Ausgeschrieben – Zwölf – Shortstories

Der Angler

Jemand liebt

© Foto: Maria Jürgensen

© Foto: Maria Jürgensen

Sie schienen alle ohne einen Funken Verstand und Gefühl zu sein. Die Schar der Gäste im Saal des Grand Hotels verlor sich in heftiger Betriebsamkeit und schwang von der einen Seite des Raumes zur anderen. Voller Ernst parlierten sie bei Rotwein und Crémant über Belanglosigkeiten des eiligen Vormittags. Hier und da zückte ein Silbergrauer, Glattrasierter oder Bärtiger ein Handy, liebkoste mit dem Daumen den Bildschirm, der seinen Widerschein vereinnahmend auf dem Gesicht seines Betrachters hinterließ und tippte behände eine Nachricht. Es wurde stetig lauter und geschäftiger. Das gleichförmige Summen der Stimmen bekam Gesellschaft von rhythmisch unterbrechenden Pings der Mobiltelefone, die eine Antwort aus dem Off signalisierten. Sie schmiegten sich eng aneinander, als sei man einander vertraut und zugewandt. Ihre Stimmen zerschnitten die körperlich skizzierte Nähe mit Worten. Laut, betont und das eigene Bild voreinander zeichnend markierten sie ihren Bereich. Sie war die einzige Frau hier. Sie schwieg, als sei das Schweigen Ausdruck ihrer anderen Haltung und die einzige Möglichkeit, ihren so notwendigen Abstand zu wahren. Weiterlesen

Otto nimmt’s persönlich

An Tagen wie diesen

Bis zu jenem Tag hätte jemand, der ihn hätte beschreiben sollen, die Schultern gezuckt, sich am Kopf gekratzt und geschwiegen. Er hätte vielleicht auch geäußert, nicht zu wissen, wer Otto sei, selbst wenn er ihm täglich über den Weg lief, seinen Namen kannte, knappe Floskeln wie „Guten Morgen“ mit ihm austauschte, vielleicht sogar ein kleines Gespräch mit ihm führte oder ihm skeptisch prüfende Blicke schenkte. Otto war, trotz seiner Körpergröße von beinahe zwei Metern, seiner fast schwarzen Augen und einem Oberkörper von beachtlich muskulösem Umfang, unscheinbar. Weiterlesen

Am Ende aller Worte

Feuer legen

Der Spielplatz war leer. Nur sie saß noch im Halbdunkel auf einer der beiden Schaukeln und wartete. Sie zog die Kapuze ins Gesicht. Das schützte nicht nur vor gierigen Blicken, sondern auch vor dem eiskalten Wind, der im Oktober bereits den nahenden Winter ankündigte. Mit ihrem Schuh malte sie FUCK in den Sand, das taten sie hier so und wischte es gleich wieder weg. Sie war gut in der Schule, doch sie ließ es sich nicht anmerken. Die Stadt und nicht nur die gingen ihr am Allerwertesten vorbei. In Deutsch schwieg sie, eisern. Kein Wort hatte sie gesagt und diesmal den Heini da vorne vor Wut explodieren lassen. Er wüsste, dass sie mehr „drauf“ hätte, meinte er und hatte sie gefragt, ob sie nun Abitur machen wolle oder nicht. Sie hatte aus dem Fenster geschaut, während seine Worte an ihr vorbeigezogen. Es ist anstrengend, sich dumm zu stellen. Anstrengender, als dumm zu sein. Weiterlesen

 

Bis dass der Tod uns scheidet

Die Geschichte einer unerfüllten Sehnsucht

Bis-dass-der-Tod-uns-scheidetHundertsiebenundzwanzig Kilo waren es, die er täglich durch die Gegend schob. Dabei waren nur sechzig erlaubt. Sein Wagen war um etliche Taschen erweitert und er freute sich jeden Morgen auf den frühen Nachmittag. Dann hatte er die Hälfte der Briefe verteilt und die Last wurde leichter. Postbote war nicht sein Traumjob gewesen, er hatte Lehrer werden wollen. Seine schulischen Leistungen reichten für ein Studium nicht aus und er wünschte sich einen Beruf, der ihm ebenfalls einen frühen Feierabend verhieß. Doch rund 1500 Briefe, diverse Kleinpäckchen und Zeitungs-sendungen wollten in den Briefkästen landen und da hieß es oft, sich im Laufschritt zu bewegen, wenn man abends früh auf der Couch sitzen wollte. Jeden Tag legte er im Schnitt sieben Kilometer Weg zurück. Weiterlesen

 

Das Ei des Raimund Güldenreich

Vom Mittelpunkt der Welt

GüldenreichFür Raimund Güldenreich war das Ei die Welt, die er in ihre Einzelteile zerlegte und sich einverleibte. Er aß jeden Tag eines zum Frühstück. Die Hühner und Enten in der Voliere hinter dem Haus sorgten für ausreichenden Nachschub. Es war, als verliehen ihm allein Weiß und Dotter die Macht, die er täglich auszuüben trachtete. Güldenreich bevorzugte sie hartgekocht oder kross, von beiden Seiten gebraten und hielt nichts von ihrem weichen Kern. Seine Haushälterin Mathilde fragte trotz seiner Gewohnheit jeden Tag freundlich nach: „Wünschen Sie eine Eierspeise?“ Er antwortete nie und Mathilde servierte ihm abwechselnd ein gekochtes oder ein gebackenes. Entweder schnitt er das aus der Pfanne kommende in vier gleich große Teile, um sie dann in vier Happen herunterzuschlingen oder er zerschlug mit dem Löffel die Schale des Gekochten am Kopf, um anschließend die Spitze zu kappen und das Ei auszuhöhlen bis zum letzten Fetzchen. Weiterlesen

 

Entbehrungen

Rohe Zukunft

Sie kleidete sich nach dem Wetter. Schien die Sonne, trug sie Orange, regnete es, wählte sie Anthrazit, bei Gewitter kam ein helles Gelb hinzu und bei Nebel ein lichtes Grau. An diesem Tag schneite es und sie betrat in einem weißen Poncho und einer weißen Wollhose die Straße und ging in Richtung Station. Der Weg dorthin war mit elektronischen Reklametafeln gepflastert, die für Immobilien, Geldanlagen und Karriereperspektiven warben. Sie gönnte ihnen jedoch nicht einen Blick, denn der Gehsteig war rutschig und sie zog es vor, ohne Blessuren ihren Train zu erreichen. Um niemanden zu verärgern, hatte sie sich überpünktlich auf den Weg gemacht. Sie wurde für ihre Zeit bezahlt und ihr Chef wollte darum nicht betrogen werden. Sie überging wie jeden Tag die gespürte Enge in der Brust und hustete leise. „Machen Sie mehr aus Ihrem Geld!“, verkündete der Fahrkartenautomat und das Display spielte einen Kurzfilm über ihre Hausbank ab, in dem einer jungen, weiß gekleideten Frau vom Himmel Goldmünzen in den Schoß fielen. Dann endlich spuckte er die Chipkarte aus, auf deren Rückseite sich ebenfalls lohnende Werbung befand. Weiterlesen

 

Grün ist die Hoffnung

Rätselraten

Grün-ist-die-HoffnungSie aß Käsekuchen. Tarta de Queso nannte man das hier. Ihr blondiertes Haar roch nach billigem Haarspray und Heinz brachte zum dritten Mal einen hellgrünen Likör in einem abgenutzten Glas mit langem Stiel. Heute, wie fast jeden Tag, toste ein kräftiger Wind über die Insel und um die Ecken von Puerto del Carmens Häuser, deren verblichener Charme die quirligen Nächte der sechziger Jahre nur noch ahnen ließ. Einige wenige Engländer mit großflächigen Tattoos und in Begleitung behandtaschter Damen, deren auffällig lackierte Fingernägel im Schein der Funzeln, die sich Straßenlaternen nannten, leuchteten, verließen die Discotheken des Ortes. In der Tabledance Bar direkt neben Schulzens Alpenhain arbeitete nur noch eine Dame mit passablem Busen hinter dem Tresen, während Bildschirme, auf denen eindeutige Tanzdarbietungen zu sehen waren, in allen vier Ecken des Etablissements auf die spärlich besetzen Tische hinunter flimmerten. Weiterlesen

 

Haben Lügen lange Beine?

Zwanzig Vaterunser und zehn GegrüßetseistduMaria

Keine log so schön wie Rosemarie Riemenschneider. Selbst ihr Beichtvater war von ihren samstäglichen Auftritten und der dann folgenden Inbrunst Ihrer Geständnisse beeindruckt. Nach seinem „Gelobt sei Jesus Christus“ antwortete sie voller Leidenschaft mit „In Ewigkeit. Amen“ und betonte das Wort Ewigkeit nachdrücklich. Nach der letzten Beichte brauchte er nicht zu fragen. Sie kam regelmäßig. Sie genoss es. Und immer begann Rosemarie ihre Sündenlitanei mit „Mein Vater, ich habe gelogen“. Dann lächelte sie und begann zu erzählen. Von ihren sieben Kindern. Von ihrer Unfähigkeit eine gute Mutter zu sein oder davon, dass sie zurückgeschlagen habe, als ihr Mann sie wieder einmal züchtigte. Pater Bernhardt wusste, Rosemarie hatte keine Kinder. Sie war unverheiratet und lebte in einer sechzig Quadratmeter großen Mietswohnung am Stadtrand. Wenn er ihr die zehn Gebote erläuterte oder sie strategisch klug fragte, warum sie sich so bestrafe, schaute sie nur mit großen Augen durch das vergitterte Fensterchen, das sie trennte und schwieg. Es war, als hörte sie seine Worte nicht. Stattdessen fuhr sie fort, sich anzuklagen und um Erlass ihrer Schuld zu flehen. Er gab ihr mit schmelzendem Widerstand die Absolution und verdonnerte sie zu zwanzig Vaterunser und zehn GegrüßetseistduMaria, die sie anschließend, mit Rosenkranz bewaffnet und kniend in der Kirchenbank ableistete. Ihr Kopftuch rutschte ihr dabei jedes Mal wie die Kapuze einer Mönchskutte in den Nacken und ließ ihre schwarze Haarpracht sehen. Danach verließ sie beschwingt, sanft und unschuldig lächelnd die Kirche. Pater Bernhardt dagegen saß geknickt im Beichtstuhl und musste sich eingestehen, dass er sich auf die Samstage freute, an denen sie kam und ihre abstrusen Geschichten preisgab. Weiterlesen

 

Jons Glück

Vom anders sein

Jons-GlückJon machte nichts richtig, das lag in seiner Natur. Als seine Mutter ihn gebar, verweigerte er die ersten Laute, die darauf schließen ließen, dass er am Leben war und jagte ihr damit einen gehörigen Schrecken ein. Er bewegte sich, sein Herz klopfte und er blinzelte halbblind in die Welt hinein, doch er schrie nicht. Als er es zwangsläufig doch tat, hatte man ihm äußerst beherzt das Hinterteil versohlt und ein Fieberthermometer in dasselbe versenkt. „Hättest Du mal gleich geheult, mein Lieber“, vernahm die entnervte Mutter die Stimme der Hebamme,“ das war ein Fehler, die Welt nicht ordentlich zu begrüßen.“ Und es sollte nicht sein letzter bleiben. Jon wuchs im Schatten seines älteren Bruders auf, der äußerst begabt war und vermeintlich ein Mustersohn erster Güte. Wenn er im jugendlichen Eifer den Pfad der Tugend verließ, dann unauffällig und klug. Jon versuchte es ihm gleichzutun, vor allem im Beschreiten von Abwegen, von dem ihm der Bruder listig zu berichten wusste. Doch war Jon, was Unauffälligkeit und Klugheit anging, wenig erfolgreich. Weiterlesen

 

Manchmal bin ich unsichtbar

Eine Geschichte über das Alter

Gertrude entriss das Halstuch dem Haken und verstaute es in den Plastiktüten, die inzwischen bis zum Rand mit Kleinteilen aus den Abteilungen des Kaufhauses gefüllt war. Der Detektiv hatte den Hörer bereits am Ohr und wählte die Nummer des Reviers um die Ecke, als er auf dem Bildschirm Gertrude zur Kasse spazieren sah und innehielt.
„Bitteschön“, sagte Gertrude zur Kassiererin und überreichte ihre Sammlung mit einem freundlichen Kopfnicken. Die Verkäuferin nahm die Tüten verwirrt entgegen, warf einen Blick hinein und sah Gertrude fragend an.
„Ich habe meinen Koffer verloren“, antwortete sie.
„Achso“, antwortete die Kassiererin und begann die Einzelteile aus einer der Tüten zu befreien und die Preisschilder eines Fläschchens Kölnisch Wasser, des Gebissreinigers, der Seidenstrümpfe 30DEN mit Zwickel, des Halstuchs aus Seide und der Dreierpackunterwäsche zu inspizieren. Beim Auspacken des Spezialmessersets für das Fleischerhandwerk stutzte sie und betrachtete die lächelnde Gertrude misstrauisch. Die stützte sich mit beiden Händen auf der Theke ab und beobachtete, was ihr Gegenüber mit ihren Schätzen unternahm. Weiterlesen

 

Scherzmanns Rettung

Ein Mann in Angst

ScherzmannScherzmann schloss die Tür hinter den letzten Besuchern und schob jeden der fünf Riegel langsam und sorgfältig zu, nicht ohne ihren stabilen Halt noch einmal zu überprüfen. Er drehte sich zur Wand, zog seine getigerten Pantoffeln aus und griff zu der Drahtspule auf dem hellblauen Dielenstuhl. Auf blanken, blassen Füßen, auf deren rechtem Zeh kleine schwarze Haare wuchsen, während der linke ganz kahl war, schlich er in die Küche, vorbei an den kleinen Türmen voller gesammelter Schätze, die von der Diele nur noch einen schmalen Gang sehen ließen. Unter der Decke hing eine durchlöcherte Gießkanne, in die eine Lampe eingepasst war. Ihr Licht war kaum der Rede wert. Mehrere Uhren tickten aus allen Winkeln der Wohnung leise vor sich hin und durchbrachen die Stille. Als Scherzmann die Küchentür öffnete, bimmelte eine kleine Glocke begleitend. Der Puppenkopf an der Stirnseite der Sitzbank, an dem eine Schnur befestigt war, die bis zum Türrahmen reichte, rollte vielsagend mit den Augen, als wolle er sagen: “Du schon wieder!” Scherzmann blieb stehen. Er nickte zum Puppenkopf hinüber. Dann goss er sich aus einer großen Flasche Weißwein in ein altes Wasserglas und trank den übrig gebliebenen Bodensatz direkt aus der Flasche. Mit einem Zug leerte er das Glas, nahm sich das letzte Schmalzbrot vom sonst nur noch mit Krümeln bedeckten Teller und wandte sich zum Tisch, auf dem ein Berg von Zeitungen lag. Sein Hemd zog er aus, warf es achtlos in den Wäschekorb neben dem Ofen, der am Mittwoch erst zur Hälfte gefüllt war und richtete die Hosenträger. Weiterlesen

 

Taube Ohren

Aus dem Leben der Therèse Brecht

Therèse Fließheim geborene Brecht sagte man nach, sie ruhe in sich, was sie Zeit ihres Lebens als unbefriedigend empfand. Ihren neunundneunzigsten Geburtstag feierte sie im Kreis ihrer Familie, der aus einem Sohn und einer Tochter, zwei Schwiegerkindern, vier Enkelkindern und drei Urenkeln bestand. „Mir geht es gut, doch, wirklich“, schrie sie fast, denn ihr Hörgerät erfasste kaum noch Geräusche der Außenwelt und kaum noch ihre eigene Stimme. „Alle mögen mich noch, glaube ich. Und das ist doch die Hauptsache“, pflegte sie hinzuzufügen und tat es auch jetzt. Niemand stritt das ab oder gar mit ihr. Niemand hörte, was eigentlich nicht zu überhören war. Weiterlesen