Fotografische Entschleunigung

30 Sekunden – Eine halbe Minute Ewigkeit

 von Dirk Jürgensen …

Das Thema »Zeit« geht uns nicht aus den Köpfen. Ob wir unser Privatleben planen, die Arbeit uns Zeit stiehlt, versaut oder Erfüllung bringt, ob wir die Wochen und Tage bis zum Urlaub zählen oder das, was uns vom Leben übrig bleibt, ob wir auf den Bus warten oder im Stau stehen, die Zeit beschäftigt uns immer – besonders wenn wir von der so notwendigen »Entschleunigung« reden.

30 Sekunden © Jürgensen - DüsseldorfSo lag es für mich nicht fern, der Zeit ein Fotoprojekt zu widmen, eine künstlerische Annäherung an das Thema zu suchen. Denn besonders in der Fotografie ist die Zeit ein außerordentlich einflussreicher Aspekt.

Normalerweise, wir erwarten als Ergebnis in der Regel ein scharfes, nicht verwackeltes Bild, konserviert ein Foto einen Zeitabschnitt, der nur hundertstel oder tausendstel Sekunden währte. Es täuscht uns das, was mit dem Klacken des Verschlusses schon längst Vergangenheit wurde, als ewige Gegenwart vor. Mit ihrem Einfrieren des Bruchteils einer Sekunde ist die Fotografie ein Hilfsmittel für unsere oft zu fahrige Wahrnehmung und gleichzeitig eines für unsere unpräzise Erinnerung. Wir wollen das so und akzeptieren damit die zeitlich winzige Wirklichkeit eines Fotos als Wirklichkeit des Lebens.

Versucht man in der Fotografie Zeit sichtbar zu machen, gibt es die Möglichkeit mit Serienaufnahmen Veränderungen, Bewegungen und Abläufe in Sequenzen einzuteilen. Jedes Bild für sich ist dann wieder ein kurzer und für sich abgeschlossener Ausschnitt aus der Zeit. Den zwischen den einzelnen Bildern entstandene Zwischenraum füllt unsere Phantasie, so, wie auch ein Film aus vielen Einzelaufnahmen besteht und die Geschwindigkeit des Bildwechsels uns den lückenlosen Fluss des Geschehens vorgaukelt.

Eine andere Möglichkeit ist die, die Belichtungszeit zu verlängern, sie in einen Bereich zu bringen, den wir glauben, mit unserer Wahrnehmung erfassen zu können. Sagen wir, eine halbe Minute. Müssen wir eine halbe Minute warten, kann das eine Ewigkeit bedeuten, doch erleben wir gerade einen großen Genuss, gehen 30 Sekunden viel zu schnell vorbei. Beim Fotografieren selbst bedeuten 30 Sekunden oft eine Ewigkeit, eine Zeit, in der man sich mit dem Drücken des Auslösers dem Zufall aussetzt. Stellt man sein Kamerastativ beispielsweise in einer Fußgängerzone auf, möchte die Bewegung eines Passanten verfolgen, dreht er sich unerwartet um, ein Kind läuft ihm in die Quere und die eben noch schlaff am Mast hängende Fahne im Hintergrund wird von einer Windböe erfasst. Wer mit einer Belichtungszeit von einer halben Minute fotografiert, erfährt die Ewigkeit solcher Momente.

Wie sehr sich dieser Zufall sich auch an der Bildkomposition beteiligen mag, immer ist das Ergebnis ein Dokument dessen, was innerhalb seines Erfassens geschah, eines, das aber auch zeigt, wie flüchtig die Ausdehnung der Zeit dieses Geschehen macht. Menschen, Tiere, Dinge in Bewegung verwandeln sich in ihre eigenen Spuren, sie werden durchsichtig, verschwinden bei schneller Bewegung ganz. Was bleibt, ist die Position der Ruhe, nicht die der Eile. Die Hektik der Innenstadt verwandelt sich in eine indifferente Wolke, wird letzthin aufgelöst.

So würde ich mich freuen, wenn der Bildband mit einer Auswahl meiner Fotografien, die konsequenterweise alle mit einer Belichtungszeit von 30 Sekunden entstanden, der Wahrnehmung der Zeit ein kleines Stück Geschwindigkeit nehmen könnten.

Wir reden so viel von Entschleunigung. Auch sie ist eng mit einer bewussten Wahrnehmung von Zeit verbunden. Vielleicht mögen Sie in diesem Zusammenhang mein künstlerisches Experiment sogar für sich selbst fortsetzen, indem Sie sich einfach(?) die Zeit nehmen, sich eine der im Buch versammelten Fotografien herausgreifen und sie eine halbe Minute lang anschauen, so lange, wie die Kamera benötigt hat, das Bild aufzuzeichnen. Ich würde mich freuen zu erfahren, was Sie sehen, was bleibt.


Das Bilderbuch »30 Sekunden – Eine halbe Minute Ewigkeit« (ISBN:978-3-744-85498-6) hat 52 Seiten im handlichen Format von 21x15cm mit zahlreichen Schwarzweiß- und Farbaufnahmen und kann in Deutschland für 8.50 € überall dort erworben werden, wo es Bücher gibt. Ihr lokaler Buchhändler wird es gerne für Sie bestellen.

Wenn Sie es partout nicht vermeiden können, dürfen Sie es natürlich auch bei Amazon oder über die folgende Box beim BoD-Bookshop ordern.

Weitere Informationen zu diesem Projekt finden Sie unter knipsenundtexten.de im Netz.

Dieses Buch könnte Sie auch interessieren: Rheinturm – Cameoauftritte eines Düsseldorfer Wahrzeichens




Das Bilderbuch vom Rheinturm in Düsseldorf

Anregungen für einen Spaziergang

 von Dirk Jürgensen ...

Vor einigen Monaten habe ich einen kleinen Fotoband herausgebracht, in dem der Düsseldorfer Rheinturm zahlreiche Cameo-Auftritte hat. Cameo-Auftritte sind jene Überraschungsauftritte, die man meist vom großen Alfred Hitchcock in Erinnerung hat. Gut, man kann auch sagen, dass der Rheinturm auf den 64 Seiten des kleinenBandes die Hauptrolle spielt. Aber das wäre dem Ansatz meines Fotoprojekts nicht gerecht geworden, denn es geht darum, was dieses schlicht-schöne Bauwerk uns Düsseldorfern bedeutet und wie es uns täglich begegnet.

Rheinturm - Bild: ©Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Rheinturm – Bild: ©Dirk Jürgensen – Düsseldorf

So ist diese Sammlung auf 64 Seiten eine Anregung für eigene Erkundungen geworden. Es lohnt sich, mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen, ihre teils recht verborgenen schönen Seiten zu entdecken. Natürlich darf sie auch Besuchern der Stadt am Rhein einen Anlass zu Spaziergängen jenseits von Königsallee, Rheinpromenade und Altstadt liefern. Es ist schon spannend, wie viele Sichtachsen, Durchblicke und Einblicke immer wieder neu gefunden werden können. So kann auch ich nach Fertigstellung des Bandes immer wieder nur feststellen, dass ich noch ganz viele wichtige Ansichten übersehen habe.

Vermutlich könnte das Bilderbuch niemals komplett werden.

Das moderne Wahrzeichen einer modernen Stadt

Der Rheinturm ist innerhalb kürzester Zeit zu einem bedeutenden modernen Wahrzeichen der Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens geworden. Das liegt vermutlich an seiner Lage direkt am Rhein, vielleicht auch an seiner überaus schlichten Architektur und sein Korrespondieren mit der Düsseldorfer Brückenfamilie. Sicher lassen sich auch noch zahlreiche weitere Gründe finden, warum die Düsseldorfer ihn so mögen und Besuchern immer wieder die an ihm angebrachte Dezimaluhr erklären. Auf jeden Fall ist der Rheinturm ein Hinweis darauf, dass Düsseldorf eine sehr junge Großstadt ist und sich erst in Zeiten der Industrialisierung von einer beschaulichen preußischen Provinz-Verwaltung zu einer dynamischen Metropole verwandeln konnte.

Der kleine Band wird im Print-on-Demand-Verfahren hergestellt und ist über den stationären Buchhandel, wenn es nicht anders geht, auch über die Online-Händler wie Amazon zu beziehen.

Rheinturm – Cameoauftritte eines Düsseldorfer Wahrzeichens
ISBN: 978-3-741-28557-8
Format 21×21 cm
Preis (in Deutschland) 8,50€

Weitere Informationen zum Buch.




Das Eiland als Anregungswert für neue Utopien

Wir brauchen Utopien – Teil 8

 von Dirk Jürgensen ...

Den Namen Aldous Huxley verbinden wir fast automatisch mit seiner 1932 erschienenen Dystopie „Schöne neue Welt“, die in Deutschland zuerst unter dem Titel „Welt – wohin?“ erschien, der in seiner Fragestellung die Gefahr des damals bereits existierenden Stalinismus und des immer stärker werdenden Faschismus kurzgefasst implizierte. Neben George Orwells Roman „1984“ aus dem Jahr 1949 mit einen vermeintlich sozialistischen Staat, der sich als diktatorischer, als totalitärer Eiland - Aldous Huxley - PiperPräventions- und Überwachungsstaat zeigt, ist Huxleys „Schöne neue Welt“ noch immer und besonders wieder in unseren Tagen die vermutlich maßgeblichste literarische Sicht auf eine leider gar nicht so unwahrscheinliche Zukunft.

Nahezu vergessen wurde, dass Huxley 1962 – kurz vor seinem Tod – mit der Utopie „Eiland“ ein positives Gegenstück, einen optimistisch stimmenden Gegenentwurf einer solidarischen, gewaltfreien und freiheitlichen Gesellschaft einer tropischen Insel namens Pala erfand.

Während er die „Schöne neue Welt“ in einer recht fernen Zukunft des Jahres 632

A.F. In Anspielung auf A.D. , Anno Domini = im Jahre des Herrn, also „nach Christus“ bedeutet A.F. „Anno Fordii“ bzw. „After Ford“ = nach (Henry) Ford. Als Bezugspunkt dient das Jahr 1908, als das erste T-Modell vom Band lief.
ansiedelte, ist Pala der in allen Belangen exotische Teil einer ansonsten unzulänglichen Gegenwart. In all seiner Bescheidenheit, seiner Friedfertigkeit und positiven Abgrenzung zu den ansonsten allmächtigen Marktmächten einer globalisierten Ökonomie, wird Pala – hier kann Huxley die gewissermaßen dystopische Realität nicht außen vor lassen – aufgrund der vorhandenen Ölvorkommen von der benachbarten Militärdiktatur und mit ihr von interessierten Konzernen bedroht und am Ende auch ohne Gegenwehr besiegt.

Günter Blöcker schrieb 1973 in seiner Rezension für die F.A.Z.:

Thematisch und erzähltechnisch ist damit ein konkreter Bezugspunkt geschaffen, der den Inseltraum davor bewahrt, allzu romantisch-irreale Züge anzunehmen. Diese Gefahr besteht. Die farbenprächtige exotische Kulisse trägt ebenso dazu bei wie die für abendländische Gemüter eher realitätsferne Heilsmixtur aus diversen fernöstlichen Lebenslehren. Pala ist die Summe all der Rezepte für ein sinnvolles, erfülltes Erdenwallen, die Huxley seinen Lesern seit der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre unermüdlich anbietet. Die Stichworte sind bekannt, Kontemplation, Selbsttranszendenz, Yoga des täglichen Lebens, das große Gewahrsein, das helle Licht der Leere,

die Loslösung vom kleinen, eigensüchtigen Ich. Dazu ein wenig Kibbuz-Ideologie und die den Himmel auf die Erde herabgaukelnde Droge, die hier Moksha-Medizin heißt, die „Pille der Wahrheit und Schönheit“, die „Wirklichkeits-Enthüllerin“. Alles dies wird in großer Ausführlichkeit vor den Augen eines zunächst skeptischen, dann mehr und mehr überzeugten Reporters aus dem Westen demonstriert und dargelegt – weder Essay noch Roman, sondern ein utopischer Bilderbogen, der Kolportage-Elemente sowenig verschmäht wie die Mittel der lehrhaften Gleichniserzählung oder den dialogisierten Leitartikel.

Weiter schreibt er:

Wenn Ernst Bloch im Hinblick auf „Brave new World“ meinte, der „Individual-Agitator“ Huxley sei „nur noch zu Hoffnungsmord und Anti-Utopie fähig“, so hat Huxley mit seinem letzten Buch den Gegenbeweis angetreten.

und an anderer Stelle:

Man tut gut daran, sich nicht durch seine offenkundigen Schwächen irritieren zu lassen, sondern sich an seinen Anregungswert zu halten, an den utopischen Geist mehr als an den Buchstaben der Utopie.

Gerade dieser „Anregungswert“ ist es, der in unseren Tagen Utopien wo wichtig und wünschenswert macht. Die Menschen spüren, dass die globalen kapitalistischen Mechanismen, die beinahe uneingeschränkte Herrschaft der Märkte, die einer Minderheit Reichtum und der globalen Mehrheit Armut bringt, nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Wie beispielsweise die Griechen anlässlich ihres Referendums zur „alternativlosen“ Sparpolitik beispielsweise mit ihrem Oxi ihre Hoffnung auf die Utopie eines anderen Europas äußerten, sollten sich die Denker, die Literaten und Wissenschaftler aller Disziplinen aufgerufen fühlen, endlich wieder Bilder einer besseren Zukunft zu schaffen, die der globalen Gesellschaft mehr als eines neues und besseres(?) Smartphones bietet. Ohne den „Anregungswert“ einer Utopie wird die Zukunft zu sehr den Technokraten und ökonomischen Egoisten überlassen.

Einen besonders intensiven Einblick in Huxleys Utopie „Eiland“ bietet mit einigen Hörspieleinlagen ein dreißigminütiger Beitrag des ORF aus dem Jahr 1977, der in der österreichischen Mediathek abzurufen ist.

Eiland“ von Aldous Huxley ist derzeit als Taschenbuchausgabe aus dem Piper-Verlag bei jedem lokalen Buchhändler kurzfristig verfügbar.




Ein solcher Bau steht normalerweise 200 Jahre

Ein Rückblick auf den erfolglosen Kampf um den Düsseldorfer Tausendfüßler

 von Dirk Jürgensen ...

Die Debatte um den Abriss der von den Düsseldorfern liebevoll „Tausendfüßler“ genannten Hochstraße ist ein bedenkliches Kapitel der jüngeren Stadtgeschichte. Die Art und Weise, wie die Bürger vor vollendete Tatsachen gestellt und wie standhaft ihre Einwände und vielfach konstruktiven Gegenvorschläge ignoriert wurden, ist ein Musterbeispiel dafür, wie man die allgemein beklagte Politkverdrossenheit manifestiert. Parallelen zu „Stuttgart 21“ und Bilder von der Arroganz der Macht sind unverkennbar.

Der Düsseldorfer Tausendfüßler – Die Auseinandersetzung um den Erhalt der Hochstraße und um die Kö-Bogen-Planung

Der Düsseldorfer Tausendfüßler

Der Tausendfüßler war ein Baudenkmal, ein Teil eines Ensembles mit dem Dreischeibenhochhaus, dem Schauspielhaus und dem angrenzenden Hofgarten, das die an klassischen Altertümern arme Stadt in ihrem Kern als moderne und aufstrebende Stadt prägte und bekannt machte. Dieses Ensemble ist nicht mehr vollständig und aus den Wirren der noch auf Jahre dominierenden Großbaustelle treten nach und nach riesige Tunnelrampen ins Blickfeld, die stark daran zweifeln lassen, dass die Befürworter des Abrisses Recht behalten werden.

Est stimmt zeitweise traurig, mit seinem Protest und den anderen Vorstellungen von einer Aufwertung der Düsseldorfer Stadtmitte richtig gelegen zu haben. Ein Triumph sieht jedenfalls anders aus. Und um nicht all das selbst Erlebte aus der Amtszeit der Oberbürgermeister Joachim Erwin und Dirk Elbers (beide CDU) aufführen zu müssen, möchte ich all jenen Menschen ein Buch ans Herz legen, die wissen möchten, wie eine bürgerferne und bezüglich der Folgekosten unvernünftige städtische Baupolitik aussieht und wie sie leider von Erfolg [sic!] gekrönt sein kann.

Der Düsseldorfer Tausendfüßler – Die Auseinandersetzung um den Erhalt der Hochstraße und um die Kö-Bogen-Planung

Die Herausgeber Manfred Droste und Hagen Fischer haben in akribischer Kleinarbeit eine umfangreiche Dokumentation zusammengestellt, die all die Informationen von der Zeit der Planung und dem Bau des Tausendfüßlers, zu seiner Ästhetik, seiner bis in die letzten Tagen tadellosen Funktionalität über den fragwürdig abgelaufenen Verkauf des ihm anliegenden Jan-Wellem-Platzes und der sehr stückweisen Neuplanung seines innerstädtischen Umfelds bis zu seinem endgültigen Abriss aufführt.

Aus der Sitzung des Düsseldorfer Stadtrats am 5. Mai 1960, als der Bau der Hochstraße beschlossen wurde, eine kurze Passage zitieren, in der vom damaligen obersten Stadtplaner Friedrich Tamms die heute oft geäußerte Behauptung eindeutig widerlegt wird, der Tausendfüßler sei nur ein Provisorium gewesen:

Ratsherr Schulhoff (CDU): „Ich habe nur eine Frage, Herr Professor Tamms, die Sie nicht beantwortet haben. Sie wurden gefragt, wie lange die Hochstraße stehen wird. Darauf haben Sie gesagt: Die Hochstraße steht solange sie steht. Das ist nicht exakt. Sie müssen doch über die Lebensdauer etwas sagen können.“ (Starke Unruhe – Zwischengespräche)
Beigeordneter Professor Tamms: „Ein solcher Bau steht normalerweise 200 Jahre.“

Im Folgenden hält uns das Buch die ausführliche gutachterliche Stellungnahme zum Denkmalwert des Bauwerks von Axel Föhl (LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland) aus dem Jahr 1991 bereit. Sie ist außerordentlich aufschlussreich und beinahe spannend zu lesen. Man möchte fast bedauern, dass sie in der Zeit der Abrissdiskussionen nicht als Mehrteiler in den Düsseldorfer Tageszeitungen erschien. Sie ist selbst für einen Laien beinahe spannend zu lesen und zeigt sehr detailliert, wie intensiv und ohne zu sparen an der grazilen Form des Tausendfüßlers geplant und wie sorgfältig die Bauausführung erfolgte. Nur ein Zitat daraus:

Für die Erhaltung der Hochstraße Jan-Wellem-Platz liegen künstlerische, wissenschaftliche und städtebauliche Gründe vor. Die Gestaltungsqualtät des Brückenbauwerks hebt sich mit der Leichtigkeit ihrer Formgebung (ihrer „Entmaterialisierung“, um den Begriff Tamms aufzugreifen) wie der Eleganz im Grundriss, Aufriss und Querschnitt, mit ihren „kontinuierlich geführten Kurven höherer Grade“, ihrer einfach und doppelt sinusförmig geschwungenen Untersicht und ihrer geringen Bauhöhe von dem Gros der gleichzeitig, aber auch später ausgeführten innerstädtischen Hochstraßen positiv ab.

Es ist wirklich eine Schande, dass man diese Sicht der Dinge niemandem mehr am Objekt vorführen kann.
Lore Lorentz sagte einmal:

Düsseldorf hat eine Stärke: Kein Dom überragt die Gegenwart.
Ihre Schwäche: Sie weiß nicht, daß es ihre Stärke ist.

Dieses schwierige und einen voreiligen Abriss fördernde Verhältnis Düsseldorfs zu seiner eben nur aus Bausünden bestehenden Moderne könnte man nicht besser beschreiben. Baudenkmäler benötigen Zeit, um allgemeine Wertschätzung erfahren zu können. Uns Düsseldorfern fehlt es wohl an der nötigen Geduld.
So wird die hier beschriebene Dokumentation die Fehler der Vergangenheit nicht mehr korrigieren können, aber vielleicht kann sie helfen, in Düsseldorf und anderswo demnächst weniger solcher Fehler zu begehen und vor einem Abriss zu überlegen, was eine attraktive, eine lebenswerte und individuelle Stadt zwischen den vielerorts zu beklagenden Normbauten ausmacht.


 

Der Düsseldorfer Tausendfüßler – Die Auseinandersetzung um den Erhalt der Hochstraße und um die Kö-Bogen-Planung
Manfred Droste und Hagen Fischer (Herausgeber)
erschienen beim Droste-Verlag in Düsseldorfer
ISBN 978-3-7700-6000-9
19,80 € (D)


Mehr zum Thema:

Der große Pan ist tot

Abschied vom Tausendfüßler

Zwei Netzfundstücke zum Thema:

Die Rettung des Tausendfüßlers ist noch möglich! – Scissorella

Tausendfüßler. 1962 – 2013. Düsseldorf verabschiedet sich von der Moderne. – Scissorella




Brian Fies und auch wir träumten von der Zukunft

Wir brauchen Utopien – Teil 7

 von Dirk Jürgensen ...

Und wir träumten von der Zukunft – Eine Geschichte von Hoffnung und Wandel von Brian Fies

„Und wir träumten von der Zukunft“ von Brian Fies

Kennen sie das? Man besucht einen antiquarischen

Hier handelte es sich um die mehrmals im Jahr stattfindende Büchermeile auf der Düsseldorfer Rheinpromenade.
, schaut in das Vorwort eines Buches – oder liest dessen erste paar Zeilen – und meint, mit dem Autor auf einer Wellenlänge zu sein, vielleicht den gleichen Geburtsjahrgang sein Eigen zu nennen? So ist es mir mit der bei Knesebeck erschienenen Graphic Novel „Und wir träumten von der Zukunft“ des amerikanischen Sachbuch- und Comic-Autors Brian Fies ergangen.

Nach nur wenigen Sätzen war mir klar, dass mein wiederholtes Klagen über das Fehlen neuer Utopien einen Unterstützer gefunden hat.

1970 war ich zwölf Jahre alt. Die technische Entwicklung zwischen Industrie, Privatleben und Raumfahrt machte riesige Schritte. Im Jahr 2000 würden saubere [sic!] Atom-Autos lautlos über die Straßen gleiten, der Mond wäre ein erschwingliches touristische Ziel geworden und aufgrund der technisch bedingten Rationalisierung in Industrie und Verwaltung nach der enorm gestiegenen Produktivität die wöchentliche Arbeitszeit für den Einzelnen rapide gesunken. Im Alter von vielleicht 45 Jahren würde ein spannendes Rentnerleben beginnen, das die Computer beziehungsweise Roboter mit ihrem Fleiß locker finanzierten. Wer hätte schon erwarten können, dass die technische Entwicklung nur wenige Gewinner hervor brächte und gesellschaftlich eher kontraproduktiv verliefe? Ich bin mir sicher, dass 1970 die Prophezeiung, man würde im Jahr 2015 im Schnitt noch immer acht Stunden am Tag arbeiten und das Renteneintrittsalter auf 67 verschieben, mit verständnislosem Kopfschütteln oder einem lauten Lacher kommentiert worden.

Brian Fies schreibt in seinem eben erwähnten Vorwort:

Als die Zeitschrift Popular Science zur Jahrtausendwende nach den versprochenen Flugautos fragte, war das ein Witz, aber einer, der den Finger in die Wunde eines nicht gehaltenen Versprechens legte. Irgendwo war und unterwegs etwas verloren gegangen. Als die düsteren, unbeabsichtigten Folgen der Welt von morgen sichtbar wurden, erschien die Grundidee der hoffnungsfrohen Zukunft, auf die hinzuarbeiten sich lohnte, plötzlich altmodisch und naiv. Einstige Helden wurden zu Bösewichtern, Optimismus war etwas für Trottel; die cleveren, coolen, zynischen Zeitgenossen setzten ihre Karten nun auf das dystopische Schicksal. Ich bin anderer Meinung.

Nach dieser eindeutigen Standortbestimmung im Sinne seines optimistisch-utopischen Denkens beginnt die Geschichte von Buddy und seinem Vater mit einem Besuch der Weltausstellung 1939 in New York, findet Zwischenstationen 1945 mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, den Facetten des Atomzeitalters 1955, der bemannten Raumfahrt um 1965 und wird mit dem Apollo-Sojus-Projekt 1975 enden.

Fies lässt seine Protagonisten in all den Dekaden nicht realzeitkonform, sondern stark verlangsamt altern. Der 1939 von der Präsentation der endlosen technischen Möglichkeiten beeindruckte Junge, wird erst zum Ende der Geschichte erwachsen sein. Er wird bis dahin von einem Comic-Helden namens Cap Crater und dessen Gehilfen Cosmic Kid – Buddys Alter Ego – im Kampf gegen den immer wieder zeitgemäßen Bösewicht Xandra begleitet. Fies gestaltet dies bezüglich des jeweiligen Zeitgeistes stilistisch – in der vorliegenden gebundenen Ausgabe sogar haptisch – authentisch wirkenden Comic-Einschüben.

Mit dem Erwachsenwerden Buddys, seiner Entfremdung vom Glauben seines Vaters an den American Way of Life und der Ernüchterung bezüglich der nicht eingetroffenen Utopien, endet auch die Comic-Serie um Cap Crater, der seinen Ruhestand auf dem stillen Mond verbringen will. Am Ende sieht man Buddy mit seiner kleinen Tochter, die die alten Geschichten mit einem kleinen 3D-Beamer zu neuem Leben erweckt und die Resignation mit einem etwas zu amerikanisch-pathetischen Blick in eine wunderbare interstellare Zukunft des Menschen fortgewischt wird. Dies ist in kleiner Schwachpunkt dieser ansonsten hochinteressanten Graphic Novel, denn Fies bleibt uns die Erklärung schuldig, woher er seinen Optimismus nimmt. Allein das Lesen und Erzählen utopischer Geschichten kann ihn nicht begründen. Oder doch?


Und wir träumten von der Zukunft – Eine Geschichte von Hoffnung und Wandel

ISBN: 978-3-868-73150-7

von Brian Fies – erschienen im Knesebeck-Verlag, bei dem das Buch inzwischen vergriffen ist.

Fragen Sie Ihren örtlichen Antiquar!


Der in Kalifornien lebende Brian Fies wurde durch sein zunächst als Web-Comic erschienenes Buch „Mutter hat Krebs“ weltbekannt. Er beschäftigte sich in dieser Graphic Novel mit der Geschichte der Krebserkrankung seiner Mutter. Fies hat dafür 2005 den Eisner Award for Best Digital Comic, 2007 den Harvey Award und 2008 den Deutschen Jugendliteraturpreis erhalten.




Geschichten zwischen Schwarz und Weiß

Ein Bilderbuch

 von Dirk Jürgensen ...

Geschichten zwischen Schwarz und Weiß von Dirk Jürgensen – Foto: ©Dirk Jürgensen, Düsseldorf - Link zu knipsenundtexten.de

Geschichten zwischen Schwarz und Weiß von Dirk Jürgensen – Foto: ©Dirk Jürgensen, Düsseldorf

Mit „Geschichten zwischen Schwarz und Weiß“ habe ich nun einen künstlerischen Bildband mit Ein-, Aus- und Durchblicken, mit Spiegelbildern und rätselhaften fotografischen Fundstücken herausgebracht.
Bewusst wurde im Untertitel der Begriff des Bilderbuchs gewählt, denn das Bilderbuch ist das Medium, mit dem wir schon als Kind Geschichten entdeckten, als uns die Dechiffrierung der Schriftsprache noch längst nicht möglich war. Die Bilder, wenn auch an vollkommen anderen Orten aufgenommen und mit ganz unterschiedlichen Inhalten, dürften banale, erwartete oder überraschende Beziehungen zueinander aufbauen. Jedes Foto erzählt für sich genommen eine eigene Geschichte, kann der Endpunkt, der Zwischenstand oder der Beginn einer noch nie erzählten Geschichte darstellen.
Die verwendete Schwarzweißfotografie ist durchaus kein Anachronismus, sie ist und bleibt gerade in unserer bunten Reklamewelt ein wichtiges künstlerisches Stilmittel. Das Wettrennen um die Darstellung möglichst vieler Farben und Pixel ist ein Wettbewerb, an dem sich die menschliche Phantasie selten beteiligen mag. Am Ziel fände es irgendwie endgültige, scheinbare oder tatsächliche Realitätsvorgaben, wo es sich doch lieber durch Abstraktion oder eben Reduktion herausfordern ließe.
So möchte dieses in Graustufen verfasste Bilderbuch der Phantasie reichlich Spielraum zur Interpretation, zur Schaffung unendlich vieler Farben und Worte für noch geheime Geschichten bieten.

Geschichten zwischen Schwarz und Weiß von Dirk Jürgensen, Düsseldorf (ISBN: 978-3-734-76433-2) hat 48 Seiten im Format 21×21 cm und kann in Deutschland für 7,90 € überall dort erworben werden, wo es Bücher gibt. Der hier verwendete Link auf das Versandhaus Amazon ist nur eine Möglichkeit zur Bestellung. Vorzuziehen ist natürlich die Unterstützung des lokalen Buchhandels.

Weitere Informationen zu den Büchern dieser in loser Folge erscheinenen Reihe gibt es bei knipsenundtexten.de.




Libertalia – Von Piraten lernen

Wir brauchen Utopien – Teil 6

von Dirk Jürgensen ...

Vermischen wir das Bild gesetzloser Halunken mit etwas Seefahrerromantik und wildem Abenteuer, stellen wir der brutalen Truppe einen herzlosen, von Grund auf bösen oder einen unfreiwillig in Ungnade des Königs geratenen Kapitän voran, ist unsere tradierte Vorstellung von Piraten zwischen Captain Blood, Captain Flint, dem Roten Korsar und Jack Sparrow vollständig. Wir übersehen dabei, dass das Piratentum durchaus auch eine bis in die heutige Zeit wirkende politisch-philosophische Komponente besitzt, die in der sich entwickelnden Globalisierung des 17. und 18. Jahrhunderts zu begründen ist und uns heute alternative Ideen zum aktuellen Demokratieverständnis im so dominanten Kapitalismus aufzeigen kann. Ein im Januar 2015 erschienenes Buch bietet uns eine wichtige Ergänzung zu unserem bisherigen Piratenbild:

Libertalia - Die utopische Piratenrepublik - bei Matthes & Seitz

Libertalia – Die utopische Piratenrepublik – Link zu Amazon

Es handelt von der Geschichte des auf Madagaskar gegründeten Seeräuberstaates „Libertalia“, es beschreibt die Legende von einer wohl tatsächlich gelebten Utopie, die früh Vorbild für Basisdemokratie, einen freiheitlichen – also libertären – Kommunismus werden sollte und einige Parallelen mit den spanischen Anarchisten der Dreißigerjahre des letzten Jahrhunderts aufweist. Sie dürfte lange vor der französischen Revolution und der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung eine enorme Brisanz besessen haben, da in einem Gemisch aus Tatsachenberichten, journalistischem Material, Fiktion und politischer Idee sogar Vorgriffe auf die Aufklärung gewagt wurden und der Text die Bewunderung der vorgetragenen Ideen mit einigen eher alibihaft  daherkommenden Bemerkungen zu überspielen versucht.

1728 erschien unter dem Namen Charles Johnson der bis heute meist Daniel Defoe zugeschriebene zweite Band der „Allgemeinen Geschichte der Piraten“, der ein Bericht über die Piratenrepublik und ihre Gründer enthalten ist. Dass die Urheberschaft weiterhin umstritten ist, dazu ein niederländischer Buchdrucker und eine anonyme Autorschaft ins Spiel gekommen ist, soll hier nur am Rande erwähnt werden. Viel interessanter ist, dass der Text fast dreihundert Jahre warten musste, um endlich unter der Herausgabe von Helge Meves von David Meienreis erstmalig in die deutsche Sprache übersetzt zu erscheinen. Dass man sich beim Berliner Verlag Matthes & Seitz für Daniel Defoe als auf dem Cover zu vermerkenden Verfasser entschieden hat, sei der Einfachheit oder auch der besseren Vermarktung geschuldet. Dass man den schmucken Band um eine von Arne Braun übersetzte „Beschreibung der Regierung, Gewohnheiten und Lebensart der Seeräuber auf Madagaskar“ von Jacob de Bucqouy und um eine Vielzahl ergänzender Beiträge vervollständigte, macht ihn umso wertvoller.

„Libertalia“ erzählt vom aus wohlhabenen Hause stammenden Misson, der eher zufällig an die Führung eines Schiffs gerät und seinem Freund, dem von der geld- und karrieresüchtigen Kirche enttäuschten ehemaligen Priester Caraccioli, der ihm die theoretischen Grundlagen für seinen revolutionären Führungsstil schafft und die Mannschaft in aufklärerischem Geist religionskritisch und antimonarchistisch belehrt.

Caracciolis Rat folgend lässt sich Misson von der Mannschaft zum Kapitän wählen und ebenso demokratisch über den weiteren Kurs abstimmen. Bei der Diskussion um die zu hissende Flagge schlägt der Bootsmann eine schwarze vor, doch Caraccioli entgegnet:

Sie seien keine Piraten, sondern Männer, entschlossen, die Freiheit zu behaupten, die Gott und die Natur ihnen geschenkt hätten; sie würden sich keinen anderen Regeln unterwerfen als denen, die für das Wohlergehen aller nötig seien.

Weiterhin führt er aus, dass Gehorsam gegenüber Vorgesetzten notwendig sei,

wenn diese die Pflichten ihres Amtes kennten und danach handelten; wenn diese beflissene Wächter der Rechte und Freiheiten der Menschen seien; wenn sie dafür sorgten, dass Gerechtigkeit walte; wenn sie sich gegen die Reichen und Mächtigen stemmten, sobald diese versuchten, die Schwächeren zu unterdrücken.

Nach weiteren Ausführungen kommt er zum Schluss, dass ihre Sache

mutig, gerecht, unschuldig und ehrenhaft und die Sache der Freiheit sei und plädiert für eine weiße Flagge mit der Göttin der Freiheit, Libertas, darauf […]

Das auf dem Schiff vorhandene Geld wird in einer Schatztruhe verwahrt und von Misson zum Gemeineigentum erklärt. Er mahnt, dass

wenn die Gleichheit untergehe, folgten Elend, Verwirrung und gegenseitiges Misstrauen wie die Ebbe der Flut.

Auch ruft er auf,

Gefangenen eine humane zu großzügige Behandlung zuteilwerden zu lassen,

obwohl ihnen selbst vermutlich nicht so ergehen würde.

Auf nun folgenden Kreuzfahrten wird reichlich Beute gemacht und zahlreiche Sklaven können befreit werden, die sich in einem recht modernen Sinne meist in die eigene Schiffsbesatzung integrieren lassen, denn sie werden eingekleidet und auf die Messen der Mannschaft aufgeteilt, um unter anderem schneller die Sprache zu erlernen und sie zu überzeugten Verteidigern der Freiheit zu machen. Hier zeigt sich der wirklich zeitgemäße humanistischer Aspekt der Geschichte, der uns in Zeiten einer bis zum Hass zunehmenden Angst vor einer gesellschaftlichen Überfremdung zu denken geben müsste, schließlich ist die lebensnotwendige Interaktion auf einem Schiff der damaligen Zeit ein gutes Laborumfeld zur Erprobung des Funktionierens einer Gesellschaft.

Nach einigen weiteren Abenteuern wird irgendwo auf Madagaskar die freie Kolonie Libertalia – die Bewohner bezeichnen sich als Liberti – gegründet und der recht bekannte Piratenkapitän Thomas Tew schließt sich an. Tew erhält den Auftrag zur Eroberung von Sklavenschiffen, um durch deren Befreiung die Kolonie auszubauen, was überaus erfolgreich gelingt. Erbeutetes Geld wird

dem kollektiven Schatz zugeführt,

da in einer Gesellschaft ohne Eigentumsschranken

Geld keinen Nutzen

hat.

Nachdem es in der Kolonie zu Streitigkeiten zwischen Missons und Tews Mannschaften gekommen ist, fordert Caraccioli die friedliche Beilegung und regt für zukünftige Fälle der Allgemeinheit dienende Gesetze und eine Regierung an. So wird eine demokratische Staatsform beschlossen, in der ein für drei Jahre gewählter Conservator als höchste Gewalt eingesetzt wird. Danach wird innerhalb von zehn Tagen die Verteilung eines gerechten Anteils von Privateigentum, wie auch ein allgemeines Gesetzbuch beschlossen, gedruckt und verteilt.

Leider endet kurz nach der Konstitution Libertalias aufgrund einiger dramatischer Schicksalsschläge und eines Angriffs auf die Kolonie – keinesfalls aufgrund interner gesellschaftlicher Probleme – die Utopie der ersten libertären Republik. Doch hält uns das hier besprochene Buch noch einige sehr aufschlussreiche Piratensatzungen bereit, die durchaus nachweisen können, dass die auf Gerechtigkeit basierenden Ideen der Liberti höchstwahrscheinlich unbewusst in ähnlicher Form auch von ganz anderen Piraten geteilt wurden. Neben allgemeinen Verhaltensregeln werden in diesen Satzungen die Verteilungsschlüssel für den Umgang mit erbeuteten Gütern und sogar die soziale Absicherung bei Verwundung festgelegt.

Nicht nur einmal erwähnt darf die „nähere Beschreibung der Regierung, Gewohnheiten und Lebensart der Seeräuberdes Niederländers Jacob de Bucquoy bleiben, der aufgrund seiner Gefangenschaft in der Hand von Piraten interessante Hinweise auf die erstaunlich unabhängige und vernunftorientierte piratische Gerichtsbarkeit und eine Art Muster-Piratensatzung vorlegt. Danach – vermutlich angesichts der multikulturellen Zusammensetzung der Mannschaften – ist es unter Androhung von Strafe beispielsweise untersagt, über die Religion zu streiten. Ein Ansatz, der uns heute sehr gut gefallen sollte.

„Libertalia – Die utopische Piratenrepublik“ ist ein überraschend aktuelles Werk, das zwar sehr spät, aber irgendwie genau zur richtigen Zeit in deutscher Sprache erschienen ist. An Tagen, an denen Pegida und deren Derivate jenseits von Dresden einen bedenklichen Konservativismus mit dem Vehikel einer hervorgelockten latenten Fremdenangst propagieren und wirkliche Ideen eines gesellschaftlichen Fortschritts in Form von größerer Gerechtigkeit als „Gutmenschentum“ abtun. Wer hätte je gedacht, dass man Piraten in dieser seltsamen Wortverdrehung als „Gutmenschen“ bezeichnen könnte?

Die Idee eines libertären Kommunismus, der nichts mit dem bekannten totalitären Kommunismus gemein hat, die Hinweise darauf, dass multikulturelle Gesellschaften doch funktionieren, sogar von ihrer Vielfalt profitieren, das Integration auch bedeutet, den zu Integrierenden an den eigenen Tisch einzuladen, dass unsere auf Zins aufgebaute Geldwirtschaft und die ungerechte Verteilung von Reichtum auf Kosten einer armen Mehrheit mehr als einer Reform bedürfen, findet in dieser früh gelebten Utopie von Libertalia Unterstützung und ist ein wichtiger Kontrapunkt in einer aktuell so abgelenkten Diskussion. Ja, wir können von 300 Jahre alten Piraten lernen, wie wichtig Utopien sind.

Ganz nebenbei, dieser wichtige recht unpolitische Punkt sei nicht vergessen, sollte der mit schöner Goldprägung ausgestatte „Libertalia“-Band samt seines reichen Schatzes an ergänzender Information in keinem Bücherregal mit einer abenteuerlich ausgerichteten Sammlung von Piratengeschichten fehlen.


Daniel Defoe: Libertalia – Die utopische Piratenrepublik

Im Verlag Matthes & Seitz, Berlin

Herausgegeben von Helge Meves, übersetzt von David Meienreis und Arne Braun

ISBN 978-3957570000 – 22,90 € (D) – Fragen Sie Ihren lokalen Buchhändler!


Surfziele zum Thema:

Ein Interview von Tobias Lehmkuhl mit Helge Meves beim SWR2 am 5.1.2015

Wikipedia zum „Goldenen Zeitalter der Piraterie“

Informationen zu Thomas Tew




Märchenhaftes Müllerthal

 von Dirk Jürgensen ...

Bilder einer Wanderung in der Kleinen Luxemburger Schweiz

Märchenhafts Müllerthal - Bilder von Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Märchenhafts Müllerthal – Bilder von Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Nur eine Wanderung durch die märchenhafte Landschaft unseres Nachbarlandes Luxemburg hat ausgereicht, um meine Eindrücke unbedingt in einem kleinen Bildband mit dem Titel „Märchenhaftes Müllerthal“ festhalten zu müssen.  Dieser ist nun in den Handel gekommen und kann für 7,90 Euro (D) unter der ISBN 978-3-734-74625-3 überall da bestellt werden, wo es Bücher gibt.

Weitere Informationen

 

 




Meerblick

 von Dirk Jürgensen ...

Der erste Bildband ist erschienen

Meerblick - Dirk Jürgensen / Düsseldorf bei Amazon

Meerblick – Bilder von Dirk Jürgensen / Düsseldorf bei Amazon

 – Meerblick, so lautet der schlichte Titel des soeben erschienenen ersten Bands aus der entstehenden Reihe kleiner und möglichst kostengünstiger Bildbände eigener Projekte. Er zeigt Impressionen verschiedener Reisen an die Ost- und Nordsee, an die Atlantikküste vom Baskenland bis nach Galicien und auf die Insel Lanzarote.

Es mag sein, dass die gezeigten Bilder oftmals nicht dem entsprechen, was gemeinhin mit fröhlichem Strandleben, mit einem Sommerurlaub an der See in Verbindung gebracht wird. Schließlich entstanden einige der Aufnahmen bei eher kühler Witterung, im Herbst oder Winter, in den Abendstunden, an Tagen, die kaum den Qualitätsanforderungen der Postkartensammler genügen dürften – und sie sind immer schwarzweiß, machmal düster-melancholisch, wie aus alten Fotoalben entnommen, verträumt, beängstigend bis ironisch.

Meerblick (ISBN 978-3-735-70733-9) hat 48 Seiten im Format 21x21cm und kann in Deutschland für 7,90 €

Die an verschiedenen Stellen verwendeten Amazon-Links sollten bitte nur als Hinweis auf eine mögliche Bestelladresse verstehen werden. Natürlich ist die Unterstützung des lokalen Einzelhandels immer vorzuziehen.
dort erworben werden, wo es Bücher gibt.




Das vergoldete Zeitalter – Eine Geschichte von heute

von Dirk Jürgensen ...

Die erste deutschsprachige Ausgabe seit 1876

Das vergoldete Zeitalter - Neuauflage - Bitte beachten Sie den unten aufgeführten Text

Das vergoldete Zeitalter – So sieht die Neuauflage aus.
Mit einem Klick auf die Abbildung verlassen Sie diese Website
und kommen zu Amazon.de.
Bitte beachten sie die dortige Verwendung von Cookies.

Die durchgesehene und verbesserte Neuauflage des mit jedem Platzen einer neuen Finanzblase und mit jeder Wirtschaftskrise wieder zitierten Klassikers von Mark Twain und Charles Dudley Warner ist auch in deutscher Sprache erhältlich. „Das vergoldete Zeitalter: Eine Geschichte von heutekann in über 1000 Online-Buchshops und – das sei ohnehin unbedingt empfohlen – natürlich im lokalen Buchhandel bestellt werden. Achten Sie bei der Bestellung unbedingt auf die ISBN 9783734733529!

Es war dem Herausgeber wichtig, die verbesserte Ausgabe zu einem günstigeren Preis anbieten zu können. Mit einem Ladenpreis von 19,80 Euro ist das auch gelungen. Weniger war bei immerhin 464 Seiten und fehlender Massenproduktion leider nicht drin. Zusätzlich gibt eine E-Book-Variante für nur 6,99 Euro. Damit lässt sich die nächste Wirtschaftskrise mit einem Schmunzeln begrüßen, denn so richtig hat sich unser geliebter Kapitalismus seit Twains Zeiten nicht gebessert.

Weitere Informationen zum Buch




Einfühlsam einsam

 von Maria Jürgensen (Marie van Bilk) ...

Im Narrenturm. Kurzgeschichten von Christl Greller

Sie arbeitet hart auf dem Bauernhof ihres Mannes, die Nägel splittern, die Liebe auch und so sucht sie „etwas für sich“, das sie als Frau markiert. Knallrot muss er sein, der Nagellack, den sie als Ausdruck ihrer angestrebten geistigen Befreiung nutzt. Täglich werden Ihre Nägel dem Prozedere des Lackierens ausgesetzt. Nägel, die sich festkrallen am Lebenstraum. Wo der Lack ab ist, muss eben neuer drauf. So einfach scheint das zu sein. Oder doch nicht? Der Schmutz unter den Nägeln bleibt, die abgesplitterten Kanten auch. Der Lack wird als weitere Schicht über der alten aufgetragen. Er verdeckt schlicht, was sich unter der Oberfläche verbirgt. Im Alltag schwelt es, so sehr sie sich auch bemüht. Und doch: Die Signalfarbe wirkt wie eine Revolutionsfahne auf ihre Umwelt. Sie lehnt sich auf und wird zurecht gewiesen. Unbeirrbar lackiert sie weiter. Noch eine Schicht und noch eine Schicht – irgendwann muss doch das Alte verschwinden, etwas Neues beginnen, muss ihr Signal doch genau so wahrgenommen werden, wie sie es möchte. Sie möchte wert geschätzt werden, respektiert, nicht wie Nutzvieh im täglichen Einerlei verbraucht. Und doch endet sie letztendlich als genau das. Denn die Wahl der Mittel und die Art, wie sie eingesetzt werden, beeinflusst das Ergebnis.

Christl Greller - Im Narrenturm - Edition Roesner

Christl Greller – Im Narrenturm – Edition Roesner

Nicht Respekt, Zuneigung und Zärtlichkeit überwältigen die Revolutionärin, sondern Wollust und Macht ihres Mannes, der sie wieder am alten Platz sehen will. Gehorsam und Genügsamkeit, Schweigen gemäß der Regeln sind ewiges Ziel – Eigensinn und Selbstbestimmtheit haben keine Daseinsberechtigung. Ob sie kapituliert, lässt Christl Greller offen. Selbstbetrug, Resignation, der Sturm der Bastille oder Flucht wären probate Reaktionen, doch, wer weiß? Das Leben hat seine eigenen Regeln. Genau diese Aussage zieht sich durch alle Geschichten des Erzählbandes. Und so sind Kapitulation, Ausgeliefertsein, Hin- oder Aufgabe auch Thema in einer weiteren Kurzgeschichte, in der eine Sonnenanbeterin zur sterbenden Königin wird, in dem sie sich von Bienen in eigenem Garten niederstechen lässt und stirbt.

Und Rettung bleibt auch hier aus: Da wählt sich ein todkranker Wirt einen Hund zum Begleiter, der sein eigentliches Ich zu repräsentieren scheint. Ab und zu ist er ihm fern, kehrt aber immer zu ihm zurück, er beschützt ihn und kümmert sich. Als es auf den Tod zugeht, verschwindet er. Nichts bleibt.

Wie auch in der nächsten Geschichte, in der ein in Großmannssucht Verlorener einen Hang zu Jagd und Waffen hat. Tontauben sind leicht zu überwältigen und zu beherrschen, jedenfalls lassen sich hier Niederlagen ausgesprochen leicht verbrämen. Im Leben kann der Jäger nur schwer mit Abstürzen umgehen. Die Gewehre sind Ausdruck seiner vermeintlichen Manneskraft und Macht, die er gekonnt mit Wort und Tat zur Fassade zu modulieren weiß. Doch ist die alles andere als einsturzsicher. Aller Betrug an sich selbst und anderen treiben den Jäger unweigerlich auf den Abgrund zu. Die Mauer bröckelt gewaltig. Er schaufelt sich dahinter selbst sein Grab und füllt es schließlich von eigener Hand.

Die Geschichte „Stiegen.Häuser“führt auf eigentümliche Weise durch die Treppenhäuser dieser Welt und zeichnet ein bedrückendes Bild der Angst vor Verwüstung und Krieg. Das äußere Konstrukt des Treppenhauses ist die Klammer für die Schicksale, die sich mit diesen Stufen verknüpfen lassen. Sie sind zu gleich Symbol für Vorhandensein, Zerstörung und das Ende von Lebenswegstrecken.

Ein Sechzehnjähriger macht seine ersten sexuellen Erfahrungen auf dem Rummelplatz, auf dem er das „Nacktbad Bazebas“ beobachtet. Eine Dame entledigt sich öffentlich ihres Bademantels, um die Erwartung der gaffenden Männerschar zu erfüllen, die auf marktschreierisches „Nackt, nackt, nackt“ die Bretterbude betreten haben. Sie tut es mit Abscheu und Langeweile. Entsprechend ist die Wirkung auf den Jungen, der mitnimmt, dass die Lust der Männer für Frauen etwas Furchtbares ist.

Insgesamt zwanzig Mal vertieft sich die Autorin Christl Greller in die Schicksale ganz normaler einsamer, liebender, sterbender, verlassener, verzweifelter, sehnsüchtiger und verängstigter, hoffender und enttäuschter Menschen.

Ihre Sprache ist durchzogen von einer auffallenden Melancholie, die sie auch vielen ihren Protagonisten zu eigen macht. Die Tonalität des Erzählens unterstreicht die inneren Wirrnisse und Zerwürfnisse, die die Handelnden erleben und aushalten müssen.

Die Autorin Christl Greller, geboren und ansässig in Wien, schrieb für die internationale Werbebranche und ist seit 1995 mit Lyrik und Prosa literarisch tätig.Der Erzählungsband „Der Schmetterlingsfüßler, Schatten werfen“, ihr Roman „Nachtvogeltage“ und Lyriksammlungen wie „Törések“, „Veränderung“, „Bild-gebendes Verfahren“ und das Donaustädter Mozart-Projekt „zartART“ dokumentieren ihr Schaffen. Greller veröffentlicht außerdem in Anthologien, Literaturzeitschriften, im Rundfunk und Internet. Für ihre Prosa und Lyrik erhielt sie eine Reihe von zum Teil internationalen Preisen. Der Kurzgeschichtenband „Im Narrenturm“ ist in der Edition Roesner erschienen.




Vergoldete Zeitalter und massives Gold

von Dirk Jürgensen ...

Vom Roman zum Magazin

Das vergoldete Zeitalter - Neuauflage

Das vergoldete Zeitalter – Die Neuauflage.

Dasvergoldetezeitalter.de ist entstanden, um auf die Neuerscheinung des gleichnamigen Romans von

Mark Twain, eigentlich Samuel Langhorne Clemens (*30.11.1835 in Florida, Missouri; †21.4.1910 in Redding, Connecticut), war ein US-amerikanischer Schriftsteller
und
Charles Dudley Warner (*12.9.1829 in Plainfield, Massachusetts; † 20.10.1900 in Hartford, Connecticut) war ein US-amerikanischer Jurist, Journalist und Schriftsteller.
hinzuweisen. Inzwischen besitzt dieser Internetauftritt ein Eigenleben und hat sich zu einem Magazin entwickelt, das beinahe wöchentlich um neue und alte Texte von Marie van Bilk (Maria Jürgensen) und mir, Dirk Jürgensen, erweitert wird. Wie weit sich die einzelnen Beiträge vom ursprünglichen Thema des Internetauftritts entfernen oder doch annähern, darf von Fall zu Fall entschieden werden. Unsere Fotos, Geschichten und Kommentare kratzen am Blattgold unserer Zeit. Oft kommt dabei bloß Talmi und manchmal, wenn die Oberfläche gar nicht golden schimmert, kommt massives Gold zutage.

Vorher war das Buch von Mark Twain und Charles Dudley Warner

Im Jahr 1873 erschien

Das vergoldete Zeitalter – The Gilded Age: A Tale of Today – Das Buch ist lt. Wikipedia aus zwei Gründen bemerkenswert: Es ist die einzige Geschichte, die Twain in Zusammenarbeit mit einem anderen Autor schrieb und eine, deren Titel sehr schnell ein Synonym für Bestechung, Materialismus und Korruption im öffentlichen Leben wurde.
von Mark Twain und Charles Dudley Warner in den USA. Es war, obgleich es oft so bezeichnet wird, kein Goldenes Zeitalter, denn es waren Jahre, in denen sich der aufstrebende Kapitalismus eine seiner wiederkehrenden Krisen nahm, um hinterher in einer goldenen Ära des
Wikipedia: Der Ausdruck Gilded Age („Vergoldetes Zeitalter“, also nicht etwa Goldenes Zeitalter) wurde von Mark Twain eingeführt und bezieht sich darauf, dass diese Zeit zwar nach außen hin eine Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs und technologischen Fortschritts war, aber zugleich auch mit großer Armut und Korruption, vor allem in den Städten, verbunden war.
zu glänzen, die uns grenzenloses Wachsen vorgaukelt. Finanzblasen platzten, Spekulanten verarmten oder profitierten, je nach Glück oder krimineller Energie. Einige Reiche wurden noch viel reicher und die Armen wurden immer ärmer. Das sollte uns bekannt vorkommen und zur Frage animieren, warum das im Westen und nun auch im ehemaligen Kommunismus des Ostens regierende System so unbelehrbar ist, warum wir es aus falsch verstandenem Freiheitsdrang immer wieder von der Leine lassen. Die Globalisierung ist nicht umkehrbar, nicht alles an ihr ist schlecht, aber muss ein Markt wirklich freier als der Mensch sein? Der Erfolg einer Wirtschaftsordnung sollte an der möglichst geringen Zahl ihrer Verlierer gemessen werden. Das Bilanzergebnis ist mies.

Als sich vor einigen Jahren die amerikanische Immobilienkrise zur weltweiten Bankenkrise ausweitete, wurde »Das vergoldete Zeitalter« wiederholt in verschiedenen Medien erwähnt. Dadurch neugierig gemacht hat es mich gewundert, dass es in Deutschland nur im englischsprachigen Original verfügbar war. Dabei war bereits 1876 in der Reihe »Amerikanische Humoristen« bei Fr. Wilh. Grunow in Leipzig eine von Moritz Busch übersetzte deutschsprachige Ausgabe von »The Gilded Age – A Tale of Today« erschienen. Kein Verlag kümmerte sich seither um eine Neuauflage. Also opferte ich für ein Dreivierteljahr einen großen Teil meiner Freizeit und setzte ich mich daran, diese Fassung sanft zu modernisieren, die Übersetzung an erforderlichen Stellen zu korrigieren und unter Umgehung der Verlage wieder in deutscher Sprache verfügbar zu machen. Mit der Vorgabe, dass ich mit der Veröffentlichung auf »Ozeane und Ozeane von Geld« spekulierte, zitiere ich gerne einen Helden des Romans – Colonel Sellers. Dass meine Füße auf absehbarer Zeit trocken bleiben, ist gewiss und keine Niederlage. Ihn hingegen würde es zur nächsten Spekulation treiben.

Wenn es ihn noch gibt, unterstützen Sie bitte den örtlichen Buchhandel und fragen dort nach der ISBN 978-3-83918-446-2. Trotz aller berechtigter Kritik ist das Werk natürlich auch bei Amazon zu bestellen.

Weitere Informationen zum Buch

Eine aktuelle Anmerkung:

Die zweite und verbesserte Auflage ist in Arbeit

Ziel ist es, sie dem Handel pünktlich zum Weihnachtsgeschäft zur Verfügung zu stellen.




Zum 100. Todestag des Hermann Harry Schmitz

 von Dirk Jürgensen ...

Klischee, nichts als Klischee vom Humorkongress bis zur Lungenliga.

Hermann Harry Schmitz - Das Buch der Katastrophen

Ich habe keine Lunge mehr. Ich bin eigentlich tot oder aber ein anatomisches Phänomen. Ich muß schon letzteres sein, da mir das Totsein niemand so recht glauben will. (Hermann Harry Schmitz – Der Beginn der Geschichte „Von meiner Lunge“)

Der Deut­sche, die Deutsche selbstver­ständlich auch, hat es schwer mit sich, seinem und ihrem Humor. Das ist schon lange so und hat etwas mit dem Gemüt, der Mentalität zu tun. Wir Deutschen handeln, wenn man uns aktiv oder passiv in nüch­ternem Zustand betrachtet, meist vernünftig und wir fordern ebendieses Ver­halten gern durch lautes Appellieren ein. Humor, aber auch Wut und Schreie verzweifelter Ungerechtigkeit müssen hingegen um Erlaubnis fragen, ob gerade Platz für sie vorhanden sei. Meist ist dies nicht der Fall. Meist werden sie als ungerecht und hart empfunden, selbst wenn sie nur eine ver­ständliche Reaktion sind.

Gottlob – auch dieser Begriff ist höchst diskutabel – ist Vernunft, wie uns die Vernünftigen unter den Philosophen bislang erfolglos erklärten, höchst und zutiefst relativ. Erfahrungen hat da jeder. Denken wir an die Ermahnungen unserer Mütter zurück, doch endlich Vernunft anzunehmen – die einzig gültige, die der Mutter natürlich – und wenigstens sonntags eine vernünftige Hose anzuziehen. Jetzt, endlich jenseits der Pubertät und dem damit verbundenen Ärger, zeigt sich in diesem Konstrukt blanker Humor:

Vernunft, dieses oft als das höchste menschliche Gut bezeichnete Ding, verborgen im Gespinst einer Hose? Selbst der dröge Kant hätte hemmungslos gejauchzt. Vernunft ist nicht erst seit Aristoteles von variablen Prämissen abhängig – von den Prämissen der Herrschenden und deren Meinung. Damals, als wir noch pickelgesichtig um Selbst­bestimmung rangen, war es die Mutter und manchmal der Freund der so viel mehr konnte und durfte als wir selbst.

Manchmal, meist später, wenn einem das Pech der Siedlungsbauweise widerfuhr, waren es die Nachbarn, das Dorf, die gerade gegründete Familie, oft auch die Ökonomie in Form von potentiellen, aktuellen, dann bald doch ihren Laden schließenden Arbeitgebern. Oder es war dieses schlüpfrige Ding Zeitgeist, das uns Rückschritte als „Reform“, Spießertum als „modern“ und bloßen technischen Fortschritt als „Gewinn von Lebens­qualität“ vorgaukelte. Viel Raum zwischen Revolte und Resignation bieten alle Lebenslagen. Viel Raum für Witz, Ironie und Sarkasmus auch.

Oft entstehen Wut und Depression, wenn in allen oder auch nur in Teilen des eigenen Lebens Selbstbestimmung nie wirklich durch­gesetzt, nie zur Selbstverwirklichung reift, die Selbst­ver­wirk­lichung gar nur als Begriff, als Placebo einer Sinnbildung existiert. Ungeschick in der Le­bens­führung, das leider ohne Slapstick daherkommt. Oder doch? Hoffen wir´s? Schließlich macht Slapstick Schadenfreude.

Aber wie verhält es sich mit dieser Schadenfreude?

Haben sie sich dabei auch schon erwischt? Edel ist sie, die Fehlleistungen, Gebrechen oder das Aussehen ins krumme Visier nimmt, ganz bestimmt nicht – aber menschlich. Anders wird es je­doch, wenn wir es schaffen, unser eigenes Scheitern in Humor zu betten. Schadenfreude am eigenen Leben. Vielleicht ist es das, was uns Deutschen so schwer fällt und vielleicht ist es auch der Grund für den Mangel an klugen, lustigen Vorbildern. An Künstlern der Zunft des Komischen. An Köpfen, die es wagen, sich aus engen Vernunftsbandagen herauszuschälen, die sich selbst zu unserem Gespött ma­chen, uns gleichzeitig Entzerrungsspiegel vorhalten, die uns so lächerlich darstellen, wie wir wirklich sind.

Vielleicht ist der Mangel – wie auch dieses elende Jammern über einen doch nur vermeintlichen Mangel –schon wieder ein typisch deutsches Selbstbedienungsklischee. Sehr wahrscheinlich ist es so, denn es gibt keinerlei, geschweige denn repräsentative Statistiken mit humorbeweisenden Pegelwerten unterschiedlicher Nationen. Nicht einmal bundesdeutschlandsweit kann – dem stets schunkelbereiten Rheinländer bereitet dies durchaus Magengrimm – objektiv-quantitativ mehr oder weniger Humor nachgewiesen werden. Weder der seltsame Vorwurf, in einer Spaßgesellschaft zu leben, noch die nervtötende Dauerberieselung mit unlustig hohlen Comedyformaten ist für den Versuch eines Urteils eher kontraproduktiv. Und die Qualität verhält sich ohnehin ähnlich der Vernunft prämissenabhängig und ist in ihrer Ausprägung stets strittig. Doch eines ist hier zur Rettung des Klischees festzuhalten:

In Essen, also Deutschland, fand 2004 ein internationaler Kongress der Humorforscher statt. Wie die dazugehörige Internet-Seite damals verriet, hatte sich kein Werbesponsor für dieses Thema finden lassen.

Viel erfolgreicher in finanziellen Dingen und mit weitaus mehr Witz ausgestattet, war dagegen sicher das Treffen der Lungenliga im natürlich schweizerischen Davos, bei dem sich zahlreiche lustige Ärztevertreter aus aller Welt über die pulmonale Hypertonie auslachten. Gut, Letzteres ist Vermutung, doch ist nicht allein der Vereinsname der „Lungen­liga“ preisverdächtig?

Wo wir gerade bei der Lunge sind, und wo wir gerade beim Humor sind und bei der griesgrämigen Suche nach Vertretern deutscher humoristischer Unvernunft, findet sich hier, für manchen unvermittelt, doch für die meisten nach zu langer Wartezeit, derjenige, um den es hier geht. Um Hermann Harry Schmitz.

Hermann Harry Schmitz (* 12. Juli 1880 in Düsseldorf, † 8.August 1913 in Bad Münster am Stein)

Diesen wahren Sonderling der deutschen Literatur- und Humorgeschichte ist eine vernünftige Würdigung zu gönnen. Dieses als „Dandy vom Rhein“ bezeichnete Gesamtkunstwerk, das anno 2013 ganz bestimmt 133 Jahre alt geworden wäre, wenn es sich nicht schon mit 33 Lenzen sein fragiles Leben genommen hätte, lohnt der Ausgrabung. Warum sollen nur die, die Hermann Harry Schmitz damals kannten, lächelnd, aber entlarvt ins Grab gegangen sein?
 
Ein Interview mit Dr. Michael Matzigkeit kann einige Aspek­te des komischen, ironischen und außerordentlich skurrilen Werkes aufhellen. Immerhin ein Werk und ein Leben, dessen Grotesken, wie dessen Ende stets dem totalen Chaos zuliefen. Ein komi­scher Widersacher des deutschen Klischees war dieser HHS, der nicht nur an ihr, doch vornehmlich an seiner Lunge scheiterte.

„… Ich glaubte eine Form gefunden zu haben, habe mich aber getäuscht“, waren Schmitzens letzte Worte in einem Brief, in dem er Abschied von seinem kurz zuvor telegraphisch genommenen Abschied nahm und sein Leben dann doch der Browning übergab. Er hätte auch die beiden bereits ein Jahr zuvor verfassten letzten Sätze seines Textes „Warum mein Beitrag ungeschrieben bleib“ aus der Düsseldorfer Theaterwoche nehmen können: „Hinderlich wie überall, ist der eigene Todesfall. So blieb mein Beitrag ungeschrieben.

Viele mögen nun fragen, warum hingegen ausgerechnet dieser hier zu lesende Beitrag geschrieben werden musste. Doch Neugierige, die auch damals schon immer im elterlichen Kleiderschrank nach den Weih­nachtsgeschenken stöberten und manchmal auch fündig wurden, Menschen, die sich schon jetzt ver­gnügt vorarbeiten möchten, können sich im Internet unter http://gutenberg.spiegel.de/autoren/schmitz.htm bei Verwendung des eigenen Druckers das Ge­samt­werk zusammenzustellen.

Dem weniger Geizigen bieten die Buchhändler aktuell zwei Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme mit Hermann Harry Schmitz.

Eine einbändige, recht umfassende Sammlung, die aufgrund des Titels „Das Buch der Katastrophen“ nicht mit den namensähnlichen Ausgaben ab 1916 zu verwechseln ist, er­schien 1996 im L+L Verlag Düsseldorf.

Beim Grupello-Verlag Düsseldorf erschien 2000 unter dem Titel „Hermann Harry Schmitz – Ich bin der drittgrößte Mann des Jahrhunderts“ eine von Bernd Kortländer herausgegebene und kommentierte Fragmentensammlung, die dem interessierten Leser, dem eine Reihe von Geschichten bereits bekannt sein sollten, wertvolle Hinweise auf den Menschen Schmitz geben kann. Allein der Kladdentext ist purer göttlicher Kaufanreiz: „Der größte Mann des Jahrhunderts ist Zeppelin und ich bin der drittgrößte. Ich habe das mündlich.“

Zu empfehlen, doch leider nur noch in Antiquariaten zu erhalten, sind folgende Ausgaben:

1988 erschien eine erste Werkausgabe von HHS im Haffmanns Verlag, Zürich, herausgegeben von Bruno Kehrein und Michael Matzigkeit. Eine durchgesehene Neuauflage derselben Herausgeber ver­öffentlichte 1996 der Econ-Verlag, München.

„Wie ich mich entschloß, auf Händen zu gehen“ heißt eine Sammlung von „30 Katastrophengeschich­ten“ die 1989 im Eulenspiegelverlag (Ost-)Berlin erschien.

Sollten Sie gar eine Ausgabe, die zu Lebzeiten von Hermann Harry Schmitz, oder kurz nach seinem Tode erschien, in Händen halten, lassen Sie diese bitte nicht wieder los. Dies sind:

„Der Säugling und andere Tragikomödien“, Ernst Rowohlt Verlag, Leipzig 1911-12, Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1913-18 und München 1921-28.

„Buch der Katastrophen“, Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1916-18 und München 1922-29.

Abzuraten ist von den titelgleichen Ausgaben dieser Werke aus den Jahren 1940-43, da sie im Geiste dieser zutiefst unwürdigen Zeit zensiert wurden.

Wer nicht lesen möchte, sich einen fernsehlosen Abend oder eine langweilige Autofahrt durch etwas Chaos versüßen möchte, sollte sich das Doppel-CD-„Hörbuch der Katastrophen“ der Hörbuchedition A. Netschajew aus dem pro art tonlabor zulegen.

Genug Gründe gibt uns dieser Hermann Harry Schmitz, auch noch lange nach seinem Tod gesundheitsfördernd zu lachen. Gewissermaßen also eine laute, postmortale Hypertonie.




Keine Besserung in Sicht – Der Kapitalismus, ein System der Unbelehrbarkeit

von Dirk Jürgensen ...

Die Intervalle zerplatzender Ökonomie-Blasen scheinen immer kürzer zu werden. Vor wenigen Jahren war es die der sogenannten New Economy und, kaum davon erholt, spüren wir die Wirkungen einer weltweiten Finanzkrise, die mit einer Krise des amerikanischen Immobilienmarktes begann. Heute erleben ganze Nationalstaaten das, was wir bislang nur von erfolgslosen Unternehmen kannten. Immer ging und geht es darum, dass Menschen über ihre Verhältnisse leben, Verbraucher von findigen und windigen Verkäufern übervorteilt werden, Börsenmakler und Manager mit Geldern jonglieren, die gar nicht vorhanden sind, zumindest nicht ihnen gehören. Hinzu kommen weltpolisch bedeutend gewordene Bewertungen von Rating-Agenturen, kommerziellen Unternehmen also, in denen Menschen arbeiten, die jenen Verursachern der Geldverbrennung wie eineiige Zwillinge gleichen. Auch das Rating ist nur Teil eines Systems ständiger Preisfindung.

Wie konnte es nur dazu kommen, dass Regierungen, ob sie demokratisch gewählt oder gewaltsam eingesetzt wurden, ist dabei unerheblich, ihre Souveränität am Bankschalter aufgaben? Den Begriff der Politik könnte man neuerdings als „Reaktion auf die Vorgaben des Finanzmarktes“ übersetzen. Regierungen gehören kaum noch als solche bezeichnet, denn statt den Märkten klare Regeln zu setzen und deren Einhaltung zu erzwingen, lassen sie sich von ihnen gängeln.

Handel und Wandel haben sich getrennt, der Handel ist zum Selbstzweck geworden, der dingliche Wert zur reinen Fiktion. Gewinne stellen sich aufgrund bloßer Erwartungen ein, Verluste ebenso. Was gemeinhin als Realität wahrgenommen wird, ist das Glück unserer Leitbilder und das Leid Unbeteiligter. Verantwortliche scheint es gar nicht zu geben, denn das, was als Kraft des Marktes verehrt das Leben der Menschheit bestimmt, findet auf einer technischen Ebene statt, in der sich ein Einzelner sicher vor Rechenschaft verbergen kann. Er macht als Teil eines Getriebes mit, das vielen Getriebenen wie gottgegeben erscheint, oder er verweigert sich der allgegenwärtigen Realität. Vollständig heraushalten kann sich jedoch niemand. Welche Seite definiert eigentlich den Realitätsverlust?

Finanzkrise

Alles nur ein Spiel?

Solange wir dieses herrschende Wirtschaftssystem nicht endlich als Psychose verstehen, bleibt es ein Spiel. Ob es ein lustiges oder ein böses ist, bestimmen der Würfel, die Höhe des Einsatzes, Gewinn oder Verlust. In alle Richtungen darf spekuliert werden, doch stets überwiegen die Verlierer. Aktienkurse steigen, wenn Unternehmen ihre personelle Substanz in die Arbeitslosigkeit entlassen, man weist Luftbuchungen als Vermögen aus und kassiert viel zu hohe Gehälter und Prämien, die aus Buchgewinnen bezahlt und mit tatsächlich oder vermutlich steigenden Aktienkursen begründet werden. Sollten die Protagonisten das Unternehmen und alle davon Abhängigen soeben in den Ruin geführt haben, ist ihnen aus purem Hohn sogar noch eine Abfindung gewiss. Sollte in all diesen Vorgängen der Rest einer gewissen Vernunft enthalten sein, verkaufen Computer, denen Vernunft und Emotion fremd ist, Werte, weil sie andernorts Verkäufe registrieren. Der Mensch hat sie so programmiert, um sich vor seiner eigenen Menschlichkeit bis in den eigenen Ruin hinein zu schützen.

Gesellschaftliche, politische und ökonomische Entwicklungen kennen wir nur noch als Flimmern eines Oszilloskops. Der Lebensrhythmus reduziert sich auf die Konjunktur. Phasen des Booms, des wirtschaftlichen Aufschwungs bis zur Hochkonjunktur folgen auf jeden Krieg, auf jede Krise und fast jeden Zusammenbruch. Jede Phase hinterlässt Opfer und Profiteure. Deren jeweilige Zahl schwankt beträchtlich, doch da als Wohlstand im allgemeinen Verständnis nur der statistische Durchschnitt zählt, ist es einerlei, wie weit sich die Reichsten und die Ärmsten von der Mitte entfernen. Dieser Satz gilt sogar, wenn die Mitte menschenleer geworden ist. Der Durchschnitt ist nur Berechnung.

Ewiges Wachstum, so heißt der Mythos der Kapitalismusjünger. Wenigstens ein Wachstum während der eigenen Lebenszeit soll es sein, besser noch während der Lebenszeit der eigenen Kinder. Es ist ein Mythos oder auch der zutiefst menschliche Traum vom ewigen Leben, den der Kapitalismus zu seiner Rechtfertigung benötigt. Dabei kann es ihn ohne den Zusammenbruch und Zerfall gar nicht geben, wie auch jeder vermeintlich ewig wachsende Baum irgendwann stürzt. Erst von ganz unten lässt es sich wieder so richtig wachsen. Da verhält sich die Ökonomie also ganz natürlich.

In aufstrebenden Wirtschaftssystemen – inzwischen können wir diese als ein einziges globales System betrachten – bilden sich stets Gruppen neureicher Cliquen, selbsternannter Eliten, die in relativ rechtsfreien Räumen agieren. Reichtum ersetzt oder macht Politik, Armut kann nur zuschauen. Es erscheinen Grüppchen einzelner, besonders auffälliger Emporkömmlinge – kurz: die „High Society“ –, die allgemeine Bewunderung ernten und, gesellschaftlich kaum widersprochen, Träume von Chancengleichheit vermitteln. Sollten sich die Träume als unerfüllbar erweisen, werden Beschwerden darüber als Neiddebatte verunglimpft – auch das geschieht im gesellschaftlichem Konsens. In der Luft dieser „besseren Gesellschaft“ hingegen liegt spätestens beim Überschreiten ihres ökonomisch-sozialen Zenits immer ein Geruch von Dekadenz. Doch solange der unausweichliche Zerfall nicht für alle Menschen sichtbar zutage tritt, wird sich kein Bewunderer ewiger Wachstumsphantasien, erst recht kein Glücksritter davon abhalten lassen, dem trügerischen Gold eines vermeintlich goldenen Zeitalters nachzulaufen – er wird auf sein zukünftiges Dazugehören in Reichtum spekulieren. Solange monetäre Utopien soziale Utopien verdrängen, ist keine Besserung in Sicht.

Nichts ist in all dem bisher Beschriebenen neu. Die Zeit der 1870er Jahre bis zum Ersten Weltkrieg in den USA bezeichnet man noch heute als „Gilded Age“, als „Vergoldetes Zeitalter“. Es sind nach dem von 1861 bis 1865 wütenden Bürgerkrieg die Gründerjahre, die einen unvergleichlichen wirtschaftlichen Aufschwung brachten. Glücksritter, Spekulanten, Spieler und unzählige Verlierer prägen diese Epoche – und bis heute den Geist amerikanischen Freiheitsdenkens. Die Namen der Ölbarone, Eisenbahntycoons, Stahlmagnaten, Bankiers, der Astors, Carnegies, Rockefellers und Vanderbilts kennen wir noch heute. Wir wissen auch, doch verdrängen wir es wiederum auch gerne, von der großen Armut der Bevölkerungsmehrheit aufgrund rücksichtsloser Profitsucht und von der grenzenlosen Korruption, mit der die Ökonomie die Politik vereinnahmte – es sind die Gründe dafür, das Zeitalter nicht als „Goldenes Zeitalter“ bezeichnen zu können und den Begriff der Freiheit zu relativieren.

Wer ein Gespür für die damalige Wirklichkeit erlangen möchte, die nicht weit von der heutigen entfernt ist, kann dies mit einem seit einiger Zeit wieder in deutscher Sprache verfügbaren versuchen:

Die befreundeten Nachbarn Charles Dudley Warner und Samuel Longhorne Clemens, ihn kennen wir besser als Mark Twain, machten sich angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung in ihrem Land über die realitätsferne Literatur ihrer Frauen lustig. Von diesen daraufhin herausgefordert schrieben sie gemeinsam den Roman „Das vergoldete Zeitalter: Eine Geschichte von heute“, einen satirisch-gesellschaftskritischen Roman, der 1873 erschien und einer ganzen Ära den Namen geben sollte. Man mag über die literarische Qualität des Werks streiten, übrig bleibt jedoch immer die rücksichtslose und immer wieder überraschend aktuelle Beschreibung einer Gesellschaft, in der jedes Mitglied eine Chance zur Verwirklichung seiner Träume erhält – wenn es genügend Rücksichtslosigkeit und Anpassung an ein korruptes System aufbringt. Und wer die Diskussion um die Schuldenobergrenze in der Legislative der USA verfolgt hat, wird eine Menge Parallelen entdecken.

Der im Roman beschriebene Kapitalismus steckt in seinen Kinderschuhen. Gerade deshalb macht er dessen Mechanismen für uns so gut verständlich:

Versprechen werden gegeben, doch niemals eingehalten. Träume haben ihren Nutzen, sie sind Motivation zur Spekulation. Lobbyismus ersetzt Demokratie und der Preis regelt die Rechtmäßigkeit. Wertschöpfung zeigt sich nur auf einem Konto, ist im Konkreten nicht relevant. Gerechtigkeit ist, wenn es mir und meiner Familie gut geht. Es kann gefährlich werden, sich im Sinne des Systems zu verkaufen.

Vielleicht müssen diese Dinge trivial verarbeitet werden, weil eine intellektuelle Herangehensweise mehr verschleiert als offenbart?

Ferner sollten wir die Stärke der Goldauflage anzweifeln, wenn die Tagesschau uns demnächst einmal mehr von einem kräftigen Aufschwung berichtet, von dessen Kuchen wir aus unerfindlichem Grunde kein Stück abbekommen. Dass wir dennoch den Traumangeboten der ökonomischen Welt erliegen, ist wahrscheinlich, denn alternative Utopien sind rar und viel zu wenig präsent. Auch Mark Twain, der die Mechanismen so drastisch zu entlarven wusste, ging nur wenige Jahre nach der Veröffentlichung des „Vergoldeten Zeitalters“ als Spekulant in die Pleite. Ausgerechnet der Vizepräsident von Standard Oil, Henry Huttleston Rogers, half ihm wieder auf die Beine zu kommen und seine Vorträge zur Schuldentilgung global zu vermarkten.

Auch in dieser edlen Tat zeigt sich die einzigartigen Fähigkeiten der kapitalistischen Wirtschaftsordnung: Sie rettet sich immer wieder im Kleinen und festigt im Großen ihre Unbelehrbarkeit. Sie schenkt uns den Irrglauben in die Zukunft schauen zu können, verspricht ewiges Wachstum und verschweigt den Zerfall.




Das vergoldete Zeitalter bleibt aktuell

von Dirk Jürgensen …Mark Twain hätte am 30.11.2014 seinen 179. Geburtstag feiern können. Doch der Halleysche Komet, der bereits zu seiner Geburt erschienen war, holte ihn pünktlich bei seinem nächsten Erscheinen zurück. Mark Twain hatte das längst geahnt. Ob er auch ahnte, wie wenig sich die menschliche Gesellschaft bis in unsere Tage ändern sollte? »Das vergoldete Zeitalter« hätte er heute jedenfalls gut und gerne noch einmal schreiben können. Welche Wirkung hätte das wohl haben können? Man kann nur spekulieren

Nach nunmehr 134 Jahren zahllos zerplatzter und vor all den in der Zukunft noch zerplatzenden Spekulationsblasen liegt nun endlich wieder eine deutschsprachige
Ausgabe von »The Gilded Age – A Tale of Today« vor. Als Grundlage dieser Neuausgabe diente die von Moritz Busch übersetzte und bereits 1876 in der Reihe »Amerikanische Humoristen« bei Fr. Wilh. Grunow in Leipzig erschienene Fassung. Diese wurde vom Herausgeber sanft modernisiert und an erforderlichen Stellen korrigiert. Er spekuliert mit der Veröffentlichung, das darf a dieser Stelle verraten werden, übrigens auf »Ozeane und Ozeane von Geld«

Das Werk ist über Amazon und anderswo zu bestellen. Oder fragen Sie einfach im örtlichen Buchhandel nach der ISBN 978-3-83918-446-2.

Weitere Informationen zum Buch