Auch Popstars bluten

Mörder zwischen Schein und Sein

Freude am Denken

Connie Palmen hat schon früh ihre Freude am Denken gepflegt. Ein wacher Geist ist ihr eigen, der sich bereits während ihrer Schulzeit in ihrem starken Interesse für Literatur und Philosophie äußert. Ihre Leidenschaft in Kindertagen gilt der Religion und so hegt sie gar den Wunsch, Priester zu werden. Der Aufenthalt in einer Klosterschule, die Begegnung mit dem Existentialismus, den Schriften Jean Paul Sartres und Foucaults belehren sie eines Besseren.

Während ihres Studiums in Amsterdam entstehen ihre ersten Erzählungen, die in „De held“ und „Optima“ veröffentlicht werden. Mit ihrem ersten Roman „De wetten“ (Die Gesetze) gelingt ihr 1991 der große Durchbruch. Das Buch wird in 7 Sprachen übersetzt. Connie Palmens Erzählweise verquickt Fiktives und Philosophisches und versetzt den Leser durch die Art und Weise, wie sie das tut, in die Position eines direkten Gegenübers, von dem jedoch keine Antwort erwartet wird. Große Themen wie Liebe und Tod, Sinnhaftigkeit, Sucht und Sinnlosigkeit finden ihren Niederschlag und vermitteln oft den Eindruck, die Autorin schreibe über sich selbst. Autobiographisches ist sicher nicht zu leugnen. In welchem Ausmaß individuelles Erleben hier Einzug gehalten hat, bleibt jedoch Connie Palmens Geheimnis und ist zweifellos für die Deutung nur peripher von Bedeutung. Rezensenten und Kritiker sind ähnlicher Ansicht. Connie Palmen kann sich nicht über Auszeichnungen und Lob von Leser- und Rezensentenseite beklagen.

Ischa Meijer – das Bild eines Idols

Ihrem ersten Erfolg folgen Essays, der Roman „De vriendschap“ (Die Freundschaft) und schließlich ihr dritter Roman „I.M.“, in dem sie sehr intim und einfühlsam ihr Verhältnis zu dem in den Niederlanden sehr populären TV- und Radiomoderator Ischa Meijer beschreibt.

Mit diesem Roman verlassen sie die wohlwollenden Gönner – die Kritik hat vornehmlich harte Schelte zu bieten. Man spricht von „literarischem Exhibitionismus“ und verurteilt Connie Palmens Schilderungen der doch so privaten Bereiche des eigenen Lebens – jedoch, wie es vor allem scheint, des Lebens der TV-Ikone Ischa Meijer. Schwer zu ertragen offenbar, die Veränderung des einmal gefassten Bildes vom Star, dem, wenn auch liebevoll, einige Kratzer das ebenmäßige Antlitz entstellen und dessen dunkle, vor allem untreue Seite zum Vorschein kommt.

Connie Palmen versäumt nicht, ihr Buch „einen Roman“ zu nennen – die fiktiven Elemente und subjektive Darstellung also nachdrücklich zu betonen. Und dennoch…. Die Schimpftiraden sind laut und vernehmlich. Erfindung und Wirklichkeit lassen sich für die Betrachter des medienpräsenten I.M. schwer trennen, Distanz kaum produzieren.

In Deutschland kann diese Aufregung über das Buch nicht nachvollzogen werden. Im Gegenteil – die Geschichte geht Lesern unter die Haut. „Ein anrührendes, trauriges, auch komisches Buch über die Liebe. Ein schamloses Buch, weil es ohne Rücksicht von Intimität erzählt. Nicht von sexueller Intimität, sondern von einer albernen und heroischen Liebe, zu der das Banale, die Bekenntnisse und Schwüre ebenso gehören wie die Höhenflüge, die Selbst- und Weltdeutungen, das intellektuelle Kräftemessen. Und vor allem erzählt Connie Palmen von Abhängigkeit, von Angst, sich zu entblößen, und dem Angewiesensein auf den anderen, das so schwer zu ertragen ist – doch ohne Abhängigkeit gibt es kein Glück“, so der STERN über „I.M.“.

In Deutschland ist der Moderator ein unbeschriebenes Blatt, ist er nicht mehr als Herr Schmitz oder Herr Müller von nebenan, kann der Roman als solcher gelesen werden, selbst wenn autobiographische Elemente nicht verschwiegen werden. Hier empfindet man genau deswegen keine Ikonenschändung, gibt es doch keinen Gott, der vom Sockel gestoßen werden kann.

Echter Kontakt ist nicht gewünscht

Connie Palmen antwortet ihren Gegnern mit einer Novelle. In „De Erfenis“ (Die Erbschaft) formuliert sie wie sie diese Offenbarungen empfindet und in „Echt contact is niet de bedoeling“ (Echter Kontakt ist nicht gewünscht) äußert sie sich ausführlich zur Grenze zwischen Autobiographie und Fiktion. Die Veröffentlichung „Geheel de Uwe“ (Ganz der Ihre) hat ebenfalls einen Bezug zu ihrer großen Liebe Ischa Meijer. Sie selbst bezeichnet sie als „Het schaduwboek van I.M.“ (Das Schattenbuch I.M.s).

Connie Palmen geht Öffentlichkeit nicht aus dem Weg. Zahlreiche Lesereisen, Diskussionen in TV-Sendungen und auf der Bühne, Promotionkampagnen in den Niederlanden und darüber hinaus gehören für sie zum täglichen Brot des Schriftstellers. Sie hat etwas zu sagen und tut das – sehr persönlich – in jeder ihr genehmen Art. Sie wird dadurch zur „öffentlichen Person“, zum Symbol, sie steht für etwas.

Zwischen Realität und Phantasie

Ihr neues Buch „Idole und ihre Mörder“ hat mit dieser Öffentlichkeit und den verschwommenen Grenzen von Schein und Sein, von Wirklichkeit und Fiktion zu tun. Vor allem aber geht es um deren Wirkung, die den Boden für Fans und Fanatiker nährt.

Eines Tages erhält Connie Palmen ein Paket von einem ihr bis dahin unbekannten Mann. Es enthält Champagner, ein Getränk, das sie nicht einmal besonders schätzt. Sie ist befremdet, hat sich doch jemand Unbekanntes die Mühe gemacht, ihre Adresse in den Niederlanden heraus zu finden und sich ihr mittels eines Geschenks genähert. Eine intime Geste, die sie erschreckt. Denn zu diesem Zeitpunkt ist der Schenkende für sie nur ein Name auf einem Stück Papier. Sie erkennt, dass der Absender sie anders wahrnimmt, sie zu kennen glaubt und sich daher so vertraulich an sie wendet, als sei sie eine Freundin, Nachbarin oder gar Geliebte. Ein zweites Geschenk folgt. Es wird von einem Brief begleitet, der von einem Mann erzählt, der schwer erkrankt ist, ihre Bücher in die Hand bekam und seit dem eine Obsession entwickelt, die ihn dazu veranlasst, ihr Bild über seinem Schreibtisch aufzuhängen. Seinem Wunsch, sie zu treffen, stimmt sie schließlich aufgrund des bevorstehenden Todes des Mannes, allerdings nicht ohne Unbehagen, zu.

Diese erste Begegnung zeugt erneut von der Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung des Mannes und der ihren. Er begnügt sich nicht damit, sie am vereinbarten Ort, in einem Hotel zu treffen, sondern sucht ohne Scheu ihre Wohnung auf. Zunächst wehrt sie sein Ansinnen, die Wohnung zu betreten ab und zeigt deutlich ihre Irritation. Allein seine Äußerung, ein Taxi warte vor der Tür, er wolle ihr nur ein kleines Geschenk überreichen veranlasst sie, es schließlich aus Höflichkeit doch zu tun. Sie wundert sich, dass ihm jegliche Verlegenheit offenbar fehlt, er sich ganz unbefangen in ihrer Wohnung umsieht, in die sie ihn nur „ganz kurz“ einlädt. Man trifft sich schließlich abends erneut im verabredeten Hotel.

Als er ihr im Laufe des Abends gesteht, aus Liebe und dem Gefühl der Einheit mit ihr und in Erinnerung an seine verstorbene Frau, an die sie ihn erinnere, ihren Mord geplant zu haben, ist der Schrecken perfekt.

Er wolle sie „in sich aufnehmen“, so beschreibt er es. Und Connie Palmen versteht seinen Drang nach Aufhebung des Trennenden und das Bedürfnis, sich sein Ideal einverleiben zu wollen, um das gespürte Missverhältnis zwischen sich selbst und der erhofften Wirklichkeit aufheben zu können. Dieser Wunsch nach der Aufhebung des Trennenden lässt an Liebe denken. Und auch das ist nicht falsch, sagt Connie Palmen. Nur ist es nicht die Liebe zu einem anderen, die Freiheit und Entfaltung voraussetzt, sondern Selbstliebe. Die Inbesitznahme eines anderen durch Mord, das sei das, was ein Liebender tue, der seinem eigenen Liebesvermögen nicht vertraue oder gar nicht imstande sei jemand anderen zu lieben, sagt Connie Palmen in einem Interview mit Michaela Schmitz.

Etwas, das nicht bluten kann

Der Tod Theo van Goghs und Pim Fortuyns gewaltsames Ende finden ihre Ursache genau in dieser Diskrepanz. Fiktion und Wirklichkeit, echt und unecht, Person und Symbol sind immer schwerer voneinander zu unterscheiden. So ist die Liste weiterer Opfer lang, die deswegen dran glauben müssen – Connie Palmen erzählt von den Morden an John F. Kennedy, John Lennon und Gianni Versace.

Keine Einzelfälle also, sondern ein gängiges Phänomen. „Moderne Morde“ nennt sie Palmen und entlarvt sie als Symptom unserer Medienkultur. Presse und Fernsehen suggerierten dem Konsumenten die Personen, um die es geht, zu kennen. Aus selektierten Details, imagebildenden Berichten und Momentaufnahmen erschließe sich dem Betrachter ein vermeintlich authentisches Gesamtbild der dargestellten Person. Fans bauten zu diesem subjektiv gefärbten Bild eine idealisierte Beziehung auf. Die Person werde einerseits zum Symbol, oft zum Alter Ego, werde zu „etwas, das nicht bluten kann“.

Doch unsere gegenwärtige Medienkultur mache es immer schwieriger zwischen Schein und Sein zu unterscheiden. Jeden Tag seien Politiker, Prominente und Künstler in unserem Wohnzimmer zu Gast. Man unterscheide sie – sie jedoch den Betrachter nicht. Der Symbol- oder der Imagecharakter der dargestellten Person könne nicht explizit deutlich gemacht werden, so Palmen, da es an einem „bedeutungsstiftenden“ Raum fehle, der die Abgrenzung unmissverständlich mache. Sie nennt dafür das Beispiel eines Psychiaters oder eines Schauspielers auf der Bühne. Der eine befände sich während seiner Arbeit in einer Praxis, der andere auf der Bühne. Außerhalb dieser Bereiche seien sie Privatpersonen, die meist von niemandem erkannt würden und wenn ja, dann in einem so anderen Umfeld, dass die Zuordnung problemlos verlaufen könne. Internet, Fernsehen und Presse reichten bis in diese Bereiche hinein. Sie durchbrechen diese Grenze. „Die Medien sind überall. Öffentlichkeit wird gleichbedeutend mit Grenzenlosigkeit“, so Palmen.

Die Aufhebung der einseitigen Beziehung

Der Hass oder die Liebe zu dem Auserkorenen von Bildschirm oder Leinwand sind für den Fanatiker echt und er findet sich früher oder später nicht mehr mit der Einseitigkeit und Unerfüllbarkeit der Beziehung ab. Symbol und Person vermischen sich – die Grenzen zwischen echt und unecht verschwimmen. Connie Palmen führt aus, dass die Überschreitung dieser Einseitigkeit im Fanatismus oftmals in der Wirklichkeit des Mordes endet, in der gänzlichen Inbesitznahme des Gegenübers.

Eine Mordphantasie sei ferner eine Flucht aus der Wirklichkeit, einer Wirklichkeit, die von Minderwertigkeitsgefühlen geprägt sei. Der Vollzug des Mordes sei die Umsetzung der Fantasie in die Wirklichkeit und verschaffe dem Mordenden ein Gefühl von Euphorie und mache ihn „echt“. Wesentlich ist genau diese identitätsstiftende Komponente. Der Mörder definiert sich über ein Ideal, das er an andere anlegt oder direkt mit seinem geliebten oder gehassten Idol, vermag jedoch in dem reinen Streben nach dem Ideal oder in der Einseitigkeit der Beziehung keine Erfüllung zu finden. Also wird er zum Gott, zum Herrscher über das Leben eines anderen und mordet ohne jedoch zu realisieren, dass er einem Menschen ein Ende bereitet, also jemandem, der doch bluten kann. Er mordet, um sein Ideal zu verteidigen und wirklich werden zu lassen, sich selbst „wirklich“ werden zu lassen. Denn durch diese Tat gewinnt er eine neue Identität – er wird zum „Mörder von“ und erliegt dem Irrglauben, die vermeintliche Verteidigung seines Ideals mache ihn zum Idealmenschen oder die Ermordung einer Berühmtheit ebenso berühmt. Connie Palmen schreibt: „So etwas nennt man mangelnde Selbstkenntnis. Für ein Ideal leben ist der ideale Weg, sich um Erkenntnisse über sich selbst herumzudrücken.“, keine Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen also. Reale Beziehungen können so nicht aufrecht erhalten werden.

Identität und Wahnsinn

So erklärt sich manche Massenbewegung, wie die des fundamentalen Islamismus, philosophisch schlicht. Er geistert als Ideal in den Köpfen und wird im Internet – einschließlich der daraus hervorgehenden, für die Täter sinn- und identitätsstiftenden Morde, selbst wenn die Täter dabei sogar zu Mördern an sich selbst werden – verbreitet. Nicht das freiheitliche, eigenverantwortliche Individuum steht im Vordergrund, es hat nicht zu existieren, ist störend, fehl am Platz. Nicht Wirklichkeit aus eigener Kraft, sondern der vermeintlich schützende Mantel des Ideals sorgt für das letztendlich bittere Selbstverständnis.

Was Mörder und Schriftsteller gemeinsam haben

Doch auch Mörder und Schriftsteller haben einiges gemeinsam, so Connie Palmen. Der Unterschied bestünde wesentlich in der Umsetzung. Die Vorstellung und Scheinwelt des Schriftstellers transponiere dieser in Fiktion, der Mörder lasse sie Wirklichkeit werden. Als sprechendes Beispiel nennt sie Patricia Highsmith, die mit ihrem Mr. Ripley ein Meisterstück des beschriebenen Fanatikers liefert. Ripley, der in Dickie Greenleaf sein Idol findet, ihn nachahmt bis ins Detail und schließlich in Erkenntnis der Unerreichbarkeit seines Traums, er zu werden, zu seinem Mörder wird und vollständig in dessen Rolle schlüpft. Patricia Highsmith selbst verarbeitet so ihre eigenen Erfahrungen und Obsessionen. Die große Krimiautorin wurde zeitlebens von dem Idealbild ihres leiblichen Vaters begleitet und verliert sich in Schwärmereien an schöne Frauen, mit denen sie jedoch nie wirklich in Kontakt gerät.

Die schwere Freiheit

Connie Palmens Resümee: Es gibt keine klaren Grenzen in unserer Zeit und schon gar nicht in den allgegenwärtigen Medien, die Fiktion nutzen, um angebliche Wahrheiten darzustellen. Schwarz und weiß sind passé, nichts ist mehr eindeutig, Regeln nicht mehr gradlinig und unumstößlich. Uns bleibe nichts anderes übrig, als uns mit diesen neuen Gegebenheiten anzufreunden.

Keine leichte Aufgabe – die Freiheit der eigenen Lebensgestaltung zu nutzen und ihr standzuhalten, was bedeutet, sich auf instabile Identitäten und Wandelbarkeit einzulassen, in einer Zeit, in der Schlagworte wie „Richtung weisen“, „klarer Kurs“ und „Werte schaffen“ kursieren und „Erleichterung“ suggerieren. Klar muss sein, dass klare Kurse und geschaffene Werte Veränderungen unterworfen sind und niemanden von seiner Selbstverantwortung, ständigen Identitätsprüfungen und kritischen Sicht auf die Dinge befreien können. Die Freude am Nachdenken entschädigt den Mutigen.

Connie Palmen – Bibliografie

Niederländische Originalausgaben:

  • De wetten, Prometheus
  • De vriendschap, Prometheus
  • Home, Stichting VSB Fonds
  • I.M., Prometheus
  • De erfenis, Stichting Collectieve Propaganda van het Nederlandse Boek
  • Geheel de uwe, Prometheus
  • Iets wat niet bloeden kan, Lemniscaat
  • Het weerzinwekkende lot van de oude filosoof Socrates, Prometheus
  • Helemaal Huf, Maria Austria Instituut
  • Echt contact is niet de bedoeling: lezingen en beschouwingen, Prometheus

In deutscher Übersetzung:

  • Die Gesetze, Diogenes
  • Die Freundschaft, Diogenes
  • Die Erbschaft, Diogenes
  • I.M., In Margine. In Memoriam. Diogenes
  • Ganz der Ihre, Diogenes
  • Idole und ihre Mörder, Diogenes

Was Andere denken:
http://www.ned.univie.ac.at/lic/autor.asp?lit_switch=1&tmp_lit_id=1&aut_id=696

Ersterscheinungsdatum: 01.06.2005 auf einseitig.info

© Marie van Bilk/Maria Jürgensen – Veröffentlichungen, auch in Auszügen nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin.