Fußnoten sind sexy

Man ist dem Ursprung der Dinge so nahe!

BücherIch bin begeisterte Fußnotenleserin. Das Lesen der Sätze hinter den hochgestellten, so ordentlich sortierten Zahlen am Ende einer Seite verschafft mir ein außerordentliches Gefühl der Befriedigung.
Meine Freundin Inge liest die Fußnoten nicht mit. Die liest nur den Text. Deswegen kaufen wir uns inzwischen Bücher gemeinsam und teilen uns das Lesen. Sie oben, ich unten. Es ist meistens so wissenschaftliches Zeugs, denn woanders findet man Fußnoten seltener und ich find ja gerade die so sexy. Inge kann das ja nicht verstehen, die interessiert der Zusammenhang und ob ihr jemand was erklären kann. Mich interessiert, wo das herkommt, das wer erzählt. Der kann mir ja sonst werweißwas verkaufen. Weiß ich, ob der überhaupt Ahnung hat und über den Tellerrand gucken kann? Mein Vater hat immer gesagt: „Mädchen, Du musst nix wissen, Du musst nur wissen, wo es steht.“ Wie wahr das ist!
Manche Fußnoten kann ich sogar auswendig! Andere lernen Gedichte, ich lerne Fußnoten auswendig!
„Erasmus von Rotterdam. Das Lob der Torheit. Stuttgart: Reclam 1962.“
Man ist dem Ursprung der Dinge so nahe! Hier ist die Welt noch in Ordnung.

Jedenfalls dachte ich das bisher. Obwohl, in Zusammenhang mit einem ehemaligen Doktor gab es den sogenannten „Fußnotenstreit“ und „verschleiernde Fußnoten“ wie „Spiegel“ und „Welt“ titelten, und da war die Welt so gar nicht mehr in Ordnung. Das gab mächtig Ärger für den ehemaligen Doktor summa cum laude. Hätte der mal meine Begeisterung geerbt und den Rat meines Vaters beherzigt! Aber ich muss sie ja auch nur lesen und er musste sie schreiben. Vielleicht hat er sie ja auch gerne gelesen, fand es aber einfach zu umständlich, sie auch noch zu schreiben.

Inge hat mir von einem Vortrag mit dem großartigen Titel „Die Fußnote als Gradmesser wissenschaftlicher Arbeiten“ erzählt. Der Mensch hätte vorgetragen „Was die Musiknote für die Musik, ist die Fußnote für die Wissenschaft. Beide sollen Kontinuität und Werktreue garantieren und den Zuhörer bzw. Leser vor Plagiaten, dilettantischen Improvisationen oder gar unprofessioneller Kreativität bewahren.“1 Und außerdem ließe der 2„Umgang mit Fußnoten zu wünschen übrig“. Sie würden von dem „gemeinen Leser“3 ignoriert. Nur wenn der Zweifel an der „Kompetenz“4 oder „Zurechnungsfähigkeit“5 des Autors hätte, würde dieser „gemeine“6 Leser das Kleingedruckte lesen, also die Fußnoten.
Ich lese die Fußnoten nicht nur, wenn ich denke, der Autor ist bescheuert und hat keine Ahnung. Ich weiß gar nicht, wie der darauf kommt. Aber wenn der Recht hat, erklärt das natürlich, warum die Professoren von dem ehemaligen Doktor dessen Fußnoten nicht gelesen haben. Die haben gedacht, oooochhhh, der hat vielleicht mehr Ahnung als wir, da brauchen wir nicht so genau hinzuschauen. Kostet ja eh Zeit und uns interessiert nur der Zusammenhang. Wie Inge eben.
Die geht davon aus, dass die Leute, die Bücher schreiben können, eh mehr Ahnung haben als sie selbst. Deswegen liest sie sie ja.
Und dann hat der Mensch noch erzählt, dass „wissenschaftliche Literatur für den intelligenten Laien aus einem kaum lesbaren Haupttext“7 besteht. Kein Wunder also, dass ich lieber die Fußnoten lese, oder?
Dieser Fußnotenfachmann hat außerdem erzählt, dass Fußnotenfreaks ja so richtig doll auf Endnoten stehen.8 Das sind die Fußnoten, die erst am Schluss zu finden sind. Na, aber da müsste ich mir ja immer nur die letzten Seiten von einem Buch antun und das ist mir, ehrlich gesagt, das Geld nicht wert.

Inge hat mir den Vortrag aus dem Internet runtergeladen. Der ist von übrigens von einem Prof. Dr. Eberhard Scheffler, der ihn als Laudatio für einen Prof. Doppeldoktor Theisen zum Thema „25 Jahre wissenschaftliches Arbeiten“ in feierlicher Atmosphäre vorgetragen hat.
Die 300 Fußnoten hat er zwar in seinem Vortrag vermerkt, aber nicht mitvorgetragen. Schade eigentlich!

1 http://rsw.beck.de/rsw/upload/Presse/Die_Bedeutung_der_Fu%C3%9Fnote.pdf
2 ebenda
3 ebenda
4 ebenda
5 ebenda
6 ebenda
7 ebenda
8 ebenda

Ersterscheinungsdatum: 6.6.2011 auf einseitig.info

© Marie van Bilk/Maria Jürgensen – Veröffentlichungen des Texts, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin.

© Fotos: Marie van Bilk/Maria Jürgensen