El Negro und ich

Frank Westermans Buch über Abgründe und Einsichten

81dbc491afb066d30d3018e82a477523Frank Westermans obskure Begegnung mit einem ausgestopften, in einem Museum zur Schau gestellten Menschen – ja, sie lesen richtig! – seine Neugierde auf dessen Geschichte und die Umstände dieses barbarischen Akts lassen den Leser nicht los. Das Buch ist nun endlich auch in Deutschland erschienen, nachdem es in den Niederlanden ein Bestseller war. Dabei ist es nicht nur die eigene niederländische (Kolonial-)Geschichte, die Neugierde und abstraktes Interesse weckt.

Schade, dass der deutsche Verlag Ch.Links auf das „… und ich“ im Titel verzichtet hat. „El Negro en ik“ lautet er im Original und gerade diese persönliche Komponente, die Auseinandersetzung mit dem individuellen Blick auf den Umgang mit Menschen anderer Kulturen, Hautfarben, Rassen, und damit unser Verständnis von uns selbst und unseren Mitmenschen sind wesentlicher Bestandteil dieses Buches. Hier liegt seine Bedeutung und Faszination. Hier werden episodenhaft und spannend Denkanstöße geboten, um den Rassismus an seinen Wurzeln zu packen.

Frank Westerman beschreibt mehr, fragt mehr, als dass er Antworten gibt und markiert durch dieses Vorgehen den Status jedes einzelnen Lesers, der sich, wie er im Rahmen seines eigenen Horizonts, geführt von Ängsten vor Unbekanntem und Fremden, nicht immer bewusst, unsensibel gegenüber den Grenzen und Regeln anderer bewegt. Frank Westermann definiert damit, wo Rassismus seinen Ursprung hat.

Formen des Fremd-Seins

„El Negro en ik“ beschreibt zu Beginn eine Tramptour zweier Freunde, die durch Spanien reisend, mehr zufällig als gewollt, in Banyoles landen. Der Ort in Katalonien ist tief geprägt vom Selbstverständnis der Katalanen, die sich bewusst vom übrigen Spanien distanzieren wollen. Bereits Frank Westermans Kastilisch sorgt für Ablehnung, die er erst begreift, als ein Einwohner kühl seinen Akzent lobt. Nicht umsonst also ließen Autofahrer ihn und seinen Begleiter im wahrsten Sinne des Wortes links liegen, wenn er um eine Mitfahrgelegenheit bat.

Der Mann, dessen Name auf seine Hautfarbe reduziert wurde, dem man Würde und Grab raubte, wurde Anfang des 19. Jahrhunderts von einem französischen Präparator heimlich exhumiert, auf ein Schiff verladen, ausgestopft und über Paris, nach Barcelona, später bis an die Pyrenäen gebracht, um dort auf einen Sockel genagelt, mit Schuhcreme nachgeschwärzt die „Spezies Buschmann aus Afrika“ darzustellen. Spott, Verachtung, Missachtung von Menschsein – bis in die 90ger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

Frank Westermans Suche nach den Ursprüngen der ausgestellten Leiche skizziert das Rassendenken in Europa, den Rassismus in der Wissenschaft, durch die Jahre. Mensch und Tier wurden klassifiziert, in eine Hierarchie gepresst, nach der Schwarze gleich nach dem Gorilla kamen und der „weiße Mann“ als Krönung der Schöpfung betrachtet wurde. Kolonialmächte stellen Menschen in sogenannten „Völkerschauen“ wie Tiere aus. So stellt sich schließlich gar heraus, dass „El Negro“ kein Einzelfall ist. Drei weitere erschreckende Forschungsfälle kreuzen bei den Recherchen Westermans Weg. Ein Mann und eine Frau, eingeführt wie der unbekannte schwarze Mann aus Banyoles: inmitten von Präparaten von Zebras, Giraffen und Schimpansen. Und Sarah Baartman, dessen Körper nach ihrem zweifelhaften Ruhm als „Hottentotten-Venus“ untersucht und seziert wurde, um das Animalische der schwarzen Rasse unter Beweis zu stellen.

Vermutlich bergen die Kellergewölbe zahlreicher europäischer Natur- und Völkerkundemuseen noch eine ganze Menge ähnlicher „anthropologischer Schaustücke“ die uns heute aus Gründen der politischen Korrektheit glücklicherweise vorenthalten, aber auch verschwiegen werden.

Der Umgang mit Symbolen

„El Negro“ wird für Westermann zum Symbol. Jahre nach seiner Tour nach Spanien begibt er sich auf die Suche nach „El Negros“ Wurzeln und landet zunächst in Paris, bei Jules Verraux, dem Präparator der Leiche, der sie schließlich nach Barcelona verkauft. Westerman studiert Unmengen von Dokumenten, Frachtlisten und führt viele Gespräche. „El Negro“ gelangt von Barcelona aus ins naturkundliche Museum von Banyoles, wo er die Attraktion schlechthin ist. Die Museumsführerin spricht von einem unwiederbringlichen Exponat, das man doch der Menschheit nicht entziehen dürfe, auch wenn es sich um eine menschenverachtende Umgangsweise mit seinem Körper gehandelt habe. Das sieht der engagierte Arzt Alphonse Arcelin anders, dem es schließlich nach langem vergeblichen Kampf durch Kontaktierung von Prominenz, wie Kofi Annan und dem Papst, sowie Anrufung eines Gerichts gelingt, den Körper zurückzuführen.

Vorher kam es zu massiven Protesten der Bevölkerung von Banyoles. Geprägt vom Nationalismus, der Auflehnung gegen Okkupation und Gehorsam gegenüber dem Fremden, den spanischen Eroberern, wehrten sie sich massiv gegen die Entfernung des ausgestopften Mannes (!) aus ihrem Museum und wurden sich des Schreckens seines Schicksals nicht einmal bewusst.

Arcelin gelang sein Vorhaben nur in einer Nacht- und Nebelaktion. Allerdings nicht ohne, dass erneut Hand angelegt wurde. Die Haut wurde, mit der Begründung es handele sich aufgrund der vielfachen Bearbeitung nicht mehr um die originale, abgezogen und verblieb in Spanien. „El Negro“ wurde demontiert, seine Menschlichkeit erneut ad absurdum geführt. Übrig blieben der Schädel und einige wenige Knochen, die in einem Kindersarg nach Botswana überführt wurden, in eine Heimat, die nicht einmal die seine ist, wie Frank Westerman wenig später herausfindet.

Ist dieses Unvermögen, das Wesentliche, allen eigene Menschliche zu sehen, die Ursache allen Übels? Fehlt es schlicht an nötigem Respekt? Regiert die Angst vor dem Andersartigen? Sind Unterdrückung und Ausgrenzung Saat, die sich selbst fortträgt und zu neuem Rassismus führt?

Sendungsbewusstsein als Maske der Überheblichkeit

Der Autor wirft ganz bewusst einen Blick auf sich selbst, seine Geschichte als Kriegsdienstverweigerer und Entwicklungshelfer. Und je weiter er in seinen Betrachtungen kommt, umso mehr begreift der Leser, dass vermeintliches Selbstverständnis und Selbstsicherheit vor dem eigenen Horizont, der fehlende grundsätzliche Respekt gegenüber dem Menschsein an sich, die eigene Angst – nicht nur der Europäer, sondern vieler Kulturen voreinander – es ist, die Rassismus und Ausgrenzung bis in unsere heutige Zeit erst möglich gemacht haben. Rassismus entsteht aus Angst und Auflehnung aus Angst. Rassismus entsteht aus Schwäche und Mangel an Sicherheit in sich selbst. Deswegen immer wieder die Forderung, Fremde mögen sich der Gruppe anpassen, ihre Fremdartigkeit ablegen.

Frank Westermans Erfahrungen als Entwicklungshelfer machen deutlich, dass auch er glaubte, durch Anpassung an europäisches Denken und Kultur, durch Erlernen westlich-fortschrittlicher Technik sei sogenannten armen, unterdrückten Völkern geholfen.

Frank Westermann erzählt von seinen Aufenthalten in Peru, Sierra Leone, Jamaika und Südafrika.

Als Weißer wird er mit Schmährufen und Hohn bedacht. Er begreift den in Jamaika lebenden niederländischen Kollegen nicht, als der seine Aufregung über schwarze Hausbedienstete nicht versteht. Doch, so sein Gegenüber, warum soll eine Frau mit schwarzer Hautfarbe nicht Dienstmädchen sein dürfen? Sein Hauswirt sei Kreole, entgegnet er wenig beeindruckt und entlarvt damit Westermans und seine eigene Naivität zugleich. Menschen leben in Jamaika anders, als er sich das vorstellt. Konfrontationen mit einer Vielzahl von Menschen, Gesprächspartner, die für ihn selbstverständliche Fragen unbeantwortet lassen, lassen ihn verstört zurück und stellen seine Sicht von Richtig und Falsch auf die Probe.

Sein Aufenthalt in Peru lehrt ihn, alte Traditionen zu respektieren, sich einzuordnen und nicht um jeden Preis „helfen“ zu wollen. Er zeigt ihm auch, wie stark Menschen von ihrem Umfeld bestimmt und geleitet werden und wie groß die Angst bei Erschütterung des eigenen Weltbildes ist.

Frank Westerman erfährt die Ausgrenzung als Fremder. Das Dorf respektiert ihn zunächst, als jemand, der von einem Freund in die Gemeinschaft eingeführt wird. Als er sich aber vermeintlich bedrohlich ihr gegenüber verhält, zieht man sich von ihm zurück. Nicht ahnend, was er auslöst, unschuldig nach westlichen Maßstäben handelnd, überzeugt „Gutes zu tun“, keine Regeln zu verletzen, bringt er sich selbst in Gefahr. Man hält ihn, einem Aberglauben folgend, für einen „Fettfresser“, ein Ungeheuer, das sich nachts über die Menschen des Dorfes hermacht und ihnen das Fett aussaugt. Frank Westerman begreift das fragile Gebilde der Gemeinschaft und empfiehlt seinem Auftraggeber, für den er das Wassersystem analysieren soll, alles so zu lassen, wie es ist, um die Homogenität, das Selbstverständnis und die Perfektion des Dorfes nicht zu zerstören. Eine Veränderung würde seiner Ansicht nach mehr vernichten als verbessern.

Anderssein zu akzeptieren und wenn möglich zu verstehen, scheint der Schlüssel zu sein – doch geht das immer ohne Angst, ohne sich auf ein unkalkulierbares Risiko einzulassen? Das Beispiel in Peru zeigt, dass beide Seiten dasselbe Problem, dieselben Ängste haben. Fremdes will behutsam entdeckt und verstanden werden, behütet und erhalten, unterstützt, nicht angepasst. Dazu bedarf es zweier mutiger Seiten, die nichts am anderen verändern, nicht missionieren wollen, sich aber zuhören und aufeinander eingehen. Eine Utopie?

Die Idee scheint Westerman Grund genug, seine Tätigkeit als Entwicklungshelfer mit Überzeugung aufzugeben und Journalist zu werden. Beschreiben, Eindrücke festhalten, Dingen auf den Grund gehen, Verständnis von Andersartigkeit, Eigenarten fördern – bei allen Schwierigkeiten, die Westermann offenbar selbst damit hat. Er gibt keine Antworten, lässt Zwiespälte und Vorurteile stehen, bringt Lösungen, die sich nur als Teilstücke oder Sackgassen erweisen und schließlich immerhin als mögliche Perspektiven.

So lernt er beim Zusammentreffen mit Antjie Krog in Südafrika, dass dort Schwarz und Weiß als Bettler auf der Straße sitzen können, Farbige aufgrund ihrer Hautfarbe, als Mischlinge von Schwarz und Weiß diskriminiert werden. Und er erfährt von ihr, dass Weiße gegenüber Schwarzen keine Argumente mehr haben. Die schwarze Bevölkerung habe jetzt nicht selbstverständlich Recht, Weiße hätten jedoch ihr moralisches Recht verspielt.

Die Information, ein schwarzer Junkie ziehe um Geld bettelnd an seiner Jacke, eine schwarze Frau schlafe auf einer Bank, bei der er sich frage, ob sie nur für Weiße bestimmt sei, lässt er so stehen und setzt den Leser damit unmittelbar derselben Situation aus.

Schließlich spiele es eine große Rolle, ob man zukunftsorientiert denke, so erläutert Antjie Krog, wie die meisten Europäer oder ob man sein Leben in erster Linie rund um die Erinnerung ausrichte, wie die meisten Afrikaner. Antjie Krog erläutert Westerman, dass sie sich selbst beibringt, „schwarz zu denken“. Doch immer wieder, wenn sie denke, sie begreife nun, stelle sie fest, dass die Afrikaner etwas anderes für wichtig halten. Sie gibt nicht auf.

Frank Westerman liefert kein konkretes Rezept, wie man es richtig, besser, gut machen kann, Menschen den Respekt zollt, den sie schlicht als Mensch verdienen. Und er sagt einem trotzdem, was man aus einer „verstörenden Begegnung“ wie der mit „El Negro“ lernen kann: Aufmerksam, respektvoll, neugierig und mutig zu sein, nicht „vorschnell zu urteilen“ und sich einzugestehen, dass man mehr als einmal irrt.

Auf der einen Seite erscheint das Buch pessimistisch, scheint die Gegensätzlichkeit von Kulturen doch schier zu groß, um Rassismus und Abgrenzung zu beseitigen. Doch Frank Westerman verbannt nicht in Passivität, spricht nicht gegen Kommunikation und Verständigung – im Gegenteil. Er unterstreicht den Unterschied, die Eigenarten einer jeden Kultur. Er widerspricht der Forderung des „Werde so wie ich“ und hält an, zu fragen: „Wer bist Du und warum?“
Ersterscheinungsdatum: 23.03.2006 auf einseitig.info

Erschienen auch in: „Die schöne Kunst der Einseitigkeit“, Edition Einseitig, 2009

© Marie van Bilk/Maria Jürgensen – Veröffentlichungen, auch in Auszügen nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin.