Mein Opa traute den Amis nicht

von Dirk Jürgensen ...

Wo waren Sie, als vor 45 Jahren der erste Mensch den Mond betrat?

Kampf um den Weltraum

Das Sammelalbum „Kampf um den Weltraum“ erschien bei der Heinerle Hugo Hein KG, Bamberg – Die vollständige Bildersammlung kann beim Autor eingesehen werden.

– Ich kann diese Frage mit Leichtigkeit beantworten, denn es waren Sommerferien und glücklicherweise besaßen meine Großeltern einen Fernseher. So konnte mir eines der größten medialen Ereignisse aller Zeiten auch an der Ostsee nicht entgehen. Als elfjähriger Junge war man von der Raumfahrt ohne Einschränkung begeistert, kannte alle Raketentypen, alle Astronauten und sogar manche Kosmonauten. Man bastelte das Modell einer Saturn V, sammelte Bilder und klebte sie in sein Album. Mein Album gibt es noch heute, wie auch die Fußabdrücke der Astronauten auf der Mondoberfläche nicht verschwunden sein dürften. Nur mein Opa, der traute den Amis nicht, hielt die ganze Veranstaltung für den Filmtrick eines Hollywood-Studios. Erst viel später erfuhr ich, dass er mit dieser Ansicht gar nicht so alleine stand.

Lesen Sie mein Protokoll der ersten Mondlandung an der Ostsee




Karstadt und das Ende der Warenhäuser

von Dirk Jürgensen ...

Tausendfach, alles unter einem Dach – Das war einmal

Warenhaus in Schieflage – Ältere mögen sich erinnern. An jene Errungenschaft der modernen Welt, für einen Artikel nicht mehr von Geschäft zu Geschäft laufen zu müssen, weil es doch in jeder größeren Stadt mindestens einen Kaufhof, Wertheim, Horten, Hertie oder Karstadt gab. Eines dieser Warenhäuser genügte, um sich vollständig einzukleiden und ganz nebenbei auch noch Lebensmittel, Kosmetik, Uhren und Schmuck oder Haushaltartikel in riesigen Tüten nach Hause zu schleppen. Kleine Geschäfte mögen geflucht haben, aber als Kunde liebte man, endlich „tausendfach, alles unter einem Dach“.

Heute sind Warenhäuser nur noch das Abbild der Fußgängerzonen mit ihren Marken-Stores. Wer ein T-Shirt kaufen möchte und keine spezielle Marke präferiert, muss teils sogar auf mehreren Etagen verstreute Shop-in-Stores-Inseln aufsuchen, um endlich das richtige zu finden. Das sind Läden im Laden, die es mit der gleichen Auswahl auch noch einmal als Laden in der Fußgängerzone gibt, was Vielfalt allenfalls vortäuscht.

Früher waren viele Dinge schlechter, aber gesuchte Artikel waren wenigstens schneller in speziellen Abteilungen zu finden. Die Rückkehr zu dieser alten Warenhaustugend würde den Markenvertrieblern zwischen Esprit, S.Oliver, Tom Tailor, Superdry oder sonstigen gerade einmal angesagten Brands nicht gefallen – und vielen Kiddies, die es nicht mehr anders kennen auch nicht – aber ich werde das Gefühl nicht los, dass genau dieses Problem ein Grund für den Niedergang der Warenhäuser gilt. Nicht umsonst schließt in Düsseldorf gerade das einstige Horten-Stammhaus an der Berliner Allee (mit seiner leider noch immer nicht unter Denkmalschutz stehenden Eiermann-Fassade) und bangen die Karstadt-Mitarbeiter der ganzen Republik um ihre Arbeitsplätze, weil ihr Eigentümer Nicolas Berggruen höchstwahrscheinlich einen Verkauf anstrebt.

Neu ist das Thema nicht und außer der Verwendung der neudeutschen Bezeichnung als Department Store ist dem Management im Sinne einer Abgrenzung vom kleinteiligen Einzelhandel und einer Eigenständigkeit des eigenen Profils nichts eingefallen, wie der Rückblick auf eine Geschichte belegt, die ich bereits vor zehn Jahren schrieb:

Die Hose – Von der Krise im Einzelhandel




Hoffnung und Lust setzen Ziele

von Dirk Jürgensen ...

Wir brauchen Utopien – Teil 3

William Morris und seine „Kunde von Nirgendwo“

William

William Morris, * 24. März 1834 in Walthamstow; † 3. Oktober 1896 in London
Morris war ein Multitalent, ein Maler, Herausgeber, Architekt, Dichter, Drucker, nach heutiger Begrifflichkeit Designer und gilt als einer der ersten Vertreter der britischen sozialistischen Bewegung.

William Morris - Kunde von Nirgendwo - Golkonda-Verlag

William Morris – Kunde von Nirgendwo – Golkonda-Verlag

Als Mitgründer des Arts and Crafts Movement empfand Morris die Produkte der Massenproduktion der damals aufstrebenden Industrie als

Bezüglich des Arbeitsprozesses selbst zeigt sich dieses Seelenlose im Sinne eines Karl Marx in der Entfremdung.
und forderte eine
Ein Ansatz, den wir auch und grade heute angesichts von Billigimporten aus Fernost und rücksichtsloser Massentierhaltung gut nachvollziehen können. Leider kann sich der aktuell zu beobachtende Trend, mehr auf die Qualität der Produkte und auf faire, ökologisch unbedenkliche Fertigung zu achten, nur bei jenen Verbrauchern durchsetzen, die es sich finanziell leisten können – und wollen. Im Textilbereich dominieren Ketten wie Primark oder H&M, die die Argumente Morris‘ leider noch immer bestätigen.
auf die höhere Qualität handwerklicher Arbeiten. Genau diesen Ansatz verfolgte er in seinem als Gegenentwurf zu Edward Bellamys „Rückblick aus dem Jahre 2000“ verstandenen Utopie „Kunde von Nirgendwo“, die 1890 veröffentlicht wurde.

In seiner Zeitung „The Commenweal“ veröffentlichte Morris zuvor (1890) eine vielbeachtete Kritik des „Rückblicks“, in der er deutlich macht, wie fundamental die Unterschiede in der Sichtweise auf einen idealen, auf einen ebenfalls gerecht angesehenen Staat sein können:

Die einzige sichere Art, eine Utopie zu lesen, ist, sie als Ausdruck der Gesinnung ihres Autors zu betrachten.So gesehen ist Mr. Bellamys Utopie immer noch als sehr interessant zu bezeichnen, da sie mit reichlich ökonomischem Sachverstand und großem Geschick aufgebaut ist. Und natürlich ist sein Temperament das zahlreicher Menschen. Diese Temperament könnte man als unverfälscht, als modern, als ahistorisch und unkünstlerisch bezeichnen; es hat zur Folge, dass jemand (falls er denn Sozialist ist) mit der modernen Zivilisation völlig zufrieden wäre, wenn es nur gelänge, Ungerechtigkeit, Elend und die Sinnlosigkeit der Klassengesellschaft abzuschaffen;solche halbherzigen Veränderungen scheinen ihm machbar. Das einzige Lebensideal, das solch ein Mensch zu sehen vermag, ist das eines fleißigen Angestellten aus der Mittelschicht von heute, geläutert vom Verbrechen der Komplizenschaft mit der Monopolistenklasse und unabhängig anstatt, wie jetzt, parasitär. Es ist nicht zu bestreiten, dass ein solches Ideal, falls es denn verwirklicht werden könnte, im Vergleich mit den derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnissen ein großer Fortschritt wäre. Aber kann es überhaupt verwirklicht werden? […]

Aus der Zufriedenheit des Autors mit den besten Bestandteilen des modernen Lebens folgt naturgemäß, dass er den Wandel hin zum Sozialismus als eine Vorgang betrachtet, der ohne den Zusammenbruch dieser Lebensweise vonstattengeht oder jedenfalls ohne größere Störungen, und zwar vermittels der finalen Entwicklung der großen privaten Monopole, die so charakteristisch für die heutige Zeit sind. Er unterstellt, dass sie zwangsläufig in einem einzigen großen Monopol aufgehen müssen, welches das ganze Volk einschließt und und vom ganzen Volk zu seinem Vorteil betrieben wird.

Dieses Zitat stammt wie das folgende aus dem „Rückblick aus dem Jahre 2000“, wie er im Golkonda-Verlag erschien. An dieser Stelle handelt sich um die vom Herausgeber Wolfgang Both in Zusammenarbeit mit Andreas Fliedner und Hannes Riffel übertragene Rezension Morris‘.[/title]

Morris charakterisierte Bellamys Zukunftsentwurf als stark national zentralisierten Staatskommunismus, als gesellschaftliche Maschinerie zwischen Arbeitszwang und Verpflichtung zur Aufgabe der Arbeit mit 45 Jahren. Zudem hielt er die urban geprägten Lebensräume angesichts der realen Wohnverhältnisse in den Ballungszentren, für nicht erstrebenswert und lehnte den vermehrten Einsatz von Maschinen zur Verringerung der menschlichen Arbeitszeit sinnlos ab. Morris glaubte, dass das Ideal der Zukunft nicht in einer Verringerung der menschlichen Anstrengungen durch die Reduzierung des Arbeitsumfangs auf ein Minimum bestehen wird, sondern in einer Reduzierung der „Mühen“ der Arbeit auf ein Minimum, das so klein ist, das sie aufhören,Mühen zu sein; in einem Gewinn an Menschlichkeit, von dem nur geträumt werden kann, bis die Menschen noch gleichberechtigter geworden sind, als es ihnen Mr. Bellamys Utopie gestattet,[…].

Mit der „Kunde von Nirgendwo“ formulierte William Morris seinen in der Rezension angedeuteten Gegenentwurf zum „Rückblick“.

Sein in London lebender Ich-Erzähler William

Die namentliche Ähnlichkeit mit Bellamys Julian West ist ganz sicher kein Zufall. Außerdem weist der Name gleichzeitig auf den Autor selbst und die Gastrolle des Protagonisten in Morris‘ Utopie hin.

schläft nach einer hitzigen Debatte über einen der Revolution folgenden Zukunftsstaat schlecht und wacht am frühen Morgen des vermeintlich folgenden Tages auf und macht sich auf einen Spaziergang an die Themse. Zu seiner Überraschung ist das Wasser des Flusses sauber, es schwimmen sogar Lachse darin. E sieht keine Industrieschornsteine mehr und die bisherige moderne (vermutlich Stahlbau-)Brücke wurde durch eine im alten Stil aus Stein errichtete ersetzt. Guest trifft am Ufer einen Fährmann, dem er sich als jemand vorstellt, der lange auf Reisen gewesen ist und die Verhältnisse fremd geworden seien. Mit den als Bezahlung angebotenen Münzen, die Guest in seiner Tasche findet, kann der Fährmann nichts anfangen und so beginnt eine Reihe von Fragen und Antworten, in der dem Gast die Vorzüge des Lebens im 20. Jahrhundert im Laufe einer Reise auf der Themse von verschiedenen Menschen gezeigt werden.

Die Lebensverhältnisse in Morris‘ Idealstaat, dessen Struktur aufgrund seiner radikalen Dezentralisierung dem Anarchismus nicht fern ist, sind von einem romantischen „Zurück zur Natur“ geprägt, aus von einer starken Bewunderung des Mittelalters spricht.. Die großen Städte, die rußigen Industriezentren des 19. Jahrhunderts wurden längst zurückgebaut,die Slums niedergerissen.Das neue London ist von Wäldern und Wiesen durchzogen, die Landflucht der Industrialisierung konnte umgekehrt werden. Nur Reste alter großer Gebäude sind noch zu finden. So wird das Parlamentsgebäude in London übergangsweise noch als Düngerlager verwendet. Heutigen Lesern kommt es oftmals befremdlich vor, dass Morris Gebäude, die wir als schön und alt ansehen, als unerträglich modernistisch und

Vollkommen unfreiwillig – mit entgegengesetzter Intention sogar – gibt uns Morris damit einen Hinweis darauf, mit der Kritik an zeitgenössischer Architektur sorgsam umzugehen. Was uns heute als hässlich erschreckt, kann morgen als schön und stilbildend gelten.
beschrieb.

Die Ästhetik der Natur, der dörflichen Strukturen, der Häuser, der Gebrauchsgegenstände und das Entstehen dieser Dinge stellen ein grundlegendes Thema in Morris‘ Utopie. Die Menschen seines Zukunftsentwurfs haben das Handwerk, Kunsthandwerk, die Kunst, die aufgrund maschineller Massenproduktion vergessenen Fähigkeiten zurückgewonnen und entwickeln diese von Generation zu Generation weiter, werden perfektioniert. Es gibt keine Fabriken mehr, man trifft sich gegebenenfalls in vereinigten Werkstätten zur gemeinschaftlichen Arbeit. Arbeit, Kreativität und dadurch entstehende Befriedigung und Identifikation mit dem Hergestellten oder Geleisteten haben die Gedanken an einen monetären Gegenwert verdrängt. Da es aufgrund des Fehlens von Geld oder eines auf Tauschbasis funktionierenden Marktes keine monetäre oder vergleichsbedingte Wertigkeit der Güter mehr gibt, ist das durch die sinnvolle, befriedigende Arbeit erfüllte Leben selbst Belohnung genug. Güter werden an die Menschen verschenkt,die sie benötigen und sich an ihnen erfreuen können.

Gegenseitige Hilfe, besonders in landwirtschaftlichen Saisonzeiten ist obligat, doch immer auch freiwillig und kommt als fröhliche Freizeit auf dem Lande daher.

Die Schönheit der Lebensumstände hat sich auch auf die jugendliche Schönheit der Menschen übertragen, da sie alle aus einer durch Freiheit, (eine für das 19. Jahrhundert erstaunlich freie und gleichberechtigte) Liebe und Vernunft bestimmten Beziehung entstanden sind. Frauen sind selbstbestimmt, selbstbewusst und gleichberechtigt, wenngleich die Aufteilung der Arbeiten der Erwachsenen eher einem klassischen Modell der Geschlechterrollen zu entsprechen scheint.

Kinder wachsen in einem antiautoritärem Umfeld auf und das Wort „Erziehung“ hat sich in ein Fremdwort verwandelt. Somit sind auch Schulen obsolet. Der Begleiter Guests, Dick, formuliert es, nachdem er augenzwinkernd nachfragte, warum denn nicht auch alte Leute erzogen würden, so:

Aber ich kann Ihnen immerhin versichern, dass unsere Kinder etwas lernen, ohne dass sie durch eine Lehr- oder Unterweisungssystem zu gehen haben. Ei, nicht eines dieser Kinder sollten Sie finden, Junge oder Mädchen, das nicht schwimmen, nicht eines, das sich nicht auf kleinen Waldponys zu tummeln verstände […]! Kochen können sie durch die Bank, die größeren Jungen können nähen, viele können Dachdecken und verrichten allerhand Tischlerarbeit oder sie verstehen sich auf sonst einen Hantierung. […]Allein ich begreife wohl, dass Sie von Büchergelehrsamkeit reden, und die ist doch eine einfache Sache. Die meisten Kinder, welche Bücher umherliegen sehen, bekommen es schon mit vier Jahren fertig zu lesen […]

Dieses und die noch folgenden kursiv gesetzten Zitate stammen aus der von Andreas Fliedner herausgegebenen und bei Golkonda erschienenen Fassung der „Kunde von Nirgendwo“.
Fremdsprachen werden über den zahlreichen Kontakt mit ausländischen Gästen gelernt und bezüglich historischen Wissens heißt es, […]viele forschen nach dem Urspung der Dinge, nach den Gesetzen und der Verkettung von Ursache und Wirkung, – sodass Wissen und Kenntnisse unter uns zunehmen[…]. Andere wiederum […] verbringen ihre Zeit mit Mathematik. Es ist ja doch unnütz, die Neigungen der Menschen zwingen zu wollen.

So friedlich und harmonisch es in dieser Utopie zugeht, so konnte sich William Morris deren Entstehen keinesfalls in einem langsamen, evolutionärem Prozess vorstellen. Wie er ausführlich beschreibt, musste es ein harter, über mehrere Jahre viele Opfer fordernder Bürgerkrieg sein, der andauerte, bis Hoffnung und Lust ihm ein Ziel setzten führte zur Revolution im eigentlichen Sinne. Ohne den totale Zusammenbruch des alten Systems und seiner partiellen Privilegien und scheinbar allgemeinen Vorzüge der kapitalistischen Ordnung sieht Morris demnach aufgrund des Fehlens eines gemeinsamen Zieles Aller keine Chance auf einen Wandel zum idealen Staat. Mit dieser Überzeugung steht er nicht allein, wie neuere Utopien – und leider auch Dystopien, die beispielsweise eine nach einem nuklearen Fallout entstandene Gesellschaftsordnung (oder Unordnung) beschreiben. Immerhin erwacht William Guest am Ende des Romans – zwar etwas traurig, weil sich neben der angenehmen neuen Gesellschaftsordnung gerade eine Liebesgeschichte andeutete – wieder in seiner gewohnten Umgebung, um seinen Zeitgenossen in zukünftigen revolutionären Diskussionen das Bild und die Hoffnung auf einen idealen Zukunftsstaat vermitteln zu können.

Wir dürfen uns heute entscheiden, ob wir Ballemys oder Morris‘ Utopie näher stehen. Beide geben uns – so konträr sie sich gegenseitig verstanden – die Möglichkeit, eigene Variationen einer gerechten, friedlichen und zufriedenen Welt zu entwickeln, die einen wirklichen Fortschritt jenseits unseres neoliberalen Alltags bedeutet, in dem uns Zufriedenheit als Stillstand „verkauft“ wird. Der Ansatz, dass nur Hoffnung und Lust Ziele setzen, ist kein schlechter. Aber funktioniert das wirklich erst nach dem totalen Zusammenbruch?

Um der Antwort auf diese und andere Fragen näher zu kommen, empfehle ich nicht zuletzt aufgrund der dort enthaltenen Zusatzinformationen die im Golkona-Verlag erschienene Ausgabe der „Kunde von Nirgendwo“ von William Morris, die Sie bei jedem lokalen Buchhändler erwerben können.




Irritiertes Winkewinke

von Dirk Jürgensen ...

Verhaltensforschung anlässlich der WM

– Fußballfreie Abende geben dem Geist Raum, sich endlich einmal um andere Dinge zu kümmern und das aktuell uns alle so stark beschäftigende Problem des Runden mit dem Eckigen kurz zu vernachlässigen. Das Menschliche jenseits des Wettkampfes darf und sollte uns an fußballfreien Abenden bewegen.

Anzeigetafeln sollten wieder die wirklich wichtigen Dinge anzeigen.

Foto: ©complize / photocase.de

Erinnern Sie sich beispielsweise an jene schwarzweißen Zeiten, als Anzeigetafeln nur über den derzeitigen Spielstand Auskunft gaben, als Luxusvarianten höchstens noch die Uhrzeit mitteilen konnten? Wer die Mannschaftsaufstellungen erfahren wollte und und keine Mark für die Stadionzeitung opfern mochte, hatte dem Stadionsprecher zuzuhören. Damals konnte man den Torschuss in seiner Wiederholung mit Glück frühestens in der Sportschau am heimischen Fernseher bewundern. Anzeigetafeln sind erst in der Neuzeit zu hochauflösenden Displays geworden.

So komme ich auf ein Phänomen, das vor einigen Jahren aufgetaucht ist und intensiv bei den Übertragungen der laufenden Weltmeisterschaft zu beobachten ist. Eines, das vermuten lässt, dass die Verfahren medialer Technik noch nicht perfekt in die humanen Kommunikationsmuster integriert wurde:

Menschen, die sich auf der Anzeigetafel des Stadions entdecken, winken immer in Richtung ihres Konterfeis und nicht in die Kamera.

Lediglich eine in kurzem Abstand vor die Nase gesetzte Kamera gibt den meist in ihren Landesfarben angestrichenen, teilweise auch liebreizend knapp bekleideten Fans die Chance, ihr Winken in die richtige Richtung zu winken. Doch das bleibt die Ausnahme. In den allermeisten Fällen wird meine Beobachtung bestätigt.

Die Geschichte einer Irritation

Die Evolution hat uns lange vor unserem Entschluss zum aufrechten Gang gelehrt, dass der per Mimik oder Gliedmaßenbewegung geäußerte Gruß ohne Empfangsperson unsinnig ist. Wenn wir einen uns bekannten Menschen erkennen, wenn wir ihm zudem wohlgesonnen sind, oder aus anderen Gründen nicht vor ihm verbergen möchten, winken wir, lächeln oder rufen ihm sogar etwas zu, wenn uns die nonverbale Kommunikation als nicht ausreichend erscheint. So auch in einer WM-Arena, in der das folgende Schema immer wieder abläuft:

  1. Auf der Anzeigetafel erkennen wir eine uns sehr bekannte und hoffentlich auch liebgewonnene Person, der wir unbedingt einen Gruß schicken wollen.

  1. Dass es sich dabei um das Abbild der zerknitterten Gestalt aus dem morgendlichen Badezimmerspiegel handelt und uns unser Verhalten irgendwie auf eine Stufe mit einem in Gefangenschaft gehaltenen Wellensittich stellt, ist dabei nicht schlimm. Denn bevor wir

  2. zu dieser schmerzhaften Erkenntnis gelangen, kann sich unser durch viele Jahre TV-Konsum geschultes Hirn mit der Information durchsetzen, dass das rezipierte Bild in dieser noch laufenden Sekunde ebenfalls auf allen mit TV-Empfängern ausgestatteten Kontinenten und der Raumstation ISS im Orbit wahrgenommen wird. Da es die Oma

  3. ganz sicher freuen wird, winken wir ihr nun umso wilder ins Bild. Eigentlich. Denn tatsächlich grüßen wir, wie oben bereits erwähnt, nur unser eigenes Spiegelbild.

  4. Mit leichtem Entsetzen stellen plötzlich wir fest, dass uns unser Konterfei aus einem zunächst unerfindlichen Grund die kalte Schulter zeigt und wild nach links oder rechts, jedenfalls an völlig Unbekannte sendet. Die unweigerliche Enttäuschung gibt

  5. dem Besinnen auf unser technisches Verständnis und der Logik eine Chance. Die Kamera wird gesucht, oft auch gefunden und setzen erneut und hoffnungsvoll zum Winkewinke in die Kamera an. Was nun folgt, ist eine große Gemeinheit, die totale Ernüchterung.

  6. Die Regie wechselt im Moment, da wir die Kamera ausmachen, im Bruchteil einer Sekunde auf eine andere Kamera im weiten Rund und lässt uns, meist für immer und ewig, von der Mattscheibe verschwinden.

  7. Oma wird uns in der Kürze der Zeit nicht erkannt haben und wir konnten ihr noch nicht einmal ein Lebenszeichen vom Amazonas abgeben. Was bleibt, sollten wir uns einst wieder auf einer Anzeigetafel erkennen, ist die Hoffnung auf eine reaktionsschwache Bildregie.

Fazit

Das Mediengeschäft ist ein hartes. Es kennt keine Sentimantalitäten. Offensichtlich halten die Bildregisseure die Winkerei für ebenso bescheuert wie ich. So kann ich verstehen, warum sie die Menschen der Irritation aussetzen, Hohn und Spott aussetzen. Aber muss das sein? Spüren sie nicht wie ich die Einsamkeit jener Zeitgenossen, die so gerne einen Gruß in die Welt schicken wollten und nicht durften? Anzeigetafeln sollten wieder die wirklich wichtigen Dinge anzeigen.

Bin ich froh, dass morgen wieder Fußball gespielt wird.




Brot und Spiele ohne Brot

von Dirk Jürgensen ...

Friedlicher Nationalismus?

Ich gebe es ja zu: Auch ich habe Spaß an der Fußball-WM.

Nationales Nervensägen - Überall SRGDoch manchmal überfällt mich eine Angst. Immer dann, wenn vor dem Spiel von Mal zu Mal inbrünstiger die Hymne eines Landes gesungen wird, wie es mir beim spielerisch begeisternden Achtelfinalspiel zwischen Brasilien und Uruguay besonders aufgefallen ist. Ja, es herrscht in den Stadien dieser WM ein friedliches Gemisch verschiedenster (oder doch immer wieder gleichartiger?) Nationalismen. Diese WM bietet uns ein klassisches und immer deutlicher werdendes Bild, dass ein Volk mit Spiel und Nationalstolz erfolgreich davon abgehalten kann, nach Brot zu schreien. Brasilien – nur ein Beispiel – ist ein stolzes Land mit stolzen Menschen.

Aber was bedeutet dieser Stolz?

Worauf beruht sich dieser Stolz und was macht ihn zum Opiat? Die Fähigkeiten einiger Fußballspieler können eigentlich nicht ausreichend sein, um ihn zu begründen. Sie sind es aber, wie es scheint. Wo sind all die Proteste gegen die Regierung, gegen die Korruption, gegen die Machenschaften der Fifa, den Bau ungemein teurer Stadien und das gleichzeitige Vertreiben der Ärmsten aus ihren Favelas geblieben? Kann erst ein Ausscheiden der Mannschaft Brasiliens, sagen wir aufgrund eines offensichtlichen Versagens des Heilbringers Neymar, den Betrug aufdecken, das Aufbegehren aufflammen lassen? Was sollen wir hoffen? Menschen, die unter der Einwirkung von Opium stehen sind friedlich, doch wir wissen nicht, wie lange die Wirkung der Droge anhält und ihnen auffällt, dass Nationalstolz auf Dauer kein Brot ersetzen kann.

Der bei der WM gezeigte Nationalismus ist ein friedlicher. Die Fans aus allen Ländern feiern mehr oder weniger gemeinsam in ihren Trikots. Doch immer ist Nationalismus ein Tanz auf der Rasierklinge, kann schnell umschlagen. Ein kleiner Fehltritt aus Angst, Überheblichkeit oder individueller Dummheit ist tödlich und niemand ist in der Lage seine Art und seinen Zeitpunkt vorherzusagen. Das begründet meine Angst, wenn ich die Inbrunst erlebe, in der die nationalen Hymnen vorgetragen werden. Dazu muss ich noch nicht einmal an all das erinnern, was der Nationalismus zwischen Sarajevo 1914 und der Ukraine 2014 angerichtet hat.

Die Fifa lässt Banner der Fans abhängen. Sei es, um teuer bezahlte Werbebanner sichtbar zu halten, sei es aus dem verständlichen Geist heraus, nationale Symbole aus der (vorgeblich?) unpolitischen Veranstaltung herauszuhalten. Sie lässt auch Banner entfernen, die sich gegen Rassismus und politische Unterdrückung richten. Aber sie lässt vor jedem Spiel eine Nationalhymne spielen, die immmer ein politisches Symbol darstellt und oftmals sehr martialisch und die Nation verherrlichend daherkommt. Ich halte das für einen Widerspruch.

Ich träume von einer Fußball-Weltmeisterschaft ohne Nationalhymnen im Russland des Jahres 2018 und weiß, dass Träume gar keinen Sarkasmus kennen.

 

Lesen Sie weiter, wie mich dieses Thema bereits 2006 anlässlich des beginnenden „Sommermärchens“ beschäftigte: Nationales Nervensägen




Die Fußball-WM nach der Vorrunde

von Dirk Jürgensen ...

Gedanken vor dem Achtelfinale der Fußball-WM

– Nach den Protesten im Vorfeld ist nun auch Gruppenphase der WM in Brasilien beendet und wir wissen, welche Favoriten (oder wenigstens Vertreter der klassischen Fußballwelt) sterben mussten. Die Antwortfloskel auf die Frage, wen sich denn die deutsche Mannschaft im Finale wünscht – „egal, nur nicht Italien“ – bleibt ungesprochen. Es wird kein gewonnenes Elfmeterschießen gegen England mehr geben. Die seit Epochen unbesiegbaren Spanier überlegen längst, ob man das Spiel vielleicht mit „kick and rush“ modernisieren könnte und die Mannschaft um den Weltfußballer Christian Ronaldo, darf weiter einer goldenen Generation Portugals nachtrauern, die ebenfalls nichts gewann, aber ungemein gut aussah.

Fußball-WM - Foto: © Dirk Jürgensen - DüsseldorfBrasilien, meistgenannter Favorit, ist ohne große spielerische Begeisterung noch im Rennen. Aber wann haben die zuletzt eigentlich so richtig begeistert und ihre Legende von der landestypischen Spielkunst gefestigt? Pelé, Rivelino und Zico und spielen schon länger nicht mehr und es steht zu befürchten, dass es im Laufe des Turniers einer Mannschaft gelingt, Neymar sicher zu bewachen.

Auch Argentinien hat außer Messi (und in Ansätzen Di Maria) kaum etwas zu bieten, wenngleich das in vielen Fällen schon genug ist, um zu gewinnen.

Der Deutschen Mannschaft ist wieder einmal alles zuzutrauen. Die jugendliche Unbekümmertheit eines Sommermärchens ist zwar dahin, aber man scheint die richtige Mischung aus spielerischer Brillianz, langweiligen Tiki-Taka (gerne auch Tiqui-taca) und Unberechenbarkeit gefunden zu haben, um bei einem Ausscheiden im Achtelfinale und einem Sieg im Finale ein allgemeines „Wir haben es ja gewusst!“ provozieren zu können.

Insgesamt – obgleich die Fifa angesichts ihrer Machenschaften verboten (noch besser: hoch besteuert) und der unnötige Bau von Sportpalästen in Ländern, deren Bevölkerung unter tiefster Armut leidet untersagt gehört – ist diese Fußball-Weltmeisterschaft ein unterhaltsames Ereignis. Doch wie langweilig wäre es gewesen, wenn sich all die gestürzten ständigen Verdächtigen durchgemogelt hätten, wenn sich Costa Rica, das vermeintlich sichere Opfer der Todesgruppe D mit Uruguay, Italien und England nicht so verdient für das Achtelfinale qualifiziert hätte?

Wie nicht nur Costa Rica gezeigt hat, sind die Außenseiter das Salz in der WM-Suppe:

Iran, das einen Sieg gegen Argentinien und vermutlich damit auch gegen verknöcherte Mullahs im eigenen Land verdient gehabt und beinahe errungen hätte.

Griechenland, das 2004 mit einem damals schon sympathisch-veralteten Fußball-Stil Europameister wurde, steht auch diesmal klassisch verwurzelt in Achtelfinale. Die Elfenbeinküste hatte man stärker eingeschätzt, wenngleich die afrikanischen Teams bei Weltmeisterschaften leider fast immer enttäuschen. Aber es gibt ja noch Algerien. Das ist immerhin auch Afrika und hat noch eine Rechnung mit der Deutschen Mannschaft offen, die zu Lasten der Algerier 1982 in Gijon eine Absprache mit den Österreichern traf. Zudem hat die Länderspielbilanz mit dem größten Land Afrikas beinahe italienische Dimensionen. Bisher wurden alle Spiele von der DFB-Elf verloren. Gut, es waren nur

1964 war es ein Freundschaftsspiel, das Algerien 2:1 gewann und bei der eben erwähnten WM 1982 in Spanien gewannen die spielerisch starken Algerier sogar 2:0 und hätten sich für die nächste Runde qualifiziert, wenn es nicht zum „Nichtangriffspakt von Gijon“ gekommen wäre, der immer wieder auch als „Schande von Gijon“ bezeichnet wird.
. Warnung genug und Grund eine Serie zu brechen.

Eine dieser Serien bezieht sich beispielsweise auf das Gesetz der Unfähigkeit europäischer Mannschaften, in Südamerika einen Titel holen zu können. Aufgrund des Ausscheidens der Spanier und der Italiener (weniger der Engländer) ist man schnell geneigt, dieses Gesetz der Serie auch jetzt wieder hinzunehmen. Doch obacht!

Es könnte sein, dass sich im Viertelfinale von den acht möglichen Plätzen sechs europäische Teams breitmachen. Das könnten Frankreich, Deutschland, Niederlande, Griechenland, Schweiz und Belgien sein. Eine Neuauflage des Finales von 1974 Deutschland (damals noch BRD) gegen die Niederlande wäre möglich und könnte die so oft erwähnte Serie ins Archiv verbannen. Alles Spekulation und vermutlich in wenigen Tagen Makulatur.

Zum Schluss möchte ich eine weitere Spekulation wagen und die Frage nach dem Spieler des Turniers beantworten, indem ich all die Ronaldos, Messis und Müllers unbeachtet lasse:

Es ist, wenn sich kein Überraschungskanditat mehr zeigt, Luis Suárez aus Uruguay.

Als Torschützenkönig der obersten englischen Liga wurde er dort mehrfach zum Spieler des Jahres gewählt und schoss ausgerechnet England beinahe im Alleingang auf die Insel zurück.

Dies hätte ihm bereits ein paar Zeilen in den Geschichtsbüchern des Fußballs gesichert. Doch es wäre längst nicht genug für den Titel des Spielers der WM gewesen, denn er ist einer jener „Bekloppten“, die der internationale Fußball unbedingt braucht. Würde man sich noch an Èric Cantona erinnern, wenn er stets die Ruhe selbst geblieben wäre? Sicher nicht.

Obwohl bereits einschlägig

2010 biss Suárez in einem Spiel zwischen Ajax Amsterdam und dem PSV Eindhoven seinen Gegenspieler OtmanBakkal nach einem Wortgefecht in die vordere rechte Schulter. 2013 biss er bei einem Spiel des FC Liverpool den Spieler BranislavIvanović des FC Chelsea
konnte er sich nicht beherrschen und biss seinem italienischen Gegenspieler Giorgio Chiellini ohne offensichtliche spielerische Not in die Schulter. Der Schiedsrichter hatte den kannibalistischen Vorfall zwar nicht bemerkt, aber Suárez konnte nicht damit rechnen, dass heutzutage unzählige Kameras jeden Zentimeter Rasens einfangen und aufzeichnen lassen. Luis Suárez ist ein begnadeter Fußballer, der seine Emotionen und nicht allein einen seltsamen Hang zum Einsatz seiner Schneidezähne nicht in den Griff bekommt. So könnte man ihn bezeichnen. Seine Eskapaden sind stets zu bestrafen, doch wollen wir einmal ehrlich sein: Wäre Fußball noch ein solches Kultprodukt, wenn die Spieler alle einem Philipp Lahm entsprächen?

Schon bei der Fußball-WM 2010 in Südafrika verpasste er das Halbfinale aufgrund einer Spielsperre, die er sich mit einem absichtlichen Handspiel auf der Torlinie im Viertelfinale gegen Ghana redlich verdient hatte. Nun wurde er für vier Monate von allen fußballerischen Aktivitäten suspendiert, muss neun Länderspiele verpassen und 100.000 Schweizer Franken Strafe bezahlen. In der Heimat gilt er nun als ein zu unrecht bestrafter Held, hält die Mannschaft Uruguays für unverdient benachteiligt und auch sein bislang letztes Bissopfer soll die Bestrafung inzwischen für übertrieben halten. Der Ruhm, wenn auch der zweifelhafte, ist ihm sicher.

Wer wird Weltmeister? Wir werden sehen. Jedenfalls nicht Italien.

Würde der Protest erst bei einem Ausscheiden Brasiliens wieder erwachen?

Es bleibt spannend.

2018 steht wieder eine WM ins Haus. Hat sich Putin eigentlich von der Duma schon ermächtigen lassen, den WM-Titel für Russland zu beanspruchen?




Rückblick auf Edward Bellamy

von Dirk Jürgensen ...

Wir brauchen Utopien – Teil 2

– Meine Lese- und Gedankenreise auf der Suche nach noch zu entwickelnden Utopien, die uns Heutigen eine Weiterentwicklung der „idealen“ Gesellschaft eines Thomas Morus glaubhaft und Hoffnung stiftend vorführt, bringt mich in das Boston des Jahres 1887.

Edward Bellamy - Rückblick aus dem Jahre 2000 - bei Golkonda

Edward Bellamy – Rückblick aus dem Jahre 2000 – bei Golkonda

Damals erschien in den USA mit „Looking Backward: 2000-1887“ von Eward Bellamy einer der erfolgreichsten utopischen Romane und damit gleichzeitig einer der ersten

Allein in Deutschland kursierten schnell sechs Übersetzungen gleichzeitig.
. Dieser „Rückblick aus dem Jahre 2000“ ist vor einiger Zeit in einer empfehlenswerten Neuausgabe der Übersetzung von Clara Zetkin im Golkonda-Verlag erschienen.

Der Roman entstand in einer Zeit, in der die Industrialisierung rasante Fortschritte und gemeinsam mit der wachsenden Zahl von Einwanderern Arbeit immer billiger machte. Feudale Strukturen waren längst durch einen ungezügelten Kapitalismus ersetzt, der mit seinen wiederkehrenden Krisen immer und ausgerechnet die Ärmsten leiden ließ. So kamen mit dem Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit vermehrt auch sozialistische Ideen ins Land der vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten.

Angesichts der Arbeitskämpfe mit Streiks und Aussperrungen, die mit dem „Haymarket Riot“ von Chicago ihren tragischen Höhepunkt fanden, sah sich der Journalist und Zeitungsherausgeber Edward Bellamy gezwungen, sich konkret mit den drängenden sozialen Problemen zu befassen. So entwarf er den Gerechtigkeitsgedanken der ersten amerikanischer Einwanderer aufgreifend in Romanform das Bild eines zukünftigen (Welt-)Staates, in dem ökonomische und politische Gleichberechtigung herrschen, eine gerechte Güterverteilung keine Armut mehr kennt. Dies gelang ihm mit „Looking Backward: 2000-1887“ derart überzeugend, dass sich schnell zahlreiche „

Um dem kaum zu vermeidenden Widerspruch zu begegnen: es ging den Beteiligten nicht um unseren heutigen Begriff von Nationalismus, sondern darum, Großunternehmen zu „nationalisieren“, also zu verstaatlichen oder zu sozialisieren.
“ gründeten, die sich später auf seinen Wunsch hin in „Nationalist Clubs“ umbenannten. Auch eine Diskussionsplattform in Form einer Zeitung – „The Nationalist Monthly“ – wurde herausgegeben.

Bellamy hielt die Verwendung der Begriffe „Sozialismus“ und „Kommunismus“ in seiner Heimat für übel beleumdet, somit für kontraproduktiv und nicht verwendbar. (Einen umfangreichen Überblick zur Zeit und zu den Umständen des Erscheinens des „Rückblicks“, auf die Wirkungen des Romans und die Argumente seiner Kritiker von William Morris bis Ernst Bloch gibt das Vorwort des Herausgebers Wolfgang

Der Herausgeber Wolfgang Both (Jahrgang 1950) studierte in Ilmenau Informationstechnik und arbeitete dann über 20 Jahre in der Industrieforschung. Heute ist er Referent in einer Berliner Senatsverwaltung. Gemeinsam mit Hans-Peter Neumann & Klaus Scheffler trug er die Geschichte des DDR-Fandoms Berichte aus der Parallelwelt (1998) zusammen. Als ausgewiesener Kenner sozialistischer Utopien hat er 2008 das Standardwerk Rote Blaupausen vorgelegt. (Quelle: Golkonda-Verlag) – Auf Rote Blaupausen werde ich in späteren Folgen an dieser Stelle sicher einmal ausführlicher eingehen.
der oben angegebenen Ausgabe.)

Julian West, Bellamys Ich-Erzähler, 30 Jahre alt, ein eher gelangweiltes Mitglied der privilegierten Schicht Bostons, lässt sich aufgrund von Schlaflosigkeit von einem „Magnetiseur“ in einen künstlichen Schlaf versetzen, aus dem er zu seiner großen Überraschung nicht am 31. Mai 1887, sondern erst am 10. September 2000 erwacht. Ohne weiter auf die Einzelheiten der Geschichte einzugehen, möchte ich an dieser Stelle verraten, dass Julian West in eine Welt enormen technischen Fortschritts geraten ist. Die Industrie wurde in den Nutzen der Allgemeinheit gestellt, verwendet saubere Technologien, die die rauchenden Schlote der 19. Jahrhunderts überflüssig machen.

Schnell kamen mir beim Lesen Zukunftsentwürfe in den Sinn, die in meiner Jugend nicht selten waren. Mir wurde bewusst, warum mir ausgerechnet Bellamy so nahe ist:

Eine Nutzung des industriellen Fortschritts im Sinne einer gerechten Wohlstandsverteilung des „Rückblicks“ hallte noch in den Siebzigern des 20. Jahrhunderts als Ideal nach. Viele gingen auch damals davon aus, dass aufgrund des zu beobachtenden und stetig größer werdenden Anwachsens der Produktivität aufgrund des vermehrten Computer-Einsatzes, fortschrittlicher Maschinentechnik und

Ein Begriff, der schnell eine negative Wendung erfuhr, weil Ratio (Vernunft) nur Gewinnmaximierung für Shareholder bedeutete und eben nicht den Weg zu mehr Gerechtigkeit bahnte.
der Arbeitsabläufe weniger menschliche Arbeit nötig würde. Ich kann mich noch gut erinnern, wie man sich damals das Arbeitsleben im Jahr 2000 vorgestellte, in dem Frauen und Männer täglich mehr Zeit mit ihren Familien verbringen könnten, Arbeitsplätze auf mehrere Arbeitnehmer verteilt würden (was später unter dem Begriff des Job-Sharings bekannt wurde), die dann mit ungefähr 45 Jahren in den aktiven Ruhestand wechseln könnten. Eine Diskussion um die Erhöhung des Renteneintrittsalters wäre uns damals absurd vorgekommen, da doch schließlich die Automatisierung menschliche Arbeit zu großem Teil überflüssig mache. Die Parallelen zwischen den Vorstellungen unserer jüngeren Vergangenheit zu Bellamys Jahr 2000 sind enorm und der gesellschaftliche Fortschritt wäre hinsichtlich der tatsächlichen technischen Innovation durchaus realisierbar gewesen. Wenn man denn gewollt und die Kraft gehabt hätte, gegen die reine Kapital- und Marktorientierung anzusteuern.

Arbeitnehmer, zu denen Vater gehörte, hatten in den Siebzigern noch das Gefühl, dass es stetig aufwärts ginge. Die Arbeitsbedingungen verbesserten sich an den meisten Industriearbeitsplätzen, Löhne und Gehälter stiegen in für uns unvorstellbar großen Schritten, für das Ersparte gab es gute Zinsen und immer mehr Menschen durften sich einen Urlaub leisten, wie ihn früher nur Wohlhabende kannten. vermutlich fehlte es gerade deswegen an revolutionärem Geist, der einen nächsten Schritt möglich gemacht hätte. Gewissermaßen tappte man in eine utopistische Falle, die den Blick auf mögliche Utopien (besser: Ziele) verdunkelte. Zwischen Ölkrise, Globalisierung und der in jüngerer Vergangenheit dramatisch ausgeweiteten Finanzkrise wurde den Menschen immer wieder begreifbar gemacht, dass der Wohlstandsfortschritt zumindest Pausen einzulegen hatte, man „Lohnzurückhaltung“ üben und längere Arbeitszeiten hinnehmen müsse. Quer durch fast alle Parteien und Presseorgane geht diese Parole im Dienste eines in seiner scheinbaren Unumstößlichkeit ominösen Wachstumsbegriffs, der in die Unendlichkeit strebt. Der heutige, neoliberal dominierte Kapitalismus duldet kein Ziel, kein Utopia, sondern versucht mit großem Erfolg Zufriedenheit zu einem Schimpfwort zu machen, indem sie in unanständiger Weise mit Stillstand gleichgesetzt wird. Einer der Religion des ewigen wirtschaftlichen Wachstums scheut Zufriedenheit wie der Teufel das Weihwasser. Neid hingegen, gepaart mit der Erziehung zum

Dies sind wichtige Grundsätze neoliberalen Lebens: Jeder soll an seine Chance glauben, Solidarität ist ein Hindernis für die Karriere und für die Altersversorgung und eventuelle Krankheit muss mehr „Eigenverantwortung her.
ist der Motor der Wirtschaft.

In Belamys idealem Weltstaat wurde der Zustand der Zufriedenheit erreicht. Kein Marktschachern, kein Neid schürendes Streben Gewinn oder höherem Einkommen stört die allgemeine Friedlichkeit des genossenschaftlichen Gemeinwesens, in dem grundsätzliche Gleichheit in Rechten und Pflichten herrscht. Zwar stößt es etwas unangenehm auf, dass nur verdiente Männer in Führungspositionen des Staates gelangen, Frauen hiervon ausgeschlossen scheinen, doch sollten wir diesen leicht zu behebenden Mangel der Entstehungszeit des Romans schulden. Auch erschreckt die Wortwahl, wenn davon die Rede ist, dass die Menschen (allerdings nur bis zum 45. Lebensjahr und immer unter Berücksichtigung ihrer Neigungen und Fähigkeiten) in den Dienst einer militärisch organisierten Industriearmee gerufen werden. Doch man sollte bedenken, dass klare Organisationsstrukturen früher einzig aus dem militärischen Bereich bekannt waren, weshalb zum Beispiel die heute noch so bezeichnete Logistik militärischen Ursprungs ist. Da die Güterproduktion und -Verteilung dem Gemeinwohl zu dienen hat, keine Über- oder Unterversorgung entstehen soll, ist die Anforderung an die Organisation der Arbeit ebenso anspruchsvoll wie im Geiste der Profitmaximierung. So gibt es ein ausgeklügeltes Ausbildungssystem, das die Fähigkeiten und Neigungen der Einzelnen stets berücksichtigt.

Da Bellamy in seinem idealen Wirtschaftssystem das

Zitat von Seite 112/Kapitel 9: „Das Geld blieb stets gleich viel wert, mochte es durch Diebstahl, Mord oder durch fleißige Arbeit erworben sein, mochte es sich in den Händen eines Schurken oder eines ehrlichen Mannes befinden.“
abgeschafft hat, gilt es nicht mehr als Motivations- und auch nicht als Druckmittel in der Arbeitswelt. Vielmehr kann man sich über seine Leistung und dem Nachweis der Qualifizierung für angenehmere Arbeiten empfehlen. Eine „Bezahlung“ erfolgt in Form einer
Ganz nebenbei gilt Edward Bellamy als Erfinder der Kreditkarte. In seinem Fall ist sie eine Anrechtskarte, die Bezahlung damit entspricht keinem Geldwert, sondern einem Tauschwert. Sie ist also kaum mit der erstmals 1924 von Western Union angebotenen Kreditkarte zu vergleichen.
nicht für geleistete Arbeit, sondern dafür, dass man ein Mensch ist. Die Nähe zum derzeit immer wieder geforderten bedingungslosen Grundeinkommen ist unverkennbar.

Werbung ist aufgrund fehlenden Konkurrenzdenkens überflüssig geworden. Die Warenproduktion erfolgt aufgrund intensiver statistischer Erhebungen streng nachfrageorientiert. Bellamy verurteilt die in seinen Augen kapitalismustypische Produktion überflüssiger Güter zur Gewinnmaximierung, die nur mittels Werbung, also durch künstlich erweckten Bedarf an die Kunden gebracht werden können, damit überflüssig Arbeitskraft bindet und Unredlichkeit fördert. Eingekauft wird in von allen Bürgern schnell erreichbaren, sehr gut sortierten und luxuriös ausgestatteten Warenhäusern, die Muster aller verfügbaren Güter bereit halten. Bestellungen werden von dort via Rohrpost an ein Zentrallager gesandt. So können auch abseits der Metropolen alle möglichen Produkte angeboten werden. Kaum auszudenken, wie gut Bellamy unser Internet gefallen hätte! Es dürfte sich nicht nur in diesem Punkt lohnen, den „Rückblick“ Bellamys mit unseren Erfahrungen anzureichern und anzupassen, eine Fortsetzung zu finden.

Aufgrund all der eingesparten Arbeitszeit und des Wohlstands sind kulturelle Genüsse ein wichtiger Aspekt in Bellamys Utopie. So befindet sich in jedem Haus ein Musikzimmer, in das mittels

Als Ballamys seinen Roman verfasste, war die Telefonie eine ganz junge Technik und hatte noch keine Verbreitung gefunden. Mehr unter Wikipedia
zu jeder Tageszeit Livekonzerte in hervorragender Tonqualität übertragen werden. Music on Demand würden wir es heute wohl nennen.Mit weiteren technischen Errungenschaften des 20, Jahrhunderts geht Bellamy recht sparsam um. Im liegt es mehr an der Ausgestaltung der neuen Gesellschaftsordnung und nicht an Science Fiction.

So zeigt sich der Geist seiner Utopie besonders auch in den Bereichen Bildung und Erziehung, wo es als Devise gilt, dass die mit weniger natürlichen Gaben Versehenen eine intensivere Förderung benötigen als die Begabten, da Intelligente nach Ansicht Bellamys von sich aus nach Bildung streben. Im Staat des Jahres 2000 ist allgemeine Bildung ein Ziel, das im Interesse Aller liegt. Wer mag ihm da widersprechen?

Leider gibt uns Bellamy nur vage Hinweise auf eine größtenteils friedliche, evolutionäre Entwicklung, die diese neue Gesellschaftsform entstehen ließ. Da uns mit einem Utopia ein zu erreichendes Idealziel geboten wird, halte ich es für legitim, wenn der Autor den Weg von uns Lesern definieren lässt, wenn sie mit seinem Ideal einverstanden sind.

Vorher sei die Lektüre von Edward Bellamys „Rückblick aus dem Jahre 2000“ unbedingt angeraten.




Wir brauchen Utopien

von Dirk Jürgensen ...

Von der Notwendigkeit utopischen Denkens

Wo liegt Utopia? - ©Foto: Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Wo liegt Utopia?
©Foto: Dirk Jürgensen – Düsseldorf

– Utopien sind wichtig. Sie markieren ein Ziel, Hoffnungen auf einen Ort, den es nicht gibt – noch nicht gibt. In unseren neoliberal geprägten Zeiten, die von einem kurzfristigen ökonomischen Pragmatismus unzähliger Einzelkämpfer geprägt sind, in denen jeder seine Chance zu haben glaubt, ist das Wort Utopie zu einer Art Schimpfwort verkommen, wie auch Idealismus zur Unvernunft mutierte. Gedanken an eine bessere Welt, an einen gerechten Staat werden gern als Hirngespinste

Man beachte angesichts meist in der Zukunft angesiedelter Utopien den Widerspruch! Dem ewig Gestrigen wird von vermeintlichen Vernunftsmenschen der Gegenwart die Unfähigkeit nachgesagt, das Normative des Faktischen hinzunehmen.
oder unverbesserlicher
Auch der widersinnig negative Gebrauch des Wortes Gutmensch passt in dieses Schema, das uns Solidarität und Gerechtigkeit aufgrund historischer und aktueller Erfahrungen des menschlichen Verhaltens als gescheiterte Träume erklären soll. Gerne wird diese Bezeichnung von eher rechtskonservativen Menschen verwendet, um die Bemühungen und Aussagen anders Denkender als absurd darzustellen. Der Autor dieser Zeilen wurde einst in einem Forum als „grün-bolschewistischer Gutmensch“ beschimpft und rätselt, froh, nicht als Schlechtmensch tituliert zu werden, noch immer, was einen solchen auszeichnet.
abgetan.

Was ist der Mensch ohne Träume, ohne Hoffnungen anderes als ein trauriges, willfähriges Instrument? Allenfalls kleine, beinahe armselige Träume und Hoffnungen von beruflichem und finanziellem Aufstieg sind als Antriebsmittel des Einzelnen in unserem kapitalistischen System verschiedener Ausprägungen zwischen USA, Europa, Russland und China erlaubt. Bloß nicht davon sprechen, dass ein Markt nur allzu gerne jene Teilnehmer gewinnen lässt, deren Methode es ist, andere übers Ohr zu hauen. Lieber mitmachen, sich anpassen, vor dem mühevollen Anstoßen von Veränderungen resignieren. Andere tun es schließlich auch und allein hat man keine Chance. Bloß nicht in gesellschaftlichem Format hoffen und träumen, gar die Förderung des Guten im Menschen als Aspekt des Fortschritts in Erwägung ziehen. Dazu fehlt uns die Zeit und die kostet bekanntlich Geld, unser wichtigstes Gut.

Etwas überraschend taucht in den letzten Jahren vermehrt der Begriff des

Eine Bezeichnung, die in Wirtschaftskreisen dieser Tage eine gewisse modische Umdeutung erfährt, wenn es darum geht, ausgetretene Pfade zu verlassen, wenn diese nicht mehr den gewohnten Einnahmeüberschuss erzielen lassen. Genauer betrachtet sollen diese Querdenker nur eingefangen, domestiziert und an die erforderlichen Abläufe angepasst und möglichst nur Teile ihrer Ideen verwendet werden. Zu entschieden quer würden diese Denker den Weg zum ökonomischen (welchen auch sonst) Erfolg versperren, der letzthin doch wieder der ausgetretene zu sein hat. Zudem ist der Querdenker im heutigen Wortgebrauch der Nachfolger des etwas in die Jahre gekommenen und lange arg strapazierten Visionärs, der letzthin nur eine erfolgreiche Geschäftsidee hatte.
auf. Dabei sind gerade Utopisten Menschen, die ihr Querdenken und ihre Visionen umfassend formulieren, statt ihre im vorherrschenden Zeitgeist schräg zu nennenden Einfälle nur auf einen Arbeitsablauf oder eine Marketingstrategie auszurichten. Utopisten haben im Gespräch mit Personalverantwortlichen keine Chance, sind zu unbequem in einer bei gleichzeitiger Gewinnoptimierung nach „Convenience“ strebende Welt, in der es zählt „smart“, also pfiffig, flink, schlau, elegant, gerissen oder adrett zu sein.

Nach dem Wandel großer sozialistischer Projekte in Diktaturen, in Wirklichkeit gewordene

Machmal könnte man glauben, die Utopien wären uns verleidet, nachdem uns – natürich angesichts historischer und gegenwärtiger Erfahrungen – nur Dystopien präsentiert wurden. Diese Anti-Utopien kehren das Bild einer Utopie um, zeigen uns Diktaturen, Repression und totale Überwachung. Weitere Begriffserklärungen und Beispiele sind bei Wikipedia zu finden.
, ihrem Zusammenbruch und dem darauf folgenden globalen Siegs des Kapitalismus, der uns alltäglich im Misstrauen gegenüber jeden Begriff schulte, der das Präfix Sozial- besitzt, erscheint es kaum möglich, ausgerechnet neue Sozialutopien zu entwickeln.

So leben wir

Dass es gar nicht so wenige sind, beweist ein Buch mit Film von Isabelle Fremeaux und John Jordan, das bei Nautilus unter dem Titel Pfade durch Utopia erschien und von einer Reise kreuz und quer durch Europa zu ganz unterschiedlichen utopischen Projekten erzählt.
in einer Welt, in der uns Utopien fehlen und somit ohne ein Bild, auf dem es unsere Kindeskinder einst jenseits einer perfektionierten elektronischen Ausstattung ihres Lebensumfelds wirklich besser haben. Schließlich wird niemand behaupten, dass wir bereits heute in der besten aller möglichen oder gar wünschenswerten Welten leben. Oder doch? Hat das neoliberale Streben ein wünschenswertes Ziel jenseits des ökonomischen Prinzips (nach dem mit einem möglichst geringen Einsatz der größtmögliche Erfolg eingefahren werden soll) im allumfassenden Marktdenken?

Manager und Politiker erzeugen, verwalten und bekämpfen Krisen, langfristiges Denken findet keinen Platz im viel zu engen Terminkalender. Wir Kunden, Verbraucher, Arbeitnehmer, Wähler und Journalisten tragen eine große Mitschuld daran. Wir lassen es zu, weil auch wir es nicht besser wissen und nicht die Zeit nehmen, Ideen zu entwickeln.

So ist es wohl sinnvoll, sich an bereits verfasste Utopien und ihre Verfasser zu erinnern. Sie mögen uns manchmal etwas verstaubt, ihre Zukunftssicht technisch längst überholt vorkommen. Doch können sie uns helfen, neue Utopien, ein Ziel zu definieren, das uns glaubhaft und erstrebenswert erscheint. Gerne kann man die Lektüre mit Platons Politeia oder die erste wirkliche und dem Genre einen Namen gebende Sozialutopie von Thomas Morus Utopia beginnen, doch ich möchte auf ein in seiner Zeit außerordentlich erfolgreiches Werk aus dem Jahr 1887 erinnern, das erstaunlich aktuelle Züge aufweist und unbedingt lesenswert ist.

Originaltitel „Looking Backward: 2000-1887“
von Edward Bellamy wurde 2013 bei Goldkonda in einer sorgsam zusammengestellten Ausgabe mit der Übersetzung von Clara Zetkin neu herausgegeben.

Eine Besprechung des Romans Rückblick aus dem Jahre 2000 ist in Vorbereitung.

Ein Nachwort

Dieser Beitrag ist der Beginn einer Reihe, in der ich mich mit dem Fehlen neuer Utopien befassen und ohne chronologische Rüchsichtnahme auf bisher verfasste Utopien verweisen werde. Manchmal mögen meine Gedanken etwas unbedarft ins Unreine formuliert sein, aber einen wissenschaftlichen Anspruch verfolgen sie ohnehin nie. Vielmehr möchte ich angesichts einer von ökonomischer Kurzfristigkeit geprägten Zeit ohne humanistische, soziale Ideale zu utopischem Denken anregen. Denn ohne Ziel bereitet der Weg nur begrenzten Spaß.

Hier geht es weiter: Wir brauchen Utopien




Soll eine Sondersteuer fast alle Autofahrer schröpfen?

von Dirk Jürgensen ...

Ein bayrischer Geheimplan?

– Wer will behaupten, Politiker und deren Beratungsstäbe seien erst seit der Wiedervereinigung Deutschlands und der Schaffung des Euro-Stabilitätspakts ständig unterwegs, um neue Geldquellen zu erschließen? Früher, behaupten die Älteren gerne, war alles besser. Früher, beim dicken Wirtschaftsminister

Ludwig Wilhelm Erhard (* 4. Februar 1897 in Fürth; † 5. Mai 1977 in Bonn) war ein deutscher Politiker (CDU), von 1949 bis 1963 Bundesminister für Wirtschaft und von 1963 bis 1966 zweiter Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Mehr auf Wikipedia
mit seiner Zigarre, da gab es noch Gerechtigkeit und ein Wirtschaftswunder. Ein richtiges, das mit unserem nicht zu spürenden Aufschwung aufgrund der tollen Krisenbewältigung nicht zu vergleichen war. Da sprudelte das Geld kräftig in die noch jugendlichen öffentlichen Kassen.

Quick - Eine neue Sondersteuer

Titel der Illustrieten Quick vom 22.11.1958

Denkste. Zum Beispiel im Jahre 1958. Deutschland wurde bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Schweden von Brasilien als Weltmeister abgelöst, obwohl man in der Vorrunde Argentinien klar mit 3:1 besiegte – kurz: Deutschland wurde so langsam wieder wer. Aus den nach und nach überbauten Ruinen wuchs die Wirtschaft zur Blüte. Trotzdem wuchsen wohl die Staatseinnahmen nicht wie erhofft oder erwartet mit und man begab sich auf die Suche nach neuen Einnahmequellen.

Torsten Albig (* 25. Mai 1963 in Bremen) ist ein SPD-Politiker. Von 2009 bis 2012 war er Oberbürgermeister der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel. Seit 12. Juni 2012 ist er Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein.
sollte erst fünf Jahre später das Licht der norddeutschen Welt erblicken, aber eine besondere Bevölkerungsgruppe um
“Otto Normalverbaucher ist eine fiktive Person mit den durchschnittlichen Bedürfnissen der Gesamtbevölkerung.“ Mehr auf Wikipedia.
herum begann sich dennoch schon damals als „Melkkuh der Nation“ zu fühlen. Wie sich die Zeiten nicht ändern…

Am 22. November 1958 titelte das Magazin

Quick war eine von 1948 bis 1992 wöchentlich erscheinende Illustrierte. Mehr auf Wikipedia
mit einer Schlagzeile, die die jüngst so viel Staub aufwirbelnde Albig-Idee eines „Schlagloch-Solidarbeitrags“ langweilig erscheinen lässt. Kein Wunder, denn die vom Quick aufgedeckte Ärgernis stammt aus Bayern. Dort ist man nicht erst seit
Horst Seehofer (* 4. Juli 1949 in Ingolstadt) ist ein CSU-Politiker. Seehofer war von 1992 bis 1998 Bundesminister für Gesundheit und von 2005 bis 2008 Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Seit Oktober 2008 ist er Ministerpräsident des Freistaates Bayern und Vorsitzender der CSU.
immer auf einer anderen Spur unterwegs.

Hilferuf an alle: Eine neue Sondersteuer

Neuer Angriff auf unseren Geldbeutel geplant:

Laternen-Garagen-Steuer
Quick warnt vor einem neuen Steuerplan: Wer keine Garage hat und nachts sein Auto auf der Straße abstellt – der soll dafür zahlen. Vorerst droht diese Sondersteuer nur in Bayern, aber sie würde in anderen Bundesländern schnell Schule machen. […]

Die modernen Wegelagerer
Autofahrer, baut euch Garagen! Es kann teuer werden, den Wagen nachts auf der Straße abzustellen. Findige Beamte in Bayern hatten eine gefährlich-verführerische Idee: die „Laternengaragen-Gebühr“. Mit ihr, so glauben sie, lassen sich die chronisch leeren Steuersäckel der Städte und Gemeinden füllen. […]

Das Fundament
für eine neue Gebühr, die nichts anderes wäre als eine Sondersteuer, bildet der Artikel 14 Absatz 3 des bayerischen Straßen- und Wegegesetzes. (Gemeingebrauch liegt nicht mehr vor, wenn der Gemeingebrauch anderer ausgeschlossen oder mehr als unvermeidbar beschränkt wird. Das gleiche gilt, wenn die Straße nicht vorwiegend zum Verkehr, sondern zu andern Zwecken benützt wird.) Wie der Artikel ausgelegt werden kann, sagt deutlich das „Organ der kommunalen Spitzenverbände in Bayern“. (Wegen der Verkehrsnot in den Städten war es deren besonders Anliegen, das Parken nicht uneingeschränkt zum Gemeingebrauch zu rechnen. Diesem Verlangen hat das BayStrWG in Art. 14 voll entsprochen, indem es bestimmt, daß dann kein Gemeingebrauch besteht, wenn der Gemeingebrauch anderer ausgeschlossen wird.) Ein Zeitungsbericht über eine Bürgermeisterversammlung ergänzt die Drohung an die Autofahrer. (…neue Gesetz und stellte dabei fest, daß die darin angeführten sogenannten Sondernutzungen „ausgezeichnete Möglichkeiten bieten, den Gemeindesäckel zu füllen“. Beispielsweise sei das Dauerparken unter öffentlichen Laternen mit dem Begriff „Gemeingebrauch“ nicht zu vereinbaren; die Gemeinden hätten also das Recht, für diese „Laternengaragen“ eine Gebühr zu erheben.)

Wer sich durch das mühselige Amtsdeutsch gearbeitet hat, wir nun vielleicht aufschreien und sagen: „Was soll denn diese Aufregung? Ich bezahle doch schon seit Jahren Geld an meine Stadt für diesen elenden Anwohner-Parkausweis.“ Stimmt genau! Nur bezahlt der Anwohnerparker, der übrigens heute korrekt ausgedrückt Bewohnerparker ist, weil das Bundesverwaltungsgericht 1998 das bisherige Verfahren des Anwohnerparkens für rechtswidrig gehalten hat, allein für sein Privileg dort zu parken, wo es andere nicht dürfen. So weit war man 1958 noch nicht. So einfach stellte man es sich nicht vor. Damals durfte man sich noch Gedanken darüber machen, wie unmöglich und mit welchem Aufwand verbunden das Eintreiben einer solchen Sondersteuer wäre. Einerseits wird die gewollte Ironie des Beitrages mit heutiger Erfahrung kaum noch spürbar, dafür gewinnt er eine neue, unfreiwillige:

Am Anfang ist das Amt
In diesem Fall das Laternen-Garagen-Aufsichts-Amt (LGAA). Ein Amt erfaßt. In diesem Fall die garagenlosen Autofahrer. Keine Statistik berichtet, wieviel Autofahrer es gibt, die keine Garage finden oder die einfach die Garagenkosten sparen wollen. Wie werden sie erfaßt? Entweder: Jeder Autofahrer muß sich melden und eine Garage nachweisen – oder keine. Oder: Viele Aufsichtsbeamte lauern Nacht für Nacht an den Rinnsteinen. Oder: Die neidischen Hausbewohner denunzieren die Autobesitzer. – Wie wird die Steuer kassiert? Entweder gibt das LGAA Laternen-Garagen-Nutzungs-Plaketten aus. Oder es vermietet abgegrenzte Parzellen am Straßenrand (für 20 Mark – heute ungefähr 10 Euro – im Monat beispielsweise). Oder es nagelt Schilde an die Hauswände. Oder es stellt besondere Park-Erlaubnisschilder auf. Oder jeder Ertappte muß an Ort und Stelle bezahlen. […] Rechtsanwalt Dr. Gritschneider sagt: „Der Steuerplan ist praktisch nicht durchführbar. Angenommen, alle ‚Garagenlosen’ werden erfaßt. Das allein kostet mehr, als die Steuer einbringen kann. […]

am Ende ein Auto-Krieg
Angenommen, es werden Plaketten für die Windschutzscheibe ausgegeben. Dann müssen sich die Gebühren für die Plaketten unterscheiden in: Gebühr für eine Laternen-Garage unter einem Laubbaum (Regenschutz im Sommer), unter einem Nadelbaum (Regenschutz im Sommer und im Winter), ohne Baum, Garagen unter Laternen, die bis morgens brennen, und Garagen unter Laternen, die früher ausgeschaltet werden. Angenommen, es werden Parzellen vermietet. Dann muß die Gebühr außerdem gestaffelt werden nach Breite und Länge des Wagens. Dann muß verhindert werden, daß geschäftstüchtige Leute ganze Straßen pachten und weitervermieten. Dann müssen die parkenden Fahrzeuge ständig kontrolliert werden. Das neue Amt würde zu einem Wasserkopf mit folgenden Abteilungen: Verwaltung, Erfassung, Plaketten-Ausgabe (bzw. Parzellen-Anmaler- bzw. Schildanbringungsrefarat), Kontrolle, Beschwerde, Fahndung, Revision. Ein solches Amt würde den wildesten Autokrieg auslösen. Es gibt nur ein Mittel, diesen juristischen Drahtverhau zu verhindern: Die steuerschwachen Gemeinden verzichten darauf, Hunderttausende Autofahrer auszunehmen…

Ach wie kompliziert! Dabei ist Einiges trotz der Befürchtungen und „provokanten“ Anmerkungen längst Wirklichkeit geworden, denn unsere Gegenwart macht es viel einfacher. Es könnte einem in den Sinn kommen, dass jetzt in Zeiten grenzenlos vernetzter Computer, GPS und satellitengestützter Mautstationen sogar noch viel mehr mit weniger Verwaltungsaufwand möglich wäre, als man es 1958 erahnen konnte.

Doch denken wir lieber nicht zu laut an Innovation! Die nächsten Legislaturperioden werden garantiert auch ohne unser Zutun vor Ideenreichtum glänzen. Und wenn gerade in kein Gammelfleischskandal, keine WM oder ein anderer Skandal in diesem unseren Lande die Sinne ablenkt, bekommen die Bürger es vielleicht sogar mit, bevor die Auswirkungen zu spüren sind. Herr Albig hatte wohl das Pech, dass NSA und Ukraine trotz immenser Medienpräsenz weit entfernt scheinen.




Europa wählen!

von Dirk Jürgensen ...

Eine Wahl gegen Ressentiments – und gegen den Lobbyismus

– Lange war ein vereintes und friedliches Europa ein Ziel, das unerreichbar schien. Immer wieder wurde das friedliche Neben- und Beieinander durch nationalistische Interessen durch das Fördern von Ressentiments, von tatsächlicher oder vermeintlicher Ungerechtigkeit verhindert. Inzwischen können wir unsere Nachbarn in Europa Freunde nennen, haben sogar eine gemeinsame Währung, können ohne Formalitäten quer durch unseren Teilkontinent bis nach Portugal reisen und sogar bleiben, wo es uns gefällt. Bei aller begründeter Kritik ist Europa ein Gut, das wir gegen alle nationalstaatlichen Rückwärtsbewegungen verteidigen müssen!

Am 25. Mai 2014 wählen wir ein neues Europa-Parlament.

Wir wählen ein Parlament, dessen Abgeordnete lernen müssen, wer die von uns so geschätzte Demokratie ausmacht, wer über die Politik zu bestimmen hat. Das Parlament wird nicht von global tätigen Konzernen, von Aktionären nach dem Gewicht ihrer Anteile und nicht von wirtschaftlichen Interessenverbänden gewählt, sondern von den Bürgerinnen und Bürgern der einzelnen Mitgliedsstaaten.

Gangsterbank - Graffito in Düsseldorf - Foto ©Dirk Jürgensen

Graffito in Düsseldorf – Foto ©Dirk Jürgensen

Als „Das vergoldete Zeitalter“ 1876 in deutscher Sprache erschien, kannte hier noch niemand den „Lobbyisten“. Daher wurde dieser damals in den USA bereits gängige Begriff mit „Intriganten des Foyers“ übersetzt. Wir sollten diese Übersetzung wieder häufiger einsetzen, denn die bloße Übernahme aus dem Englischen kommt recht weichgespült daher, wenn man an die täglich zu beobachtenden Folgen des Lobbyismus betrachtet.

Ich denke, mehr noch als die ausufernde und fraglos einzudämmende Bürokratie sind es diese „Intriganten“, die uns den Spaß am vereinten Europa verderben, die unsere Parlamentarier dazu bringen, Lobbyinteressen vor Bürgerinteressen setzen und so europafeindliche Tendenzen schüren. Daher möchte ich auf eine E-Mail hinweisen, die ich eben von der Organisation LobbyControl erhielt, die mit einer neuen Kampagne Kandidaten der Europawahl an eine ihrer wesentlichsten Aufgaben erinnern und Einfluss auf sie nehmen will. Bitte machen Sie bei dieser Aktion mit, helfen Sie beim Erhalt der großen Idee Europa mit – und ganz wichtig.

Wählen gehen!

„Brüssel ist die Hauptstadt des Lobbyismus in Europa. Täglich nehmen dort schätzungsweise 15.000-25.000 Lobbyisten Einfluss auf die EU-Politik. Dabei dominieren Unternehmenslobbyisten und deren Interessen. Die Anliegen von Bürgerinnen und Bürgern hingegen fallen oft unter den Tisch.
Damit sich daran etwas ändert, brauchen wir wachsame Europaabgeordnete, die sich für mehr Transparenz und gegen Lobbyismus der Banken und Konzerne in der EU einsetzen. Am 25. Mai wird das Europaparlament neu gewählt. Und hier können Sie einen Unterschied machen.
Fordern Sie jetzt, zu Beginn des Wahlkampfes, die Kandidaten auf, sich in den kommenden fünf Jahren für die Interessen der Bürgerinnen und Bürger einzusetzen und Europa vor dem Einfluss der Unternehmenslobbyisten zu retten:

https://politicsforpeople.eu/germany/

Mit der Kampagne „Politics for People“ setzt sich LobbyControl in einem europaweiten Bündnis für striktere Regeln für Lobbyisten und mehr Transparenz ein. Die Kampagne ist ein gemeinsames Projekt unserer Allianz für Lobby-Transparenz und Ethische Regeln (ALTER-EU) und weiterer Partner. Wir hoffen, dass viele Menschen aus ganz Europa die kommenden Europaabgeordneten auffordern, sich gegen einseitigen Lobbyismus zu engagieren.
Denn viele Gesetze nehmen ihren Ausgang in Europa. Deshalb brauchen wir mehr Transparenz und Schranken für den Lobbyismus auf europäischer Ebene. Setzen Sie ein Zeichen und fordern Sie die Kandidaten auf, sich gegen den Lobbyismus von Konzernen und Banken einzusetzen:

https://politicsforpeople.eu/germany/

Vielen Dank für Ihre Unterstützung
Max Bank
EU-Referent“




Ostern – Die FDP geht voran!

von Dirk Jürgensen ...

Recycling, Sinnbild des Neubeginns

– Die Osterfeiertage eignen sich wunderbar, um sich von Dingen zu befreien, die einem lästig geworden sind und für deren Erledigung der Sommer viel zu schade und zu kurz ist. So schob ich am heutigen Ostermontag endlich die Steuerunterlagen in den Briefkasten des örtlichen Finanzamts. In Gedanken versunken, sinnierend, welche Wohltaten der Staat mit meinen Steuern schaffen könne, fiel mir auf, dass in Düsseldorf trotz der nahenden Kommunal- und Europawahl so gut wie keine Plakate der Parteien auf ihre Kandidatinnen und Kandidaten hinweisen. Vielleicht lohnt es sich aufgrund der ohnehin kaum nennenswerten Wahlbeteiligung nicht mehr? Vielleicht sind die Parteien auf der Suche nach anderen Wegen, die Wählerschaft zu überzeugen? Dabei, so kam es mir in den Sinn, benutzen die Parteien inzwischen auf Wellplastik gedruckte Bilder und Sprüche, die man im Gegensatz zu den herkömmlichen Papierplakaten wunderbar wiederverwenden kann. Wer darauf abgebildet ist, welches Argument uns überzeugen soll und die Frage, ob das Abgebildete überhaupt zur aktuellen Wahl passt, kann vernachlässigt werden. Wer betrachtet die Bilder, wer liest all die Versprechungen noch? Die CDU zeigt ohnehin meist die Kanzlerin, vollkommen egal, ob sie von der Kommune, in der gerade gewählt werden soll, überhaupt jemals etwas gehört hat, oder nicht. Sie gilt ohnehin inzwischen als Ikone gelebter demokratischer Resignation. Zwar wünscht man sich Veränderung und wählt sie unabhängig vom Kreis, den unser Kreuzchen markiert, mehrheitlich dennoch wieder.

Oberflächlich geht es um Monster-Trucks

Foto: ©Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Einen anderen Weg geht die – die Jüngeren werden sich an diese in der Vergangenheit aus unerfindlichen Gründen fast immer mitregierende Kleinpartei erinnern – FDP. Diese Partei lässt sich nach all den schlechten Erfahrungen, die sie mit den jüngsten Wahlen machen musste, in ihrem ureigenen Geiste des liberalen Marktes im Kreislauf der Wirtschaft wiederverwerten. Politik ist gestrig und Recycling zukunftsweisend.

Besonders Dirk Niebel, jener legendäre Entwicklungshilfeminister, der dieses Ministerium einst vor seinem Amtsantritt abschaffen wollte, dieses aber in einer anderen Art des personellen Recyclings nach Amtsübernahme kräftig ausbaute, zeigt einmal mehr seine Innovative Kraft. Er ist sich nicht zu schade, einem mittelständigen Unternehmen der Monster-Truck-Branche den Rücken zu stärken. „Dirk Niebel wählen“, „Dirk Niebel kann es besser“ und „Leistung wählen“ sind abgedroschene Aussagen einer längst abgeschlossenen Vergangenheit. Was zählt, ist allein der „Jump“, die aktive Veränderung!

Hinten ist es die FDP – Foto: ©Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Foto: ©Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Die FDP beweist mit dieser hintergründigen Plakataktion, dass sie auch jenseits des politischen Tagesgeschehens und des Streits um Meinungen und Überzeugungen einen einen sinnvollen Platz in der Mitte unserer Gesellschaft finden konnte. Sie hat bewiesen, dass eine demokratisch legitime Abwahl durchaus positive Folgen haben kann, denn Recycling schont die Ressourcen Aller.

So wurde mir ausgerechnet auf dem Weg zum Finanzamt klargemacht: Ostern ist ein Fest des Neubeginns. Die FDP geht voran.

Dirk Niebel kann es besser – Foto: ©Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Foto: ©Dirk Jürgensen – Düsseldorf




Raps, die neue Osterglocke?

von Dirk Jürgensen ...

Rapsblüte - Foto: ©Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Rapsblüte – Foto: ©Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Es  ist Ostern und beinahe alle Narzissen sind im Rheinland längst verblüht. Stattdessen steht der Raps in voller Blüte und verbreitet Ostseestimmung im Umland von Düsseldorf. Dieses Bild entstand gestern neben der Galopprennbahn von Grafenberg.

Foto: ©Dirk Jürgensen – Düsseldorf




Fehlende Nestwärme

 von Dirk Jürgensen ...

Keine NestwärmeEin Notfall, eine Frühgeburt? Auf den ersten Blick hat das Entenpaar vor dem Düsseldorfer Ständehaus  am Kaiserteich mit seiner Kunstsammlung des 21. Jahrhunderts – K21 einen prominenten Platz zur Eiablage gefunden. Wie jedoch dieses Bilddokument belegt, fehlt es in allzu nobler Umgebung bisweilen an Nestwärme – und es droht ständig der jähe Absturz.




Vergoldete Zeitalter und massives Gold

von Dirk Jürgensen ...

Vom Roman zum Magazin

Das vergoldete Zeitalter - Neuauflage

Das vergoldete Zeitalter – Die Neuauflage.

Dasvergoldetezeitalter.de ist entstanden, um auf die Neuerscheinung des gleichnamigen Romans von

Mark Twain, eigentlich Samuel Langhorne Clemens (*30.11.1835 in Florida, Missouri; †21.4.1910 in Redding, Connecticut), war ein US-amerikanischer Schriftsteller
und
Charles Dudley Warner (*12.9.1829 in Plainfield, Massachusetts; † 20.10.1900 in Hartford, Connecticut) war ein US-amerikanischer Jurist, Journalist und Schriftsteller.
hinzuweisen. Inzwischen besitzt dieser Internetauftritt ein Eigenleben und hat sich zu einem Magazin entwickelt, das beinahe wöchentlich um neue und alte Texte von Marie van Bilk (Maria Jürgensen) und mir, Dirk Jürgensen, erweitert wird. Wie weit sich die einzelnen Beiträge vom ursprünglichen Thema des Internetauftritts entfernen oder doch annähern, darf von Fall zu Fall entschieden werden. Unsere Fotos, Geschichten und Kommentare kratzen am Blattgold unserer Zeit. Oft kommt dabei bloß Talmi und manchmal, wenn die Oberfläche gar nicht golden schimmert, kommt massives Gold zutage.

Vorher war das Buch von Mark Twain und Charles Dudley Warner

Im Jahr 1873 erschien

Das vergoldete Zeitalter – The Gilded Age: A Tale of Today – Das Buch ist lt. Wikipedia aus zwei Gründen bemerkenswert: Es ist die einzige Geschichte, die Twain in Zusammenarbeit mit einem anderen Autor schrieb und eine, deren Titel sehr schnell ein Synonym für Bestechung, Materialismus und Korruption im öffentlichen Leben wurde.
von Mark Twain und Charles Dudley Warner in den USA. Es war, obgleich es oft so bezeichnet wird, kein Goldenes Zeitalter, denn es waren Jahre, in denen sich der aufstrebende Kapitalismus eine seiner wiederkehrenden Krisen nahm, um hinterher in einer goldenen Ära des
Wikipedia: Der Ausdruck Gilded Age („Vergoldetes Zeitalter“, also nicht etwa Goldenes Zeitalter) wurde von Mark Twain eingeführt und bezieht sich darauf, dass diese Zeit zwar nach außen hin eine Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs und technologischen Fortschritts war, aber zugleich auch mit großer Armut und Korruption, vor allem in den Städten, verbunden war.
zu glänzen, die uns grenzenloses Wachsen vorgaukelt. Finanzblasen platzten, Spekulanten verarmten oder profitierten, je nach Glück oder krimineller Energie. Einige Reiche wurden noch viel reicher und die Armen wurden immer ärmer. Das sollte uns bekannt vorkommen und zur Frage animieren, warum das im Westen und nun auch im ehemaligen Kommunismus des Ostens regierende System so unbelehrbar ist, warum wir es aus falsch verstandenem Freiheitsdrang immer wieder von der Leine lassen. Die Globalisierung ist nicht umkehrbar, nicht alles an ihr ist schlecht, aber muss ein Markt wirklich freier als der Mensch sein? Der Erfolg einer Wirtschaftsordnung sollte an der möglichst geringen Zahl ihrer Verlierer gemessen werden. Das Bilanzergebnis ist mies.

Als sich vor einigen Jahren die amerikanische Immobilienkrise zur weltweiten Bankenkrise ausweitete, wurde »Das vergoldete Zeitalter« wiederholt in verschiedenen Medien erwähnt. Dadurch neugierig gemacht hat es mich gewundert, dass es in Deutschland nur im englischsprachigen Original verfügbar war. Dabei war bereits 1876 in der Reihe »Amerikanische Humoristen« bei Fr. Wilh. Grunow in Leipzig eine von Moritz Busch übersetzte deutschsprachige Ausgabe von »The Gilded Age – A Tale of Today« erschienen. Kein Verlag kümmerte sich seither um eine Neuauflage. Also opferte ich für ein Dreivierteljahr einen großen Teil meiner Freizeit und setzte ich mich daran, diese Fassung sanft zu modernisieren, die Übersetzung an erforderlichen Stellen zu korrigieren und unter Umgehung der Verlage wieder in deutscher Sprache verfügbar zu machen. Mit der Vorgabe, dass ich mit der Veröffentlichung auf »Ozeane und Ozeane von Geld« spekulierte, zitiere ich gerne einen Helden des Romans – Colonel Sellers. Dass meine Füße auf absehbarer Zeit trocken bleiben, ist gewiss und keine Niederlage. Ihn hingegen würde es zur nächsten Spekulation treiben.

Wenn es ihn noch gibt, unterstützen Sie bitte den örtlichen Buchhandel und fragen dort nach der ISBN 978-3-83918-446-2. Trotz aller berechtigter Kritik ist das Werk natürlich auch bei Amazon zu bestellen.

Weitere Informationen zum Buch

Eine aktuelle Anmerkung:

Die zweite und verbesserte Auflage ist in Arbeit

Ziel ist es, sie dem Handel pünktlich zum Weihnachtsgeschäft zur Verfügung zu stellen.




Wolken für Düsseldorf

von Dirk Jürgensen ...

©Dirk Jürgensen - Düsseldorf

©Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Die Wolkenfabriken

Da gibt es Menschen, die behaupten, die Braunkohlekraftwerke der RWE in Grevenbroich (das ist, wie man hier sieht, nicht weit von Düsseldorf entfernt ist) würden das Wetter im Umkreis nicht beeinflussen.

Foto: ©Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Irgendwo ist der Rhein

©Dirk Jürgensen – Düsseldorf




Medaillenspiegelei – Wie Deutschland wieder gut dasteht

von Dirk Jürgensen ...

Vom Nutzwert eines Medaillenspiegels

Dass derzeit die Paralympics in Sotschi ohne nennenswerte politische Meinungsäußerung der Athletinnen und Athleten stattfinden, ist ein nicht zu vernachlässigendes Thema. Der Hunger nach Bestätigung der eigenen Leistung macht aus Sportlern Egoisten. Dass zudem die deutschen Massenmedien immer dann ihre Kritik zurückfahren, wenn Medaillenerfolge „unserer“ Olympiamannschaft zu vermelden sind, verstärkt mein Unwohlsein und gibt mir Hinweise darauf, dass ein propagandistischer Erfolg der Spiele nicht von der Hand zu weisen ist. Bei vorliegendem Erfolg mag man nicht mehr die Umstände anprangern und bei einer Enttäuschung will man von ihnen auch nichts mehr wissen.

Die Olympiaflagge. Eigentlich zählt doch nur der eigene Erfolg.

Die Olympiaflagge. Eigentlich zählt doch nur der eigene Erfolg.

Totalitäre Regime und Demokratien nutzen den Medaillenspiegel gleichermaßen als Reklame für sich und ihre positive Ausstrahlung auf die Welt und noch mehr auf die eigene Bevölkerung. Wenn die Leistung im Sport stimmt, dann kann es mit dem Leid politischer Gefangener, der Unterdrückung von Minderheiten, der Einschränkung der Meinungsfreiheit und der rücksichtslosen Verhängung der Todesstrafe nicht so schlimm sein.

Wie gehen wir mit den uns vorgelegten Medaillenspiegeln um? Was sind sie uns wert und wie gehen wir mit der Ablenkung um, für die sie verwendet werden? Am Ende der Olympiade in Athen 2004 war das Wehklagen beispielsweise groß. Dort, so meldeten die Gazetten damals, hätten die deutschen Olympioniken jämmerlich versagt. Sie jammerten in einer Zeit, da sie uns gleichzeitig immer wieder in Bereichen der Politik und der Wirtschaft ein typisch deutsches Jammer vorwarfen, das uns am Aufschwung hindern sollte.
Ich konnte damals nur mit meiner Provokation unter dem Titel „Medaillenspiegelei – Wie Deutschland wieder gut dasteht“ reagieren und fühle mich heute aufgrund ihrer weiterhin bestehenden Aktualität bestätigt. Obwohl. Werden Medaillenspiegel überhaupt noch wahrgenommen? Weiterlesen