Düsseldorf traut sich was

von Dirk Jürgensen ...

Bilder vom Rosenmontagszug 2015

Rosenmontagszug Düsseldorf 2015 - © Dirk Jürgensen - Düsseldorf

All den Xxgidas wird klar gesagt, worin der tatsächliche Untergang des Abendlands liegt. – © Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Rosenmontagszug 2015 - Düsseldorf ist Charlie! - © Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Düsseldorf ist Charlie! Denn Satire ist ein wesentlicher Bestandteil des Karnevals und Angst kein guter Ratgeber. – © Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Das unsägliche Freihandelsabkommen TTIP. Dieser Wagen zeigt die Gefahren, über die viel zu wenig gesprochen wird. - © Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Das unsägliche Freihandelsabkommen TTIP. Dieser Wagen zeigt die Gefahren, über die viel zu wenig gesprochen wird. – © Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Ob es Griechenland schafft, sich gegen den Zyklop Merkel durchsetzen kann? - © Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Ob es Griechenland schafft, sich gegen den Zyklop Merkel durchsetzen kann? – © Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Der Terrormarkt ist ein hart umkämpfter. Selbst als Tod kommt man ins Schwitzen. © Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Der Terrormarkt ist ein hart umkämpfter. Selbst als Tod kommt man ins Schwitzen. © Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Die Friedensmerkel stellt sich dem Ukraine-Krieg entgegen. Nicht, dass es ihren Schmabel stutzt. © Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Die Friedensmerkel stellt sich dem Ukraine-Krieg entgegen. Nicht, dass es ihren Schnabel stutzt. © Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Terror hat nichts mit Religion zu tun. Sie - egal, welche - wird nur gerne vom Terror instrumentalisiert, könnte man hinzufügen. © Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Terror hat nichts mit Religion zu tun. Sie – egal, welche – wird nur gerne vom Terror instrumentalisiert, könnte man hinzufügen. © Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Und wer es noch immer nicht verstanden hat, den verprügelt der Papst - mit würdevollen Schlägen. © Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Und wer es noch immer nicht verstanden hat, den verprügelt der so christliche Papst – mit seinen würdevollen Schlägen. © Dirk Jürgensen – Düsseldorf

– Wie schon so oft treffen die mutigen von Jaques Tilly gestalteten Wagen des Düsseldorfer Rosenmontagszugs auch 2015 wieder den richtigen Nerv. Es gibt so viele Dinge, gegen die man auf die Straße gehen kann. Fremdenfeindlichkeit gehört nicht dazu. Verstehen wir den Rosenmontagszug, den sich vermutlich wieder um die 1 Million Menschen auf den Straßen Düsseldorfs anschauten, als größte Demonstration, die all die Dügida-, Pegida-, Kögida- und Legida-Originale und deren Derivate in die Bedeutungslosigkeit drängt!




Märchenhaftes Müllerthal

 von Dirk Jürgensen ...

Bilder einer Wanderung in der Kleinen Luxemburger Schweiz

Märchenhafts Müllerthal - Bilder von Dirk Jürgensen - Düsseldorf

Märchenhafts Müllerthal – Bilder von Dirk Jürgensen – Düsseldorf

Nur eine Wanderung durch die märchenhafte Landschaft unseres Nachbarlandes Luxemburg hat ausgereicht, um meine Eindrücke unbedingt in einem kleinen Bildband mit dem Titel „Märchenhaftes Müllerthal“ festhalten zu müssen.  Dieser ist nun in den Handel gekommen und kann für 7,90 Euro (D) unter der ISBN 978-3-734-74625-3 überall da bestellt werden, wo es Bücher gibt.

Weitere Informationen

 

 




Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden!

von Dirk Jürgensen ...

Je suis Charlie

Wir sollten uns gerade anlässlich des schlimmen Mordanschlags gegen die Pressefreiheit und gegen den Humanismus einmal kurz daran erinnern, dass die meisten Opfer islamistischer Gewalt selber Moslems sind. Ist das nicht ein Grund, sich an die Seite der Opfer zu stellen, gleichgültig, welcher Religion man sich zugehörig fühlt oder ob man Atheist ist?

Ich habe keine Angst vor dem Islam, wie ich auch keine Angst vor dem Christentum habe. Ich habe Angst vor durchgeknallten Gewalttätern und Verbrechern, die mir aus Missverständnis oder einer bestimmten Auslegung altertümlicher oder mittelalterlicher Schriften oder politischer Theorien heraus nach dem Leben trachten. Da gibt es zwischen Brevik, NSU und IS auf unserem kleinen Planeten verdammt viele Zeitgenossen, die mir Angst bereiten.
Und ich habe – mehr noch, als vor den Initiatoren – Angst vor den tumben Mitläufern der Pegida, Dügida, Vokuhila oder Köhida, die sich in den Dienst einer Ideologie begeben, die unser Land schon einmal nach Strich und Faden ruiniert hat.

Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden!

Charlie Hebdo - Le Pen

Quelle: https://charliehebdo.files.wordpress.com/2012/01/affiche-lepen.jpg

Das Einhalten dieses Grundsatzes kann sehr anstrengend sein, bedeutet manchmal persönliches Beleidigtsein, Ärger, Streit und auch juristische Auseinandersetzung – aber es ist all das wert. Das sollten auch die Pegida-Anhänger aus dieser ominösen Mitte der Gesellschaft wissen, schließlich lesen sie doch ganz bestimmt mehr als nur die Bildzeitung, jenem Fanal des Widerstands gegen die allgegenwärtige Lügenpresse? Dass einige Bekloppte und Fanatiker jedweder Couleur mit der eigenen Freiheit oder der des Nachbarn nichts anfangen können, sollte uns klar sein, aber gegen die hilft keine Pauschalverurteilung.
In den meisten Kriegen kämpfen Arschlöcher gegen Arschlöcher. Arschlöcher hat es immer gegeben und wird es immer geben. In jeder Religion, in jeder Partei, in jeder Stadt und in jedem Land, vielleicht sogar in jeder Familie. Das ist kein Grund dafür, diejenigen, die keine Arschlöcher sind, mit ihnen in einen Topf zu werfen! Vielmehr sollten wir die Arschlöcher der Lächerlich preisgeben. Dafür müssen wir Satire immer aushalten können, auch wenn sie uns persönlich nicht gefällt.

PS: Frau Le Pen fordert inzwischen die Einführung der Todesstrafe für islamistische Terroristen. Tja, die Frau weiß eben, wie man religiös verblendete Mörder belohnen kann, indem man sie zu Märtyren macht. Sogar so unterstützen Rechtsradikale den Islamismus. Die sind also gar nicht so weit voneinander entfernt und sicher fühlt sich der eine oder andere Pegida-Aktivist oder AfD-Parteigänger schon wie in einer deutschen Front National. Schlimm.




Meerblick

 von Dirk Jürgensen ...

Der erste Bildband ist erschienen

Meerblick - Dirk Jürgensen / Düsseldorf bei Amazon

Meerblick – Bilder von Dirk Jürgensen / Düsseldorf bei Amazon

 – Meerblick, so lautet der schlichte Titel des soeben erschienenen ersten Bands aus der entstehenden Reihe kleiner und möglichst kostengünstiger Bildbände eigener Projekte. Er zeigt Impressionen verschiedener Reisen an die Ost- und Nordsee, an die Atlantikküste vom Baskenland bis nach Galicien und auf die Insel Lanzarote.

Es mag sein, dass die gezeigten Bilder oftmals nicht dem entsprechen, was gemeinhin mit fröhlichem Strandleben, mit einem Sommerurlaub an der See in Verbindung gebracht wird. Schließlich entstanden einige der Aufnahmen bei eher kühler Witterung, im Herbst oder Winter, in den Abendstunden, an Tagen, die kaum den Qualitätsanforderungen der Postkartensammler genügen dürften – und sie sind immer schwarzweiß, machmal düster-melancholisch, wie aus alten Fotoalben entnommen, verträumt, beängstigend bis ironisch.

Meerblick (ISBN 978-3-735-70733-9) hat 48 Seiten im Format 21x21cm und kann in Deutschland für 7,90 €

Die an verschiedenen Stellen verwendeten Amazon-Links sollten bitte nur als Hinweis auf eine mögliche Bestelladresse verstehen werden. Natürlich ist die Unterstützung des lokalen Einzelhandels immer vorzuziehen.
dort erworben werden, wo es Bücher gibt.




Und hinterher haben sie wieder von nichts gewusst!

von Dirk Jürgensen ...

Wer Faschisten auf den Leim geht, hat kein Verständnis verdient

 – „Aber“ ist das Unwort des Jahrzehnts. Ich will es einfach nicht mehr hören. So, wie ich auch von all diesem Verständnis nichts mehr hören will, von dem Politiker und im Fernsehen interviewte Fachleute angesichts der Vielzahl von Normalos auf diesen unsäglichen Pegida- oder Vokuhila-Demonstrationen schwafeln. Die Fremdenfeindlichkeit ist verabscheuungswürdig, „aber“ man müsse Verständnis für die Sorgen und Ängste dieser Menschen haben. Unfug!

Keinerlei Verständnis darf man haben!

Die Bekloppten des Islamischen Staates sind zu bekämpfen, keine Frage – gleichzeitig dienen sie hervorragend als Propagandamittel zur Radikalisierung nach Rechts. IS ist eine super Kampagne für die NPD und die Neo-Montagsdemonstranten merken das nicht? Ach was, niemand in Deutschland ist heute noch so ungebildet und so dumm, Faschisten so einfach auf den Leim gehen. Und wenn doch, dann darf es nicht vor Häme schützen.

Wo waren diese ängstlichen und sorgenvollen Wesen, als man Banken rettete und gleichzeitig Sozialetats kürzte? Wo ist diese furchtsame Mitte der Gesellschaft zu finden, wenn Millionen von Euro abgreifende Manager einmal mehr die Notwendigkeit von Entlassungen aufzeigen und über die Schädlichkeit von Mindestlöhnen dozieren? Wo demonstrieren diese armen Angstbürger, wenn ausgerechnet diejenigen, die sich Solidarität finanziell gut leisten könnten, aus dem Sozialsystem heraus schleichen und mehr Selbstverantwortung des Einzelnen fordern, um im Krankheitsfall oder im Alter einigermaßen versorgt zu sein?

Mit kurzem Nachdenken finde ich sicher noch viele andere Dinge, die in unserem Staat nicht richtig laufen, gegen die man auf die Straße gehen könnte und eigentlich auch sollte – doch ausgerechnet die vermeintliche Islamisierung unseres ach so geliebten Abendlandes motiviert Couch-Kartoffeln plötzlich zur öffentlichen Meinungsäußerung. Meinungsäußerung, dass ich nicht lache. Gemeinsam mit Hooligans, Neo- und Altnazis und stets im Geiste eines Sarrazin – das darf doch wohl mal gesagt werden – zeigt man sich europäischer Patriot und nennt das Meinungsäußerung.

Wer hat Angst vor der Hispanisierung Deutschlands

Weihnachten in fremder Sprache – Wer hat Angst vor der Hispanisierung Deutschlands?

Es ist halt immer einfacher, sich einen schwachen, zumindest etwas anders aussehenden Sündenbock oder auch Feind zu suchen. Da bieten sich die Ausländer, die Flüchtlinge und die Menschen anderen Glaubens (wer ist denn noch „hiesigen“ Glaubens? Ist das Christentum nicht auch nur ein Import aus dem Orient?) schnell an. „Halt!“ So wird man mir entgegen rufen. „Wir haben doch gar nichts gegen Ausländer, schon gar nicht gegen Flüchtlinge, aber …“ „Wir haben auch nichts gegen Moslems, wenn sie sich benehmen, aber …“ Und schon geht es wieder mit diesem „aber“ los. „Wir wollen nicht, dass dieser IS zu uns kommt und unseren Kindern die Köpfe abschneidet.“ Sicher, wer will das schon? Der allergrößte Teil der Moslems dieser Welt ganz sicher auch nicht.

In Deutschland gab es einst viele Menschen, die „nichts gegen Juden“ hatten, „aber“ … Diese Menschen „waren keine Nazis, aber …“ „Hitler (diese seltsame Einzelperson unserer dunklen Geschichte) hat Autobahnen bauen lassen, aber das mit den Juden war ein Fehler. Und wir haben von all dem nichts gewusst und schon gar nicht gewollt.“

Es lohnt nicht, sich über die unverbesserlichen Nazis zu wettern, die wie Rattenfänger agieren und mit kruden Parolen schlummernde Fremdenängste der Normalbürger wecken. Was viel schlimmer ist, ist die Dummheit, mit der diese Normalbürger in die gleichen Fallen wie die Generationen unserer Großeltern oder Urgroßeltern getappt sind. Doch das kümmert die demonstrierenden Spießer wenig und die von ihnen gerufenen Geister freuen sich über die neue Machtoption. Weihnachtslieder singend ins Deutsche Reich!

Hinterher würden sie im Notfall behaupten, DAS nun wirklich nicht gewollt zu haben oder von allem nichts gewusst zu haben. Ich werde mit ihnen kein Mitleid haben, denn schließlich sind auch die einfachsten Gemüter unter ihnen einst zur Schule gegangen. Und so klug, dass man sich nicht in die Hände der Faschisten begibt, sollte jeder seine Schule verlassen haben. Darüber nachzudenken, was ein unüberlegtes „aber“ bedeutet und dass die einstigen christlichen Werte Toleranz und Teilen hießen, würde vermutlich eine Überforderung bedeuten.




2014 – Freie Bahn den Bekloppten!

von Dirk Jürgensen ...

Ein Jahresrückblick auf ein rückwärtiges 2014

2014, das Jahr der Bekloppten - Foto: © Jürgensen - Düsseldorf

Foto: © Jürgensen – Düsseldorf

– Der Jahresrückblick auf das nun auslaufende Jahr 2014 fällt recht kurz aus: Demokratien wie Diktaturen haben sich weltweit darauf geeinigt, zwischen Nationalismus, religiösem Fanatismus und Marktradikalität angesiedelten Bekloppten alle Freiheiten zu gewähren. Kein Zeitgenosse wird sich an mehr Krisenherde oder gar Kriege erinnern können, was nicht allein an der größeren Durchdringung unseres Bewusstseins durch weltweite Nachrichten liegt. Vernunft ist nur noch das Leitbild einer schweigenden Mehrheit – oder gar Minderheit? Man weiß es nicht, denn schweigend degeneriert jede Mehrheit zu Minderheit. Auch in diesem Sinne war 2014 zu großen Teilen ein Jahr der Rückwärtsbewegung.

Eine auszugsweise Auflistung der Beklopptheiten:

  • Den Islamischen Staat ausrufende Dumpfbacken mit Minderwertigkeitskomplex errichten eine mittelalterliche Macho-Gewaltherrschaft, die anhand ihrer in Echtzeit und 3D gerenderten Grafikleistung jeden Ego-Shooter zum Märchenquartett schrumpfen lässt. Religion ist zu einer Phantasy-Orgie mutiert, in deren höchsten Level dem Gewinner 72 Jungfrauen versprochen werden. Ob der Hersteller des Spiels das wirklich liefern kann?

  • Wer aufgrund dieser Idiotie einmal mehr den Untergang des hiesigen Abendlandes befürchtet, schließt sich der

    Selbstverständlich weiß der Autor, dass Vokuhila die Abkürzung für eine seltsame Haarmode aus den Achtzigern ist. Er hat sich sehr bewusst für die Verwechslung mit der lokal etwas variierenden „Bürgerbewegung“ entschieden, um dieser keine weitere Popularität zu verschaffen.
    oder einer ähnlich umständlich abgekürzten und von Neonazis gesteuerten Initiative an, um seine Fremdenängste endlich auf der Straße ausleben zu können. Man bezeichnet sich als „bürgerliche Mitte“, trägt seinen braunen Kern endlich wieder offen, will kein Nazi sein, hat nichts gegen Ausländer, aber… Verschwiegen wird in all der Angstdemonstration, dass die Opfer der islamistischen Gewalt in der Mehrzahl Muslime sind. Doch übersehen wir nicht den einen Vorteil dieser fragwürdigen Protestbewegung: Endlich braucht der gepflegte Hooligan keinen Bundesligaspielplan mehr zur Terminierung seiner Freizeitaktivitäten.

  • Wer in der Ostukraine und drumherum ein Friedensengel, ein Faschist oder relativ harmloser Nationalist oder gar Freiheitskämpfer ist, was Schwärmerei von den vermeintlichen Vorzügen einer untergegangenen UdSSR ist bei einem inzwischen ultrakapitalistischen und nationalistischen Russlands ist und welche von den Massenmedien verbreitete Nachrichten Demagogie oder oder einigermaßen ungefärbte Neutralität darstellen, interessiert nicht mehr. Wenn beide Seiten lügen, wird bestenfalls weggehört.

  • Der Nahostkonflikt, der Nahostkonflikt. Der ist irgendwie immer da und immer gleich. Ob man nun die Seite der Palästinenser oder die der Israelis unterstützen oder verurteilen mag, ist inzwischen relativ unbedeutend. Zu sehr sind auf beiden Seiten die vernünftigen Kräfte ge- oder verschwunden. Allerdings scheint es in der Region trotz der Dauer des Konflikts noch Waffen, Sprengstoff und Menschenmaterial in ausreichender Menge zu geben, wie es zu meinem Erstaunen auch noch genügend zu zerstörende Wohnhäuser zu geben scheint. Da die jeweiligen Bevölkerungen ihre Wahlzettel immer radikaleren Gruppierungen widmen, werden noch ein paar Generationen über den Nahostkonflikt diskutieren dürfen. Das Gebiet ist ein wunderbares Biotop, in dem studiert werden kann, dass Menschen, die keinen anderen als den Kriegszustand kennen, nicht unbedingt die Motivation zum Frieden entwickeln.

  • Als die Bürger der USA einen afroamerikanischen Präsidenten wählten, schien der Rassismus endlich besiegt, höchstens noch in den Köpfen einer zu vernachlässigenden Minderheit vorhanden. Nun erlebt das Land Proteste und Unruhen wie schon lange nicht mehr, denn das Land der Freien muss erkennen, wie der latente Rassismus in Polizei und Justiz anhand der Todesopfer jüngster Zeit nach außen tritt. Wäre die Waffenlobby nicht derart im Konservativen verwurzelt, würden sicher jetzt perfide Parolen laut werden, nach dem beispielsweise der 18-jährige Michael Brown noch leben könnte, wenn er denn im Besitz einer Handfeuerwaffe gewesen wäre, um sich gegen den Polizisten zu wehren. Ein bekloppter Gedanke, von dem sich der Autor sofort distanzieren möchte.

  • Europa war einst ein großes Ziel. Etwas ist schief gelaufen. Inzwischen wird Europa als bürokratische, nicht als demokratische Einheit wahrgenommen. Die Bevorzugung von Wirtschaftsinteressen behindert die gesellschaftliche Entwicklung und wir lassen uns ständig mit Arbeitsplatzkeulen bedrohen und von Heiligsprechungen eines allgegenwärtigen Marktes blenden. Der europäische Geist erscheint hingegen viel zu selten und separatistische Gedanken, nationalistische Idealbilder geben längst überwunden geglaubte Alternativen vor. Europagegner werden im Parlament Europas immer mehr und fördern den Zersetzungsprozess. Anstatt nun im Gegenzug Europa voranzubringen, kümmert sich die von den Wählern kaum noch geforderte Politikkaste weiter für die Interessen der Interessenverbände. Die Lobbyisten kümmern sich wenigstens noch um Politik. Die Demokratie muss aufpassen, dass die Lethargie nicht zur Agonie wird.

  • In Japan, einem Land, das es besser wissen müsste, soll 2015 der stillgelegter Atommeiler Sendai wieder hochgefahren werden. So hat es die Präfektur Kagoshima trotz zahlreicher Protesten aus der Bevölkerung mehrheitlich entschieden. Nur 70 km vom Standort des Kraftwerks entfernt befindet sich der aktive Vulkan Sakurjima. Schön bekloppt, sollte man meinen. Fast so bekloppt wie die Briten, die ihr neues Kernkaftwerk Hinkley Point in Somerset 35 Jahre lang subventionieren werden und dafür auch noch die Freigabe der EU erhalten haben. Zur Begründung der Genehmigung schreibt die deutsch Vertretung der EU-Kommission auf ihrer Homepage: „Im Verlauf der der eingehenden Unetersuchung konnten die britischen Behörden nachweisen, dass mit der Beihilfemaßnahme ein echtes Marktversagen behoben wird, und die anfänglichen Zweifel der Kommission ausräumen. Insbesondere könnten die Projektträger aufgrund der beispiellosen Art und Tragweite des Projekts nicht die erforderlichen Finanzmittel beschaffen.“ Da reagiert der Markt ausnahmsweise einmal richtig, wird ihm ein Versagen unterstellt. So einfach geht das in einer Lobbykratie. Was nach den 35 Jahren sein wird und wer die unermesslichen Kosten nach der Stilllegung – wenn keine Katastrophe die Laufzeit verkürzt – in 60 Jahren tragen wird, ist leicht zu erraten. Es wird vermutlich nicht der Betreiber sein (können). Auch in diesem Sinne wird dann wieder der Markt versagen.

  • Wenn auch viele innenpolitische Themen zwischen PKW-Maut und dem geduldeten Herausmogeln aus dem sozialen Netz die allgemeine Beklopptheit begründen könnten, darf das Ebolafieber auch in diesem Jahresrückblick nicht fehlen. Seit 1976 ist es bekannt, als im damaligen Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, 280 Menschen an ihm starben. Zwischendurch tauchte der Erreger immer wieder auf und ließ in Afrika immer wieder Menschen sterben, bis er 2014 dann zum großen Schlag ausholte und Menschen in Guinea, Liberia, Sierra Leone, Nigeria, dem Senegal, der Demokratischen Republik Kongo und Mali befiel. Als dann auch noch Infizierte in die USA und nach Spanien reisten, wurde die Sache auch für uns brenzlig. Schließlich hielt sich das Virus bislang an die kontinentalen Grenzen Afrikas, einem ökonomisch – und daher menschlich – eher unergiebigen Erdteil. Viren sind clever. Würden sie ihre Wirte vornehmlich in den USA oder in Europa dahinraffen, hätte die Pharma-Industrie längst genügend Pillen oder Spritzen im Angebot. Wer zahlen kann, dem wird geholfen. Solidarität ist ein Begriff längst vergangener Zeiten und auf den Märkten hinderlich.

Wenn sich Fortschritt weiterhin technisch anhand einer höheren Auflösung in der Bilddarstellung eines Handy-Displays definiert und nicht gesellschaftlich durch wachsende Freiheit und Gerechtigkeit, wird 2015 ebenso nach hinten losgehen. Wir werden Regierungen wählen, die uns schaden, wir werden aktiv oder passiv Entwicklungen unterstützen, die wir nicht wollen und wir werden uns von Unternehmen und Staaten aushorchen lassen, weil alles so unüberschaubar und irgendwie bequem ist. Die Bekloppten dieser Welt freuen sich darüber und haben weiterhin freie Bahn. 2014 dürfte ihnen Mut gemacht haben und da hilft es auch nichts, dass ganz Deutschland Fußball-Weltmeister geworden ist.




Das vergoldete Zeitalter – Eine Geschichte von heute

von Dirk Jürgensen ...

Die erste deutschsprachige Ausgabe seit 1876

Das vergoldete Zeitalter - Neuauflage - Bitte beachten Sie den unten aufgeführten Text

Das vergoldete Zeitalter – So sieht die Neuauflage aus.
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Die durchgesehene und verbesserte Neuauflage des mit jedem Platzen einer neuen Finanzblase und mit jeder Wirtschaftskrise wieder zitierten Klassikers von Mark Twain und Charles Dudley Warner ist auch in deutscher Sprache erhältlich. „Das vergoldete Zeitalter: Eine Geschichte von heutekann in über 1000 Online-Buchshops und – das sei ohnehin unbedingt empfohlen – natürlich im lokalen Buchhandel bestellt werden. Achten Sie bei der Bestellung unbedingt auf die ISBN 9783734733529!

Es war dem Herausgeber wichtig, die verbesserte Ausgabe zu einem günstigeren Preis anbieten zu können. Mit einem Ladenpreis von 19,80 Euro ist das auch gelungen. Weniger war bei immerhin 464 Seiten und fehlender Massenproduktion leider nicht drin. Zusätzlich gibt eine E-Book-Variante für nur 6,99 Euro. Damit lässt sich die nächste Wirtschaftskrise mit einem Schmunzeln begrüßen, denn so richtig hat sich unser geliebter Kapitalismus seit Twains Zeiten nicht gebessert.

Weitere Informationen zum Buch




George Orwell und die Zerstörung einer anarchistischen Utopie

von Dirk Jürgensen ...

Wir brauchen Utopien – Teil 5

– Wer sich mit utopischen Zukunftsmodellen beschäftigt, kommt am Anarchismus vorbei und sollte unbedingt nach Spanien blicken.

Als Thomas Morus im Jahr 1516 sein „Utopia“ schrieb, waren die Begriffe Sozialismus und Kommunismus noch in keinem Wortschatz zu finden. Im 16. Jahrhundert mit seinen aus dem Elend erwachsenen Bauernaufständen und den Ideen eines entstehenden Humanismus, der sich an den Bürger-(Polis-) Gedanken und anderen frühen demokratischen Vorstellungen orientierte, war „Utopia“ ein Gegenentwurf zum Feudalismus. Gemeinsames Arbeiten an und mit gemeinsamen Produktionsmitteln in allgemeiner Freiheit, kein Ausufern privaten Eigentums, das waren revolutionäre Vorstellungen und sind bis heute ein nicht realisiertes Sinnbild einer idealen und gerechten Gesellschaftsordnung – ein Wunschbild, eben eine Utopie – geblieben.

Das 17. und 18. Jahrhundert, die Zeit der Aufklärung in Verbund mit dem Fortschreiten der wissenschaftlichen und technischen Entwicklung, das Entstehen industrieller Massenproduktion und die Anfänge der Globalisierung, veränderte die Lebensumstände der Menschen enorm. Der Feudalismus wurde von einer neuen Klassengesellschaft abgelöst. Der neue Adel bestand aus den wenigen Industriekapitänen jener Zeit. Und wenn auch der Humanismus als Teil aufklärerischen Gedankenguts verstanden werden kann, war angesichts der Kategorisierung des Menschen als Produktionsfaktor Arbeit – wir würden heute vielleicht Humankapital sagen – und den damaligen Zuständen zwischen Verarmung der Landbevölkerung und der Kinderarbeit in den wachsenden Städten nichts zu spüren. Einzelne Revolten, frühsozialistische Versuche, wie beispielsweise die eines Robert Owen, konnten dem herrschenden rücksichtslosen Kapitalismus in seiner Gesamtheit nichts anhaben und zeigten, wie weit das Ziel einer gerechten Gesellschaft von der gelebten Realität der Unterschicht entfernt war.

So fand Karl Marx für die Bestrebungen der Frühsozialisten nach Demokratie und Gleichheit den Begriff des „utopischen Sozialismus“, in dem zwar ein lobenswertes Ziel, nicht jedoch der Weg dahin bestimmt wurde. Marx lehnte es sogar ab, das Ziel zu definieren und den Menschen das unwissenschaftliche Bild einer Idealgesellschaft zu erfinden. Er beschränkte sich bewusst darauf, historisch-systematisch die notwendigen Handlungsschritte zu entwickeln, um die gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen über den Kampf der Klassen zu verbessern.

Der Gedanke liegt nahe, dass die seit Marx betriebene negative Besetzung des Utopiebegriffs letzthin dafür gesorgt hat, das eigentliche Ziel aus den Augen zu verlieren. Somit bewirkte dieses Bilderverbot zwangsläufig das Umschlagen sozialistischer und kommunistischer Revolutionen hin zum zentralistischen Totalitarismus einer Einheitspartei oder eines Komitees, der auf dem ziellosen Weg in eine undefinierten Idealgesellschaft jedes Vergehen als Mittel zum Zweck des Machterhalts rechtfertigte.

Einen anderen, einen keineswegs zentralistischen Weg schlugen zum Ziel einer gerechten Gesellschaftsordnung schlugen die Anarchisten ein, deren früher Hauptvertreter Pierre-Joseph Proudhon war. Er gilt als Begründer des Syndikalismus, Mutualismus und Förderalismus. Proudhons gerne zitierter Satz aus dem Jahr 1840 „Eigentum ist Diebstahl!“ sollte übrigens relativiert betrachtet werden, denn lehnte nicht das Privateigentum an sich ab, sondern er forderte die Abschaffung des Privatbesitzes an Produktionsmitteln.

In der Folge Proudhons hielten Michail Bakunin und Pjotr Alexejewitsch Kropotkin ähnlich wie Marx und Engels eine soziale Revolution für erforderlich, um die Besitzverhältnisse entscheidend verändern zu können. Im Gegensatz zu den Marxisten wurde die Führung durch eine elitäre Kaderpartei wie auch eine staatliche Hierarchie abgelehnt. Marx sah den Staat mit der fortschreitenden Revolution absterben, die Anarchisten trauten dieser undeutlichen Entwicklung nicht, sie wollten ihn direkt abschaffen, verfolgten einen antiautoritären Sozialismus.

Von 1864 bis 1872 kamen die Vertreter verschiedenster Gruppierungen, die sich zur Arbeiterbewegung zählten, in der IAA (Internationale Arbeiterassoziation) zusammen. Nachdem Karl Marx aufgrund unüberbrückbarer Unterschiede zwischen den Lagern erfolgreich dafür gesorgt hatte, dass Bakunin 1872 ausgeschlossen wurde, zerbrach die Erste Internationale, die dann 1876 vollständig aufgelöst wurde.

Dies war der Beginn eines bis in die heutige Zeit währenden Konflikts zwischen den Marxisten und den Anarchisten, eines Konflikts in dem es viel um Meinungshoheiten und um Macht, in dem die Marxisten fast immer die Oberhand gewannen. Obgleich eigentlich beide Gruppierungen ein nahezu gleiches Ziel verfolgen, kam es in der Geschichte immer wieder zu

Bis heute scheint der Begriff des Anarchisten ein Synonym für einen Bombenleger zu sein, dabei waren diese Zeiten schon vor 100 Jahren längst vorbei.
, zur Zensur, zu Mord und Verfolgung.

Die Zeitung der Escuela Moderna, einem anarchistischen Bildungsprojekt von Francisco Ferrer

Die Zeitung der Escuela Moderna, einem anarchistischen Bildungsprojekt von Francisco Ferrer – Quelle: Wikipedia

Ein Land, in dem der Marxismus im Gegensatz zum Anarchismus verhältnismäßig wenig Fuß fassen konnte, ist Spanien. Besonders das industriell geprägte Katalonien und das landwirtschaftlich dominierte Andalusien sind hier zu nennen. Selbst der Spanische Bürgerkrieg, aus dem das faschistische Franco-Regime als Sieger hervorging, konnte nicht verhindern, dass es in Spanien noch heute zahlreiche Beispiele anarchistisch geprägter kommunaler Kooperationen gibt.

Auch der Verlauf des Bürgerkriegs selbst, an dem zuerst Marxisten und Anarchisten auf Seiten der Republikaner gegen den Faschismus kämpften, war vom eben beschriebenen Konflikt geprägt – vielleicht sogar entscheidend. George Orwell, der in seinem Bericht „Mein Katalonien“ als Mitkämpfer im Spanischen Bürgerkrieg berichtet, lässt das mit seinen Beobachtungen und dem entstandenen Nebenkriegsschauplatz vermuten:

„Der allgemeine Umschwung nach rechts begann ungefähr im Oktober und November 1936, als die UdSSR anfing, die Zentralregierung mit Waffen zu versorgen, und als die Macht von den Anarchisten auf die Kommunisten überging. Außer Russland und Mexiko besaß kein anderes Land den Anstand, der Zentralregierung zu Hilfe zu kommen, und Mexiko konnte aus einleuchtenden Gründen Waffen nicht in großen Mengen liefern. So waren also die Russen in der Lage, die Bedingungen zu diktieren. Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass diese Bedingungen vor allem lauteten: »Verhindert die Revolution, oder ihr bekommt keine Waffen.« So wurde die erste Maßnahme gegen die revolutionären Elemente, nämlich die Verdrängung der P.O.U.M. aus der katalanischen Generalidad, nach Befehlen der UdSSR durchgeführt. Man hat abgeleugnet, dass die russische Regierung irgendeinen direkten Druck ausgeübt habe. Aber diese Tatsache ist nicht von großer Bedeutung, denn man kann annehmen, dass die kommunistischen Parteien aller Länder die russische Politik ausführen. Es wird aber nicht geleugnet, dass die kommunistische Partei die hauptsächliche Triebkraft zunächst gegen die P.O.U.M., später gegen die Anarchisten, den von Caballero geführten Flügel der Sozialisten und allgemein gegen eine revolutionäre Politik war. Nachdem sich die UdSSR einmal eingemischt hatte, war der Triumph der kommunistischen Partei gesichert.

Zunächst wurde das kommunistische Prestige dadurch enorm gehoben, dass man Russland gegenüber dankbar war für die Waffen und die Tatsache, dass die kommunistische Partei besonders nach Ankunft der Internationalen Brigade den Anschein erweckte, als könnte sie den Krieg gewinnen.

Zweitens wurden die russischen Waffen durch die kommunistische Partei oder die mit ihr verbündeten Parteien ausgeliefert, und sie achteten darauf, dass ihre politischen Gegner sowenig wie möglich davon erhielten (Anm.: Das war der Grund dafür, dass es an der aragonischen Front so wenig russische Waffen gab, da die Truppen dort hauptsächlich Anarchisten waren. Bis zum April 1937 sah ich als einzige russische Waffe – mit Ausnahme einiger Flugzeuge, die vielleicht russisch waren, vielleicht aber auch nicht – nur eine einzelne Maschinenpistole.).

Drittens gelang es den Kommunisten durch die Verkündung einer nichtrevolutionären Politik, alle diejenigen um sich zu scharen, die von Extremisten verscheucht worden waren. Es war beispielsweise leicht, die wohlhabenderen Bauern gegen die Kollektivierungspolitik der Anarchisten zu sammeln. Die Mitgliedschaft der Partei wuchs gewaltig an, der Zufluss speiste sich hauptsächlich aus dem Mittelstand: Ladenbesitzer, Beamte, Armeeoffiziere, wohlhabende Bauern und so weiter, und so weiter.

Im Grunde genommen war der Krieg ein Dreieckskampf. Das Ringen mit Franco musste fortgesetzt werden, aber gleichzeitig war es das Ziel der Zentralregierung, alle Macht zurückzugewinnen, die noch in den Händen der Gewerkschaften verblieben war. Dies geschah durch eine Reihe kleiner Manöver, es war eine Politik der Nadelstiche, wie es jemand genannt hat, und man tat es, im ganzen gesehen, sehr klug. Es gab keine allgemeine, offene Gegenrevolution, und bis zum Mai 1937 war es nicht einmal nötig, Gewalt anzuwenden. Man konnte die Arbeiter immer durch ein Argument zur Räson bringen, das fast zu augenfällig ist, um es zu nennen: »Wenn ihr dieses oder jenes nicht tut, werden wir den Krieg verlieren.« In jedem Fall natürlich verlangte anscheinend die militärische Notwendigkeit, etwas aufzugeben, das die Arbeiter 1936 für sich errungen hatten. Aber dieses Argument war immer stichhaltig, denn das letzte, was die Revolutionsparteien wünschten, war, den Krieg zu verlieren. Verlor man den Krieg, würden Demokratie und Revolution, Sozialismus und Anarchismus zu bedeutungslosen Worten. Die Anarchisten, die einzige Revolutionspartei, deren Größe von Bedeutung war, wurden gezwungen, Stück für Stück nachzugeben. Das Fortschreiten der Kollektivierung wurde angehalten, die örtlichen Ausschüsse wurden entfernt, die Arbeiterpatrouillen wurden aufgelöst, die Polizeikräfte der Vorkriegszeit wurden, weitgehend verstärkt und schwer bewaffnet, wieder eingesetzt, und verschiedene Schlüsselindustrien, die unter der Kontrolle der Gewerkschaften gestanden hatten, wurden von der Regierung übernommen. (Die Übernahme des Telefonamtes von Barcelona, die zu den Maikämpfen geführt hatte, war ein Beispiel dieser Entwicklung.)

Schließlich, und das war das allerwichtigste, wurden die Milizeinheiten der Arbeiter, die sich auf die Gewerkschaften gründeten, allmählich auseinandergebrochen und in die neue Volksarmee aufgeteilt. Das war eine ‚unpolitische‘ Armee, sie hatte einen halben Bourgeoischarakter. Es gab unterschiedlichen Sold, eine privilegierte Offizierskaste und so weiter, und so weiter. Unter den besonderen Umständen war das tatsächlich ein entscheidender Schritt. In Katalonien vollzog man ihn allerdings später als an anderen Orten, denn hier waren die Revolutionsparteien am stärksten. Offensichtlich bestand die einzige Garantie für die Arbeiter, ihre Errungenschaften zu festigen, nur darin, einen Teil ihrer Streitkräfte unter ihrer eigenen Kontrolle zu haben. Wie gewöhnlich wurde auch das Auseinanderbrechen der Miliz im Namen militärischer Leistungsfähigkeit vollzogen, und niemand leugnete, dass eine gründliche militärische Reorganisation notwendig war. Es wäre aber durchaus möglich gewesen, die Miliz zu reorganisieren und leistungsfähiger zu machen und sie gleichzeitig unter der direkten Kontrolle der Gewerkschaften zu belassen. Der Hauptzweck des Wechsels lag darin, dafür zu sorgen, dass die Anarchisten keine eigenen Waffen mehr besaßen. Außerdem war der demokratische Geist der Miliz ein Brutnest für revolutionäre Ideen. Die Kommunisten wussten das sehr genau und schimpften ohne Unterlass und erbittert über die P.O.U.M. und das anarchistische Prinzip des gleichen Lohns für alle Ränge. Es fand eine allgemeine ‚Verbürgerlichung‘ statt, eine absichtliche Zerstörung des Gleichheitsgeistes aus den ersten Monaten der Revolution. Alles ereignete sich so geschwind, dass Leute, die Spanien innerhalb von wenigen Monaten mehrmals besucht hatten, erklärten, dass sie anscheinend kaum das gleiche Land besuchten. Was an der Oberfläche und für eine kurze Weile ein Arbeiterstaat zu sein schien, verwandelte sich vor den eigenen Augen in eine herkömmliche Bourgeoisrepublik mit der normalen Unterscheidung von reich und arm. Im Herbst 1937 erklärte der ‚Sozialist‘ Negrin in öffentlichen Ansprachen, dass »wir privates Eigentum respektieren«, und Mitglieder des Cortes, die zu Beginn des Krieges aus dem Land fliehen mussten, da man sie faschistischer Sympathien verdächtigte, kehrten nach Spanien zurück.“

Dass die beschriebene Einflussnahme der UdSSR im absoluten Widerspruch zur in Teilen Spaniens gelebten Utopie Spaniens stand, wird durch dieses Zitat Orwells deutlich:

„Die Arbeitermiliz, die auf den Gewerkschaften aufbaute und sich aus Leuten von ungefähr der gleichen politischen Meinung zusammensetzte, bewirkte, dass an einer Stelle die intensivsten revolutionären Gefühle des ganzen Landes zusammenkamen.

Ich war mehr oder weniger durch Zufall in die einzige Gemeinschaft von nennenswerter Größe in Westeuropa gekommen, wo politisches Bewusstsein und Zweifel am Kapitalismus normaler waren als das Gegenteil. Hier in Aragonien lebte man unter Zehntausenden von Menschen, die hauptsächlich, wenn auch nicht vollständig, aus der Arbeiterklasse stammten. Sie lebten alle auf dem gleichen Niveau unter den Bedingungen der Gleichheit. Theoretisch herrschte vollkommene Gleichheit, und selbst in der Praxis war man nicht weit davon entfernt. In gewisser Weise ließe sich wahrhaftig sagen, dass man hier einen Vorgeschmack des Sozialismus erlebte. Damit meine ich, dass die geistige Atmosphäre des Sozialismus vorherrschte. Viele normale Motive des zivilisierten Lebens – Snobismus, Geldschinderei, Furcht vor dem Boss und so weiter – hatten einfach aufgehört zu existieren. Die normale Klasseneinteilung der Gesellschaft war in einem Umfang verschwunden, wie man es sich in der geldgeschwängerten Luft Englands fast nicht vorstellen kann. Niemand lebte dort außer den Bauern und uns selbst, und niemand hatte einen Herrn über sich.

Natürlich konnte dieser Zustand nicht andauern. Es war einfach ein zeitlich und örtlich begrenzter Abschnitt in einem gewaltigen Spiel, das augenblicklich auf der ganzen Erdoberfläche gespielt wird. Aber es dauerte lange genug, um jeden, der es erlebte, zu beeindrucken. Wie sehr damals auch geflucht wurde, später erkannte jeder, dass er mit etwas Fremdem und Wertvollem in Berührung gewesen war.

Man hatte in einer Gemeinschaft gelebt, in der die Hoffnung normaler war als die Gleichgültigkeit oder der Zynismus, wo das Wort Kamerad für Kameradschaft stand und nicht, wie in den meisten Ländern, für Schwindel. Man hatte die Luft der Gleichheit eingeatmet. Ich weiß sehr genau, wie es heute zum guten Ton gehört zu verleugnen, dass der Sozialismus etwas mit Gleichheit zu tun hat.

In jedem Land der Welt ist ein ungeheurer Schwarm Parteibonzen und schlauer, kleiner Professoren beschäftigt zu ‚beweisen‘, dass Sozialismus nichts anderes bedeutet als planwirtschaftlichen Staatskapitalismus, in dem das Motiv des Raffens erhalten bleibt. Aber zum Glück gibt es daneben auch eine Vision des Sozialismus, die sich hiervon gewaltig unterscheidet.

Die Idee der Gleichheit zieht den normalen Menschen zum Sozialismus hin. Diese ‚Mystik‘ des Sozialismus lässt ihn sogar seine Haut dafür riskieren.

Für die große Mehrheit der Menschen bedeutet der Sozialismus die klassenlose Gesellschaft, oder er bedeutet ihnen überhaupt nichts. Unter diesem Gesichtspunkt aber waren die wenigen Monate in der Miliz wertvoll für mich. Denn solange die spanischen Milizen sich hielten, waren sie gewissermaßen der Mikrokosmos einer klassenlosen Gesellschaft. In dieser Gemeinschaft, in der keiner hinter dem Geld herrannte, wo alles knapp war, es aber keine Privilegien und kein Speichellecken mehr gab, fand man vielleicht in groben Umrissen eine Vorschau davon, wie die ersten Schritte des Sozialismus aussehen könnten. Statt mir meine Illusionen zu rauben, fesselte mich dieser Zustand. Die Folge war, dass ich noch viel stärker als vorher wünschte, der Sozialismus möge verwirklicht werden. Teilweise kam das daher, weil ich das Glück gehabt hatte, unter Spaniern zu leben. Mit ihrer angeborenen Anständigkeit und ihrem immer gegenwärtigen anarchistischen Gefühl würden sie selbst die ersten Stadien des Sozialismus erträglicher machen, wenn man ihnen nur eine Chance gäbe.“ Wieviel  anders wird Orwell in seiner Dystopie „1984“ ein totalitäris Sytem beschreiben.

Als Orwell seinen Bericht verfasste, war der Spanische Bürgerkrieg noch im vollen Gange. Die gelebte Utopie, deren Ende auch Hans Magnus Enzensberger in seinem dokumentarischen Roman „Der kurze Sommer der Anarchie“ über Buenaventura Durruti beschrieb, wurde zum Teil einer gemeinsamen Erinnerung der Beteiligten. Es scheint, dass die aktuellen Krisen dieser Welt eine Rückbesinnung auf die Utopie als Zukunftsziel notwendig machen.

Meine Lesetipps zum Thema:

George Orwell – Mein Katalonien

Hans Magnus Ezensberger – Der kurze Sommer der Anarchie

Buch und Film von Isamelle Fremeaux und John Jordan – Pfade durch Utopia

Achim von Borries/Ingeborg Weber-Brandies (HG.) – Anarchismus Theorie Kritik Utopie

Der Film „Die Utopie leben! Der Anarchismus in Spanien„, den der Sender arte vor einigen Jahren ausstrahlte, sollte unbedingt auf DVD erscheinen oder wenigstens wiederholt werden!

Selbstverständlich sind die Amazon-Links nur im Notfall zu verwenden. Viel ratsamer ist die Unterstützung des lokalen Buchhandels.

Die Reihe wird fortgesetzt.




Kapitalverbrechen und Raubzug

von Dirk Jürgensen ...

Prof. H. Lesch über die Finanzkrise und den sonstigen Irrsinn des Lebens in der ökonomisch dominierten Welt.

Dieser Beitrag aus der Serie „Pelzig hält sich“ ist im Sinne unserer schnelllebigen Zeit zwar schon alt, er stammt vom 03.07.2012, er bleibt dennoch aktuell und sehenswert. Damals war die Finanzkrise ein uns alle beschäftigendes Thema, doch scheint all das, was unbedingt geändert werden sollte und auch die Krise selbst, längst vergessen. Dabei wird die nächste Finanzkrise ganz sicher wieder kommen. Vielleicht ist sie aber auch gar nicht beendet, sondern aufgrund all der Kriege, Flüchtlichgsdramen und Seuchen nur nicht mehr ausreichend Schlagzeilen gerecht?




Düsseldorfer Schafe

von Dirk Jürgensen ...

Schafe am Rhein- Foto: © Jürgensen - Düsseldorf

Am Rhein in Düsseldorf, direkt dem Landtag von NRW gegenüber, ist das Gras besonders schmackhaft. Wer sollte sich da noch um Politik scheren? Zudem noch bei diesem herrlichen Frühherbstwetter?

 




Welche Alternative eigentlich? Da verlierste hinterher immer.

von Dirk Jürgensen ...

Ein Thekengespräch über die AfD

– – –

Mann 1: Jupp, mach mal ganz schnell zwei Bier.

Mann 2: Aber auf meinen Deckel. Mein Kumpel macht ja ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Was ist denn los?

Mann 1: Ach, waren doch wieder Wahlen im Osten. Mittlerweile machen die mir mit ihren Wahlerfolgen richtig Angst.

Mann 2: Wer?

Mann 1: Die von der AfD.

Mann 2: Von wem?

Mann 1: Von der AfD, Alternative für Deutschland, diese irgendwie Rechten und irgendwie radikal neoliberalen Marktverherrlicher.

Mann 2: Ach die. Das Neoliberale hat auch die FDP sterben lassen. Das will niemand mehr. Hat auf Dauer keine Chance. Und was das Rechte bei denen angeht, … Ich glaube, so schlimm sind die gar nicht.

Mann 1: Wie kommst Du denn da drauf?

Mann 2: Ist doch ganz einfach. Die können sich doch nicht Alternative für Deutschland nennen, wenn sie hintenrum nur Deutschland, Deutschland über alles wollen. Mit dem Namen können die keine Nazis sein.

Mann 1: Versteh‘ ich nicht.

Mann 2: Ist doch ganz einfach. Die wollen oder versprechen uns eine Alternative für Deutschland. Und das kann dann logischerweise nicht Deutschland sein. Sondern ein anders Land.

Mann 1:  Häh, wie jetzt?

Mann 2:  Denk‘ mal an deinen Urlaub. Fährste da immer in Deutschland rum?

Mann 1:  Natürlich nicht. Bei dem unsicheren Sommerwetter.

Mann 2:  Eben. Du findest eine Alternative und die ist …?

Mann 1:  Meistens Mallorca, also Spanien. Da scheint immer die Sonne, die Leute sind viel entspannter als bei uns und überhaupt, … Wenn ich in zehn Jahren so weit bin, lass ich mir die Rente da hinschicken. Ich war auch schon mal in der Türkei, aber da habe ich das Essen nicht vertragen.

Spanien, eine Alternative für Deutschland? - Foto: © Jürgensen - Düssseldorf

Spanien (Mallorca), eine Alternative für Deutschland?
Foto: © Jürgensen – Düssseldorf

Mann 2:  Siehste.

Mann 1:  Was sehe ich?

Mann 2:  Dass Du ne Altenative für Deutschland kennst. Und die heißt in Deinem Fall Spanien.

Mann 1:  Und so eine Alternative für Deutschland will uns auch die AfD bieten?

Mann 2:  Vermutlich. Ich habe deren Parteiprogramm nicht gelesen, aber dem Namen nach wollen die uns immerhin eine Alternative bieten. Und die sollte doch vermutlich nicht schlechter als Deutschland sein. Wäre dann ja keine Alternative.

Mann 1:  Vielleicht Holland?

Mann 2:  Wieso Holland?

Mann 1:  Die machen bessere Pommes als der Jupp und haben super Strände. Wir fahren auch immer nach Venlo und kaufen Kaffee. Der ist da billiger. Holland wäre auch schon eine Alternative. Außerdem haben die tolle Radwege. Meine Frau und ich fahren doch in der letzten Zeit mehr mit dem Rad. Will die AfD die Radwege ausbauen. Wäre doch ein Anfang?

Mann 2:  Weiß ich nicht. Aber wenn man bedenkt, wie viele Deutsche ständig ins Ausland reisen, gibt es eine Menge Vorstellungen, wie eine Alternative zu dem aussehen könnte, das wir hier ständig erleben. Frankreich, Wein, savoir-vivre, gutes Essen, schöne Frauen. Italien, Pizza, Pasta, Amore. Einmal mit dem Finger durch den Atlas und man hat tausend Alternativen für Deutschland.

Mann 1:  Ist ja gut, aber kommen die denn mit ihren Vorstellungen überhaupt durch? Demnächst kommt es sicher zur ersten Koalition mit der CDU.

Mann 2:  Sicher nicht.

Mann 1:  Und warum?

Mann 2:  Die Merkel gibt denen einen unbedeutenden Ministerposten und sagt dann ganz einfach: Deutschland ist alternativlos. Und Ende mit der AfD.

Mann 1:  Ist vielleicht auch besser so, denn die wollen auch den Euro abschaffen. Dann wird das bestimmt hinterher schwieriger mit meiner Rente.

Mann 2:  Schwieriger?

Mann 1:  Ja, denk doch mal an die elende Umrechnerei in Peseten. Da verlierste hinterher immer.

Mann 2:  Jupp, noch zwei Bier!




Chin Meyer erklärt den Finanzmarkt

von Dirk Jürgensen ...

Die Stärke der Vergoldung eines Zeitalters zeigt sich nicht während des Funktionierens, sondern erst nach dem Zusammenbrechen der Finanzmärkte. Aber nur ganz kurz, dann wird wieder einen neue Goldschicht aufgetragen, denn da die gehandelten Werte nur in Ausnahmefällen tatsächlich greifbare sind, liegt der Zusammenbruch immer in nächster Nähe und ist nicht zu verhindern. Besser als manch ein Fachaufsatz erklärt der Kabarettist Chin Meyer die Logik der Derivate, den Wahnsinn der Glücksritter mit ihren Scheingeschäften zwischen der genialen Geschäftsidee und dem staatlichen Schutzschirm. Sein witzigies Beispiel ist überraschend einfach und stimmig. Bei allem Lachen über den Irrsinn der sich immer wieder aufpumpenden Finanzblasen bleibt die eine Frage offen: Wieso und warum fallen die Menschen, die Gesellschaften, die politischen Systeme immer wieder auf diesen Unsinn herein?

Kaum ein Netzfundstück der letzten Monate passte so gut wie dieses zum Ursprungsthema dieser Seite. Die Verwendung war nicht zu vermeiden.

 

Bildquelle (Startseite): www.chin-meyer.de




Der große Pan ist tot!

von Dirk Jürgensen ...

Düsseldorf zwischen Machiavelli, Pan, Joachim Erwin, Dirk Elbers und Thomas Geisel

 – Der Tod des Düsseldorfer Oberbürgermeisters Joachim Erwin (CDU), den ich in meinem Artikel für das Online-Magazin Einseitig.info vom 27. Oktober 2007 trotz seiner damals bereits bekannten Erkrankung nicht vorhersehen konnte, macht seinen Titel „Der große Pan ist tot!“, besonders in Verbindung mit dem damals geführten Untertitel „Düsseldorf zwischen Machiavelli, Pan und Joachim Erwin“ heute missverständlich. Er bedarf einer Erklärung, wenngleich im Zusammenhang des Textes deutlich werden dürfte, dass ich OB Erwin keinesfalls als einen Pan, vielmehr als dessen Gegenspieler verstand und verstehe. Um diesem Missverständnis vorzubeugen, habe ich den Untertitel nun durch die Namen der ihm folgenden Stadtoberhäupter ergänzt, wenngleich sie im Text zu kurz kommen. Ihnen seien noch zu verfassende Betrachtung ihrer Amtszeiten gegönnt.

Gänse als Vorboten Pans am Köbogen - Foto: © Jürgensen - Düsseldorf

Gänse als Vorboten Pans am Köbogen – Foto: © Jürgensen – Düsseldorf

Am 20. Mai 2008 starb Joachim Erwin nach schwerer Krankheit. Bei aller und in meinen Augen berechtigter Kritik an seiner Interpretation politischer Tätigkeit starb er viel zu früh. Zu früh für einen Menschen, für seine Angehörigen, Freunde, für alle, die sich mit ihm verbunden fühlten, keine Frage. Er starb aber auch zu früh, um eine seriöse Aufarbeitung der Ergebnisse seiner Bürgermeisterschaft in der erforderlichen Härte durchführen zu können. Die in Kapitel I zu lesende Geschichte seiner Karriere, ist aus der Sichtweise eines (nicht seines) Wählers verfasst, zutiefst subjektiv. Natürlich werden Erwins Parteifreunde ein ganz anderen Blickwinkel einnehmen. Beobachtet man zudem die Foren und Leserbeiträge der örtlichen Presse aus den letzten Jahren, hat sich eine gewisse Verklärung breitgemacht. Seine während der Amtszeit oft angeprangerte Gutsherrenart wurde durch Charisma ersetzt, was kaum argumentativ zu korrigieren ist und natürlich auch damit zu tun hat, dass sein Nachfolger, der inzwischen abgewählte Dirk Elbers (CDU) Erwins Politik eher ungeschickt, wenngleich ebenso auf bloße Zufriedenstellung von Investoren fortführte.

Mit der diesjährigen Abwahl Dirk Elbers‘ und der Wahl von Thomas Geisel (SPD) regen sich leise Hoffnungen, dass sich der im Rathaus vorherrschende Politik- und Führungsstil und das mutigere Beachten von Bürgerinteressen endlich ändern könnte. Eine Hoffnung, die ich im Kapitel IV des Textes bereits hatte, jedoch aufgrund der unsere Demokratie so belastenden Lethargie der Wählerschaft, längst begraben musste. Das am Ende angesprochene Bürgerbegehren, für das die Initiatoren tatsächlich genug Unterschriften sammeln konnte, fand statt, war jedoch aufgrund mangelnder Beteiligung nicht von Erfolg gekrönt.

Die erhoffte Wiedergeburt Pans musste also auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben werden. Angesichts der traurigen und teilweise auch wütenden Reaktionen vieler Düsseldorfer, wenn sie an den nun unter üblichen Umständen wohl nicht mehr zu verhindernden Abriss des ehemaligen Derendorfer Güterbahnhofgebäudes denken, hat sich daran auch heute noch nichts geändert. Dieses firmierte lange Jahre unter dem Namen „Les Halles“, beherbergte ein beliebtes, innen einem verwunschenen Schloss gleichendes Restaurant, das sich abends in eine Diskothek verwandelte und draußen einen lauschigen Biergaten bot (und bis zum Jahresende bietet). Es stand einst unter Denkmalschutz und diente den Immobilienvermarktern als Lockvogel für solvente Wohnungssuchende. So entstanden um das „Les Halles“ herum neue Luxus-Wohnblöcke, allesamt mit ebenfalls französisch klingenden

Von „Le Flair“ über „Pandion d’Or“ und „Pandion Le Grand“ bis hin zu „Ciel et Terre“ reichen die mehr oder weniger schicken Bezeichnungen für die recht biederen, aber noblen Wohnsilos. Es sei darauf hinzuweisen, dass „Pandion“ nur phonetisch mit Pan verwandt ist. Ob die zwei attischen Könige gleichen Namens dafür Pate gestanden haben, darf vermutet werden. Man kann sich eine entsprechende Recherche allerdings sparen. Vermutlich geht es nur um den hübschen und bedeutungsschwangeren Klang des Wortes, der der Leitung einer Immobilienfirma aus Köln dazu gebracht hat, ihn als Firma zu führen.
. Die Bewohner werden bald nicht mehr wissen, warum das so ist. Obwohl. Was noch nicht abgerissen ist, kann noch erhalten werden. Man muss den Investoren nur den Appetit verderben, dann kann jeder Vertrag rückgängig gemacht werden. Gesichtsverlust ist kein gültiges Kriterium.

Mein Artikel aus dem Jahr 2007 hat also seine Aktualität bewahrt:

weiterlesen

 


(Düsseldorf Arcaden from Magnus Jürgensen on Vimeo.)




Tourist aus der Zukunft

von Dirk Jürgensen ...

Anmerkungen zum Kurzfilmexperiment Tourist aus der Zukunft  von Magnus Jürgensen und Johannes Menzel

– Ein Zeitreisender erlebt unsere Gegenwart oder das, was wir gemeinhin dafür halten.

Tourist aus der Zukunft - Kurzfilm von Magnus Jürgensen und Johannes MenzelZukunft darf geplant, kalkuliert, gewünscht oder befürchtet, erträumt und in stimmungsvollen Farben ausgemalt, Unwägbarkeiten ausgelassen werden.

Vergangenheit wurde von uns oder anderen Menschen erfahren, erlebt, erzählt, nachgelesen, betrachtet, dabei gerne verherrlicht oder von Schicksalsschägen und Fehlentscheidungen dominiert.

Bilder von Zukunft und Vergangenheit verlieren mit größerem Abstand an schärfe, verschimmen zum Teil bis zur Unkenntlichkeit, doch sie bleiben in unserer individuellen Wahrheit immer vorstellbar.

Wie verhält es sich mit der erst auf dem zweiten Blick seltsamen Gegenwart, jenem flüchtigsten aller Zustände von Zeit? Kann es so etwas wie Gegenwart überhaupt geben, wenn sie im Augenblick der Wahrnehmung bereits zur Vergangenheit geworden ist? Die Reaktion auf ein vor uns bremsendes Fahrzeug bezieht sich auf ein Ereignis aus der Vergangenheit und richtet sich auf die Zukunft einer hoffentlich noch zu vermeidenden Kollision. Irgendwo dazwischen war Gegenwart. Nur wo?

Der Tourist aus der Zukunft beobachtet die Zeit, nimmt sie und ihre Anzeichen wahr. Er schießt mit einer Kamera, die selbst das Souvenir einer Reise in eine noch weitere Vergangenheit ist, Erinnerungsfotos aus seiner mit dem Klick vergangenen Gegenwart. Mutmaßungen über die Zufälligkeit seiner Aufenthaltsorte, all die Windungen, Haken, Sprünge und Lücken im Ablauf seiner Reise, lassen an der Qualität des verwendeten Reiseführers zweifeln. Das ist nicht verwunderlich, denn selbst der beste Reiseführer vermag nicht verlässlich in die Zukunft zu schauen. So taumeln wir ohne Anleitung mit all den anderen Touristen zwischen Vergangenheit und Zukunft hin und her.

Der experimentelle Kurzfilm ist unter mjuer.de im Netz anzusehen.




Rote Blaupausen. Ein Wegweiser zu alten und neuen Utopien

von Dirk Jürgensen ...

Wir brauchen Utopien – Teil 4

Wolfgang Both - Rote Blaupausen. Eine kurze Geschichte der sozialistischen Utopien

Wolfgang Both – Rote Blaupausen

– Spätestens seit dem durchaus verdienten Zusammenbruch der sozialistischen Systeme und der darauf folgenden konkurrenzlosen Allmacht kapitalistisch geprägter Gesellschaften scheinen Sozialutopien keinen Platz mehr in unserer Vorstellungswelt zu haben. Das ist verständlich, denn der Kapitalismus lebt von der Hoffnung auf Besserung, auf ein grenzenloses Wachstum ohne Ziel. Das Erreichen eines Ziels, ein Idealzustand passt nicht in dieses Denken, denn nach dem Zieleinlauf, nach dem Eintreten von Zufriedenheit, würde Stillstand eintreten. Das wäre fatal für den Kapitalismus und ist aber eine vielleicht etwas zu kurz formulierte, nach meinem Verständnis jedoch zutreffende Erklärung dafür, warum es Utopien derzeit so schwer haben.

Die Ideen der frühen Sozialisten und Kommunisten werden sogar von innigsten Vertretern des Kapitalismus mit einem Lächeln als gut gemeint, als Idealistisch anerkannt, jedoch für undurchführbar gehalten. Utopien eben, die mit Hirngespinsten, unerreichbaren Wunschvorstellungen seltsamer

Ein Begriff, den ich aufgrund seiner meistens von konservativen bis sehr rechtsgerichteten Kritikern in seiner negativen Belegung ablehne. Was will man denn sein, wenn es kein „Gutmensch“ sein darf, ein „Schlechtmensch“?
gleichgesetzt werden, die das nicht auszutreibende Machtstreben und die Raffgier des bewiesenermaßen unverbesserlichen Menschen leugnen. Diese immer wieder durchscheinenden miesen Eigenschaften des Menschen, so ist es einhellig zu hören, treiben die Wirtschaft an, sind Motor des Fortschritts und haben letzthin auch die auf Gerechtigkeit und Gemeineigentum fußenden Ideen der Sozialisten verraten.

Ich vermute, dass die von vielen Sozialisten seit Marx und Engels ausgesprochene Ablehnung der Utopie einen Teil zum Scheitern ihres Projekts beigetragen hat. Dieses „Bilderverbot“ hat den Menschen ihr Ziel, ihre Vorstellung einer besseren Zukunft genommen und dem Abweichen vom Weg dorthin nicht entgegensetzen können. Der Mensch braucht Bilder, wenn diese auch wissenschaftlichen Methoden nicht standhalten können. Wer sagt denn, dass sie es müssen?

Einen aufschlussreichen Beitrag (nicht nur) zur Beantwortung dieser Frage leistet Wolfgang Both in seinem Buch „Rote Blaupausen – Eine kurze Geschichte der sozialistischen Utopien“. Neben Edward Bellamy und Mack Reynolds werden darin zahlreiche bekannte und unbekannte Schriftsteller aus verschiedenen Ländern vorgestellt, die es wert sind, wieder einmal aufgelegt, gelesen und besprochen zu werden. Auch macht „Rote Blaupausen“ Appetit auf eine Fortführung utopischer Entwürfe der Vergangenheit, denn Both schreibt:

„Die Anzahl der Weltentwürfe mag geringer geworden sein. Aber die Auseinandersetzung über die Gestaltung einer freien und gleichen Gesellschaft, über die gerechte Verteilung von Gütern und den Reichtum der Welt geht in vielen Kreisen weiter. Die wachsende Komplexität unserer Welt und unser Bewusstsein davon erfordern noch gewagtere Entwürfe als die hier besprochenen. “ (Rote Blaupausen S. 206)

Ja, wir brauchen Utopien.

Ein empfehlenswerter Wegweiser zu alten und neuen Utopien, wenngleich leider recht kostspielig:

Wolfgang Both

Rote Blaupausen. Eine kurze Geschichte der sozialistischen Utopien

Utopisch-Phantastische Bibliothek, Sonderband

Auf 222 Exemplare limitierte und nummerierte Ausgabe

Leinen mit Schutzumschlag | 238 Seiten | Euro 49,00

ISBN 978-3-926126-83-2

Bei Ihrem örtlichen Buchhändler zu bestellen!




Vom Vorwurf der Parteinahme in Kriegszeiten

von Dirk Jürgensen ...

Oder: Wem nützt die ständige Vereinfachung und Zuweisung vorgeblicher Parteinahme?

Foto: ©Jürgensen - Düssseldorf

Foto: ©Jürgensen – Düssseldorf

Ich halte Putin für einen gefährlichen Macho mit sehr fragwürdiger Geheimdienstvergangenheit und den russischen Kapitalismus für mindestens so menschenverachtend wie den us-amerikanischen. Merkels Ergebenheit gegenüber Bush und Obama widert mich an. Ich kritisiere die Politik der israelischen Regierung und hasse keinen Juden, wie ich auch die Russen nicht hasse, obwohl ich nicht verstehen mag, warum sie mehrheitlich so einen wie Putin wählen. Muss man Homophobie und die Unterdrückung von Opposition in seine Kritik einbeziehen, wenn man viel zu liberale Waffengesetze und das noch immer nicht geschlossene Gefangenenlager in Guantanamo anprangert? Sind amerikanische Fundamentalisten christlicher Art schlimmere oder bessere Menschen als liberale, aber Steuern hinterziehende Bankvorstände? Wenn ich die demokratisch gewählte Regierung Israels kritisiere, weil sie mit ihrem Verhalten den radikalen Islamismus fördert, will ich übrigens nicht automatisch die mindestens ebenso bekloppten radikalen Kämpfer auf der anderen Seite vergessen zu kritisieren. Das klappt nur nicht immer im gleichen Satz. Man mag mir in diesem Sinne übrigens gerne vorwerfen, das gerechtfertigte Beschimpfen der Faschisten unter den Ukrainern unterlassen zu haben, als ich meine Ansicht über Putin und die von ihm zumindest geduldeten Separatisten erwähnte. Wie, ich hatte Letztere gar nicht erwähnt? Dann eben jetzt.

Immer, wenn ich der einen Seite eine verbale Ohrfeige verpasse, verschone ich die andere unbedingt abzuwatschende Seite. Oft weiß ich noch nicht einmal mehr, wer den jeweiligen Konflikt einst ausgelöste, doch habe ich vor vielen Jahren lernen müssen, dass das Nachsitzen nach einer Schulhofkeilerei beide Kontrahenten gleichermaßen und ohne Klärung der Schuldfrage trifft. Denn die Keilerei selbst war das Vergehen und von der Beteiligung daran konnte sich keine Seite freisprechen. Das könnte beruhigen.

Sicher ist das Verhältnis zwischen pubertär aufgeheizten weniger komplex und schon gar nicht so historisch aufgeladen als jenes zwischen Staaten oder ethnischen Mehr- und Minderheiten, aber eine Sache ist unbedingt festzuhalten:

In den meisten Kriegen kämpfen Arschlöcher gegen Arschlöcher. Das ist in der Ukraine so, in Syrien und anderswo im gleichen Maße.

Auch Deutschland ist noch lange keine arschlochfreie Zone. Im Gegenteil – und ich will noch nicht einmal ausschließen, dass ich in den Augen mancher Mitbürger selber eines bin. Wie auch immer ihr/Ihr Urteil ausfällt, bin ich überzeugt ein viel kleineres Arschloch zu sein, als es der Handelsvertreter eines Rüstungskonzerns ist, der sein Geld damit verdient. den kriegführenden Arschlöchern das gegenseitig massenhafte Unterdrücken und Mordenzu  ermöglichen. Letzthin ist es sogar fast egal, ob es besoffene Separatisten mit oder ohne Beteiligung russischer Söldner, ob überforderte oder ebenfalls besoffene Soldaten der ukrainischen Armee waren, die MH-17 abschossen, wer den Befehl dazu gab, wenn nicht geklärt wird, wer diesen Idioten die Raketen geliefert hat. Klären wir das, wenn wir wissen, dass tatsächlich ein Abschuss vorlag.

Trotz aller Offenheit und massenhaften Meinungsverbreitung dieser Tage, leben Kritiker in ihren weltweiten Foren und Blogs in einer schweren Zeit. Wer seine Kritik als Denkanstoß versteht, kann angesichts der schnellen und oft übermäßigen Reaktionen schnell den Mut verlieren. Ob die Kritik vollständig gelesen oder gar verstanden wurde, bleibt ungeklärt und das Denken verkommt zur Nebensache. Neben einem „like“ wird ihm in zunehmendem Maße und unabhängig von der Argumentationskette Ignoranz, Parteinahme und Blindheit auf dem ganz selbstverständlich falschen Auge vorgeworfen. Russenhass und Amerikahörigkeit lautet die Anklage der einen Seite, Ignorieren der Nazis in der Ukraine und bezahlte oder verblendete Putinversteherschaft die der anderen. Im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt wird ihm entweder das Einknicken vor dem sich ausbreitenden Islam oder andererseits Antisemitismus vorgeworfen. Wer achtet schon darauf, dass auch Araber und Palästinenser als Semiten gelten und darauf, dass diese Bezeichnung eine sprachgeschichtliche Bedeutung und keinesfalls eine religiöse hat. Meinung, Ansicht, Glaube, Vorurteil und Wissen. Manchmal wünscht man sich einen globalen Klassenlehrer, der alle Seiten nachsitzen lässt.

Die Ausgewogenheit eines Beobachters mindert keinen kriegerischen Konflikt, da die Fronten verhärtet sind. Ausgewogenheit ist dennoch ein wichtiger Aspekt. Besonders dann, wenn man seine Kritik mit einer Recherche an möglichst unterschiedlichen Quellen untermauert. Vollständig kann Ausgewogenheit niemals sein, denn kein Mensch und kein Prozess der Meinungsbildung ist perfekt und als endgültig richtig anzusehen. Der Irrtum liegt immer im Bereich des menschlich Wahrscheinlichen, wenn man ihn auch nach bestem Wissen und Gewissen zu vermeiden sucht. Hingegen ist eine gehörige Portion Einseitigkeit nötig, um eine Kritik griffig und genügend schmerzhaft zu gestalten. Einseitigkeit macht die andere Seite für Konter anfällig. Das sollte man hinnehmen. Diese Konter kommen mit Glück in sachlich stimmiger Form und ansonsten, so ist es aktuell in allen Foren zu beobachten, als simple Zuweisung vorgeblicher Parteinahme für die andere, für die „dunkle Seite der Macht“. Um es also mit einer Antwort auf die einleitende Frage zu versuchen:

Wer keine Diskussion will, wer eine Meinung nur duldet, wenn sie der eigenen entspricht, wer seinen Starrsinn oder seine indoktrinierte Sichtweise für unumstößlich und sogar für das Ergebnis eigener Erfahrungen hält, wer keine Argumente vorzubringen hat, nutzt es zur Schaffung seines Selbstwertgefühls, den anders Denkenden als parteilich zu bezeichnen.

Wer dem Glauben verfallen ist, dass der Feind eines Arschlochs automatisch keines ist, hat ein großes Problem.

In den meisten Fällen merkt er es aber nicht und ist somit unser aller Problem.