Missetat in niederen Landen – Teil 2

Eine kleine Einführung in den niederländischen Kriminalroman

cb8adc2177a4a56892e0c2d1db5b0238Die Niederlande sind multikulturell geprägt. Das liegt nicht zuletzt an der kolonialen Vergangenheit, der Reisefreudigkeit und Handelstätigkeit dieses Volkes. Das macht sich auch in der Literatur, insbesondere auch im Krimigenre bemerkbar. Autoren wie Ivans, Havank und Joop van den Broek verarbeiten ihre Reiseerfahrungen in ihren Romanen. So auch der in Deutschland populäre Autor Robert Hans van Gulik, mit dessen Geschichten um den Chinesischen Richter Di der Diogenes Verlag ansehnliche Umsätze macht. Wer im übrigen Gulik liest, verrät kriminalliterarische Leidenschaft. Seine Bücher haben ihre Eigenheiten und verlangen Liebhabern von Sherlock Holmes & Co. einen unvoreingenommenen Blick auf ungewohnte Leseperspektiven ab, selbst wenn die Methoden der Helden sich gelegentlich gleichen.

Der chinesische Richter, Jerry Cotton und die Satire

Gulik lässt eine historische Figur des 7. Jahrhunderts zum Kriminalisten werden. Gulik reiste und lebte mit seinen Eltern bereits in Kindertagen in Asien. Bis zu seinem 13. Lebenjahr verbringt er seine Zeit in Indonesien und eignet sich mehrere asiatische Sprachen an. Zurückgekehrt in die Niederlande beschäftigt er sich mit Indischem Recht und baut seine sprachlichen Kenntnisse aus. Zunächst promoviert er in Literatur und arbeitet schließlich als Diplomat. Als er 1949 einen chinesischen Detektivroman übersetzt und dieser sehr erfolgreich wird, beschließt er die Hauptfigur zu übernehmen und selbst Krimis zu schreiben. Das erste Buch aus der Richter Di-Reihe heißt „Merkwürdige Kriminalfälle des Richters Di“. Weitere Titel lauten z.B. „Poeten und Mörder“ oder „Nächtlicher Spuk im Mönchskloster“. Die ungewohnte Umgebung des asiatischen Raumes, altertümlich anmutende, gelegentlich an altchinesische Filme erinnernde Gerichts- und Lösungsmethoden und ein nicht europäisches Sozialgefüge sorgen für eine eigentümliche Atmosphäre innerhalb der Romane. Für die Illustrationen der Bücher sorgte Gulik selbst. Die Richter Di-Romane wurden in 18 Sprachen übersetzt.

In den 50ger und 60ger Jahren brillieren Autoren mit Agentenromanen. Auch der „Groschenroman“, der Jerry Cotton der Niederlande, ist auf dem Vormarsch. Cor Doctor, unter dem Pseudonym Francis Hobart bekannt, publiziert Massen an Kriminalromanen mit Kommissar Daan Vissering in der Hauptrolle.

Rinus Ferdinandusse beginnt als Kabarettist. Er ist im satirischen Programm „Zo is het toevallig ook nog eens en keer“ (So ist es zufällig auch noch einmal) des Niederländischen Fernsehens vertreten und macht sich durch seine Arbeit für das „Haags Studentencabaret“ einen Namen. Seine ersten Kriminalromane nennt er „srillers“ und betont damit das satirische, ironische, zum Teil auch an tatsächlichen politischen Gegebenheiten orientierte Element. Ferdinandusse lässt Rutger Maria Lemming agieren und das in der Manier der Detektive bei Hammett und Chandler. Zu diesen Büchern gehören z.B. „Naakt over de schutting“ (Nackt überm Zaun) und „De brede rug van de Nederlandse maagd“ (Der nackte Rücken der niederländischen Magd). „Naakt over de schutting“ ist aufgrund seiner Verfilmung eindeutig sein bekanntester Roman.

Bis 1996 arbeitet er als Chefredakteur bei „Vrij Nederland“ und hat nur noch wenig Zeit zum kriminalistischen Schreiben. Beruflich bleibt er jedoch dem Krimi treu und äußert seine Meinung über Kollegen als Rezensent. Er wird außerdem zum Mitinitiator des bekannten „Detective & Thrillergids“, dem Nachschlagewerk für Kriminalliteratur in den Niederlanden. Die „Thrillerlijst“ in „Vrij Nederland“, veranlasst viele Leser, sich nach den Empfehlungen der Zeitung mit den dort hervorgehobenen Werken zu beschäftigen. Eigentlich war die Thrillerliste eine Idee seines Kollegen Martin Koomen, erzählt Ferdinandusse in einem Interview. Damals habe die VN mit monatlichen Beilagen Leser locken wollen. Eine davon sei dem „spannenden Buch“ gewidmet worden. So entstanden Liste und Krimiführer, nach denen sich heute viele Leser ihre Lektüre aussuchen.

Rinus Ferdinandusse selbst kommt über eine Empfehlung Simon Carmiggelts, Raymond Chandler, über den er ein Memoriam in VN schreibt und eine Reise durch die Vereinigten Staaten zum Krimischreiben. Sein erster Roman „Naakt over de schutting“ ist in wenigen Monaten fertig gestellt. Ferdinandusse liebt diesen Titel, zu dem er gerne eine Anekdote erzählt: Ein Kollege hatte ein Verhältnis, so berichtet er. Als eines nachts diese Frau bei ihm ist, klingelt es an der Tür, der wütende Ehemann fordert die Herausgabe seiner Angetrauten. Die Frau kriecht aus dem Bett und springt nackt über den Zaun in Nachbars Garten, um sich vor dem Zugriff zu retten. Als Ferdinandusse diese Geschichte hört, weiß er, „Nackt überm Zaun“ wird der Titel seines ersten Buches.

Gemeinsam mit 9 anderen Autoren schreibt er 2002 „De Dood van een Kroonprins“ (Tod eines Kronprinzen) und gemeinsam mit Tomas Ross „De mannen van de maandagochtend“ (Die Männer vom Montagmorgen).

Männerkrisen und Rotlichtmilieu

Gerben Hellingas Protagonist Sid Stefan mag es edel und lässig. In den 60ger Jahren erscheint seine Hauptperson das erste Mal auf der Bildfläche. Hellinga selbst hat mit dem Krimischreiben begonnen, weil er sich „im Schreiben üben wollte“. 1989 gewinnt er mit seinem Buch, „De terugkeer van Sid Stefan“ (Die Rückkehr von Sid Stefan) den Gouden Strop und dürfte sich in seinen Bemühungen bestätigt gesehen haben. Zwischen den Romanen in den 60ger und der Rückkehr zum Krimi in den 80ger Jahren, beschäftigt sich Hellinga mit Film und Theater. Er schreibt Szenarios und Theaterstücke.

1999 erscheint sein Roman „De Stille“ (Die Stille), in dem es um den geschiedenen Detektiv Paul Steenman geht. Dessen Leben gerät gänzlich aus den Fugen, als sein Kollege und bester Freund ums Leben kommt. Gerben Hellinga hat mit „De Stille“ einen spannenden Roman um die Krise und Kraft eines Mannes geschrieben.

Ferdinandusse und Hellinga haben es – wie Havank, Ivans und van den Broek ebenfalls – noch nicht auf die Lektorentische deutscher Verlagshäuser gebracht.

Mit Jurjen de Cock erschafft der Autor Albert Cornelis Baantjer schließlich einen Kriminalkommissar, der dem deutschen „Kommissar“ oder „Derrick“ in Sachen Popularität in nichts nachsteht. Der niederländische Kommissar ist nicht mehr jung, an die dunklen Seiten des Lebens gewöhnt, vertraut mit Kneipen, Rotlichtmilieu und der Verschlagenheit von Verbrechern und denen, die es nicht vermeiden können, einer zu werden. Es erscheinen nicht nur etwa zwei Bücher pro Jahr – inzwischen sind fast 70 Stück auf dem Markt zu haben -, sondern auch eine Fernsehserie, die ähnliche Fangemeinden auf den Plan rufen dürfte, wie etwa die deutsche Tatortserie. Jurjen de Cock agiert in Amsterdam und darüber hinaus. Von hoher Qualität sind diese Bücher nicht. Wer allerdings gerne Krimis in der Badewanne liest und sich über ständig wiederkehrende Personen mit unverrückbaren Ritualen freut, der wird Baantjer lieben. Einige wenige seiner Bücher sind auch auf Deutsch zu haben. So z.B. „De Cock und der tote Hampelmann“ und „De Cock und der romantische Mord“.

Verrückte Polizisten und korrupte Minister

In den 70ger Jahren erscheint ein Autor auf der Bildfläche, der gerade in Deutschland Erfolge verbuchen kann. Es handelt sich um Janwillem van de Wetering. Beim Rowohlt Verlag erscheint gleich eine ganze Sammlung seiner Romane, die schließlich auch in einer Werkausgabe zu haben ist.

Jan Willem van de Wetering lebte 6 Jahre in Südafrika, verdiente dort sein Geld mit Gelegenheitsarbeiten und bewegte sich in der dortigen Künstlerszene. Schließlich besucht er in London Philosophie-Seminare und beschäftigt sich mit Zen-Buddhismus. Der dennoch unstete Geist geht nach Japan, schließlich als Kaufmann nach Kolumbien und Peru, um dann als Immobilienmakler in Australien zu arbeiten. 1965 kehrt er nach Holland zurück und wird Leiter einer Fabrik. Auch bei der Polizei ist er sieben Jahre lang als Inspektor tätig. Als er schließlich in die USA umsiedelt, beginnt er 1975 mit dem Schreiben. „Het lijk in de Haarlemmer Houttuinen“ (Englisch:„Outsider in Amsterdam“) ist sein erstes Buch, in dem die später immer wiederkehrenden Polizisten Brigadier Rinus de Gier und der Adjutant Henk Grijpstra ihre Fälle gelegentlich sehr verquer aufzuklären wissen. Van de Wetering schreibt übrigens zunächst auf Englisch, um später ins Niederländische zu übersetzen. Seine Bücher werden zunächst in den USA veröffentlicht. Er bleibt in Amerika, genießt die Sommer und schreibt im Winter seine Bücher.

Zehn weitere Romane folgen dem ersten. 1986 schreibt er den letzten der Amsterdam-Cops-Reihe. Danach sollte man lange nichts mehr von ihm hören. Er reist viel, um schließlich 1993 wieder als Romancier zu beginnen. Van de Wetering lässt Grijpstra und de Gier zu Privatdetektiven werden. So richtig Fuß fassen kann er mit dem neuen Ansatz allerdings nicht, findet er doch in den 80gern bereits die ersten Kritiker, die seine Bücher für zu absurd halten. Außer Krimis hat van de Wetering auch Sachbücher, Theaterstücke und Kinderbücher geschrieben.

Eine der beliebtesten weiblichen Krimiautorinnen ist Jackie Lourens. Sie beginnt erst mit 55 Jahren ihre ersten Polizeiromane zu schreiben. „Ze kunnen het niet laten“ (Sie können es nicht lassen) ist ihr erstes von insgesamt 24 Büchern.

In den 80ger Jahren macht Koos van Zomeren von sich reden. Sein erster Roman ist noch recht zahm, die darauffolgenden Romane zeigen jedoch zunehmende politische Tendenzen. Ein niederländischer Minister wird in jener Zeit unschönen Machenschaften während des Krieges beschuldigt. Van Zomeren nimmt diesen Fall auf und macht ihn zur Grundlage zweier seiner Romane „Haagse Lente“ (Haagenscher Frühling) und „Minister achter de tralies“(Minister auf der Anklagebank). Koos van Zomeren ist von Haus aus Biologe und Journalist und seine Tierkolumnen, die er regelmäßig für die Titelseite des NRC-Handelsblad schreibt, sind in den Niederlanden sehr beliebt. Er wendet sich schließlich jedoch vom Krimigenre ab und schreibt Erzählungen und kurze Romane, von denen einige auch auf Deutsch erschienen sind.

In Deutschland findet man im Grafit-Verlag den ein oder anderen niederländischen Krimi, den es zu lesen lohnt. Wer zu den Autoren gehört, die in diesem Verlag erscheinen, wer für Realität im niederländischen Krimi sorgt, wer psychologisches Feingefühl besitzt, in Belgien Leser findet und welche Frau als Bestsellerkönigin der letzten Jahre gekrönt wurde, können Sie in der nächsten „Mimi“ lesen.

Was andere denken:

www.crime.nl
www.crimezone.nl
www.krimi-couch.de/krimis/robert-van-gulik.html www.246.dk/gulik.html www.geocities.com/Athens/Atlantis/2362/vangulik.htm
www.ostasien.net/boox/richterdi.htm http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_van_Gulik
http://nl.wikipedia.org/wiki/Janwillem_van_de_Wetering
http://www.avramdavidson.org/wetering.htm  http://www.baantjer.net/

Ersterscheinungsdatum: 02.12.2005 auf einseitig.info

© Marie van Bilk/Maria Jürgensen – Veröffentlichungen, auch in Auszügen nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin.