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Paul Auster – The book of illusions

von Maria Jürgensen (Marie van Bilk) ...

Bücher von Paul Auster sind mir während meines Studiums der Anglistik in Köln intensiver begegnet. Ich glaube, „Stadt aus Glas“ war das erste Buch, das ich während meiner Buchhändlerinnenzeit von ihm las. Inzwischen ist das so lange her, dass es zweifelsohne Sinn ergäbe, mir die New York Trilogie nochmals vorzunehmen.

Das Buch, von dem ich Euch heute erzählen will, ist ebenfalls ein Re-Read. Wie bei vielen Büchern von Auster hat der Protagonist, David Zimmer (im Roman „Mond über Manhattan“ bereits Figur), Erschütterndes zu verarbeiten. Der Universitätsprofessor verliert seine Frau und seine Kinder bei einem Flugzeugabsturz. Er flüchtet sich in Alkohol, die Einsamkeit einer hässlichen Einsiedlerklause und schließlich ins Schreiben über den Stummfilmstar Hector Man. Die Veröffentlichung seines Buches veranlasst die Ehefrau des bislang als verschollen geglaubten Schauspielers Zimmer zu kontaktieren. Sie behauptet Hector Man sei noch am Leben, stehe aber an der Schwelle des Todes und der Autor möge sich beeilen, ihn zu besuchen. Der jedoch verweigert sich und übersetzt lieber die Autobiographie Francois-René de Chateaubriand, „Mémoires d’outre-tombe“, zu der es eine Reihe von Anspielungen in dem Buch gibt. Auch hier vermischen sich Ebenen der Illusion mit der Realität, die wiederum im Roman Austers zur Illusion werden. Eines Abends taucht eine fremde Frau vor seiner Haustür auf, um ihn davon zu überzeugen, seine Meinung noch zu ändern.

Wie Auster ist Zimmer Autor, im selben Jahr geboren. Im Buch wird der fiktive Film „Das Innenleben des Martin Frost“ beschrieben. Auster hat den Film Realität werden lassen, ein Drehbuch geschrieben und Regie geführt. In seinen Büchern tauchen Figuren oft nochmals auf.

Schon in der Stadt aus Glas wechselt der Protagonist seine Identitäten.  In 4, 3, 2, 1 erleben wir vier verschiedene Möglichkeiten eines Lebens. Oft sind Austers Figuren Schriftsteller, die im Chaos vergeblich nach Orientierung suchen, weil ein Chaos das nächste gebiert und erneut nach Ordnung verlangt. Ordnung, das ist vornehmlich Sprache, das Sich-Wiederfinden im Erklären, Versprachlichen der Welt, jenseits aller Schicksalsschläge und Schmerzen.

Das Buch ist ein Meisterstück. Was ist wahr, was eine Lüge? Wo beginnt Illusion und wo die Wirklichkeit? Tod und Leben, Fiktion, Traum und Realität, Identität und Zuschreibung – in Austers Händen verwandelt sich das eine in das andere und umgekehrt. Alles ist im Fluss und ändert ständig seine Form. Gestalt gewinnt nur das, was sich beschreiben lässt.

© Marie van Bilk/Maria Jürgensen – Veröffentlichungen, auch in Auszügen nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin.

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