Wie Leder in der Kälte

Und dann hätte man der Pegida nicht einmal die Autobahnen zu verdanken

 von Dirk Jürgensen …

20.000 Menschen behaupten in Dresden einmal mehr das Volk zu sein. Damit meinen sie nicht das Volk der Pegida-Anhänger, sondern das Volk der Deutschen. Selbstverständlich bemerken sie nicht, dass sich 80 Millionen Deutsche nicht ohne weiteres von den kruden Ansichten dieser 20.000 vereinnahmen lassen wollen.
Das Volk? - © Jürgensen - DüsseldorfNun möchte ich die Menschen auf Dresdens Straßen nicht als Hochstapler oder gar Lügner titulieren. Wenn man sich inmitten einer größeren Menschenansammlung aufhält, kann sich schon mal eine gewisse Überheblichkeit einstellen, sich das Maß der Selbsteinschätzung verlogen gehen. Wer sich einmal im Fanblock eines Fußballstadions aufgehalten hat, wird verstehen, wie aus dem Erfolgswunsch für die eigene Mannschaft ein Wirgefühl entstehen und in der Masse explodieren kann. Anders wird es auf der Straße für einen durchschnittlich ungebildeten Mitbürger auch nicht sein, wenn, unterfüttert von der Hetze der Bildzeitung gegen die Griechen, vom Konkretisieren einst unterschwelliger Ängste gegen Europa und all die Ausländer dort, gegen Fremde allgemein, gegen unbekannte Religionen, die eigene Aussichtslosigkeit und überhaupt… durch Schuldzuweisungen nationalistischer Demagogen plötzlich alles Komplizierte dieser Welt so verständlich wird. Klar, dass die Begriffsverdrehungen, die brutalen Vereinfachungen, die alle Demagogen gerne verwenden, in der erlebten Masseneuphorie nicht bemerkt werden. So wird „Lügenpresse“ skandiert, oblgeich die Mehrzahl der Anwesenden ihren politischen Informationsstand ausgerechnet der Bildzeitung verdanken. Es werden Politiker beschimpft, die das Menschenrecht auf Asyl bewahren, nicht die, die Banken mit Milliardenbeträgen aus Steuergeldern retten und internationale Geldströme frei fließen lassen. Es wird die Angst vor Flüchtlingen geschürt, obwohl die Rüstungsindustrie ihr Geld auch damit verdient, dass in ihrer Heimat Krieg geführt werden kann. Menschen, die das Gute wollen – wähnen sich nicht alle Menschen auf der Seite der Guten? – und sich sogar dafür einsetzen, erhalten das zum Schimpfwort umgeformte Prädikat des Gutmenschen.

Ja, das Pegida-Volk auf Dresdens Straßen ist mit seinen 20.000 Volksgenossen ein sehr kleines Volk. Und so ein winziges Volk ist natürlich und immer vom Aussterben bedroht, es muss immer in der Angst leben, irgendwann inmitten einer Mehrheit als Volk nicht mehr wahrgenommen zu werden. Seine Sprache, seine Sitten und Gebräuche wären dann nur noch ein Thema für das Heimatmuseum, historische Schautafeln und folkloristische Tanzdarbietungen. Nun stellt sich die Frage: Ist das schlimm? Nein, ist es nicht! Auf die bislang bekannt gewordenen Sitten und Gebräuche kann man getrost verzichten. Und ja, das Pegida-Volk auf Dresdens Straßen ist mit seinen 20.000 Volksgenossen ein viel zu großes Volk, als das es jemals über einen Minderheitsstatus hinauskommen dürfte.

Rechte Schlägertrupps werden von diesem Volk geduldet, eine direkte Geistesverwandtschaft gerne bestritten – ein Vergleich mit der SA sei erlaubt, die einst die Schmutzarbeit für die NSDAP erledigte – und die Werfer von Brandsätzen, deren Motive den Parolen der Pegida-Anführer entsprechen, werden als Einzeltäter verharmlost, damit die Seele der „normalen“ Bürger rein bleiben kann. Dabei ist diese längst besudelt und kaum noch reinzuwaschen.

Vielmehr können und sollten wir uns bereits jetzt Gedanken darüber machen, was nach dem Hype um Pegida und die vorgebliche Angst vor einer Überfremdung geschehen muss.

Wie kriegen wir all die Menschen bloß wieder entnazifiziert?

Können und sollen wir sie überhaupt wieder in die Mitte der Gesellschaft integrieren, ohne ein zu großes Risiko eines Rückfalls einzugehen? Mir scheint das eine größere Herausforderung als die Integration einer Million Flüchtlinge zu sein.

Eine Investition in Bildung ist nie verkehrt. Sie können die jungen Pegidaer gut gebrauchen. Diese Bildung sollte immer auch eine im Sinne der Demokratie, des aufgeklärten Freiheitsgedankens politische sein. Den Älteren sei der Kontakt mit bislang fremden Kulturen empfohlen und natürlich die Lektüre anderer Veröffentlichungen als jene, die nur über die Faulheit der Griechen und anderer Nationalitäten berichten, um die Angst um unser Geld zu schüren. Doch leider, und daran wird es scheitern, ist das recht anstrengend.

So, genug der Ironie.

Naja, nicht ganz, denn da finde ich doch auf dem Online-Auftritt der Zeit – weit außerhalb des Surfverhaltens der besorgt-verängstigten Mittebürger – den Beitrag eines Toralf Stauds unter dem Titel „Björn Höcke ist kein Nazi“. Björn Höcke, das sei zur Erklärung eingeschoben, ist der Vorsitzende der AfD in Thüringen, der bundesweit aufgrund eines rhetorisch erfolgreichen, inhaltlich allerdings arg verschrobenen Fernsehauftritts bei Günther Jauch Aufsehen erregte.

Im streng wissenschaftlichen Sinn mag Staud richtig liegen, wenn er darauf hinweist, dass sich die Neue Rechte – damit eben auch Thüringens AfD-Vorsitzender Björn Höcke – auf die sogenannte Konservative Revolution bezieht, die anhand ihres ideologischen Vokabulars samt Drittem und Tausendjährigem Reich und ihrem auch sonst völkischen Weltbild „nur“ Vorlagen für die spätere NSDAP bot.

Leider bleibt die Belehrung, dass Höcke eben kein Nazi und auch kein Neonazi sei, eine historisch begründete Randnotiz, die in unseren Zeiten allgemeiner Vereinfachungen und Oberflächlichkeiten niemandem dient, in sich sogar die Gefahr der Verharmlosung birgt. Staud schreibt

„Vieles, was der Thüringer AfD-Fraktionschef Björn Höcke sagt, klingt absonderlich. Doch wer ihn in die Nazi-Ecke stellt, hat ihn nicht verstanden – sondern hilft ihm nur. (Toralf Staud – Zeit)“

Eine schlüssige Begründung, wie er darauf kommt, dass ihm das Abstellen in die Nazi-Ecke helfen könnte, bleibt er uns schuldig.

Es nützt nichts, ein Messerattentat, die Brandanschläge und gewalttätigen Übergriffe auf Flüchtlingsheime als Taten einiger Durchgeknallter zu reduzieren, wenn sich diese immer wieder auf die von Patriotismus durchsetzten Rhetorik der elitären Minderheit einer Neuen Rechten berufen können – und von dieser nicht zurückgewiesen werden. Wenn die Aufrufe zur Gewalt nur Missverständnisse sind, wenn die intellektuellen Vorbeter des Nationalismus eine andere Wirkung, eine friedfertige Diskussion erzielen wollen, sollten sie ihren Intellekt gefälligst derart einsetzen, dass ihre Gebete von den eher einfach gestrickten Gemütern nicht mehr ganz so leicht missverstanden werden.

Hier darf allerdings der Zweifel an den Motiven der Pegida-, AdD- und sonstwie neuen rechten Anführerinnen und Anführern überwiegen. Wer glaubt tatsächlich, dass Lutz Bachmann die Folgen nicht absehen konnte, als er Akif Pirinçci zum Hauptredner seiner Demonstration in Dresden machte? Niemand, der sich einigermaßen über die Aussagen Pirinçcis aus den letzten Jahren informierte, konnte damit rechnen, dass dieser inzwischen wirklich durchgeknallte Autor einen Auszug aus seinen Katzenkrimis vortragen würde. Vielmehr könnte man vermuten, der Auftritt sei ein Versuch Bachmanns gewesen, wie weit man von den 20.000 „besorgten Bürgern aus der Mitte unserer Bevölkerung“ gehen kann. Das Ergebnis lautet: 1. Die Polizei schritt nicht ein und der nächste Pegida-Aufmarsch dürfte nicht verboten werden. 2. Es gab einige „Aufhören!“-Rufe, aber 3. auch Beifall. Kleinvieh macht auch Mist und der düngt bekanntlich gut. Um das zu bewirken, kann man 4. einen Pirinçci gerne mal opfern.

Geistige Brandstifter legen nur die Lunte, angezündet wird diese von willfährigen Gehilfen, deren Namen niemand kennen muss. So agiert der moderne Faschismus wie ein Drogenkartell: Verhaftet werden höchstens die kleinen Dealer, die mit dem Handel nur ihr kleines Überleben sichern wollen. An die Mächtigen hinter ihnen kommt man nicht heran. Die verschanzen sich als Saubermänner hinter ihren Fassaden ehrbarer Geschäfte und tragen für die Gewalt keinerlei Verantwortung.

Wie also soll man die Vertreter der Neuen Rechten oder der Patrioten eines abendländischen Europas, das irgendwie doch nur Deutschland bedeutet, bezeichnen, damit auch der nur verhältnismäßig wenig politisch Aufgeklärte versteht, welche Gefahr von ihnen ausgeht, wenn nicht als Nazi? Ja, einer wie Höcke hat mit dem Sozialismusanteil nichts am Hut. Dazu ist er zu konservativ. Aber so weit war es mit dem Sozialismusgedanken bei den Nationalsozialisten auch nie. Begriffe und Inhalte driften oft auseinander, bekommen neue Bedeutungen. Soll man ihn bescheiden als Patrioten bezeichnen? Das hätte er sicher gern. Das klingt so umsorgend, so wehrhaft heimelig. Gut, seit den Zeiten des Fußball-Sommermärchens kommt uns bei der Verwendung dieses aus gutem Grund lange verpönten Ausdrucks schnell der offene, ach so gastfreundliche „Partyotismus“ in den Sinn. So erfolgreich gelang die Reinwaschung eines Begriffs, der weiterhin mehr Unheil als Frieden stiftet.

„Der Patriotismus der Deutschen […] besteht darin, dass sein Herz enger wird, dass es sich zusammenzieht wie Leder in der Kälte, dass er das Fremdländische hasst, dass er nicht mehr Weltbürger, nicht mehr Europäer, sonder nur ein enger Teutscher sein will.“

Dieser Satz stammt von Heinrich Heine. Bereits mit dem Wissen von vor 150 Jahren ist demnach zu erkennen, welche geistige Enge im Jahre 2015 20.000 Menschen in Dresden versammeln lässt. Das uralte Zitat entlarvt die Neue Rechte als ein nur äußerlich aufpoliertes Auslaufmodell, das schnellstens auf den Schrottplatz der Geschichte gehört, damit es nicht schon wieder Unheil anrichtet. Hinterher will es bekanntlich wieder niemand so gewollt haben, hinterher hat wieder niemand etwas davon mitbekommen. Und dann hätte man der Pegida nicht einmal die Autobahnen zu verdanken.