April 1937 sah ich als einzige russische Waffe – mit Ausnahme einiger Flugzeuge, die vielleicht russisch waren, vielleicht aber auch nicht – nur eine einzelne Maschinenpistole.).

Drittens gelang es den Kommunisten durch die Verkündung einer nichtrevolutionären Politik, alle diejenigen um sich zu scharen, die von Extremisten verscheucht worden waren. Es war beispielsweise leicht, die wohlhabenderen Bauern gegen die Kollektivierungspolitik der Anarchisten zu sammeln. Die Mitgliedschaft der Partei wuchs gewaltig an, der Zufluss speiste sich hauptsächlich aus dem Mittelstand: Ladenbesitzer, Beamte, Armeeoffiziere, wohlhabende Bauern und so weiter, und so weiter.

Im Grunde genommen war der Krieg ein Dreieckskampf. Das Ringen mit Franco musste fortgesetzt werden, aber gleichzeitig war es das Ziel der Zentralregierung, alle Macht zurückzugewinnen, die noch in den Händen der Gewerkschaften verblieben war. Dies geschah durch eine Reihe kleiner Manöver, es war eine Politik der Nadelstiche, wie es jemand genannt hat, und man tat es, im ganzen gesehen, sehr klug. Es gab keine allgemeine, offene Gegenrevolution, und bis zum Mai 1937 war es nicht einmal nötig, Gewalt anzuwenden. Man konnte die Arbeiter immer durch ein Argument zur Räson bringen, das fast zu augenfällig ist, um es zu nennen: »Wenn ihr dieses oder jenes nicht tut, werden wir den Krieg verlieren.« In jedem Fall natürlich verlangte anscheinend die militärische Notwendigkeit, etwas aufzugeben, das die Arbeiter 1936 für sich errungen hatten. Aber dieses Argument war immer stichhaltig, denn das letzte, was die Revolutionsparteien wünschten, war, den Krieg zu verlieren. Verlor man den Krieg, würden Demokratie und Revolution, Sozialismus und Anarchismus zu bedeutungslosen Worten. Die Anarchisten, die einzige Revolutionspartei, deren Größe von Bedeutung war, wurden gezwungen, Stück für Stück nachzugeben. Das Fortschreiten der Kollektivierung wurde angehalten, die örtlichen Ausschüsse wurden entfernt, die Arbeiterpatrouillen wurden aufgelöst, die Polizeikräfte der Vorkriegszeit wurden, weitgehend verstärkt und schwer bewaffnet, wieder eingesetzt, und verschiedene Schlüsselindustrien, die unter der Kontrolle der Gewerkschaften gestanden hatten, wurden von der Regierung übernommen. (Die Übernahme des Telefonamtes von Barcelona, die zu den Maikämpfen geführt hatte, war ein Beispiel dieser Entwicklung.)

Schließlich, und das war das allerwichtigste, wurden die Milizeinheiten der Arbeiter, die sich auf die Gewerkschaften gründeten, allmählich auseinandergebrochen und in die neue Volksarmee aufgeteilt. Das war eine ‚unpolitische‘ Armee, sie hatte einen halben Bourgeoischarakter. Es gab unterschiedlichen Sold, eine privilegierte Offizierskaste und so weiter, und so weiter. Unter den besonderen Umständen war das tatsächlich ein entscheidender Schritt. In Katalonien vollzog man ihn allerdings später als an anderen Orten, denn hier waren die Revolutionsparteien am stärksten. Offensichtlich bestand die einzige Garantie für die Arbeiter, ihre Errungenschaften zu festigen, nur darin, einen Teil ihrer Streitkräfte unter ihrer eigenen Kontrolle zu haben. Wie gewöhnlich wurde auch das Auseinanderbrechen der Miliz im Namen militärischer Leistungsfähigkeit vollzogen, und niemand leugnete, dass eine gründliche militärische Reorganisation notwendig war. Es wäre aber durchaus möglich gewesen, die Miliz zu reorganisieren und leistungsfähiger zu machen und sie gleichzeitig unter der direkten Kontrolle der Gewerkschaften zu belassen. Der Hauptzweck des Wechsels lag darin, dafür zu sorgen, dass die Anarchisten keine eigenen Waffen mehr besaßen. Außerdem war der demokratische Geist der Miliz ein Brutnest für revolutionäre Ideen. Die Kommunisten wussten das sehr genau und schimpften ohne Unterlass und erbittert über die P.O.U.M. und das anarchistische Prinzip des gleichen Lohns für alle Ränge. Es fand eine allgemeine ‚Verbürgerlichung‘ statt, eine absichtliche Zerstörung des Gleichheitsgeistes aus den ersten Monaten der Revolution. Alles ereignete sich so geschwind, dass Leute, die Spanien innerhalb von wenigen Monaten mehrmals besucht hatten, erklärten, dass sie anscheinend kaum das gleiche Land besuchten. Was an der Oberfläche und für eine kurze Weile ein Arbeiterstaat zu sein schien, verwandelte sich vor den eigenen Augen in eine herkömmliche Bourgeoisrepublik mit der normalen Unterscheidung von reich und arm. Im Herbst 1937 erklärte der ‚Sozialist‘ Negrin in öffentlichen Ansprachen, dass »wir privates Eigentum respektieren«, und Mitglieder des Cortes, die zu Beginn des Krieges aus dem Land fliehen mussten, da man sie faschistischer Sympathien verdächtigte, kehrten nach Spanien zurück.“

Dass die beschriebene Einflussnahme der UdSSR im absoluten Widerspruch zur in Teilen Spaniens gelebten Utopie Spaniens stand, wird durch dieses Zitat Orwells deutlich:

„Die Arbeitermiliz, die auf den Gewerkschaften aufbaute und sich aus Leuten von ungefähr der gleichen politischen Meinung zusammensetzte, bewirkte, dass an einer Stelle die intensivsten revolutionären Gefühle des ganzen Landes zusammenkamen.

Ich war mehr oder weniger durch Zufall in die einzige Gemeinschaft von nennenswerter Größe in Westeuropa gekommen, wo politisches Bewusstsein und Zweifel am Kapitalismus normaler waren als das Gegenteil. Hier in Aragonien lebte man unter Zehntausenden von Menschen, die hauptsächlich, wenn auch nicht vollständig, aus der Arbeiterklasse stammten. Sie lebten alle auf dem gleichen Niveau unter den Bedingungen der Gleichheit. Theoretisch herrschte vollkommene Gleichheit, und selbst in der Praxis war man nicht weit davon entfernt. In gewisser Weise ließe sich wahrhaftig sagen, dass man hier einen Vorgeschmack des Sozialismus erlebte. Damit meine ich, dass die geistige Atmosphäre des Sozialismus vorherrschte. Viele normale Motive des zivilisierten Lebens – Snobismus, Geldschinderei, Furcht vor dem Boss und so weiter – hatten einfach aufgehört zu existieren. Die normale Klasseneinteilung der Gesellschaft war in einem Umfang verschwunden, wie man es sich in der geldgeschwängerten Luft Englands fast nicht vorstellen kann. Niemand lebte dort außer den Bauern und uns selbst, und niemand hatte einen Herrn über sich.

Natürlich konnte dieser Zustand nicht andauern. Es war einfach ein zeitlich und örtlich begrenzter Abschnitt in einem gewaltigen Spiel, das augenblicklich auf der ganzen Erdoberfläche gespielt wird. Aber es dauerte lange genug, um jeden, der es erlebte, zu beeindrucken. Wie sehr damals auch geflucht wurde, später erkannte jeder, dass er mit etwas Fremdem und Wertvollem in Berührung gewesen war.

Man hatte in einer Gemeinschaft gelebt, in der die Hoffnung normaler war als die Gleichgültigkeit oder der Zynismus, wo das Wort Kamerad für Kameradschaft stand und nicht, wie in den meisten Ländern, für Schwindel. Man hatte die Luft der Gleichheit eingeatmet. Ich weiß sehr genau, wie es heute zum guten Ton gehört zu verleugnen, dass der Sozialismus etwas mit Gleichheit zu tun hat.

In jedem Land der Welt ist ein ungeheurer Schwarm Parteibonzen und schlauer, kleiner Professoren beschäftigt zu ‚beweisen‘, dass Sozialismus nichts anderes bedeutet als planwirtschaftlichen Staatskapitalismus, in dem das Motiv des Raffens erhalten bleibt. Aber zum Glück gibt es daneben auch eine Vision des Sozialismus, die sich hiervon gewaltig unterscheidet.

Die Idee der Gleichheit zieht den normalen Menschen zum Sozialismus hin. Diese ‚Mystik‘ des Sozialismus lässt ihn sogar seine Haut dafür riskieren.

Für die große Mehrheit der Menschen bedeutet der Sozialismus die klassenlose Gesellschaft, oder er bedeutet ihnen überhaupt nichts. Unter diesem Gesichtspunkt aber waren die wenigen Monate in der Miliz wertvoll für mich. Denn solange die spanischen Milizen sich hielten, waren sie gewissermaßen der Mikrokosmos einer klassenlosen Gesellschaft. In dieser Gemeinschaft, in der keiner hinter dem Geld herrannte, wo alles knapp war, es aber keine Privilegien und kein Speichellecken mehr gab, fand man vielleicht in groben Umrissen eine Vorschau davon, wie die ersten Schritte des Sozialismus aussehen könnten. Statt mir meine Illusionen zu rauben, fesselte mich dieser Zustand. Die Folge war, dass ich noch viel stärker als vorher wünschte, der Sozialismus möge verwirklicht werden. Teilweise kam das daher, weil ich das Glück gehabt hatte, unter Spaniern zu leben. Mit ihrer angeborenen Anständigkeit und ihrem immer gegenwärtigen anarchistischen Gefühl würden sie selbst die ersten Stadien des Sozialismus erträglicher machen, wenn man ihnen nur eine Chance gäbe.“ Wieviel  anders wird Orwell in seiner Dystopie „1984“ ein totalitäris Sytem beschreiben.

Als Orwell seinen Bericht verfasste, war der Spanische Bürgerkrieg noch im vollen Gange. Die gelebte Utopie, deren Ende auch Hans Magnus Enzensberger in seinem dokumentarischen Roman „Der kurze Sommer der Anarchie“ über Buenaventura Durruti beschrieb, wurde zum Teil einer gemeinsamen Erinnerung der Beteiligten. Es scheint, dass die aktuellen Krisen dieser Welt eine Rückbesinnung auf die Utopie als Zukunftsziel notwendig machen.

Meine Lesetipps zum Thema:

George Orwell – Mein Katalonien

Hans Magnus Ezensberger – Der kurze Sommer der Anarchie

Buch und Film von Isamelle Fremeaux und John Jordan – Pfade durch Utopia

Achim von Borries/Ingeborg Weber-Brandies (HG.) – Anarchismus Theorie Kritik Utopie

Der Film „Die Utopie leben! Der Anarchismus in Spanien„, den der Sender arte vor einigen Jahren ausstrahlte, sollte unbedingt auf DVD erscheinen oder wenigstens wiederholt werden!

Selbstverständlich sind die Amazon-Links nur im Notfall zu verwenden. Viel ratsamer ist die Unterstützung des lokalen Buchhandels.

Die Reihe wird fortgesetzt.




Kapitalverbrechen und Raubzug

von Dirk Jürgensen ...

Prof. H. Lesch über die Finanzkrise und den sonstigen Irrsinn des Lebens in der ökonomisch dominierten Welt.

Dieser Beitrag aus der Serie „Pelzig hält sich“ ist im Sinne unserer schnelllebigen Zeit zwar schon alt, er stammt vom 03.07.2012, er bleibt dennoch aktuell und sehenswert. Damals war die Finanzkrise ein uns alle beschäftigendes Thema, doch scheint all das, was unbedingt geändert werden sollte und auch die Krise selbst, längst vergessen. Dabei wird die nächste Finanzkrise ganz sicher wieder kommen. Vielleicht ist sie aber auch gar nicht beendet, sondern aufgrund all der Kriege, Flüchtlichgsdramen und Seuchen nur nicht mehr ausreichend Schlagzeilen gerecht?




Düsseldorfer Schafe

von Dirk Jürgensen ...

Schafe am Rhein- Foto: © Jürgensen - Düsseldorf

Am Rhein in Düsseldorf, direkt dem Landtag von NRW gegenüber, ist das Gras besonders schmackhaft. Wer sollte sich da noch um Politik scheren? Zudem noch bei diesem herrlichen Frühherbstwetter?

 




Welche Alternative eigentlich? Da verlierste hinterher immer.

von Dirk Jürgensen ...

Ein Thekengespräch über die AfD

– – –

Mann 1: Jupp, mach mal ganz schnell zwei Bier.

Mann 2: Aber auf meinen Deckel. Mein Kumpel macht ja ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Was ist denn los?

Mann 1: Ach, waren doch wieder Wahlen im Osten. Mittlerweile machen die mir mit ihren Wahlerfolgen richtig Angst.

Mann 2: Wer?

Mann 1: Die von der AfD.

Mann 2: Von wem?

Mann 1: Von der AfD, Alternative für Deutschland, diese irgendwie Rechten und irgendwie radikal neoliberalen Marktverherrlicher.

Mann 2: Ach die. Das Neoliberale hat auch die FDP sterben lassen. Das will niemand mehr. Hat auf Dauer keine Chance. Und was das Rechte bei denen angeht, … Ich glaube, so schlimm sind die gar nicht.

Mann 1: Wie kommst Du denn da drauf?

Mann 2: Ist doch ganz einfach. Die können sich doch nicht Alternative für Deutschland nennen, wenn sie hintenrum nur Deutschland, Deutschland über alles wollen. Mit dem Namen können die keine Nazis sein.

Mann 1: Versteh‘ ich nicht.

Mann 2: Ist doch ganz einfach. Die wollen oder versprechen uns eine Alternative für Deutschland. Und das kann dann logischerweise nicht Deutschland sein. Sondern ein anders Land.

Mann 1:  Häh, wie jetzt?

Mann 2:  Denk‘ mal an deinen Urlaub. Fährste da immer in Deutschland rum?

Mann 1:  Natürlich nicht. Bei dem unsicheren Sommerwetter.

Mann 2:  Eben. Du findest eine Alternative und die ist …?

Mann 1:  Meistens Mallorca, also Spanien. Da scheint immer die Sonne, die Leute sind viel entspannter als bei uns und überhaupt, … Wenn ich in zehn Jahren so weit bin, lass ich mir die Rente da hinschicken. Ich war auch schon mal in der Türkei, aber da habe ich das Essen nicht vertragen.

Spanien, eine Alternative für Deutschland? - Foto: © Jürgensen - Düssseldorf

Spanien (Mallorca), eine Alternative für Deutschland?
Foto: © Jürgensen – Düssseldorf

Mann 2:  Siehste.

Mann 1:  Was sehe ich?

Mann 2:  Dass Du ne Altenative für Deutschland kennst. Und die heißt in Deinem Fall Spanien.

Mann 1:  Und so eine Alternative für Deutschland will uns auch die AfD bieten?

Mann 2:  Vermutlich. Ich habe deren Parteiprogramm nicht gelesen, aber dem Namen nach wollen die uns immerhin eine Alternative bieten. Und die sollte doch vermutlich nicht schlechter als Deutschland sein. Wäre dann ja keine Alternative.

Mann 1:  Vielleicht Holland?

Mann 2:  Wieso Holland?

Mann 1:  Die machen bessere Pommes als der Jupp und haben super Strände. Wir fahren auch immer nach Venlo und kaufen Kaffee. Der ist da billiger. Holland wäre auch schon eine Alternative. Außerdem haben die tolle Radwege. Meine Frau und ich fahren doch in der letzten Zeit mehr mit dem Rad. Will die AfD die Radwege ausbauen. Wäre doch ein Anfang?

Mann 2:  Weiß ich nicht. Aber wenn man bedenkt, wie viele Deutsche ständig ins Ausland reisen, gibt es eine Menge Vorstellungen, wie eine Alternative zu dem aussehen könnte, das wir hier ständig erleben. Frankreich, Wein, savoir-vivre, gutes Essen, schöne Frauen. Italien, Pizza, Pasta, Amore. Einmal mit dem Finger durch den Atlas und man hat tausend Alternativen für Deutschland.

Mann 1:  Ist ja gut, aber kommen die denn mit ihren Vorstellungen überhaupt durch? Demnächst kommt es sicher zur ersten Koalition mit der CDU.

Mann 2:  Sicher nicht.

Mann 1:  Und warum?

Mann 2:  Die Merkel gibt denen einen unbedeutenden Ministerposten und sagt dann ganz einfach: Deutschland ist alternativlos. Und Ende mit der AfD.

Mann 1:  Ist vielleicht auch besser so, denn die wollen auch den Euro abschaffen. Dann wird das bestimmt hinterher schwieriger mit meiner Rente.

Mann 2:  Schwieriger?

Mann 1:  Ja, denk doch mal an die elende Umrechnerei in Peseten. Da verlierste hinterher immer.

Mann 2:  Jupp, noch zwei Bier!




Chin Meyer erklärt den Finanzmarkt

von Dirk Jürgensen ...

Die Stärke der Vergoldung eines Zeitalters zeigt sich nicht während des Funktionierens, sondern erst nach dem Zusammenbrechen der Finanzmärkte. Aber nur ganz kurz, dann wird wieder einen neue Goldschicht aufgetragen, denn da die gehandelten Werte nur in Ausnahmefällen tatsächlich greifbare sind, liegt der Zusammenbruch immer in nächster Nähe und ist nicht zu verhindern. Besser als manch ein Fachaufsatz erklärt der Kabarettist Chin Meyer die Logik der Derivate, den Wahnsinn der Glücksritter mit ihren Scheingeschäften zwischen der genialen Geschäftsidee und dem staatlichen Schutzschirm. Sein witzigies Beispiel ist überraschend einfach und stimmig. Bei allem Lachen über den Irrsinn der sich immer wieder aufpumpenden Finanzblasen bleibt die eine Frage offen: Wieso und warum fallen die Menschen, die Gesellschaften, die politischen Systeme immer wieder auf diesen Unsinn herein?

Kaum ein Netzfundstück der letzten Monate passte so gut wie dieses zum Ursprungsthema dieser Seite. Die Verwendung war nicht zu vermeiden.

 

Bildquelle (Startseite): www.chin-meyer.de