Manchmal bin ich unsichtbar

Eine Geschichte über das Alter

Gertrude entriss das Halstuch dem Haken und verstaute es in den Plastiktüten, die inzwischen bis zum Rand mit Kleinteilen aus den Abteilungen des Kaufhauses gefüllt war. Der Detektiv hatte den Hörer bereits am Ohr und wählte die Nummer des Reviers um die Ecke, als er auf dem Bildschirm vor sich Gertrude zur Kasse spazieren sah und innehielt.
„Bitteschön“, sagte Gertrude zur Kassiererin und überreichte ihre Sammlung mit einem freundlichen Kopfnicken. Die Verkäuferin nahm die Tüten entgegen, warf einen Blick hinein und sah Gertrude fragend an.
„Ich habe meinen Koffer verloren“, antwortete sie.
„Achso“, antwortete die Kassiererin gleichgültig und begann die Einzelteile aus einer der Tüten zu befreien und die Preisschilder eines Fläschchens Kölnisch Wasser, des Gebissreinigers, der Seidenstrümpfe 30DEN mit Zwickel, des Halstuchs aus Seide und der Dreierpackunterwäsche zu inspizieren. Beim Auspacken des Spezialmessersets für das Fleischerhandwerk stutzte sie und betrachtete die lächelnde Gertrude misstrauisch. Die stützte sich mit beiden Händen auf der Theke ab und beobachtete voller Erwartung, was ihr Gegenüber mit ihren Schätzen unternahm.
„Ich habe auch keine Tüten mehr“, erklärte Gertrude und erst jetzt fiel der Kassiererin auf, dass die kleine, alte Frau in den verblichenen Bügelfaltenjeans und dem blassrosa Pullover nichts, keinerlei Handtasche oder ähnliches Utensil bei sich, dafür aber reichlich Lippenstift trug. Gertrude hatte sich die Farbe Romantic Rose entschieden. Der Spiegel über dem Make-up-Regal war sehr klein gewesen und sie hatte ihre Lippen kaum erkennen können. Beim Lippenziehen hatte sie sich Zeit genommen und war mit zitternden Händen, aber dennoch sehr präzise vorgegangen. Es war so lange her, dass sie sich hatte schön machen können. 24 war in goldfarbener Schrift auf dem schwarzen, glänzenden Lack zu lesen gewesen. Sie hatte den Lippenstift wieder fein säuberlich zusammengedreht und mit der Schrift zur Front zurückgestellt. Andere Frauen achteten schließlich auch auf ihr Äußeres.
Die Kassiererin sah sich hilfesuchend um, als erwarte sie, dass jede Minute Tochter, Sohn oder sonstige Aufpasser sich der Dame anzunehmen schickten. Doch Gertrude erklärte: „Manchmal bin ich unsichtbar“, und verfolgte neugierig ihren forschenden Blick. Also fuhr sie fort: „Und dann bekomme ich wieder ein Gesicht, wenn ich mich in einem Kaufhaus vor einen Kosmetikspiegel stelle und mir mit dem Lippenstift Linien male. Quer. Direkt unter die Augen. Und dann möchte ich wieder 24 sein.“ Sie kicherte, vollends davon überzeugt, dass die Kassiererin nun endlich begriff.
Sie, die sich etwa in der genannten Altersklasse befand, drückte einen Knopf neben der Elektronikkasse und rief versteckt panisch in das dort installierte Mikrofon: „Herr Reinhau, bitte Storno, Herr Reinhau, bitte Storno!“
Erwartungsvoll sah Gertrude die Kassiererin an, die ihr verkrampft zulächelte und „Einen Moment, bitte!“ hauchte. Von Weitem näherte sich eine Kundin mit einem Berg von Pullovern über dem Arm. Die Kassiererin schöpfte Hoffnung. Herr Reinhau erschien nicht.
Gertrude schwieg. Sie stützte sich bestätigend auf der Theke ab, wartete also und klopfte mit beiden Zeigefingern einen Rhythmus auf den weißen Untergrund. Dann lehnte sie sie sich zurück, klatschte einmal in die Hände, sagte: „Tja!“ und schwieg erneut erwartungsvoll.
Die Kassiererin senkte den Blick und betrachtete Gertrudes noch nicht vollständig geleerte Tüte. Die Pulloverkundin stand nun hinter Gertrude und harrte mürrisch aus. Mit der einen Hand schob die Kassiererin das Tütengut auf die linke Seite der Theke und erhob über Gertrudes Kopf hinweg den anderen Arm, um die Pullover der ungeduldigen Kundin entgegenzunehmen.
„Hier in Düsseldorf gab es immer Entenwürste mit Calvados“, erläuterte Gertrude und wandte ihren Blick der Pulloverdame zu. „Er war Metzger. Die Ente hieß Emma. Ich konnte das ja nicht. Konnte ich nicht.“ Gertrude schüttelte vehement den Kopf und gab sich stirnrunzelnd dem hin, was sie spürte. Heinrich, der Metzger, Tangoabende im Café Grindler auf der Kö und Gertrude im Glück – sie war Anfang zwanzig, wunderschön und kampfeslustig gewesen. Das hatte ihm gefallen.

Als die Pulloverdame durch sie hindurch sah, führte Gertrude den Zeigefinger zum Mund, prüfte, ob sich noch Farbe auf den Lippen befand und führte den Finger zum linken Jochbein. Bevor sie ihre Tat vollenden konnte, lenkte ein Herr in grauem Zwirn ihre Aufmerksamkeit auf sich. Gertrude steckte ihre Hand in die Hosentasche. Herr Reinhau klingelte mit seinem Schlüsselbund und begab sich zur Kassiererin hinter die Theke. „Der Hausdetektiv hat mich schon informiert“, raunte er ihr zu. „Wie sieht es aus, nach Feierabend? Gehen wir noch was trinken?“.

„Tango war immer schön und er auch“, antwortete Gertrude für die Kassiererin, summte leise einen Ludwig Rüth vor sich hin und spürte Fröhlichkeit. „Babyyyyy, willst Du wirklich schon nach Hause gehn?“

Die Angestellte nickte ihrem Vorgesetzen zu, faltete derweil die Pullover und schob sie in eine knisternde Papiertüte mit gezwirbeltem Henkel und Schürmannaufdruck. Sie flüsterte und wies mit der Faust, die den Kassenbon der Pulloverkundin umfasste, auf Gertrude und dann auf ihre Tüten „Das ist die Person. Redet wirres  Zeug und hat den Kram da angeschleppt. Fleischermesser und Parfüm. Will aber nicht bezahlen.“
Herr Reinhau sortierte eilig die Kugelschreiber neben der Kasse. Gertrudes Lächeln erstarb. Sie nahm ihr besticktes Taschentuch aus der Hosentasche und wischte sich den Lippenstift vom Mund. Herr Reinhau wurde verbindlich und sprach Gertrude an: „Was kann ich für sie tun?“. Gertrude blinzelte irritiert. „Manchmal bin ich unsichtbar, dann…“, antwortete sie zu einer Erklärung ansetzend, ohne den Satz zu vollenden. Sie wartete unsicher und verletzt ab. Herr Reinhau runzelte kurz die Stirn und kam wieder hinter der Theke hervor. Er hakte Gertrude kräftig mit einer Hand unter und wandte sich mit ihr in Richtung Ausgang. Der Beinahelaufschritt war Gertrude etwas zu flott und sie hatte Mühe, den Rhythmus zu finden. Sie blieb mucksmäuschenstill und strengte sich an, auch wenn die Beine schmerzten. Herr Reinhau brachte sie bis zur gegenüberliegenden Straßenbahnhaltestelle. „Hier finden Sie sicher nach Hause“, schrie er ihr ins Ohr. Sie sah ihn erschrocken an. Reinhau wartete keine Antwort ab, drehte sich auf dem Absatz um und verschwand.
Als die Straßenbahn einfuhr und sich direkt vor Gertrude die Automatiktüren öffneten, stieg sie ein. Gertrude nahm auf einer der Seitenbänke Platz, die noch freie Sicht auf den Park ließen und summte. Als die Bahn Richtung Endstation anfuhr, verlor sich das Grün aus ihrem Blickfeld.

Ersterscheinungsdatum: 24.08.2011 auf einseitig.info

© Marie van Bilk/Maria Jürgensen – Veröffentlichungen des Texts, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin.