Weniger ist manchmal mehr

Horst Eckerts zehnter Kriminalroman „Sprengkraft“ ist erschienen

Grenzverletzungen und taube Ohren

Nach Nine Eleven und den Anschlägen in London und Spanien wird auch in unseren Medien in regelmäßigen Abständen von der Gefahr geredet, die von radikal-islamistischen Gruppierungen ausgeht. Und nicht nur Innenminister Schäuble rechnet gerade im Wahljahr mit der Verwirklichung des Terroralbtraums. Kofferbomber, die Regionalzüge in Koblenz und Dortmund in die Luft jagen wollten und der aktuelle Prozess gegen die Sauerlandgruppe zeigen, der Terror ist längst da und er ist wie überall auf der Welt, trotz aller Sicherheitsbemühungen, unberechenbar. Denn entgegen der allgemeinen Vorstellung, Terroristen schlössen sich einer militanten Gruppe wie der El-Qaida an und folgten den Vorgaben ihrer Führer, bilden sich kleine, regionale Verbände gewaltbereiter Religionsfanatiker und planen ihre Verbrechen, ohne, dass die Distributoren des Hasses und fundamentalistischen Ideologen sie dazu auffordern müssten. Ein Verein mit ungeschriebenen Aufnahmeregeln also oder einer mit ausgesprochen ehrgeizigen Mitgliedern, denen es um mehr als nur ein Lob ihrer Idole geht, sondern um das himmlische Glück schlechthin und die Durchsetzung der, aus ihrer Sicht, einzig existierenden göttlich legitimierten Glaubensgemeinschaft. Den Anspruch der „einzig wahren Kirche Gottes“ haben im übrigen viele Religionen und nicht wenige ihrer Anhänger haben sich deswegen schon gegenseitig die Köpfe eingeschlagen. Dass das heute noch möglich ist und der Körper eines Menschen gerade von Religionen noch nicht als „Heimstatt seines personalen Selbst“, wie Dieter Schwanitz es in „Das Shylock-Syndrom oder die Dramaturgie der Barbarei“ bezeichnet, respektiert und gehütet wird, ist bei allem Verständnis für jede einzelne, nicht zu begreifen. Genauso wenig zu begreifen ist für viele der weltweit existierende Rassismus und die emotional ausufernden, angstbesetzten Forderungen nach Integration, die in vielen Ländern eher einer Assimilation ähnelt. „Werdet wie wir“, heißt es und wer nicht „wie wir“ wird, gehört automatisch nicht dazu. Man hört ihm vor allem nicht mehr zu.

Um Grenzverletzungen unterschiedlicher Manier und um viele taube Ohren geht es in Horst Eckerts zehntem Kriminalroman „Sprengkraft„.

„Was wäre, wenn die Bombe zündet?“ fragt sich der Autor und macht gleich einen ganzen Rundumschlag. Er thematisiert Terrorgefahr, Hass, Rassismus, „the clash of civilizations“, Islamkritik, Verführbarkeit, Korruption bei Gesetzesmachern und -hütern und die Bestechlichkeit der Medien. Ein weites Feld und zugleich die Krux des Romans.

Von Tätern und Opfern

Rahmenhandlung ist die Suche nach dem Mörder des Drogenhändlers Noureddine Diouri. Der alte Fall wird wieder aufgerollt, um einen Maulwurf in den eigenen Reihen zu finden. Der Dealer wurde auf offener Straße erschossen und der Täter konnte nicht gefasst werden. Anna Winkler und ihr Kollege Martin Zander werden auf den Fall angesetzt.

Das Einleitungskapitel trägt die Überschrift „Hass“. Der erste Blick gilt Abderrafi Diouri, einem der leider sehr zahlreichen und stark überzeichneten Protagonisten des Romans. Streng gläubig, Andersdenkende ausgrenzend, versehen mit eben jenem toten Bruder, der im Drogenmilieu sein Geld machte und schließlich ermordet wurde. Westlich gekleidete Frauen sind grundsätzlich leicht zu haben, werden von ihm als Schlampen tituliert, Nichtmuslime als Schweinefresser bezeichnet und von ihm unter der Rubrik „Feinde des Glaubens“ einsortiert. Während seine Schwester gänzlich aus dem Raster der Familie fällt, studiert, ja gar eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft bevorzugt, die von den Eltern arrangierte Ehe ablehnt, bewegt sich der Bruder in die gegenteilige Ecke. Mutter und Vater finden sich ab, wollen in Deutschland ihr Glück machen und dennoch ihren Traditionen und der Religion möglichst treu bleiben. Doch ein Mittelweg scheint unbeschreitbar. Die Eltern beziehen selten klare Positionen, an denen sich die Kinder orientieren können. Die Gesellschaft lässt sie mit den gelebten Widersprüchen allein. Die Kinder werden brutal gezüchtigt oder in die große Migrantenschublade gesteckt und sollen dennoch gerade diesen, sie maßgeblich prägenden Personen Respekt und Anerkennung zollen. Die Sehnsucht nach Halt, Zuneigung und Anerkennung ist groß. Das Ergebnis der täglichen Einflüsse jedoch sind Orientierungslosigkeit und fehlende oder falsche Aufmerksamkeit. Rafis Freund Said lebt streng nach religiösen Vorschriften und unterstützt Rafis Bestrebungen, sich mit Gewalt Gehör und Ansehen zu verschaffen. Der Bruder, wie wir später erfahren, von einem korrupten Polizisten ermordet, ist längst ein Opfer dieser pädagogischen Fehlbemühungen geworden. Rafi rächt an dem vermeintlich Schuldigen den Tod seines Bruders. Für diesen Mord muss er nicht einstehen. Für die Tatsache, dass er dem Wort seines Vaters nicht Folge leistet und lieber in die Moschee geht, um zu beten und Trost zu finden, wird er allerdings vom Familienoberhaupt des Hauses verwiesen. Geredet, erklärt oder in Frage gestellt wird nichts. Debatten enden mit Schlägen. Eckert spickt die Einführung einer seiner Hauptfiguren mit Zeitungsartikeln, die vom Brand in Mainz, der Gegnerschaft gegen die Ehrenfelder Zentralmoschee in Köln oder den Mohammedkarikaturen berichten. Er skizziert damit die Ignoranz der westlichen Industrienationen gegenüber der muslimischen Lebensweise und das existierende rechtsradikale Gewaltpotential.

Auch Moritz Lemke wird per Radio mit einer Brandstiftung in einem Gebetsraum in Sittensen konfrontiert. Dem Journalisten, über dessen Haupt der Pleitegeier kreist, wird außerdem wenig später ein korrupter Pressesprecher im Innenministerium kredenzt, der ihn mit hinterzogenen Geldern zu ködern versucht und dessen Angebot er entrüstet ablehnt. Die wesentlich zweifelhaftere Offerte für die Partei Pro Freiheit zu arbeiten, bei der man die braune Farbe gleich in mehreren Schichten aufgetragen hat, nimmt er jedoch an. Dass Eckert mit Pro Freiheit Anleihen bei der in Köln ansässigen Partei mit Namen Pro Köln gemacht hat, ist unverkennbar. Auch hier gibt es die im Roman angesprochene Gegnerschaft gegen die Ehrenfelder Moschee, eine Vorsitzende, keinen Schriftsteller Manfred Rolfes, aber einen Verleger Manfred Rouhs und man dementiert mit Vehemenz dem rechten Lager anzugehören.

Lemke kostet die Ablehnung im Innenministerium den Job. Da hat er überraschend keine Wahl mehr, an moralischen Prinzipien festzuhalten, obendrein will er die große Wohnung nicht verlieren, damit Freundin und Tochter wieder zu ihm zurückkommen. Die dürfen von seinem Engagement als PR-Mann für die Rechten natürlich nichts wissen, schließlich ist die Freundin – im wahrsten Sinne des Wortes – dasselbe in Grün und Lemke hat seinen Stolz. Seine eben noch da gewesenen moralischen Bedenken, bei deren Vernachlässigung er ebenfalls hätte verdienen können, sind urplötzlich passé… Moritz Lemke scheint ein Mann der schnellen (Um)Entscheidungen zu sein. Denn trotz der Sehnsucht nach Spross und Freundin lässt er sich auf ein Verhältnis mit der neuen Vorsitzenden Carola Ott-Petersen ein. Die scheint in der Tat „leicht zu haben“ und trägt ein eng anliegendes Motorraddress. Wer kann da schon widerstehen! Lemke jedenfalls nicht. Insgesamt ist das Image des eiskalt kalkulierenden PR-Manns und liebenden Familienvaters, der sich nur des Geldes wegen in mehrfacher Hinsicht verführen lässt, nicht sehr schlüssig. Im übrigen kommen fast alle Frauen, nicht nur die knackige Carola, im Roman als „flat characters“ daher und werden mit wenig Tiefe und Präsenz beschrieben. Versieht sie Eckert doch mit einem kantigeren Gesicht, sind sie mildernd mit einer nachhaltigen Naivität gesegnet. Kommissarin Anna Winkler kann sich kaum gegen ihre Kollegen behaupten, selbst wenn sie letztendlich maßgeblich zur Aufklärung der Fälle beiträgt. Sie wird gnädig als „tüchtig“ bezeichnet.

Ihr Kollege Martin Zander kennt sich im Milieu aus. Er geriet in der Vergangenheit selbst auf die schiefe Bahn, als er bei einem Trödler Ware aus einen Einbruch auf der Königsallee versetzte. Einer anderen Einheit zugeteilt und nicht besonders beliebt bei seiner unmittelbaren Vorgesetzten – von der wir nur den Namen erfahren und deren Marschbefehle im übrigen nie aus ihrem Munde direkt kommen – hat Zander es bei der Polizei schwer. Seine Behauptung, inzwischen zu den Guten zu gehören, vertritt er jedoch mit allem Nachdruck. Kripochef Engel weiß um sein Vergehen und setzt ihm ein Ultimatum, bis zu dem er den Maulwurf enttarnt haben soll. Im Laufe des Geschehens kostet das Zander den Kopf.

Bevor sich der wahre Mörder Diouris entpuppt, explodiert in einer Moschee die Bombe, die Rafi und seine Freunde für ihre Märtyrertat gebastelt haben. Rafi wird verletzt, zwei seiner Freunde kommen ums Leben. Einer davon ist Konvertit, denn auch dieses Element darf nicht ausgelassen werden. Der Partei der Freiheitlichen beschert die Explosion bedauerlicherweise so viele Anhänger und Sympathisanten wie lange nicht mehr. Doch auch in deren Reihen brodelt es, wird gemauschelt und gemacht, abgehört und hintergangen. Mittendrin Moritz Lemke, der sich immer mehr verstrickt und letztendlich als Nachfolger der inzwischen überflüssigen und verunglückten Carola ins Feld zieht.

Der „Sportwagentyp“ Paul Venner, Paul-Newman-Typ, ist als nächst höhere Instanz verantwortlich für die Bombenanschläge. Die Fälle um die Brüder Diouri verbinden sich. Venner darf es richten und findet den wahren Urheber der Anschläge. Anna hat gut vorgearbeitet und es wird ihr gegönnt, noch das ein oder andere zum Fall beizutragen. Natürlich leitet sie dabei nicht nur der Verstand, sondern die weibliche Intuition und Väterchen Zufall. Schließlich gibt es, zumindest zwischen den beiden Ermittlern, noch irgendwie ein Happy End. Das Verbrechen an sich und vor allem der Fanatismus sind nicht auszurotten, verrät uns Eckerts Sequenz am Schluss. … Wer war nochmal der Mörder?

Zuviel des Guten

Keine Frage, hier hat jemand ausführlich recherchiert, sich mit Zusammenhängen auseinandergesetzt und versucht, dieses äußerst komplexe Thema im Rahmen eines Kriminalromans abzustecken. Kompliment!
Und dennoch lässt einen dieser Roman etwas lustlos zurück. Beinahe jeder, angefangen vom Pressesprecher bis hin zur korrekten Kommissarin Winkler hat bei Eckert irgendwo „Dreck am Stecken“ und ist derart leicht verführbar, dass einem übel werden kann von soviel Menschenverachtung und Selbsthass. Alle sind trotzdem arme Schweine und eben „nur Menschen“. Die meisten von ihnen leben in zerrütteten Beziehungen, trennen sich gerade oder haben es schon hinter sich, sind unsagbar vom Leben enttäuscht oder/und eben Verbrecher. Andere haben gleich ein ganzes Nazimuseum im Keller und feiern Orgien mit Hitlers Gummipuppe. Trotzdem bleibt der ehemalige grüne Moralapostel, Journalist Lemke diesem Verein treu und führt seine Mitglieder aufs Siegertreppchen.  Anna Winkler, voller Mitleid, vernichtet Zanders Bestechungsheroin, weil ihr Kollege zu den Guten gehört. Die Überzeichnung verfehlt leider ihr Ziel.

Horst Eckert bedient sich typischer Hardboiled- und Noirelemente und versucht aus dem für den Kriminalroman so typischen Schwarz und Weiß respektive Gut gegen Böse ein mächtiges Grau zu fabrizieren. Gerade das Terrortopic eignet sich hier eigentlich hervorragend, macht es doch möglich, mit den Grenzen zwischen individueller und kollektiver Schuld zu spielen und facettenreiche Charaktere zu entwickeln. Eckert gelingt das jedoch, trotz seiner hervorragender Recherchearbeit, nicht. Seine Figuren wirken aufgesetzt und oftmals seelenlos. Selbst Anna Winkler, bei der man Skrupel, Abscheu und Respekt vor ihrem Gegenüber freilich noch erkennt, schafft es nicht, diese Starre aufzubrechen. Sie bleibt zahm, kühl und naiv, ohne nennenswerte Ecken und Kanten. Alle sind sie gleichförmig korrumpierbar bis zur Schmerzgrenze, durchweg inkonsequent und kaputt und damit wären wir nicht mehr bei den ach so spannenden Grauzonen, die der Autor zu erreichen sucht, sondern bei Tiefschwarz.

Zudem kann das Aufgebot an Personal sich sehen lassen. Manch einer muss nachlesen, damit er die Namen noch voneinander unterscheiden kann und fragt sich, wer war noch mal wessen Freundin? Ursachen für Rafis Denken und Fühlen, für den Weg hin zum mutmaßlichen Terroristen können bei dieser geballten Ladung an Stoff kaum betrachtet werden. Nebulös bleibt die Funktion und Motivation der Manipulationsmaschinerien in und durch Politik und Medien. Zu verzweigt sind die Wege zwischen den einzelnen Handlungsschauplätze und zu diffizil das brisante und wichtige Thema. Fazit: Schade. Weniger wäre mehr gewesen.

Sprengkraft” von Horst Eckert ist bei grafit erschienen.

Ersterscheinungsdatum: 24.05.2009 auf einseitig.info

© Marie van Bilk/Maria Jürgensen – Veröffentlichungen, auch in Auszügen nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin.