Zwischen Schule und Psychiatrie

Sommerwerke und ArToll – zwei Kunstaktionen vereint

Wir gehen in die Schule

Als wir in der Weingartenstraße ankommen, empfangen uns weit geöffnete Türen und ein lichter großer Raum. Die ehemalige Turnhalle des Schulgebäudes wird inzwischen als Unterrichtsort genutzt. Bank- und Stuhlreihen sind auch heute zu sehen. Heute an diesem lauen Spätsommerabend jedoch drängen sich hier Menschen ganz unterschiedlicher Altersklassen. Ein Schulleiter berichtet – ganz Schulleiter – von der Leidenschaft für das Unterrichten, von seiner Passion – aber auch von Kunst, der Leidenschaft Anderer. 15 Künstlerinnen nämlich, die hier ausgestellt haben. 14 davon sind Mitglieder der GEDOK A46. Elisabeth Busch-Holitschke ist die Initiatorin der Turnhallenausstellung.

Inge Broska und ihre Mitstreiterinnen okkupieren das neue Feld mit einer Performance. Sie bleiben in der Schule. In Reih und Glied, brav den Text, das Notenblatt in der Hand haltend, stimmen sie in unterschiedlichen, eigenwilligen Tonlagen ein Lied an, das von Leibeskraft, Zucht und Ordnung spricht. Eine Trillerpfeife gellt durch den Raum, woraufhin plötzlich Hektik ausbricht, alles rennt, turnt und über Tische und Bänke springt und es gar nicht mehr züchtig und ordentlich zugeht.

Wir mischen uns unter das Volk, sind neugierig, fragen und haben Zeit für Betrachtung.

Ab ins Irrenhaus?

Wir erfahren, dass Bilder, Skulpturen und Fotografien in Bedburg-Hau im Rahmen des Kunstlabor ArToll entstanden sind. Ein sprechender Name, denn ArToll steht für Kunst und die Tollheit des Ortes, an dem die Künstlerinnen 14 Tage verbringen durften. Seit über 10 Jahren kommen Künstler und Künstlerinnen verschiedener Metiers nach Bedburg-Hau in die psychiatrische Anstalt. Mit dem Ziel, behinderte Menschen aus ihrer Isolation zu holen, machte die Klinik in ihren Mauern Platz für die Außenwelt. In den Rheinischen Kliniken wurde Haus 6 frei für kreative und schöpferische Prozesse von Künstlern und Künstlerinnen in ungewohnter und inspirierender Umgebung, die, wie sie später feststellen sollten, gar nicht so weit weg war vom eigenen Alltag. Der Kontakt mit den Patienten ist dabei gewollt und gut so. Wie sehr die Umgebung die Arbeit, aber auch die Künstlerinnen in ihrem Innern beeinflusst hat, wie sehr Umgebung Kunst verändern kann, sah man in der aktuellen Ausstellung Sommerwerke.

Zunächst, so scheint es auf den ersten Blick, ist es das Thema des Raumes – das des Lernens, das Platz nehmen und finden – das die Werke der Frauen verbindet. Wenn man weiß, wo sie ursprünglich entstanden, ist man überrascht von der veränderten Wirkung in diesem neuen Umfeld. Da passt beides und wird allein durch den Blickwinkel zu etwas Neuem. Da sind zum Beispiel die Fotos von Elke Fricke. Schwarzweißbilder. Licht und Schatten. Eine Puppe, die auf dem Boden liegt, aus dem Bild herauskriecht. Im Umfeld dieses Raumes denkt man an verlorene, zurückgelassene Kindheit, an die hellen und dunklen Seiten der Schulzeit. Doch Elke Fricke hatte diese Fotos ursprünglich anders konzipiert. „Sonst fotografiere ich nie Gegenständliches“, sagt sie. „In Bedburg-Hau habe ich zum ersten Mal Fotografie inszeniert und etwas … quasi … Menschliches gemacht.“ Gegenüber von Haus 6 steht die forensische Klinik. Drahtzaunkorridore erlauben, aber beengen die Kontakte und Kommunikation zwischen den Häftlingen. Man weiß um die wahrscheinlichen Gründe des Aufenthalts der Insassen dort. Bei Betrachten dieser realen Bilder entsteht für Elke Fricke ihr Thema. Sie will die Täter-Opfer-Rolle thematisieren, Missbrauch ansprechen. Und so fotografiert sie Puppen, legt die Fotos in einen gekachelten Raum auf den Boden. Licht und Schatten erscheinen als Gegensatz von Brutalität und trügerischer Wärme. Der Raum tut das seine, den Ausdruck zu verstärken.

Inge Harms betritt das Labyrinth des Daidalos. Sie ist darstellende Künstlerin und hat den Ariadne- Mythos getanzt, das Labyrinth auch in anderen Werken verarbeitet. Hier präsentiert sie zwei Aquarelle und ein Foto, das sie beim Tanzen zeigt. Sie beschreibt, wie Theseus als Athener und Opfer des Minotaurus nach Kreta geht und Ariadne, die Fruchtbarkeitsgöttin betört. Die gibt ihm ein Wollknäuel, den Ariadnefaden, dessen freies Ende sie hält und überreicht ihm ein magisches Schwert. Sie will erreichen, dass Theseus nicht Opfer wie so viele bleibt, den Minotaurus besiegt und wohlbehalten aus dem Labyrinth wieder zurückkehrt. Ihr Plan gelingt. Theseus lässt dennoch Ariadne schließlich schlafend auf Naxos zurück, wo die Klagende vom Gott Dionysos befreit wird. Inge Harms folgt dem Labyrinth, gräbt es, schafft es und will erfahren, was Theseus am eigenen Leibe erfährt – die Wechselspiele des Lebens, die ihn den Minotaurus besiegen und seine eigene Mitte finden lassen. „Dass er Ariadne auf Naxos zurücklässt, ist klar,“ sagt Inge Harms, „er ist nicht mehr derselbe wie vorher.“ Das ist auch eine Künstlerin nach 14 Tagen im Kunstlabor ArToll nicht mehr, ein Patient nach der Behandlung in der Klinik oder eine Schülerin nach Beendigung ihrer Schulzeit. Der Prozess des sich Einlassens auf das Labyrinths führt zur Wandlung.

Anne Blass greift diesen Wandlungsprozess und das Eingesperrtsein in der Klinik, den Käfig vor den Fenstern auf. Ihre Arbeit zeigen Fundstücke, die sie verfremdet: Besen, Handfeger, einen Käfig, aus einem alten Taubenschlag gefertigt, mit Federn versehen, Gitter mit Metallfedern. Anne Blass erinnert das Käfigdasein der Patienten an den Aufenthalt von Vögeln in Vogelvolieren. Die Besen und Handfeger stehen allegorisch für den Menschen an sich und gleichzeitig für einen inneren Reinigungs- und Wandlungsprozess.

Weite Räume und unerwartete Grenzen

Bella Frauenlob will Raumerweiterung, auch in dieser Schule. Ihre großformatigen Arbeiten finden wir an der Stirnwand der Halle und in der Tat lässt die Künstlerin den Betrachter neue Räume betreten. Ihre Bilder zeigen Türen, durch die man eintreten kann. Die Türen sind offen, bieten die Möglichkeit, in andere Welten hineinzugehen, sich neue Welten zu eröffnen. Eines ihrer Bilder heißt „Palaver im roten Salon“. „Die dort gezeigten Stühle stellen verschiedene Charaktere dar“, so Bella Frauenlob, „sie können sich streiten, konstruktiv äußern, Small Talk betreiben“.

Der Aufenthalt im Kunstlabor erfordert das Säubern der benutzten Zimmer. „Der Putzwagen wird von mir wie ein Kinderwagen gefahren“, sagt Bella Frauenlob, „ich hab ihn gemalt. Er versperrt auch den Weg in die Freiheit, den Zugang zu Räumen. Das war nicht so geplant, hatte aber dann doch diesen negativen Touch.“ Ähnlich ist es ihr mit einem Kinderstuhl gegangen, den Bella Frauenlob mit Tortenspitze bestückte und daran eine dünne Kordel befestigte. „Eine Patientin wollte den Stuhl nicht berühren“, erzählt sie,“ und hat mich erst einmal gefragt, ob der unter Strom steht. Da wurde mir erst klar, dass ich einen elektrischen Stuhl gebaut hatte!“ Ein weiteres Bild, das ebenfalls in ArToll entsteht, verarbeitet einen Albtraum der Künstlerin, die die Wahnsinnsbilder von Schnecken, passend zu der Umgebung in der Psychiatrie, abbildet. Ihre Wahrnehmung ist plötzlich die eines Patienten in der Klinik und führt zu einem neuen Bewusstsein durch Umgebung.

Gisela Rietta Fritschis Bilder und Objekte sind rund. Und auch ihre Intention berührt Schule – das Lernen fürs Leben und Psychiatrie gleichermaßen. Eines der ausgestellten Kunstwerke sieht aus wie ein aufgebrochenes Ei aus dem Federn wachsen. „Meine Skulpturen und Bilder sind immer rund. Das ist mein Markenzeichen“, sagt die Künstlerin, „Ich arbeite auch therapeutisch. Und auch die Patienten öffnen sich, lernen und es kommt zu neuem Leben und Wachsen. Es geht um Durch- und Einblicke im direkten und übertragenen Sinn.“

Hindurch und Hinein sieht man auch bei Lydia Drontmann. Sie hat Lichtkästen und Trophäen mitgebracht. Die Guckkästen zeigen mit Licht hinterleuchtete Objekte, neben die Lydia Drontmann Schulhefte mit Skizzen platziert. „Ich will den Gegensatz zwischen Natur und Kultur darstellen, die Entmystifizierung von Natur. Sobald man versucht, den Mythos zu erklären, ist er weg“, erklärt sie. Die Bilder gehen schließlich ins Absurde. Dann machen sie nur noch Spaß. Und wenn Lydia Drontmann über das Ergebnis lachen könne, dann sei es gut, sagt sie. In Schulen wird erklärt und entmystifiziert, Patienten in der Psychatrie sind natürlich vernunftentrückt. Gegensätze, die sich vereinen. Lydia Drontmann arbeitet in Zyklen. Nie wird man nur eine Skulptur von ihr sehen, immer ein Arrangement von mehreren.

So ist auch die zweite – unvollständige – Arbeit, eine, die aus mehreren Teilen besteht. Die dazugehörigen großen Spielbretter fehlen. Gezeigt wird jedoch ein wesentlicher Teil der Arbeit, eine Reihe von roten Samtkissen, auf denen Trophäen zu sehen sind. Welchen Sieg will man erringen? Den Lorbeerkranz ergattern oder den Froschkönig küssen? Welchen Sieg hat wer davon getragen? Welches Spielchen des Lebens musste wer bestehen? Lydia Drontmann überlässt einem die Wahl des Ziels und zeigt einem die Absurdität und den Wahnsinn von so manch scheinbar Erstrebenswertem.

Wandlung am eigenen Leib

Für Matre, so sagt sie selbst, war der Aufenthalt in Bedburg-Hau eine „unglaubliche Erfahrung“. Sie hat zur Sommerwerke-Ausstellung nicht die Originale, Grafiken und Skulpturen, mitgebracht, die im Rahmen von ArToll geschaffen wurden. „Die wären viel zu groß!,“ erläutert Matre. Die Grafikerin hat Skulpturen aus Ton gebaut und stellvertretend für die Großplastiken im Seminarraum, die „Stadt der Frauen“ errichtet. Ein auf den ersten Blick thematisch eher fremdes Objekt in diesem Rahmen, nimmt man nicht die Mütter als Begleiter ihrer Kinder im Schulalltag als einen sehr weit her geholten Deutungsansatz zur Hand. Da erscheint die Frauenstadt vielleicht eher und realistischer als Perspektive für freie, sich unterscheidende und starke Frauen, als die sie die Künstlerin auch gesehen haben will. Die Originale aus dem Kunstlabor bestehen aus 15 Tonfiguren, denen 15 Grafiken gegenüber gestellt werden. Sie stehen für das innere und äußere Werden von 15 sehr verschiedenen, individuellen Frauengestalten „Mir ist hier auch die Anwesenheit der 4 Elemente Feuer, Wasser, Erde, Luft im Schaffensprozess wichtig. Sie stehen für Lebendigkeit, Stärke, Geburt“, erklärt die Künstlerin. Der Ton aus Erde wird mit Wasser geformt, durch Luft reduziert und mit Feuer gebrannt. „Aber das Tolle war wirklich der Aufenthalt in Bedburg-Hau. Ich weiß gar nicht, wie ich es jetzt erzählen soll“, beginnt Matre und ist noch immer übervoll von den Eindrücken aus der Zeit des Aufenthalts in der Landesklinik:

„Für mich gab es drei Phasen dort und erst mal war das toll, 14 Tage nur Kunst! In der ersten Woche habe ich nur gearbeitet, vollkommen abgeschottet von allem, in einem Haus mit Jugendstilornamenten, das hätte aus dem Zauberberg stammen können. Das war wie eine kleine Insel! Ich habe eine unglaubliche Kraft gehabt! Die zweite Woche war vom Umgang miteinander geprägt. Wir waren 15 Frauen, auf sehr engem Raum, alles sehr Ich-bezogene Künstlerinnen eben. Es war so toll, alle kennen zu lernen, zu reden, zu streiten, Nähe zu erfahren, wie ich sie so selten erlebt habe. Da hat unglaublich viel Austausch stattgefunden. In der 3. Woche erst habe ich realisiert, wo ich bin. Dass ich mich in der Psychiatrie befinde. Das Gefühl des Behütetseins hob sich auf und mir wurde plötzlich bewusst, wieviele Gemeinsamkeiten zwischen Insassen und uns bestanden. Da verschwommen plötzlich die Grenzen – ich hab das erfahren, als ich Kaffeesahne verschüttete, in all unserer Egozentrik manchmal, aber auch beim Betrachten der kreativen Prozesse. Vor diesen dünnen Grenzen hatte ich Angst. Das kann jedem passieren …die Psychiatrie. Da passiert aber auch unglaublich viel Kreatives!“

Gudrun Lintz hat diesen zwiespältigen Gegensatz, die Grenzen zwischen Tristesse, Trübung, Leben und Farbigkeit und deren fließenden Übergang in drei Räumen festgehalten, die ihr in Bedburg-Hau zur Verfügung standen. Sie hat jedoch nur die Installation aus einem dieser Räume, das schmale Bild einer Mohnblumenlandschaft und damit Wärme und Kraft mit in die Schule nach Neuss gebracht. Gudrun Lintz ist fasziniert von Rot und von der Mohnblume. „Rot hat eine hohe Lichtenergie. Mohn ist zart und verwelkt leicht, kommt aber doch sehr kraftvoll aus der Knospe. Die Zartheit steht im Kontrast zur Farbe. Rot ist laut, Rot hat Signalcharakter“, erzählt sie. Zartheit und Kraft halten Einzug in die Schule. In Bedburg-Haus stattet sie einen ihrer Räume, den mittleren, zentralen, mit dem Mohnblumenbanner aus. Zwei weitere Räume, rechts und links davon, stehen für Tristesse, Trübe, Dämmerzustand auf der einen und Dunkelheit, Schillerndes und Sehnsuchtvolles auf der anderen Seite. Den einen Raum versieht Gudrun Lintz mit grauer, knisternder Folie voller Algen, in den anderen hängt sie Streifen aus schwarzer Teichfolie, die sich im Luftzug bewegt.

Seinen Platz finden

Elisabeth Busch-Holitschke stellt Stühle aus. Nur lässt es sich auf diesen schwerlich sitzen. Die weißen Textilstühle wirken unförmig, wackelig – aber auch weich und einladend. Im Schulraum stehen einige zwischen Pflanzen, andere hängen an der Wand. Für Psychiatrie und Schule heißt es in beiden Fällen, seinen Platz zu finden. Der gefunden Ort ist jedoch oft ein trügerischer und muss wieder neu definiert werden, wird verrückt oder nicht erkannt. Diese Botschaft wird für den jeweiligen Betrachter jeweils ganz individuell interpretiert werden. Der Schüler oder die Schülerin sehen darin vielleicht ein Symbol für die Perspektive einer beruflichen Zukunft, der Patient und die Patientin den Weg hin zu mehr Stabilität oder Verständnis.

Das Banner auf einem der Tische im Gebäude auf der Weingartenstraße erinnert entfernt an einen Kartoffeldruck und das ist offenbar durchaus beabsichtigt. Katharina Brenners Arbeit stellt damit unmittelbar den Bezug zur Schule her. Es ist außerdem insbesondere das Muster, das gefangen nimmt. Hier findet sich das Erlernen, Einüben, Befolgen von Mustern in der Schule wieder, in der Psychiatrie ist es der Abschied von Eingefahrenem und Überholten, sich ständig Wiederholendem

Für Margit Schopen-Richter sind die Orte des Schaffensprozesses wesentlich für den des Malens. Sie arbeitete in unterschiedlichen Ateliers, einer Mühle, einem Bauernhof und einem Stellwerk. Aus dem äußeren Ort entstehen für sie die inneren Orte, die sie festzuhalten versucht.

Das bleibt auch für die Besucher der Sommerwerke festzuhalten: Der äußere Ort, selbst der inszenierte, vermeintlich neutrale, für den Betrachter gewohnte Boden eines Museums, bestimmt wie bei diesen beiden Kunstaktionen maßgeblich den Inhalt und die Aussage von Kunstwerken und die Wahrnehmung durch die Besucher.

Außer der genannten Künstlerinnen stellten Hanne Horn, Birgit Brebeck-Paul und Barbara Hermann ihre Arbeiten bei Sommerwerke aus.

Ersterscheinungsdatum: 11.10.2005 auf einseitig.info

© Marie van Bilk/Maria Jürgensen – Veröffentlichungen, auch in Auszügen nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin.