Jons Glück

Vom anders sein

Jons-GlückJon machte nichts richtig, das lag in seiner Natur. Als seine Mutter ihn gebar, verweigerte er die ersten Laute, die darauf schließen ließen, dass er am Leben war und jagte ihr damit einen gehörigen Schrecken ein. Er bewegte sich, sein Herz klopfte und er blinzelte halbblind in die Welt hinein, doch er schrie nicht. Als er es zwangsläufig doch tat, hatte man ihm äußerst beherzt das Hinterteil versohlt und ein Fieberthermometer in dasselbe versenkt. „Hättest Du mal gleich geheult, mein Lieber“, vernahm die entnervte Mutter die Stimme der Hebamme, „Das war ein Fehler, die Welt nicht ordentlich zu begrüßen.“ Und es sollte nicht sein letzter bleiben. Jon wuchs im Schatten seines älteren Bruders auf, der äußerst begabt war und vermeintlich ein Mustersohn erster Güte. Wenn er im jugendlichen Eifer den Pfad der Tugend verließ, dann unauffällig und klug. Jon versuchte es ihm gleichzutun, vor allem im Beschreiten von Abwegen, von dem ihm der Bruder listig zu berichten wusste. Doch war Jon, was Unauffälligkeit und Klugheit anging, wenig erfolgreich.

„Das war ein Fehler“, hörte er seinen Vater sagen, wenn eine seiner Untaten wieder einmal aufgeflogen war. Bevor die große Hand auf ihn niederging und Striemen auf der Haut hinterließ, hatte er mit geneigtem Haupt vor ihm zu knien und einzugestehen, dass er ein Taugenichts war. Er wurde aus Schaden nicht klug und wenn er doch überraschend aus einem Irrtum lernte, so besaß er das begnadete Talent, in das Fettnäpfchen zu treten, das am nächsten stand.

In der Schule war er von den Mädchen nur gelitten, was im Kreise seiner Altersgenossen als Schande galt. Und so ging er dem weiblichen Geschlecht vorerst aus dem Weg. Er verlängerte seine ewige Pechsträhne unerbittlich, indem er in sämtlichen Fächern jedwede Anstrengung verweigerte, um seine innere Stärke und offene Aufruhr gegen das System zu zeigen. Aufstand war gerade Mode oder Pflicht und schien ihm ein adäquates Mittel, um Zugehörigkeit zu erreichen. Doch nicht nur seine Lehrer zeigten keinerlei Verständnis für seine revolutionäre Ader und belohnten ihn stattdessen mit einer Fünf nach der anderen. Seine Mitschüler hielten ihn schlicht für intellektuell minderbemittelt. Wenn nicht sein Bruder gewesen wäre, der ihm folgsam die Hausaufgaben kontrollierte und ihm die Klassenarbeiten ins Hirn schlug, er hätte es wohl nicht bis zu einem Schulabschluss geschafft.

Als Jon schließlich zu einem Sicherheitsunternehmen ging, um dort als Nachtwächter zu arbeiten, glaubte die Familie, ihn gut untergebracht zu haben. Sie hoffte darauf, keine Hiobsbotschaften mehr verkraften zu müssen, wenn es um den Jüngsten ging. Doch weit gefehlt. Wo sein Vorgänger seine Zeit spazierend, den Hund fütternd und lesend zugebracht hatte, da wurden bei Jon Löcher in den Zaun geschnitten, Transporter gestohlen, Lager leer geräumt und Fenster eingeschlagen. Ganze drei Monate hatte er die Stellung inne, bevor ihm fristlos gekündigt wurde. Es folgte eine Lehrstelle als Friseur, bei der er schon nach einem Tag und einem mit zu heißem Waschwasser verbrühten Kopf das Weite suchen musste. Dann versuchte er es mit einem Praktikum als Bäcker, bei dem er es nur deswegen vier Monate aushielt, weil er den Großteil der Zeit die Backstube zu fegen hatte und erst zum Schluss mit dem Ofen in Berührung kam. Als Dachdeckerlehrling fackelte er den Dachstuhl einer Kirche ab und hatte es dem von einem eigenen Sohn geplagten Richter und der kulanten Versicherung seines Dienstherrn zu verdanken, dass er mit einem blauen Auge davon kam.

Jon war von klein auf an die Eigenschaft des Versagens gewöhnt. Er übte sich in Ausdauer, gab fünf Jahre lang nicht auf, versuchte in insgesamt einundzwanzig Berufen Fuß zu fassen und scheiterte quer durch die gesamte Republik. Seine glücklicherweise wohlhabenden Eltern unterstützten ihn tapfer finanziell und waren froh, sich mit dem Geld wenigstens die Freiheit von seiner Anwesenheit erkauft zu haben. So ging in den eigenen vier Wänden kaum noch etwas zu Bruch und die räumliche Distanz brachte eine seelische mit sich, die wohl tat und sie gelegentlich durchatmen ließ.

Als Jon Ina Radz kennenlernte, zählte er bereits vierzig Lenze und humpelte, nachdem er bei der Installation einer Telefonleitung vom Mast gefallen war. „Ich will Dich“, behauptete eine Frau und Jon vernahm diesen Satz zum ersten Mal. Jemand wollte ihn. Ina war eine Schönheit ohne Aufenthaltserlaubnis und Jon heiratete sie sofort, weil er sie ehrlich liebte und nicht nur, um ihr das Bleiberecht zu ermöglichen.  Ina arbeitete nachts und brachte Geld nach Hause. Das machte das Leben ein wenig angenehmer und ließ Jon glauben, nun sei mit seinen geschossenen Böcken endlich einmal gut und Schluss. Die anfängliche Hitze ihres Verliebtseins war zwar bereits nach drei Ehetagen erheblich abgekühlt, doch freute Jon sich, seinen alten Eltern nicht mehr auf der Tasche liegen zu müssen, ein abendliches Bier zu genießen und ein Heim samt Frau sein Eigen zu nennen. Bis sie nicht mehr zu ihm zurückkam.

Als sie auch am zweiten Morgen nach ihrem Verschwinden noch immer nicht wieder auftauchte, machte sich Jon auf den Weg zur Polizei, die ihn zur Identifizierung in die Leichenhalle führte. Ina habe als Bardame und Prostituierte in einem illegalen Club gearbeitet, nicht in der Nachtschicht des Krankenhauses, wie er angenommen hatte. Sie hatte jeden Abend das Haus in einem Schwesterndress verlassen. Über die Körperbetontheit ihrer Kleidung hatte er sich keine Gedanken gemacht und sie schlicht für ihre Grazilität bewundert. Einer ihrer Freier, so berichtete man ihm, habe seine Rolle als Arzt wohl etwas zu genau genommen.

Bei der Beerdigung waren viele Frauen anwesend, die Jon herzlich bedauerten. Das tröstete ihn darüber hinweg, dass der Pfarrer eine Sonnenbrille trug, lispelte und statt Ida einen Günther Schmitz im Sarg wähnte. Dass die Ehe mit Ida nicht nur auf einer falschen Ausgangsposition beruhte, sondern einer seiner besonders großen Fehler war, bekam er zu spüren, als ihr Zuhälter an seiner Haustür klingelte und um „Kohle“ bat. Seinen Scherz „er heize mit Öl“ verstand der gut gebaute, braun gegerbte Schrank mit Namen Julius Jan Bommer falsch, schlug ihn mit einer gekonnten Rechten K.O. und verpasste ihm nach erfolgloser Durchsuchung seiner Wohnung eine Kugel mit einer Walter PPK. Sein Bruder fand ihn bewusstlos.

Jon träumte davon geboren zu werden. Er hörte Wasser rauschen und aus der Ferne gedämpfte, undeutliche Stimmen. Er sah ein verschwommenes Licht am Ende eines schwarzen Ganges. Dort zog es ihn hin.  Jon war sehnsüchtig und ruhig. Es drückte stumpf auf seine Brust und hinderte ihn daran, das Licht zu erreichen. Nichts schmerzte. Nichts fühlte sich an wie. Das war neu. Seine Erinnerung ließ ihn zuweilen im Stich, der Druck, das Rauschen des Wassers, die Stimmen, das Licht kehrten wieder, als sei es jedes Mal das erste Mal. Immer zog es ihn fort. Er kam nicht vom Fleck. An jenem Morgen verstummte schließlich das Rauschen und er erkannte durch den Nebel, der ihn umgab das Schluchzen seiner Mutter. „Mama“, wollte er sagen, „Mama“. Sein Mund blieb stumm. Als er sich seiner Unfähigkeit bewusst wurde, stieg panische Hitze in ihm auf. Sein Sehnen wuchs. Er versuchte den Schrei, den er zu Beginn seines Lebens verweigert hatte, nachzuholen. „Ich bin da, Mama, ich bin da“, tobte es in ihm. Doch kein Ton drang nach außen, kein Laut. „Ach, Kind“, hörte er seine Mutter sagen, “dass Du uns soviel Sorgen machen musst.“ Die Geräusche der Maschinen, die seine Lebensfunktionen überwachten und stützten, takteten ihr Weinen und machten daraus eine rhythmische Melodie, die ihn müde machte. Dissonant und weckend erschallte die Stimme des Vaters im Hintergrund „Soll er doch endlich gehen, dann sind wir endlich richtig frei. Der kommt doch eh nicht mehr auf die Beine. Und wenn dann droht doch nur die nächste Katastrophe! Ich kann nicht mehr, Mathilde. Ich kann.“ Er unterbrach sich, erschrocken darüber, dass er das, was er dachte, gesagt hatte. Die Mutter ließ ihrem Leid freien Lauf und klagte lautstark und gnadenlos. „Ach, Du weißt, dass ich Recht habe“, ergänzte der Vater kleinlaut. Jon fand keine Worte des Protests und hätte sie eh nicht äußern können. „Ich habe eine Lebensversicherung für ihn abgeschlossen.“ Tonlos meldete sich sein Bruder zu Wort. Nur die Maschinen piepten noch vor sich hin. Es herrschte Stille im Raum. „Ja, er stirbt, ich sehe es ein“, sagte die Mutter in sie hinein und öffnete ihre Handtasche ohne etwas heraus zu nehmen oder hinein zu stecken. „Und er hat es sich selbst zuzuschreiben“, sagte der Bruder bitter, „Soll er gehen, ja. Dann macht er wenigstens einmal etwas richtig, einmal in seinem Leben keinen Fehler!“. Niemand brachte mehr einen vollständigen Satz heraus. „Ja“, sagte die Mutter fest. „Ja“, flüsterte der Vater.
Jon schlug die Augen auf, die nun tränten, tat einen tiefen Atemzug und schrie vor Schmerz.

Ersterscheinungsdatum: 25.3.2012 auf einseitig.info

© Marie van Bilk/Maria Jürgensen – Veröffentlichungen, auch in Auszügen nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin.

© Zeichnung: Marie van Bilk/Maria Jürgensen

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