Sein Name ist Oliver

(c) Maria JürgensenKonrad Biber nimmt seine kleine Hand, kauert sich neben ihn ans Fenster und sieht auf die kaum befahrene Straße hinunter. Ein dunkelroter, einsamer Siebeneinhalbtonner umrundet die sonnenbeschienene Verkehrsinsel zum zweiten Mal, als versuche er, den eigenen Schatten einzufangen. Die Plane am Heck ist nur halb verschlossen und flattert im Fahrtwind. So, wie die Plane jenes Wagens, der ihn und den Jungen über die Grenze geschleust hatte. Die Vergangenheit liegt hinter ihnen, die Zukunft vor ihnen. Der flüchtige Augenblick dazwischen ist ihr Zuhause.

Die Razzien und Verhaftungen hatten schon bald nach den Demonstrationen begonnen. Ein neuer Führer stand an der Spitze des Landes und befehligte seine Horde. Sie nannte sich die Partei der Gerechten und rekrutierte sich aus der Familie des neuen Herrschers, aus seinen Freunden und Verblendeten. Mit der notwendigen Abwendung von Gefahr und Krise für den Staat begründete der neue Herrscher sein Handeln.

Die Wahl der Worte verriet den Despoten, der dem Staatsstreich Vokabeln wie „durchgreifen“ an die Seite stellte. Er sprach von Schutzbedürftigkeit, der nachvollziehbaren Angst der Bürger, von gefährlichen Staatsfeinden und heimtückischem Verrat, von unverzeihlichem Versagen und hinterhältigem Komplott.

Sein volles Haar war so falsch wie seine Behauptungen und Versprechen. Er verwandelte Wissenschaftler in Guerillakämpfer und Bürger in Sklaven. Ein anderes Mal sprach er davon, Menschen auf offener Straße erschießen zu können, wenn er wolle. Nur wenige Wochen später ließ er mit scharfer Munition morden. Seine Gegner starben. Angst machte Wahlen obsolet. Der Mann folgte einer Logik, die Konrad nicht begriff. Noch weniger verstand er, warum so viele diesem Diktator, trotz seiner offensichtlichen Lügen, gefolgt waren. Glaubten Menschen nicht immer fest an das, was sie sich wünschten? Konrad war Journalist und kämpfte mit seinen Kollegen vergeblich gegen Repression und kollektive Selbstaufgabe.

Die alleinige Macht gehörte dem Führer schnell. Ein Dekret nach dem anderen wurde verabschiedet Demonstrationen, zu Beginn noch der Funke der Hoffnung, wurden brutal niedergeschlagen. Führende Köpfe des Widerstands verschwanden spurlos.

Konrad verdankte dem Jungen sein Leben. Richard hatte seinen Sohn beim Anrücken des Aufräumtrupps zu ihm geschickt. „Dieser Idiot“, murmelte Konrad, als der Junge vor seiner Tür stand und unterdrückte die Wut über Richards Naivität. Der Freund hätte wissen müssen, dass Konrad keinen sicheren Hafen für ein Kind bot. Doch wem, außer ihm, hätte Richard noch vertrauen können? Und dankbar war er ihm trotzdem. „Die haben geschossen! Du musst herausfinden, ob er noch lebt!“, rief der Kleine verzweifelt und zitterte, bleich und kalt wie Schnee. Mit aufgeschlagenen Knien und schmutzigen Fingern suchte er nach Konrads Hand, zog an ihr, an seinem Hosenbund, stemmte sich mit aller Kraft gegen den Körper dieses riesigen Mannes, der so warm und sicher nach Milch roch. Konrad zog den Jungen an sich, hielt ihn. Er versuchte ihn vergeblich zu beruhigen und hob ihn hilflos auf seine Arme. Handeln war die einzige Option, denn er wusste sehr genau, zu was die Gegner fähig waren. Sie flohen in den Keller. Es konnte nicht lange dauern, dann würde es laut.

Die Erbarmungslosen misshandelten Nonkonformisten mit sichtbarer Freude. Rebellen kamen nicht mehr zu Wort, manche nicht einmal mehr zu Bewusstsein. Fern der Freiheit, die mit der Machtübernahme im Morast versickerte, schichtweise zerfloss, wisperten ehemals laute Stimmen, unhörbar für den Rest. Im Angesicht von Gewalt wurden Zungen lahm, Gesichter grau und starr, Glieder steif und Rücken krumm. Die Angst setzte dem Denken Grenzen, machte alles klein, kalt und körperlich.

Richard war es nicht mehr rechtzeitig gelungen, sich zu schützen. Seine Frau, Journalistin wie Konrad, war fort.

Nachdem der Führer an die Macht gekommen war, hatte es in Sendern, Redaktionen, auf der Straße und auch an den Schulen Säuberungen gegeben. Richard hatte, nachdem die Suche nach seiner Frau ihn überall vor Wände laufen ließ und sein Leben vollends aus den Fugen geriet, den Jungen nur noch unregelmäßig zur Schule geschickt. Schon bald kam vom Amt für Erziehung und Volksgesundheit die Aufforderung, das Kind „nicht verwahrlosen zu lassen“, andernfalls müsse man von staatsfeindlicher Gesinnung ausgehen. Die alte Schule wurde bald geschlossen. Der Junge musste jeden Morgen quer durch das Viertel bis ans andere Ende des Parks laufen. Der Zustand der Lehranstalten war desolat. Es gab kaum noch ausgebildetes Personal, das unterrichten durfte. In den Klassenzimmern war es kalt. Die alten Schulbücher wurden nicht mehr benutzt, Vergangenheit anders buchstabiert. Bücher brannten wieder. Nicht nur die Zahl auf dem Zeugnis hieß Zensur. Am Anfang bestand die Klasse aus wenigen Schülern, aber jede Woche kamen ein, zwei neue dazu, die ebenfalls Post bekommen hatten. Während der wenigen Stunden mageren Unterrichts des Jungen zog Richard die Decke über den Kopf. Er erschien erst wieder, wenn durch seinen Sohn das Leben wieder Einzug bei ihm hielt. Das Kind suchte nachts Zuflucht an seiner Seite, wenn Angst und Sehnsucht nach der Mutter ihn quälten und es schien, als finde er sich zunehmend ab. Seine Augen schauten ernst, aber das mochte, so redete Richard sich ein, auch daran liegen, dass er wuchs und die Kindheit verflog.

Überwältigt von Schmerz und Trauer blendete Richard jeden Blick auf die Gegenwart aus. Flügellahm saß er, wider alle Vernunft hoffend, der Kelch möge an ihm vorübergehen, kraftlos als Beute im Nest und sah die Adler über dem Kopf kreisen. Seine Frau galt als Verräterin. Das Einzige, das er sich hatte zu Schulden kommen lassen, war, dass er die Freunde seiner Frau nicht verriet. Doch das reichte.

Adler, so nannte man die Gruppe der ungebetenen Hausgäste, die ehemals die Leibstandarte des Führers gewesen war. In der Sekunde der Gewissheit über sein Schicksal galt Richards erster Gedanke dem Kind. Noch bevor die seltsamen Vögel das Gebäude betraten, mahnte er den Sohn zur Eile: „Geh durch die Hintertür und dann zu Konrad. Sag ihm, dass wir Besuch bekommen haben“, trichterte er dem Sohn ein. „Ich hab Dich lieb, mein Sohn“, fügte Richard mit belegter Stimme hinzu und gab ihm jede Hoffnung, die er je besessen hatte, mit auf den Weg. Der Vater hatte ihm über den Kopf gestrichen und zur Verwirrung des Jungen geweint. Das Kind weigerte sich, ihn zu verlassen. Da hatte Richard ihn an den Schultern gefasst und nachdrücklich zur Tür hinausgeschoben. „Lauf“, der Junge lief, vorbei an Fenstern mit zugezogenen Gardinen, heruntergelassenen Rollladenkästen und vorbei an tauben Ohren. Oberhalb der Hauptstraße tauchte er wieder auf, sah von Weitem die Schergen zu ihren Fahrzeugen marschieren. Sie führten gerade seinen Vater hinaus und zwangen ihn mit auf dem Rücken gefesselten Händen auf der leergefegten Straße zum Niederknien. Ein großer, dickbäuchiger Mann hielt eine Waffe in der rechten Hand und drückte brutal mit der linken auf Richards Kopf. Der Junge stand wie festgewachsen. Jemand gab einen Schuss ab. Welches Ziel er verfolgte und schließlich traf, blieb ungewiss. „Papppppppa!“, schrie der Kleine. Das Rufen des Jungen ging im Getöse des Motorengeräuschs anfahrender Militärfahrzeuge unter, die die Sicht auf das Geschehen versperrten. Der Sohn rannte in Richtung des Schusses, fiel und schürfte sich die Knie. Die Fahrzeuge fuhren fort und ließen Nichts zurück.

Vögel in den Bäumen schwiegen. Der Junge saß für Minuten, benommen und steif. Dann stand er auf und schlich zu Konrads Haus.

Konrad und der Junge harrten zwischen Einmachgläsern, einer alten DVD-Spieler-Verpackung, Gartengeräten, Sicherungskasten und Heizungsanlage aus, bis das Gepolter im Obergeschoss verklang. Mucksmäuschenstill, dicht an dicht gedrängt, saßen sie dort, alle Bedürfnisse unterdrückend. Sie hockten, bis das Rütteln an der Brandschutztür, hinter der sie sich verschanzten, aufhörte. Niemand machte sich die Mühe, die schwere Stahltüre aufzubrechen. Sie waren so lange atemlos, wie es im Treppenhaus rumorte und bis sie die Stiefel der Männer auf dem Asphalt vor dem Gitter über dem Kellerschacht vernahmen. Als es also endlich, endlich, endlich still wurde, krochen sie mutig hervor. Streifen leiser Tränen liefen gefräßig an den Wangen des Jungen hinunter. In Konrads Wohnung war kaum noch etwas wie zuvor. Eilig klaubte er das Wichtigste zusammen, klebte dem Jungen Pflaster auf die Knie und beteuerte, alles werde gut. Wieder verschanzten sie sich im Keller, bis sie die Hand nicht mehr vor Augen sahen und die Dunkelheit sie gleichermaßen zum Aufbruch zwang und schützte. Es herrschte Ausgangssperre. Irgendwie gelang es ihnen, den Patrouillen aus dem Weg zu gehen. Sie flüchteten durch den Garten, auf einer morschen Leiter über die Mauer in den Hinterhof der Druckerei. Konrad spürte jeden einzelnen Meter, jede ängstliche Begegnung in seinen Knochen und den Blick des Kindes, das an ihm hing und ihm vertraute. Alles Selbstverständnis, das er im Kampf gegen die Partei an den Tag gelegt hatte, war verschwunden. Alles Denken löste sich in Bewegung auf. Alles Tun richtete sich auf den Ausweg.

Immer noch wusste Konrad nicht, wie genau sie es von dort bis zu seinem Zelt auf einem Sportplatz, der zum Aufnahmelager gehörte, geschafft hatten.

Bis zur Grenze waren es Tage, endlose Wege, die Konrad nicht kannte. Bang gingen sie Begegnungen mit Menschen aus dem Weg. Nur zwei Schäferhunde schnüffelten an ihren Schuhen. Der Junge war bald am Rand seiner Kräfte, doch schon zu groß, um über längere Strecken von Konrad getragen zu werden. Richard fehlte.

Auf einem Feldweg begegnete ihnen der LKW und hielt. Ohne ein Wort zu sagen, stieg der Fahrer aus, öffnete leise die Heckklappe und hieß sie mit einer Handbewegung einzusteigen. Sie hatten den Wagen zu spät gehört, um auszuweichen und waren in Habachtstellung stehen geblieben. Warum er in ihnen sofort Geflüchtete vermutete und warum sie ihm gleich vertrauten, wusste Konrad nicht zu sagen. Vielleicht war es ihr erschrockener Gesichtsausdruck gewesen, der ihn mitleiden ließ.Vielleicht war es das ausländische Nummernschild und vielleicht war der Mann ein Schmuggler und selbst in Gefahr. Das Kind verbarg sich hinter Konrads Rücken. Der Fahrer nahm das Geld nicht an, das Konrad ihm für seine Hilfe anbot. „Nej, nej“, winkte der Mann ab und legte eine Hand tröstend auf seinen Oberarm.

Durch den Spalt der sich im Wind lösenden Plane kontrollierte Konrad ängstlich die Richtung, in die sie fuhren. Sie passierten wenige Ortschaften und fuhren durch enge, abgelegene Straßen. Ein kurzes Stück Küste war zu sehen, von der aus der LKW wieder ins Landesinnere aufbrach. Nach Stunden durch Hell und Dunkel hielt der Wagen. Am Ende eines Waldstücks lag das Oval eines brachliegenden, umgepflügten Feldes vor ihnen. Dort setzte der Fahrer sie ab. Der Motor flüsterte leise. Eine Tür schlug sanft. Die Plane wurde zur Seite geschoben. Der Mann warf einen kurzen Blick in ihrer beider Gesichter, dann senkte er die Augen und winkte verstohlen und immer noch stumm. „Thank you“, flüsterte Konrad. Der Fahrer nickte. Sie stiegen aus. Der LKW setzte zurück und bog wieder in den Wald ein.

Sie wagten den Weg über die Brache. Die Schuhe sanken in den Ackerfurchen ein und wurden schwer. Auf einem asphaltierten, schmalen Feldweg las er das erste Ortsschild, das Zuflucht bedeutete. Erschöpft glitt Konrad zu Boden. Der Junge kroch unter seine Jacke. Es begann zu regnen.

Uniformierte gabelten sie durchnässt am Straßenrand auf und brachten sie ins Aufnahmelager. Dort war es laut, eng und kalt. Jemand brachte ihnen Decken und eine Suppe. Frauen und Männer teilten sich den wenigen Raum, wenige Toiletten und Duschen. Es mussten Hunderte sein, die hier kampierten. Polizisten, jedenfalls Uniformierte, prüften seine Papiere und das bisschen Gepäck. „Son and father?“, fragte jemand auf Englisch. Konrad schüttelte den Kopf. „He’s lost him”, antwortete er und gab alle Details zur Identität des Jungen preis. Eine halbe Stunde später trennte man sie. Wieder zerrte der Junge an Armen und Beinen, um nicht das Letzte zu verlieren, das er an Heimat besaß. „Is this necessary, can’t he stay here? What happens with him?“, fragte Konrad, wild gestikulierend und ging ein paar Schritte auf das Auto zu, in das man den panischen Jungen zu bringen beabsichtigte. Jemand musste dem Kind das Gesicht abwischen und die Nase putzen. Eine junge Frau hielt ihn zurück und legte eine Hand auf seine Brust. „He’ll be safe! “, versicherte man ihm aufmunternd. „I’ll never see him back. I’ll never see him back, for Gods sake“, Konrad war verzweifelt.

Er fand kaum mehr Worte für das, was ihm, dem Jungen und seinem Land widerfahren war. So kam es ihm entgegen, dass er die fremden Laute der Retter kaum entschlüsseln konnte. Konrad war zu erschöpft, konfus und leer, seine Retter zu beschäftigt. Also schwieg er, trauerte, machte sich nicht einmal auf Englisch die Mühe. In diesem Ghetto der Gestrandeten kam sein Leben langsam ganz zum Stillstand. Die Zeit schrumpfte zu Mikroeinheiten, die vom Warten auf die Veränderung bringenden Nachrichten durchzogen wurden. Und wie für jemanden, den man mit einer unheilbaren Diagnose konfrontierte, war das Pläneschmieden ein Privileg, von dem er ausgeschlossen war. Er konnte nichts tun.

Um ihn herum patrouillierten Kontrollposten in identischen Jacken und mit großen, weißen Schriftzügen auf den gebeugten, breiten Rücken vor den hohen Drahtzäunen, die sein Warten bewachten.

Je weiter die Zeit voranschritt, umso deutlicher spürte er den Wunsch nach Bewegung. Er war ein denkender Mensch. Stillstand, das bedeutete doch aufzugeben, oder nicht? Aber was machte man schon anderes in einem Wartesaal, als zu warten. „Früher war ich Konrad, heute bin ich der Fremde“, dachte er, „richtungslos und stumm.“

Den Lügnern und Schlächtern war er entkommen. Konrad bewegte sich wie ein gefangenes Tier in den Winkeln einer sterbenden Vergangenheit. Die Erlebnisse hallten nach und wüteten in seinem Inneren. Seine Wortlosigkeit wich nur gelegentlich und mündete in dem zarten Bedürfnis, die Fremde zu verstehen. Wie konnte man das besser, als durch die Sprache, die in diesem Land gewachsen war und mit der auch er in dieses Land hineinwachsen konnte? Seine Gegenwart, das wurde eine Zeltwand, auf der Spickzettel mit Vokabeln pappten.

Dem Sprachunterricht folgte er in dem Raum, in dem der Fernseher stand. Über den Bildschirm flimmerten morgens Nachrichten aus dem Land, das nur wenige hundert Kilometer entfernt war und doch so weit weg. Frauen in schwarzen Uniformen mit Gewehren durchsuchten ein Haus. Männer trugen leblose Körper über ihren Köpfen. Ein Häscher sprach Nichtssagendes ins Megafon. Der näselnde Singsang wurde übertönt vom Nachrichtensprecher, dessen Ausführungen er nicht begriff, vielleicht auch nicht begreifen wollte, obwohl er täglich mehr von dieser Sprache erfasste. Konrad sah beschmierte Fensterscheiben, leergefegte Straßen, Paraden und Stechschritt. Ein Kurzporträt des Führers zeigte ihn als Kind und zitierte seine Tiraden in epischer Breite. „I LIVED there“, rief Konrad in den Raum. Der Tod war alltäglich geworden. Die Auslöschung der Freiheit gab es nun zum Frühstück. Frei, nun frei fühlte er sich auch in seinem neuen Leben nicht. Konrad dachte an den Jungen. Er sorgte sich, sehnte sich, sammelte zusammen, was ihm geblieben war. „Ich überlebte“, wiederholte er leise „ ich überlebte, I survived.“ Dann wurde er wieder still.

Der nächste träge Frühling verwandelte sich in den nächsten lethargischen Sommer. Der nächste lethargische Sommer wurde der nächste phlegmatische Herbst. Konrad war Apathie, Erinnerung, Essen, Schlafen und Schweigen.

Dann kam Mathilde.

Ihr hageres, hungriges Gesicht lugte aus einem weißen, engen Kragen über einer grünen Strickjacke hervor. Die Mundwinkel wiesen mutig nach oben. Dunkle Gedanken malten Schatten unter ihre aufmerksamen Augen. Feine Falten verhalfen ihr zum Anschein von Tiefe und Würde. Die verschlissene Handtasche klemmte unter ihrem Arm, als verberge sich darin ihr ganzes Leben. Konrad erfuhr, dass die Kommune ihr ein geringes Entgelt für die Gewährung von Obdach zugestand und verpflichtete ihn im Gegenzug dazu, sich seine neue Unterkunft durch Haushaltshilfe zu verdienen. Konrad war froh, dem Lager den Rücken zu kehren und etwas tun zu können. Er fegte Mathildes Hof, säuberte den versumpften Teich im Garten, wechselte Glühbirnen und Bettwäsche, wusch und kochte. Konrad tat es gern und sprach nicht viel. Mathilde forderte nicht.

Sie verließ morgens sehr früh das Haus, um abends nach der Arbeit müde dorthin zurückzukehren. Konrad freute sich auf das Drehen des Schlüssels im Schloss. Sie legte die Jacke ab, zog ihre Schuhe aus und setzte sich zu ihm in die kleine Wohnküche der Etagenwohnung. Sie aßen, tauschten ein, zwei Worte miteinander und lauschten verlangend den vergehenden Echos ihrer Stimmen hinterher. Dann setzte Mathilde sich in einen Sessel und strickte Kinderpullover aus doppelt gelegter, dünner Wolle, während die Uhr auf dem Bücherregal die Zeit portionierte.

Irgendwann würde alles gut sein, hoffte Konrad. Und er kehrte und räumte fort, von einem Ort zum anderen und wieder zurück. Manchmal hörte er Mathilde heimlich weinen.

„Fremtiden“ war das Wort für Zukunft. Er wog das neu gelernte Wort in seinem Kopf und übersetzte „fremde Zeit“, die große Unbekannte. Hieß Freiheit nicht auch, frei über das entscheiden zu können, was man in Zukunft nicht mehr wollte? Scheitern zum Beispiel, auf nichts zu warten, voller Angst und Not, verlassen oder unglücklich zu sein.

Mathilde war gefangen in einer Trauer, von der er nur ahnen konnte. Für sie und ihn blieb die Zukunft die Fremde. Es musste anders werden, wenn es gut werden sollte. Konrad schwieg. Und Mathilde schwieg. In seinem Land schwiegen sie. Sie ergaben sich und horchten betäubt auf schiefe Töne, die laut, grell und schnell waren, die nicht aufhören wollten, solange nicht jemand eine andere Melodie spielte. Das Schweigen wuchs, wurde größer als die Welt und genauso dunkel.

Es dämmerte an diesem Tag früh. Auf der Straße verkündeten die Laternen den Einbruch der Nacht. Nach einem Blick aus dem Fenster zog Mathilde diesmal nach dem Abendessen nicht ihr Strickzeug, sondern eine dicke, lederne Mappe, in der sich viele lose Zettel und noch mehr Fotos befanden, aus der Schublade. Als sie ihm schließlich ein Foto reichte, auf dem ein kleiner Junge und ein Mann zu sehen waren, wirkte sie entschlossen, als habe sie einen Plan. „Ich weiß nicht, wo Ole und Matthias sind“, begann sie ernst. Sie seien von einer Reise in sein Land nicht mehr zurückgekommen. Das Einzige, was sie trage, sei die Hoffnung, dass sie sie doch noch wiedersehen werde. Sie hoffe, dass ihnen nichts zugestoßen sei. Sie hoffe, dass sie als unerwünschte Ausländer nicht in einem der Lager des Führers gelandet waren und wenn, aus ihnen entkommen konnten. „Vielleicht aber“, ergänzte Mathilde, „geschieht das nie. Konrad, mir fehlen oft die Worte. So wie dir, du stummer Fisch. Aber dürfen wir schweigen, wenn wir uns verstehen wollen? Können wir noch schweigen, wenn alles gut werden soll? Werden wir jemals frei davon sein, wenn wir Gräber graben und uns abfinden? Mein Verlust ist unermesslich. Mir kamen nicht nur zwei Menschen abhanden. Mir wurden, wie dir, Liebe, Zuversicht und Zukunft gestohlen. Das ist der Grund dafür, dass du hier bei mir bist und dass ich Menschen zu mir hole, die nicht mehr wissen, wo ihr Zuhause ist.“ „Oliver“, antwortete Konrad, „sein Name ist Oliver“, und begann von dem Jungen zu erzählen. „Der Ölbaumpflanzer“, antwortete Mathilde, „unsere kleine Hoffnung“.

Während er an jenem winterlichen Sonntagmorgen, bevor er sich glücklich ans Fenster über dem Kreisverkehr setzte, den Bürgersteig von Schnee befreite, schlitterte sie in grellgrünen Gummistiefeln durch die Hofeinfahrt bis zu ihm und beobachtete ihn bei der Arbeit. „Wovon träumst Du?“, fragte sie ihn unvermittelt. Er blickte überrascht auf. „Vom Frieden“, antwortete er schnell. Da stellte sie sich auf Zehenspitzen vor ihn, nahm ihn in den Arm und sagte: „Hoffen wir mal.“ Ein kleiner Fiat fuhr aus dem Kreisverkehr heraus und fand einen Parkplatz unterhalb der Straße, auf der Konrad gerade die Schaufel fallen ließ.

© Marie van Bilk/Maria Jürgensen – Veröffentlichungen, auch in Auszügen nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin.