Das Ey

Johanna Ey – Kunstmäzenin wider Willen

Brille mit Blick

Mutter EyGroße, bebrillte Augen schauen mich mit einem ernsten, ruhigen Gesichtsausdruck an. Eigentlich ist das eine häßliche Ecke hier… Die Mutter-Ey-Straße in Düsseldorf ist eng, grau und unscheinbar. An ihrer Spitze, unmittelbar neben dem Kabaretttheater Kommödchen, hoch oben auf dem Dach, vom anderen Ende, dem Burgplatz aus, fast schon sichtbar, ist dieses Ey-Gesicht auf den modernen Teil eines Giebels gemalt. Seltsames Denkmal. Immerhin – hier hat sie, Johanna Ey, Kunsthändlerin wider Willen, den Ausblick auf ihre geliebte Altstadt, befindet sich unweit der Ratinger Straße, ihrer alten Heimat. Ich verweile, schaue auf das Bild der „meistgemalten Frau Deutschlands“ und lasse johlende Altstadtgänger an mir vorüberziehen. Wenn ich so darüber nachdenke, dann passt das viel besser zu ihr als eine bronzene Statue im Hofgarten, die es im übrigen auch nicht gibt: Die kleine unscheinbare Straße, den Überblick haben, dabei selbst gelegentlich überdimensional wahrgenommen werden, aber letztendlich doch eine unfreiwillige, zu wenig beachtete Randfigur bleiben. Hat mit ihr zu tun … auch. „Eine seltsame Frau, das. Ein faszinierendes, zupackendes eigenwillig und -sinniges Menschlein“, denke ich. Jetzt in meinem Rücken: Die Kunstbuchhandlung König mit vollgepackten Schaufenstern; theoretischen Abhandlungen über und von einem anderen Düsseldorfer Akademiequerkopf, Josef Beuys. Wenn das Ey später gelebt hätte, Frau Grinten „datt Jüppken“ nicht auf dem Acker hätte schuften lassen und ihm ins Gewissen geredet hätte – wer weiß, vielleicht hätte sie Josef aus der dunklen Nacht geholt – mit Kaffee, Bratkartoffeln und ihren Erzählungen über ertragenen Schmerz und Entbehrungen. Wie für Mutter Grinten musste auch für Mutter Ey das Leben immer weiter gehen, egal wie schwer es war, egal, wen oder was sie verlor.

Lebendiges Museum

Meine Entdeckungstour führt mich ins Stadtmuseum. Im Spoerl, meinen Milchkaffee trinkend und auf den angrenzenden See hinausblickend, finde ich das Ey wieder. „Spoerl im Ey“. Auf der Speisenkarte sind acht unterschiedliche Frühstücksvarianten im Angebot: Das kleine Frühstück mit Brötchen, Butter, Konfitüre, Wurst oder Käse und Ei, Vegetarisches mit Brot, Brötchen, einem Quark mit Früchten, verschiedene Käsesorten sowie snoepjes für die Süßen. Oder wie wär´s mit Bacon und Eggs? Ey steht auf der Speisenkarte – sowohl mit i als auch mit y. Das Andenken an die ehemalige Bäckerin und nährende Mutter für hungrige Künstler wird wachgehalten. Was hätte Johanna ob des großzügigen Angebots gestaunt! Wie hätte sie genossen! Doch ihre Zeit war eine andere.

Freier Eintritt im Stadtmuseum. Der nette Mensch am Eingang erzählt mir gleich vom Buch von Annette Baumeister, der stellvertretenden Leiterin des Stadtmuseums. „Da gibt es noch eins – Johanna Ey als Spanierin und eins von 1958 von Anna Klapheck“, sagt er. „Aber das von Frau Baumeister müssen sie zuerst lesen, das ist eigentlich das Buch von der Frau Ey selbst!“ Da hat er recht. Frau Dr. Baumeisters Buch kenne ich schon. Es beinhaltet die von ihr zusammengestellten Erinnerungen der Johanna Ey. Gewürzt mit Lebensdaten und Auszügen aus weiteren Dokumenten, die das Stadtmuseum sammeln konnte – ein wunderbarer Einblick in Johannas Welt.

In der ersten Etage finde ich sie dann. Johanna in spanischer Mantille, Johanna schlafend, Johanna mit Zigarettchen, Johanna auf einem Esel reitend, Johanna im Kreis ihrer malenden Freunde. Um sie herum Werke eben jener: Julo Levin, Jankel Adler, Robert Pudlich, Johann Baptist Hermann Hundt, Gert Wollheim, Otto Pankok, Otto Dix, Jacobo Sureda, Arthur Kaufmann, Max Ernst, Carl Barth, Karl Schwesig, Adalbert Trillhase und wie sie alle heißen.

Ich setze mich auf eine Bank vor das Bild von Arthur Kaufmann: Johanna Ey inmitten der malenden Sippschaft mit Brille, Kettchen und Taschentuch. Da gehört sie hin. Wie mag das damals gewesen sein? Vorbeistreifend an den Vitrinen, Bildern, Erinnerungsstücken aus den Tagen vor und nach den Kriegen, Fetzen Papiers lesend bekomme ich eine kleine Idee. Julo Levins gesammelte Kinderbilder betrachtend, wird sie gelegentlich fühlbar, diese Zeit. Dieser begnadete, viel zu früh „ausgelöschte“ Maler hat als Zeichenlehrer die Eindrücke seiner kleinen Schüler aufbewahrt. Beeindruckend, was da zu Tage tritt: Kinderzeichnungen von Krieg, Mißhandlung, Alltag in schlimmen Zeiten neben Fröhlich- und Farbigkeit.

Max Wollheims Selbstbildnis, Jankel Adler mit seiner Frau … Ich blättere durch Annette Baumeisters Buch. An einem Foto von Ma Pudlich bleibe ich hängen. Es zeigt Johanna mit Bruno Goller, Ernst Schumacher-Salig und Robert Pudlich im Hof – Johanna auf einer Leiter nach oben. Die hat sie oft bestiegen, weniger, um Karriere zu machen, sondern um die Bilder Ihrer Freunde in der Kunsthandlung zu „hängen“. Bei allen Entbehrungen hat sie auch Freuden genossen, verhalf Malern wie Otto Dix und Max Ernst zum Erfolg oder hat ihren Jacobo Sureda in Spanien besucht. Nun – wie kam es dazu?

Familienbande

1864 wird sie in Wickrath geboren, verlässt sehr früh ihr Elternhaus und beginnt als Haushaltshilfe und Köchin zu arbeiten. Nach Düsseldorf kommt sie 1882. Hier lernt sie ihren zukünftigen Mann, den Braumeister Robert Ey kennen und heiratet ihn im Mai 1888, nachdem bereits 3 Jahre zuvor die erste Tochter, Maria Klara geboren wurde, die in Brüssel bei Verwandten aufwächst. Zwanzig Jahre sollte Johanna es mit ihrem Robert, der wie bereits ihr Vater dem Alkohol leider sehr zugeneigt war, aushalten und zwölf Kinder zur Welt bringen. Nur vier der zwölf überleben. Ab November 1904 verschlägt es Frau Ey dann auf die Ratinger Straße 32, während Robert nach Berlin zieht und der Familie nach zwanzig Jahren den Rücken kehrt. „Meine Ehe war keine glückliche“, schreibt sie in ihren Erinnerungen.

Beim Bäckermeister Carl Theisen arbeitet Johanna als Verkäuferin und auch die Kinder müssen mithelfen, um die kleine Familie durchzubringen. 1907 siegt wie immer Johannas Tatkraft und sie macht sich mit einer Backwarenhandlung selbstständig. Sie findet sich ebenfalls auf der Ratinger Straße, Hausnummer 45. Hier lebte und starb der Dichter Immermann. Auch heute ist dieser Umstand auf Tafel auf der Ratinger Straße, am selben Platz, jedoch inzwischen an einem neuen Haus zu finden. Von Johannas damaligem Domizil ist sonst nichts mehr übrig. Keine Tafel verrät etwas über ihren Einfluss auf die Kunstszene des letzten Jahrhunderts.

Kaffee und Kuchen, Blutwurst und Bratkartoffeln

Doch beginnt gerade hier ihre Karriere als „Künstlermutter“. Diese Bezeichnung, oft gewählt von damaligen Pressevertretern, hat sie übrigens alles andere als gemocht!

Kuchen und Teilchen mit Schmackes – ihre Auslagen locken die jungen Akademieschüler an. Als sie durstigen Studenten einen Kaffee kocht, ist der Künstlertreff, der mütterliche Herd für mittellose Studenten, geboren. Denn oftmals hatten jene, ganz Künstler, wenig oder gar kein Geld und so gewährte sie gutherzig Kredit. Heimliche Likörchen und Flaschenbier tun das ihre. Manch einer bezahlt seine Verbindlichkeiten mit einem Bild, was ihr bereits zu den ersten kleinen Schätzen verhilft. Nachdem das Schuldenbuch voller wird als die Kassen, dürfen sich Sänger der angrenzenden Oper und des Schauspielhauses, dessen Aufführungen sie im übrigen gern besucht, über ihren Mittagstisch freuen. Die können zahlen, nehmen jedoch den klammen Künstlern oftmals die Plätze weg. Das tut dem Zulauf letztendlich dennoch keinen Abbruch und so trifft man sich bei „Bratkartoffeln, Blut- und Leberwurst und einer Schüssel selbsteingelegter Gurken und Zwiebeln“ für 50 Pfennig, die man oftmals direkt in der Küche aus der Pfanne isst.

1908 wird sie von Robert Ey geschieden. Eh schon daran gewöhnt, kommt sie von nun an ganz allein für die Familie auf und betrachtet die hungrigen Mäuler aus der Akademie als einen Teil davon. Sie tut das nicht, weil sie so sehr an Kunst interessiert wäre, sondern schlicht, weil da jemand Hunger hat. So einfach ist das. Menschlich aufgeschlossen ist sie zweifellos und so gehen Sorgen und Nöte, Beschäftigung mit künstlerischen Alltäglichkeiten nicht an ihr vorüber. Wen sie nett findet, dem hört sie auch zu. Längst kommen nicht nur die Studenten, sondern auch die Professoren ins Café Ey.

Krieg und Kunst

Der Erste Weltkrieg ist gelegentlich eine sehr traumatische Erfahrung für Johanna, die aufgrund der zurückgehenden Einnahmen als Arbeiterin in einer Militärbekleidungsstelle anfangen muss. Schlachtgetümmel, Hunger, Tote und Verletzte graben sich tief als Narben in ihre Erinnerung ein und lassen sie manch späteres Bild ihrer Künstlerfreunde, die selbst als Teilnehmer ins Feld ziehen müssen, selbst Tod, Entbehrung und Gewalt erfahren, begreifen. Schon während des Kriegs reift in Johanna die Entscheidung, eine Kunsthandlung zu eröffnen. Schuld daran ist unter anderem Eduard von Gebhart, der ihr die ersten Bilder zum Verkauf anvertraut. Sie hat keine ausgeprägten bis gar keine Kenntnisse von Kunstgeschichte oder Malerei. Johanna gebraucht ihren gesunden Menschenverstand. Was ihr gefällt, gefällt ihr eben. Was sie berührt, das doch auch andere und wer Brötchen verkaufen kann, der kann auch ein Bild verkaufen. Und bockig war sie schon immer.

Als sie 1920 Otto Pankok wieder trifft, der zu den Kaffee trinkenden Studenten der Vergangenheit gehört, lernt sie auch Gert Wollheim kennen, dem sie von Anfang an ihre Sympathien entgegen bringt. Das war allemal das wesentliche Auswahlkriterium der Mutter Ey: Welcher Mensch steckt hinter den Bildern, was macht ihn aus, was ist ihm begegnet? So verstand sie deren Kunst – durch Intuition und ein in Erfahrung wurzelndes tiefes Verständnis für menschliche Abgründe, Ziele und Eigenheiten. Auch hier dürfte sie sich mit Josef Beuys bestens verstanden haben. Gert Wollheims „Verwundeter“ – von Museen und dessen Besuchern abgelehnt, lässt sie sich nachts nicht ins Bett trauen, über dem zunächst das Bild hängt. „Ich roch das Blut, ich fühlte selbst den Schmerz“, sagt Johanna und gewöhnt sich daran, bis sie „so stark war, es zu ertragen“. Durch Pankok und Wollheim lernt sie auch Otto Dix kennen und kauft später das Bild „Meine Eltern“ von ihm, das sie erfolgreich ans Wallraff-Richartz-Museum verkaufen kann. Doch bis es dazu kommt, muss sie gemeinsam mit ihren Freunden manchen Spott und manches Gejohle, ja sogar Gerichtsverhandlungen über sich ergehen lassen.

In ihrer Kunsthandlung räumt sie für die neue, junge Kunst ein ganzes Schaufenster frei, vor dem sich gelegentlich Menschentrauben treffen, um über dessen Inhalt zu streiten. Das Junge Rheinland, sich auflehnend gegen etablierte Kunst, findet schließlich in ihrem Laden eine Heimat und gibt mehrere Ausgaben der Zeitschrift Das Ey! heraus. Auch Max Ernst gehört zum engsten Kreis der Ey. Wenn auch Köln ihn im Rahmen der Dadabewegung eher gefangen hält, so ist er oft im Ey, bei Johanna, die ihr Mäxchen Ernst bestens versteht. Sie hat Max Ernst längst begriffen, als alle anderen ihn noch für einen Spinner halten. Bei Johanna Ey diskutiert man sich die Köpfe heiß. Es geht darum, freien Lebensstil, neues Denken und revolutionäre Kunst zu etablieren. Manch schräge Veranstaltung, manch provozierendes Foto, manch übermütige Zeichnung wird dort geboren. Johannas Galerie wird bekannt, viel besucht und der Kaffeeumsatz steigt enorm, wenn das schwarze Getränk auch jetzt nicht mehr über die Theke gereicht wird.

Die Künstler des Jungen Rheinlands gewinnen mehr und mehr an Ansehen und Johanna Ey hat einen nicht unerheblichen Anteil daran. Sie gibt nicht nur Zeit, Blutwurst und Engagement, sie gibt ihr ganzes Herzblut für die Sache. Doch die revolutionären Ideen werden zunehmend zu etablierten, die alten Ziele nicht mehr ganz so vehement verfolgt wie noch zu Anfang, der Krieg verliert an Präsenz und so finden sich vormalige Hitzköpfe wenig später auch als Professoren an den zuvor kritisierten Akademien. Nichts desto trotz, auch wenn es in Johannas Laden inzwischen stiller zugeht, so ist sie doch zu gewissen Ehren gelangt. Sie jongliert mit Preisen nach Gutdünken, aber verkauft. Man spricht über sie, erwähnt sie in Kunst- und Kunsthändlerkreisen, tituliert sie aufgrund der vielen Zitate und Porträts der Künstler als meistgemalt und zeigt sich mit ihr. Reich wird sie nicht. Und ihre ehrliche, bescheidene Haut, ihr gebendes Herz ist es, was ihr allenthalben selbst das Leben immer wieder schwer macht. Denn was sie anderen gibt, fehlt ihr manchmal selbst zum überleben.

Schwere, letzte Zeiten

Besonders tief ins Herz schließt sie den Maler und Dichter Jacobo Sureda, der ihr seinen ersten Gedichtband widmet und sie schließlich nach Mallorca einlädt. 1927 ist es soweit. Sie packt zwei Freunde ins Gepäck, beleiht zwei Gemälde zur Finanzierung ihres Vorhabens und fährt. Über Paris, wo sie gar den Eiffelturm besteigt, geht es nach Mallorca … nach Establiments. Sie genießt es, streitet mit Jacobo, versöhnt sich mit ihm, besucht den einen oder anderen Freund auf der Insel und gewinnt neue. Sie soll 1933 ein weiteres Mal nach Spanien fahren – zu einer Zeit, als es dem Freund bereits sehr schlecht geht und fest steht, dass er nicht mehr lange leben wird. Als Sureda schließlich stirbt, gilt einer seiner letzten Gedanken ihr und er schreibt einen Abschiedsbrief, den seine Frau schließlich an die Freundin weiter leitet. Johanna kann seinen Tod nur schwer verwinden.

Ihr 65. Geburtstag wird noch groß gefeiert. Max Ernst Glückwünschtelegramm lobt das „Große Ey“ in Choraltönen, feiert seine Stärke und die Tatsache, dass ihre Werke gekauft werden. Briefe, Telegramme und Blumen häufen sich und der Oberbürgermeister schenkt ihr ein Flugticket nach Hamburg. Doch auch an diesem Tag lassen sich die Geldsorgen nicht wegwischen und sie hofft auf Geldgeschenke, die mal wieder das Schlimmste zu verhindern helfen.

Als sich schließlich nationalsozialistisch-dunkle Wolken am Himmel zeigen, hat es Johanna Ey schwer. Viele ihrer Freunde, darunter Gert Wollheim und Arthur Kaufmann verlassen Deutschland, andere wie Julo Levin, ebenfalls jüdischer Herkunft, kommen im KZ um. Karl Schwesig wird verschleppt, gefoltert und ins Gefängnis gesteckt. Johanna leidet. Sie fühlt sich alt und einsam. „Mutter Ey“ wird offenbar aufgrund ihrer Popularität geschont, doch allein und auf andere Art und Weise bedroht, denn zunehmend zeichnet sich ab, dass sie ihre Kunsthandlung nicht mehr weiter führen darf, die Räume verlassen soll, ins Altersheim soll. Sie kämpft, wehrt sich, findet vorsichtig harsche Worte, denn sie spürt bei allem die Gefahr. Wieder wird sie durch viele prominente Stimmen unterstützt. Doch sie unterliegt und muss die Räume verlassen, nicht ohne angebliche Mietschulden durch Abgabe von Bildern zu begleichen. Ein Bruchteil ihrer Sammlung bleibt übrig. Vieles davon ist für die Nazis „entartete Kunst“ und wird entsprechend behandelt, anderes verschwindet auf andere Weise im Krieg oder wird zerstört.

In der Stockkampstraße ist sie am Ende zuhause. Sie schreibt ihre Erinnerungen auf, zehrt an den Kontakten zu alten Freunden. Doch auch diese neue Heimat hat sie nicht lange, denn Bomben zerstören sie bis auf die Grundmauern. Mit ihnen geht das Gros der letzten Bilder unter. Nur einige wenige weggebrachte Exemplare bleiben verschont. Johanna zieht zu ihrer Tochter nach Hamburg. Von dort kehrt sie erst 1945 wieder zurück, längst nicht mehr die Alte. Immerhin wohnt sie wieder in der Altstadt auf der Flingerstraße und die Stadt, ehemals Verursacher ihrer letzten Not, zahlt ihren Unterhalt und gründet das „Westdeutsche Kunstzentrum Mutter Ey“. Manch einem schaudert bei dem Namen. Johanna nimmt es gelassen. Viel kommt nicht dabei heraus und Johanna hat auch keine rechte Lust mehr, sich dem Trubel um sie hinzugeben. Zuviel ist geschehen, zuviel hat sie gesehen und erlebt und alt ist sie inzwischen allemal. Am 27. August 1947 stirbt sie.

Ende einer Fährtensuche

Ich sehe mir Kaufmanns Bild noch einmal an und begebe mich dann aus dem Stadtmuseum zurück in Richtung Ratinger Straße.

Meine Spurensuche führte mich vorbei an einem Schaufenster auf der Mühlenstraße. Unweit der Ratinger Straße finde ich dort eine Kunsthandlung. Es steht nicht „Neue Kunst Johanna Ey“ darüber, aber manches der dort ausgestellten Exponate könnte dort schon für Aufruhr gesorgt haben und hat vielleicht gar dort gelegen. In die Galerie Remmert und Barth verirrte ich mich gerne. Leider hat man die Pforten dort heute geschlossen und ich kann mir nur die Nase plattdrücken. Nicht zuletzt weil der Vater des Galeristen Carl Barth war, hat man sich auf den Expressionismus der 20ger Jahre, das Junge Rheinland und den Johanna-Ey-Kreis spezialisiert.

Wenn man die von Annette Baumeister herausgegebenen Erinnerungen Johannas liest, die Düsseldorfer Plätze durchstreift, das Stadtmuseum besucht und in ihr Gesicht schaut, wenn man sich an Schaufenstern von Galerien die Augen satt sehen kann, entfaltet sich ein wenig der Mensch, der Johanna Ey war. Ihre einfachen, alles andere als gewählten Worte aus ihren Erinnerungen zeigen einen schlichten Menschen von tiefer Güte und inniger Lebensfreude mit trotzigem, mutigen Hirn und offenem Geist, mit dem sicher nicht immer gut Kirschen essen war, aber immer lauthals Lachen! Ich hätte sie gern gekannt.

Zitiert wurde aus
Anna Klapheck, Mutter Ey – eine Düsseldorfer Künstlerlegende, Droste 1958
und
Annette Baumeister, Erinnerungen der Johanna Ey, Droste 1999

Ersterscheinungsdatum: 17.07.2006 auf einseitig.info

Auch erschienen in: „Die Ratinger Straße“, Bachem Verlag und in

„Die schöne Kunst der Einseitigkeit“, Edition Einseitig, 2009

© Marie van Bilk/Maria Jürgensen – Veröffentlichungen, auch in Auszügen nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin.

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