Die Hexenprüfung

Eine Rettungsaktion in Zeiten der Pest

Der vorläufige 9. Teil der Norderschauholm-Chronik

  von Dirk Jürgensen …

Im Versteck © Jürgensen - DüsseldorfEs muss sich irgendwann im 16. Jahrhundert zugetragen haben, als der etwa vierzehnjährige Ole, der die Insulaner sonst mit den von seiner Mutter gewebten Stoffen im Tauschgeschäft gegen Fisch, Wurst oder Käse versorgte, seinen Kahn am Fähranleger von Norderschauholm festmachte. Diesmal hatte er keine Ware geladen.

Völlig aufgelöst kam er ins Dorf gerannt und erzählte dem Erstbesten, dass seine Mutter den frühen Tod seines Vaters nach Meinung des Pfarrers und somit aller übrigen Dorfbewohner mit dem Ausspruch eines Fluchs verschuldet haben soll, den sie ihm, als er mit einigen Stoffballen beladen auf eine Handelsreise ging, zugerufen haben soll. Wer diesen Fluch gehört und von diesem weiter erzählt habe, wisse er nicht. Dabei habe seine Mutter niemals ein schlechtes Wort über ihren Mann verloren, immer sei sie während seiner langen Handelsreisen bis nach Lübeck und viel weiter in großer Sorge um ihn gewesen. Zu Recht, denn wie ein Verwandter aus Eckernförde berichtete, musste sich Oles Vater den Schwarzen Tod in Lübeck geholt haben und sei auf der Heimreise nur noch bis zur Eckernförder Bucht gekommen, wo man ihn auf einem Haufen voller Pestleichen verbrannt habe. Die Wahrheit sei den Leuten in seinem Dorf egal. Sie wollten nicht, dass der vermeintliche Fluch die Pest ins Land locke. Daher hatten sie seine Mutter eingesperrt und wollten am Abend des dritten Tages prüfen, ob ihr das Hexentum nachgewiesen werden könne eine.

Bekanntermaßen lief ein solcher Test für die Angeklagte stets tödlich ab. Gefesselt schmiss man die zu beurteilende Frau – in seltenen Ausnahmefällen konnte es auch ein der Hexerei verdächtigter Mann sein – in tiefes Wasser. Blieb sie oben, musste sie aufgrund solch ungewöhnlichen Verhaltens verständlicherweise eine Hexe sein und demnach bald auf einem Scheiterhaufen brennen, ging sie jedoch unter, war sie höchstwahrscheinlich keine und erfuhr durch ihr Ertrinken die Erlösung von allen möglichen sonstigen Übeln, von denen sich selbst die besten Seelen nicht freisprechen konnten. Gerechtigkeit war damals wie heute eine relative Angelegenheit.

Diese im Landstrich erste Hexenprüfung sollte nun, wie Ole heimlich belauschten Gesprächen entnehmen konnte, mitten im Sund zwischen dem Festland und dem Holm stattfinden, an einer Stelle, die vom Land aus gut zu beobachten und tief genug war, um der gegebenenfalls unschuldigen Frau die Gnade des Ertrinkens gewähren zu können. Die Insulaner hörten dem Jungen voller Mitgefühl geduldig zu. Einer hatte die Idee, den damals auf der Insel lebenden Erfinder Jens Tüddersen zu fragen, ob dieser nicht etwas machen könnte. Tüddersen, der seit Jahren an verschiedensten Taucherglocken experimentierte, konnte tatsächlich etwas machen. Zwei Jahre zuvor hatte er unter Mithilfe der Dörfler eine Vorrichtung gebaut, die, wie er hoffte, zwei Personen mindestens eine Stunde lang Atemluft bieten könnte. Sie sollte dem Bergen von Schätzen aus den während der häufigen Ostseekriegen versenkten Schiffe dienen, wurde aber niemals eingesetzt, da ihr Einsatz in den erforderlichen Tiefen von mehr als zwanzig Metern nicht gelang. Die tiefste Stelle des Sunds lag jedoch bei nur ungefähr fünf Metern. Kein Problem also, wie Tüddersen versicherte.

Eine solche Taucherglocke muss man sich wie ein halbes und daher an einer Seite offenes Fass von anderthalb Metern Durchmesser vorstellen, auf dessen Außenseite eine Vielzahl von eisernen Ösen angebracht waren, durch die man dicke Taue für die Gewichte führte, die die Taucherglocke irgendwo zwischen Grund und Wasseroberfläche austariert schweben lassen sollten.

Das Schwierigste beim Versenken des Glockenfasses war das Halten des Gleichgewichts. Keines der Gewichte durfte schwerer als ein anderes sein und alles musste mit einem Mal zu Wasser gelassen werden, sonst würde die Konstruktion kippen und Taucherglocke als tauchende Glocke ohne eine Luftblase festzuhalten torkelnd untergehen, um den Fischen des Meeresgrundes endlich auf der Seite liegend einen großzügigen Unterschlupf zu bieten.

Tüddersen hatte errechnet, dass es sicherer sei, eine ungerade Zahl von Gewichten zu verwenden, um das Kippen beim Versenken zu verhindern. Aus diesem Grund hatte er für diese Glocke fünf Schiffsanker bereitliegen, die er seinerzeit bei einem Eisengießer in Kiel bestellt hatte. Schiffsanker hielt er für besser geeignet als große Steine, da diese Anker ein jeweils gleiches Gewicht aufwiesen und auch bei größerer Strömung ein Abdriften der Konstruktion verhinderten.

Sofort holten sie die in einer Scheune lagernde Taucherglocke nach draußen. Da man der Sache aufgrund der langen Lagerung nicht so ganz traute, wurde das Fass vorsichtshalber nochmal mit Pech dicht gemacht.

In der Nacht vor der Hexenprüfung vertäuten die Holmer vier gleich große Boote miteinander jeweils an Bug und Steven, legten lange Bohlen, die für den Bau eines Hauses bereitgelegen hatten, als Stege darüber und errichteten ein Spitzdach aus weiteren Bohlen. In der Mitte dieser Konstruktion, die uns heute wie eine altertümliche Bohrinsel vorkommen müsste, befand sich an einem Haken hängend die Taucherglocke mit ihren Ankerseilen und Gewichten. Glücklicherweise – oder sollte man es als vorgezogenes Gottesurteil werten? – war es an diesem Tag windstill. Jede Dünung hätte den Plan bereits in diesem Stadium scheitern lassen. Die Boote lagen so tief und schwer im Wasser, dass jede zu hastige Bewegung, selbst die Landung einer Möwe auf der Krankonstruktion, zum Volllaufen und vorzeitigen Sinken geführt hätte.

Um es kurz zu fassen: Mit viel Geschick und noch viel mehr Glück wurde die Taucherglocke an Ort und richtiger Stelle deponiert und schwebte mit einer gehörigen Luftblase in ihrem Innern weniger als einen Meter unter der Wasseroberfläche.

Der beste Schwimmer und Taucher des Holms – in einer Zeit, da kaum ein Mensch das Schwimmern erlernte, beschränkte sich die Auswahl auf nur zwei Personen – sollte nun hinunter und das Vorhandensein der Blase bestätigen und so eine Generalprobe für die morgige Rettungsaktion ablegen. Auch der zweite Mann ließ sich nicht nehmen, einen Probelauf durchzuführen. Alles lief wie gewünscht.

Zufrieden mit sich und ihrem Plan demontierten die Holmer nur noch schnell ihre Bohrinsel, machten ihre Boote am Steg fest und ruhten sich für den kommenden Tag aus.

Der Tag der Hexenprüfung war gekommen und begann an beiden Ufern aus unterschiedlichen Gründen in gespannter Stille. Der Sohn der vermeintlichen Hexe hatte seine Mutter für einen Moment besuchen dürfen und ihr dabei Andeutungen machen können, dass sie sich nicht zu sehr fürchten solle, da die Holmer eine Rettungsaktion geplant hätten.

Bei Einbruch der Dunkelheit zog ein Fackelzug der Festländer vom Pfarrer angeführt zum Strand. Sie setzten die Delinquentin in ein Boot, in dem bereits ein mit einer schwarzen Kutte Gekleideter und ein Ruderer wartete. Der Pfarrer sprach ein Vaterunser und forderte den Ruderer auf, in die Riemen zu gehen, damit das gerechte Urteil schnellstmöglich gesprochen werde.

Bald war das Boot an der tiefsten Stelle des Sunds angekommen, dort wo der Fackelschein vom Festland her so gerade noch hin leuchtete. Im Hintergrund hielten sich die Holmer als vermeintliche Schaulustige in ihren Booten. Auch sie hielten Fackeln in ihren Händen und verbesserten damit die Sicht der Festländer erheblich. Die beiden Taucher warteten, vom Festland und vom Boot des Scharfrichters aus unsichtbar im Wasser, am einem Bootsrand fest. Der schwarz Gekleidete erhob sich, zog die Gefesselte ebenfalls hoch und schob sie zum Bug des Bootes. Vom Ufer her hörten sie den Kirchenmann, wie er erneut ein Gebet sprach und das Kreuz erhob.

Etwas zu früh, manche behaupteten hinterher, der Pastor sei mitten in seinem letzten Satz gewesen, stieß der schwarze Mann die Frau ins Wasser. Man hörte einen dumpfen Schrei, ein Platschen, nichts mehr. Zur Überraschung des Publikums versank die Frau sehr schnell im Wasser. In diesem Moment warfen die Holmer ihre Fackeln ins Wasser, was die Sicht zwar erheblich verschlechterte, aber der Erleichterung in den Gemütern des Publikums keinen Abbruch tat, schließlich bedeutete das schnelle Ertrinken der Weberin, dass man keine Hexe in ihren Reihen habe dulden müssen.

Die Rettungsaktion lief wie am Schnürchen. Beide Taucher hatten sich entschlossen, die Weberin gemeinsam unter Wasser und in die Taucherglocke zu ziehen. Darin angekommen, wurden eilig ihre Fesseln gelöst und einige Minuten gewartet, bis sich das Boot des Scharfrichters auf seinen Rückweg begab. Ein Holmer Boot näherte sich dem Richtplatz, die Taucher führten die Befreite in einem letzten Tauchgang nach oben, hielten sich an der vom Land abgewandten Seite des Boots fest, warteten, bis der Pastor die Gemeinde frohen Mutes und in der Hoffnung auf ein Paradies im Jenseits, nach Hause schickte. Kurz ermahnte er den überzeugend jammernden Ole noch, sich dem Herrn mit einem Gebet seine Dankbarkeit für sein klares und gerechtes Urteil zu erweisen.

Nach und nach zogen die Schaulustigen befriedigt nach Hause, nahmen ihren Fackeln mit und diskutierten eifrig, wer denn demnächst die Weberei übernehmen solle.

Der Junge musste noch in der Rolle des einsam Trauernden am Strand bleiben und ruderte beruhigt, nachdem er ein ein verabredetes Signal wahrnehmen konnte, kurz vor Anbruch der Morgendämmerung hinüber zur Insel.

Niemand in seiner alten Umgebung wunderte sich über sein Verschwinden. Mutter und Sohn waren von nun an Neubürger des Holms, wo sie vorsichtshalber andere Namen erhielten.

Die Taucherglocke konnte geborgen werden und diente nach diesem Erfolg in vier weiteren Fällen der Rettung mutmaßlicher Hexen, bis sich nach Jahren auch auf dem nahen Festland die Einsicht durchsetzte, dass es mit den Hexen in ihrem Landkreis nicht so weit her zu sein schien, schließlich konnte keine Einzige der Zauberei überführt werden, wenngleich einzelne misstrauische Stimmen zu hören waren, die fragten, wieso denn niemals die Leichen der Frauen angespült würden. Die Strömung, meinten die Alten, die hungrigen Aale, meinten die Jüngeren bis niemand mehr fragen mochte. Stattdessen jagten sie lieber den Pfarrer und seinen Scharfrichter fort, als dass sie einen weiteren Frauenmangel riskierten.


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© Dirk Jürgensen – Veröffentlichungen des Textes und der Bilder, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.