Hinrich Groth

Der stumme Schweizer

Der vorläufige 6. Teil der Norderschauholm-Chronik

  von Dirk Jürgensen …

Angeliter Kuh © Jürgensen - DüsseldorfHinrich Groth war ein Findelkind. Unbekannte hatten ihn eines Nachts am Brunnen vor dem Pfarrhaus in Arnis abgelegt. An der verschlissenen Wolldecke, in die der Säugling eingewickelt war, heftete ein Zettel mit seinem Vornamen. Die Frau des Pfarrers hätte ihn gern Jehann, also Johannes gerufen, denn der Fundort erinnerte sie an »Min Jehann«, dem berühmten Gedicht von Klaus Groth.

Nein, hatte sich der Pfarrer durchgesetzt, man könne trotz aller Verfehlung den Wunsch seiner unbekannten Mutter nicht ausschlagen. Der Junge müsse den Namen Hinrich tragen.

Da er sich jedoch seiner Frau – und nur ihr – gegenüber gerne als kompromissbereit zeigte, bot er ihr an, dem an der Situation unschuldigen Kind kraft seines Amtes den Familiennamen Groth zu geben, und da es im Pfarrhaushalt noch einige wichtigere Dinge zu tun gab, war sie mit dieser Regelung ohne weitere Diskussion einverstanden.

Hinrich Groth also verbrachte seine ersten Lebensjahre im Pfarrhaus von Arnis.

Bis er das Laufen erlernte und kurz danach verlief seine Entwicklung in zufriedenstellenden Bahnen und Hinrich war eines der unzähligen geliebten Kinder, die dieses von christlichem Fleiß und vorbildlicher Fruchtbarkeit geprägte Pfarrhaus Jahr für Jahr in wachsender Zahl beherbergte.

Doch als es darum ging etwas zu erlernen, Wettkämpfe mit den anderen Kindern auszutragen oder in Haushalt und Garten eine Hilfe zu sein, so, wie man es damals von Kindern erwartete, wurde Hinrich zum schwierigen Kind, verstummte mehr und mehr, wurde zeitweise recht mürrisch und kanzelte sich von seinen Stiefgeschwistern ab. Er schien deren viel zu eilige Entwicklung zum Erwachsenen nicht mitmachen zu wollen. Beim Lesen und Rechnen kam Hinrich nicht über rudimentäre Ansätze hinaus und ein Interesse an Handwerk und Handel – in Arnis hatte damals alles und jedes mit dem Bootsbau, der Fischerei und hinterher dem Verkauf der Fische zu tun – konnte dem verstockten Jungen einfach nicht eingeprügelt werden.

Da nicht einmal Gebete und das tagelange Einsperren in den Hühnerstall fruchteten, versuchte ihn der Pastor bei den Bauern in der Umgebung unterzukriegen. Nach fünf vergeblichen Anläufen, jedes Mal hatte Hinrich nach wenigen Tagen das Weite gesucht oder war von den Bauern fortgejagt worden, stand dieser wie ein tief eingeschlagener Weidepfahl starr und stumm vor dem Pfarrhaus von Arnis.

Eines Tages, Hinrich hatte das Alter von wohl zwölf Jahren erreicht, übernahm die Pfarrersfrau die Initiative, schließlich hatte sie genug mit ihrer eigenen Brut zu tun.

Ihr war in den Sinn gekommen, dass diesem ungewöhnlichen Knirps nur eine ungewöhnliche Umgebung auf den einigermaßen rechten Weg helfen könne. Sie setzte ihn kurzentschlossen neben sich auf den Pferdewagen und fuhr mit ihm nach Norderschauholm, wo sie, da man endlich eine Landverbindung auf die Insel geschaffen hatte, ohnehin gerne ein paar Einkäufe auf dem Jensenhof erledigte, bei dieser Gelegenheit ihre Neugierde bezüglich der eigentlich unerhörten Verhältnisse auf dem Holm befriedigte und dazu stundenlang bei mindestens einer Kanne Kaffee und gigantischen Tortenstücken mit Greta Jensen schwatzte.

Greta war in dieser Zeit gerade Anfang Zwanzig, führte den Hof dennoch schon allein und das viel zu kurze Abenteuer mit Amadeo – das ich an anderer Stelle gerne erzähle – sollte sich erst in einigen Jahren ergeben. Zwar wurde sie in ihrer Landwirtschaft tatkräftig von den Bewohnern des Dorfes unterstützt, doch konnte sie sich gut vorstellen, einen jungen Knecht – das Wort war ihr allerdings zuwider – zu beschäftigen. Sie wusste nicht warum, aber die zarten Hände des Jungen hatten es ihr angetan, obwohl das auf einem Bauernhof damals kaum das richtige Kriterium für eine erfolgreiche Bewerbung gewesen sein dürfte.

So landete Hinrich Groth also auf dem Jensenhof, den er zeit seines Lebens nicht mehr verlassen sollte.

Hinrich gefiel seine neue Heimat, in der man nicht zu viel von ihm verlangte und er in keiner Konkurrenzsituation stand. Hinrich war nicht stumm, er redete nur nicht gern, am besten gar nicht. Er kam auch so klar und es machte ihm nichts aus, dass die Dörfler ihn nur als den stummen Hinrich kannten. Von der Feldarbeit und den Reparaturarbeiten an den Landmaschinen versuchte er sich so gut wie möglich fernzuhalten, doch wenn man ihn suchte, fand man ihn bei den Kühen.

Als Greta einmal von ihm unbemerkt den Kuhstall betrat, hörte sie Hinrich flüstern. Sich anschleichend, kurz hinter im stehend, sich halb hinter einer Säule verbergend, verstand sie seine Worte. Er trug den roten Angelitern das alle Norddeutschen zu Tränen rührende Gedicht vor, das ihm seinen Familiennamen verschafft hatte.

»Ich wull, wie weern noch kleen Jehann,
do weer de Welt so grot!«

Selbst die Kühe schienen ergriffen, muhten nicht, hielten sogar ihre Schwänze still und ließen die fetten Fliegen für diesen Moment gewähren. Als Hinrich bei
»Denn dreih ik mi so hasti üm,
as weer ik nich alleen«
angekommen war, musste Greta in Erwartung der Schlusszeile schniefen, zu laut, was den Jungen erschreckte und sofort verstummen ließ.

Greta wusste sich angesichts ihres schlechten Gewissens nicht anders zu helfen, als so zu tun, als hätte sie gar nichts gehört und fragte unvermittelt, ob sie ihm nicht das Melken zeigen solle. Er würde sich doch so gut mit den Kühen verstehen. Hinrich, sich fragend, ob die Bäuerin vielleicht oder vielleicht doch nicht gelauscht haben könnte, willigte mit einem kurzen Kopfnicken ein.

Hinrich lernte schnell, konnte es bald nicht mehr erwarten, die Kühe von der Weide in den Stall zu führen und mit dem Melken zu beginnen. Stolz lief er in den ersten Wochen zu Greta, holte sie in den Stall und zeigte ihr jeden einzelnen Eimer mit dem Ergebnis.

Aus dem stummen Hinrich war der der stumme Schweizer geworden, denn so werden hierzulande die Melker genannt.

Nun war es nicht damit genug, dass Hinrich Groth endlich einen Beruf gefunden hatte, der ihn mit etwas Zufriedenheit erfüllen konnte, er war auch ein mehr als guter Schweizer und Greta begriff, warum ihr seine Hände so gut gefallen hatten, damals, als die Pfarrersfrau ihn auf dem Jensenhof ablieferte.

Nicht allein die Bäuerin war übrigens mit ihrem Schweizer hochzufrieden, auch die Kühe waren es und dankten die Kunst seiner zarten Hände, indem sie mindestens zwanzig Prozent mehr Milch als bisher lieferten. Nach ungefähr drei Jahren waren es sogar dreißig Prozent mehr. Dienten die Kühe des Jensenhofs früher allein der Versorgung des Holms mit Milch und Käse, konnte jetzt sogar ein Teil an die Meierei auf dem Festland verkauft werden.

Die Qualität des Melkers hatte sich bald im weiten Kreis herumgesprochen und es kamen Bauern vom Festland, die von ihm persönlich erfahren wollten, warum denn ihre Kuh so viel weniger Milch im Euter hatte, als jede einzelne des Jensenhofs.

Da Hinrich indes nicht mit den Bauern sprach, übernahm Greta die Rolle der Mittlerin und bot ihnen an, ihre Kuh für zwei Wochen auf dem Jensenhof zu lassen. Hinrich würde sich das gute Tier einmal anschauen und als Preis für diese Dienstleistung forderte sie nicht mehr als die Milch, die die Kuh in diesen vierzehn Tagen geben würde.

Die Bauern waren angesichts der geringen Kosten einverstanden und ihre Kühe entwickelten sich bereits nach wenigen Tagen prächtig und gaben mehr und mehr Milch.

Am Tag der Abholung des Patienten wurde seinem jeweiligen Eigentümer im Rahmen einer Melkvorführung der Erfolg des Kuraufenthalts nachgewiesen. Gemeinsam, glücklich und zufrieden verließen Kuh und Bauer den Jensenhof.

Leider waren die Heilungserfolge stets von kurzfristiger Natur. Kaum stand die Kuh seit ein paar Tagen wieder in ihrem alten Stall, war es mit der Herrlichkeit vorbei und das Euter war so trocken wie zuvor. Und als sich die Misserfolge ebenso schnell wie der wunderbare Milchreichtum des Holms herumgesprochen hatten, wuchs in den Bauern der Umgebung die Einsicht, dass ihre Kühe einzig mit den Händen Hinrichs zur Hochleistung gelangen könnten.

In der Folge konnte sich Greta nur mit Mühe den immer zahlreicher werdender Abwerbungsversuche bezüglich ihres Schweizer erwehren.

Eigentlich war eine solche Abwehr nicht erforderlich, denn Hinrich wäre niemals an einen anderen Hof gegangen, aber die ständigen Besuche vom Festland, die nur dieses eine Ziel hatten, hielten die Bäuerin ärgerlich oft von ihrer Arbeit ab. Erst ein eigens an der Zufahrtsstraße angebrachtes Schild mit der Aufschrift »Unser Schweizer bleibt auf dem Holm« ließ die Abwerbungsversuche langsam abebben, bis sie nach vielleicht zwei Jahren vollends versiegt waren und der Jensenhof in dieser Sache zur Ruhe kam.

Jahre später, Hinrich war längst erwachsen geworden, die Zahl der von ihm betreuten Kühe von acht auf siebenundzwanzig angewachsen, der Jensenhof hatte für einen Winter lang Amadeo, den Gast aus der Karibik beherbergt und dieser der Bäuerin eine schöne Tochter hinterlassen, blieb der Schweizer weiterhin meistens stumm, außer, er sagte den Kühen an ungefähr jedem zweiten Abend das schöne Gedicht von Klaus Groth auf. Immer bis zum Ende und ohne, dass ihn die Anwesenheit der Bäuerin störte und ohne die traurigen letzten Zeilen trotz ihrer Tränen auszulassen.

»Doch allens, wat ik finn, Jehann,
dat is – ik sta un ween.«

Hinrich hatte sich nicht länger gewehrt erwachsen zu werden, doch seine Hände waren noch so zart wie vor Jahren. Greta wusste das sehr zu schätzen und stellte Hinrich eine dieser neumodischen Melkmaschinen in den Stall. Schließlich helfen Gedichte allein sogar in Norderschauholm höchst selten gegen Einsamkeit.


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© Dirk Jürgensen – Veröffentlichungen des Textes und der Bilder, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.


Klaus Groth

Min Jehann

Ik wull, wi weern noch kleen, Jehann,
do weer de Welt so grot!
Wi seten op den Steen, Jehann,
weest noch? bi Nawers Sot.
An Heben seil de stille Maan,
wi segen, wa he leep,
un snacken, wa de Himmel hoch
un wa de Sot wil deep.

Weest noch, wa still dat weer, Jehann?
Dar röhr keen Blatt an Bom.
So is dat nu ni mehr, Jehann,
as höchstens noch in Drom.
Och ne, wenn do de Scheper sung
alleen int wide Feld:
Ni wahr, Jehann? dat weer en Ton!
De eenzige op de Welt.

Mitünner inne Schummertid
denn ward mi so to Moth.
Denn löppt mi’t langs den Rügg so hitt,
as domals bi den Sot.
Denn dreih ik mi so hasti üm,
as weer ik nich alleen:
Doch allens, wat ik finn, Jehann,
dat is – ik sta un ween.

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