Peter Olsen, Fischer

Die Suche nach dem besten Licht

Der vorläufige 8. Teil der Norderschauholm-Chronik

  von Dirk Jürgensen …

Fischerboot © Jürgensen - DüsseldorfPeter Olsen stammte aus Steinberghaff. Seit Urgroßvater machte den Anfang, dann wurden die Männer in seiner Familie Fischer. Also musste auch er einer werden. Dabei hatte er immer Maler werden wollen. Kunstmaler. Natürlich wurde er Fischer.

Nachdem seine Eltern kurz nacheinander gestorben waren, verkaufte er ihr Haus, das Boot und die Netze, Reusen und Angeln, besorgte sich in Flensburg für einen Haufen Geld Malpapier, Aquarellfarben und Pinsel, packte den Kram auf einen Bollerwagen und zog immer die Küste entlang, auf der Suche nach dem besten Licht und einem Ort, an dem er ohne neugierige Blicke der künstlerisch eher unbedarften Landbevölkerung, denn eventuell sogar kritische Kiebitze konnte er gar nicht vertragen, das Meer malen konnte. Denn wenn er auch kein Fischer sein mochte, so liebte er dennoch die See, nur eben anders als die übrigen Männer seiner Familie.

Zieht man nun in Flensburg los und verfolgt die Küstenlinie in vollständiger Konsequenz, wird man in dieser Geschichte nach unzähligen Windungen um Holnis, Habernis und Birknack herum an den schmalen Landstreifen gelangen, der hinüber nach Norderschauholm führt. Wanderer bleiben nur kurz stehen, sehen, dass die Ostsee nur wenige Meter entfernt ebenso schön wie bisher an den meist steinigen Strand plätschert, und entscheiden sich gegen ein Abbiegen auf den Holm. Was soll da schon zu sehen sein, außerdem, wirkt die Straße nicht ein bisschen wie eine private Zufahrt? Peter Olsen überlegte nicht, denn die Küstenlinie bog ab, also hatte er abzubiegen. Privatwege kannte er nicht.

Auf dem Holm war man gerade wieder einmal mit den Vorbereitungen des Buttfestes beschäftigt und als Peter in den Krug einkehrte, um sich von den Strapazen seiner Wanderung zu erholen, fragte man ihn, ob er nicht beim Aufhängen der Girlanden helfen könne. Da man ihm dafür sogar das Essen spendieren wollte, half er ohne zu zögern. Zwei Mann trugen Leitern, zwei wickelten die Girlanden ab und wieder zwei knüpften diese an Haken, die an jedem Haus angebracht waren.

Als alle Girlanden im Zickzack von Haus zu Haus über der Dorfstraße gespannt waren, klopften sich die Männer gegenseitig stolz auf die Schultern und dann nach alter Tradition an jede Haustür. Sie riefen dabei genau dieser Tradition folgend »De Butt hät Dörst!«, worauf sich die Tür öffnete und eine ebenso traditionsbewusste Hausfrau – wenn dort gerade keine Frau wohnte, durfte es auch ein Mann sein – mit einem Tablett voller Kömgläser heraus trat. Mit einen »Dat hülft« wurde jedes einzelne Glas geleert und wenn die zum Nachschenken stets in Griffweite deponierte Flasche ebenfalls nur noch mit Luft gefüllt war, zogen die Männer dem Zickzacklauf ihrer Girlande folgend zur nächsten Tür, wo sich der große Durst des Plattfisches erneut äußerte und prompt löschen ließ.

Hätte es in Norderschauholm auch nur zwei Haustüren mehr gegeben, könnte ich die Geschichte Peter Olsens mit einer kurzen Beschreibung seines alkoholbedingten Sterbens an dieser Stelle beenden. Da Norderschauholm aber ein so kleines Dorf war, befiel Peter nur eine schwere und in ihrer Spiralförmigkeit enorm bewegliche Müdigkeit. Seine neuen Freunde nahmen ihn bei Händen und Füßen, trugen ihn laut lachend und sich wundernd, dass ein erwachsener Mann, ein so netter Kerl so wenig vertragen kann, zum Deich, den sie nach kaum einhundert Metern hinter den Häusern erreichten. An einem schattigen Platz unter der ausladenden Krone einer alten Eiche legten sie ihn ins Gras. Das ihm spendierte Mittagessen wurde ohne weitere Formalitäten auf den nächsten Tag verschoben. Irgendwann würde er schließlich wieder Hunger bekommen.

Peter Olsen erwachte. Irgendwann. Sein komplettes Hirn hämmerte unter seiner Schädeldecke wie der alte Dieselmotor im Kutter seines Vaters. Dabei hatte ihm jemand zur Dämpfung der Kolbenschläge ein altes Sofakissen untergeschoben. Benommen blickte er sich um und fand eine Wasserflasche im Gras, die ihm vermutlich jener Dorfbewohner, dem seit Stunden ein Kissen fehlte, gebracht haben musste.

Peter taumelte über den Kiesstrand zum Ufer, fütterte die Krebse, indem er sich die Seele aus den Leib kotzte, taumelte ein paar Meter seitwärts, um nicht in den stinkenden Brei zu treten, bekam nasse Füße, weil er auf einem Stein aus- und ins Wasser hineinrutschte, wusch sein Gesicht ein Stück weiter mit Meerwasser ab, holte tief Luft, ging mit wackligen Schritten zurück auf seinen Schlafplatz, nahm einen Schluck aus der Wasserflasche, noch einen Schluck, lege sich wieder hin, schob das Sofakissen zurecht, schloss die Augen vorsichtig, weil er eine gefährliche Kurvenfahrt fürchtete, schlief erfreulicherweise bald ein und wurde erst wieder wach, als die Sonne längst untergegangen war.

Das sanfte Gurgeln, das Plätschern der Ostsee, die so herrlich Harmlosigkeit vortäuschen kann, ließ Peter Olsen noch einen längeren Moment auf sich wirken, bis er sich endlich ganz langsam aufsetzte. Der Motor in seinem Kopf klopfte noch etwas, schien aber geschmiert worden zu sein, wodurch er sich einigermaßen ertragen ließ. Die angetrunkene Wasserflasche war durch einen neue ersetzt worden und dem Besitzer des Sofakissens fehlte nun auch noch ein Weidenkorb mit einigen Vorräten aus seiner Speisekammer. Mit Wurst belegte Brote, zwei gebratene Hähnchenschenkel und Käse fand er darin. Wer einen derart kapitalen Kater wie Peter Olsen zu besiegen hat, wird in seinem Schädel kaum noch Platz für positive Gedanken finden, er hingegen hatte immerhin einen, fühlte sich als Peter im Glück, der soeben ins Schlaraffenland gestolpert war.

Still war es um ihn herum. Bis auf das Gluckern der ansonsten ruhigen See, bis auf auf den unregelmäßigen Schrei einiger Seevögel, die wie er nicht schliefen, war nichts zu hören. Das Dorf lag unsichtbar irgendwo da hinten in der Dunkelheit. Das Schnarchen seiner Bewohner erreichte ihn nicht. Er konnte sich gut vorstellen, hier als Maler zu bleiben. Doch ein Maler benötigt Licht, also musste er den Tagesanbruch abwarten, bis er seine Entscheidung fällen konnte.

Ob er einfach nur ausgeschlafen hatte, oder er ihn dieses Rascheln weckte, das er neben sich wahrnahm, bleibt ungeklärt. Mit großer Sicherheit kann ich jedoch behaupten, dass Peter Olsen nicht schlecht erstaunt war, als er, von einer grellen Helligkeit überrascht blinzeln musste, um zu erkennen, was um ihn herum geschah, besser, wer ihm so unerwartet Gesellschaft leistete, noch besser, wer die Reste seiner nächtlichen Mahlzeit einsammelte und in den Weidenkorb packte, am besten, was oder wer ihn noch mehr blendete als die vom Meer reflektierte Morgensonne.

Nicht, dass Peter schüchtern war und Probleme hatte, Fremden gegenüber Worte zu finden, es war eher so, dass die Schöne Luisa ihn vermuten ließ, noch zu schlafen und der endlich verdunstete Alkohol ihm einen angenehmen Traum von einer Südseeinsel ermöglichte, auf der er als Schiffbrüchiger gestrandet sein musste. Entgegen seinem sonstigen Schlafverhalten setzte er sich auf, musste, mit offenem Mund und verkniffenen Augen einen eher hilflosen Eindruck dargeboten haben, als ihm kein »Aloha«, sondern ein nicht zu laut ausgesprochenes »Moin! Gut geschlafen?« den Eingang in die norddeutsche Realität öffnete. Dabei blieb das, was seine Augen aus der Umgebung des Ostseestrandes herausgefilterten, weiterhin exotisch.

Die Schöne Luisa, alle in Norderschauholm nannten sie so, stammte zwar nicht von Hawaii oder aus der Südsee, sie war als Tochter von Greta Jensen auf dem Jensenhof geboren, doch ihr Vater stammte aus der Karibik, wo es ihn nach seinem plötzlichen Verschwinden höchstwahrscheinlich wieder hingezogen hatte. Ihr schwarzes Haar, ihre dunkelbraunen Augen und ihre kupfernfarbene Haut übten in einem Land, in dem man üblicherweise blond und blass oder rothaarig, sommersprossig und noch blasser war, einen besonderen Reiz aus. Auf Peter Olsen ganz besonders. Norderschauholm zeigte sich ihm im besten Licht.


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© Dirk Jürgensen – Veröffentlichungen des Textes und der Bilder, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.