Wenn der Bagger kommt – Teil 3

Über die letzten Bewohner eines untergehenden Dorfes

Otzenrath-1Hermann, Inges Kater, macht sich gähnend auf in den Garten. Mäuse und Futter für den alten gibt es in diesem zur Wildnis mutierenden Ort genug. Wenn der Bagger Alt-Otzenrath in baumlose Gruben verwandelt, hätte Hermann keine Chance mehr.

Streunende Katzen

Ich habe vom Engagement einiger Dorfbewohner Otzenraths gehört, die zurückgelassenen Hermanns, Mietzis und Hassos nicht ihrem Schicksal zu überlassen. „Auch die Tiere werden heimatlos. Und ihr initiiert hier was, “ setze ich an und Inge berichtet gleich eifrig: „Am Besten kann ich das erklären, wenn ich von diesem Haus ausgehe. Hier gab es früher Schweine, Gänse, Enten, Hühner, Kaninchen und Ziegen – mein Opa hatte sogar ein Ziegendiplom – er hatte die schönsten Ziegen – Nicolaus Jansen – das waren ja mehr oder weniger alles Nutztiere, jetzt gibt es hier nur Katzen. Hier kommen jede Menge Katzen vorbei, die kein Zuhause mehr haben, weil die Leute die oft einfach da lassen. Und die sammele ich auf … das machen auch Frau Hähle, Frau Mehl und Frau Krämer und Frau Hein … es gibt hier verschiedene Frauen in Otzenrath und Spennrath, die sammeln alle Katzen auf. Da gibt es immer noch Ignorantinnen und Ignoranten, die die Katzen nicht kastrieren lassen. Und so werden es immer mehr. Das jetzt noch kurz vor Toresschluss. Wir wissen gar nicht, wie wir das regeln sollen. Die haben niemand und dann kommen die.“

„Was passiert denn mit denen, wenn ihr weg seid?“ frage ich. „Die hier sind, die nehm ich mit“, sagt Inge entschlossen. „Und die anderen machen das genauso?“ „Ja, oder wir vermitteln die. Aber es ist sehr schwierig. Die sind ja so wild, ehe wir sie bekommen. Die will ja dann keiner. Die zwei die ich jetzt hier habe, das hat zweieinhalb Jahre gedauert, ehe die zahm waren. Jetzt sitzen sie hier bei mir auf dem Bett. Das hat lange gedauert. Das ist sehr mühevoll. Wir lassen nicht locker.“

Es stinkt nach Parfum

„Das neue Dorf… da hast Du mal gesagt, das ist ein Retortendorf. Eigentlich, hast Du gesagt, kann man das aber gar nicht ohne schlechtes Gewissen sagen, weil die Menschen versuchen, sich dort eine neue Heimat zu schaffen“, frage ich und Inge kommt zurück auf die Tiere: „Das wohl, ja klar, interessant ist, wenn man in das neue Dorf geht, da begegnet man plötzlich mitten in dem Neuen… da springen dann noch Häschen rum, die dann da noch ihren Bau hatten und ganz verstört ihre Haken schlagen. Ich bin da ganz überrascht, dass die da noch ihre Heimat verteidigen.“ Welche Parallele… Auch hier nimmt der Mensch Platz ein, der ihm im Grunde nicht wirklich gehört. Hier sind andere ver- und gestört, die versuchen, sich neuen Raum zu erobern.

8ba7f11be7e64d9413c34f1f00c5a09c„Verrückt ist das. Im neuen Dorf darf man nicht wie hier mittendrin einen Bauernhof haben, der wohlmöglich Schweine züchtet oder Kühe hat … das darf man ja alles nicht mehr. Das sind dermaßen dämliche Verordnungen, die machen die ganze Urbanität kaputt, hier im Dorf waren, was weiß ich, 10 Bauernhöfe … ich hab das nicht mehr so genau im Kopf, und das war ja gerade das Schöne, das ein urbanes Dorf mittendrin Tiere hat… ja, mein Gott, wenn es dann ein bißchen nach Mist stinkt, was soll das denn? Ich hab das total gern!“. Ich bestätige, kenne das, das gehört zum Dorf, dieser modrige Mistgeruch, der auch zu bestimmten Tages- oder Jahreszeiten zeitmarkierend und – so grotesk das klingt – eher wie Parfum, nicht wie Gestank wirkt. Das hat mit Erinnerung zu tun, mit Heimat, mit Vertrautheit. Früher haben Bauern gar mit ihrem Getier in einem Gebäude gehaust. Fortschritt hin oder her… hier kann nichts mehr natürlich in andere Richtungen wachsen. Hier wird es mit Gewalt beseitigt. Ich verstehe Inge. „Oder Pferdeäpfel oder so… Du weißt es ja, Du kommst ja vom Land… ich bin für extra Parfüms, die entwickelt werden, mit Pferdegeruch und Strohgeruch… das sollte mal kreiert werden, für die Leute, die das nicht mehr haben.“ „Ja“, bestätige ich erneut, „Du wusstest immer, welche Tageszeit es war, wenn abends die Kühe von der Weide getrieben wurden und die ihre Spuren auf den Straßen hinterließen. Es roch nach Kuh und das war gar nicht unangenehm und… bah…“ „Ich fand das immer toll, diese ganzen … vor meiner Tür war immer…“ – „Das ist ja auch ein Stück Kindheit“ – „ Ja, genau… und außerdem, diese Pferdeäpfel, die kann man ja mit Wasser verdünnt prima als Dünger nehmen, für Pfingstrosen – die werden zehnmal so dick wie normal.“

Ein unterhöhltes Dorf

„Ich meine, was das neue Dorf angeht, so ist es sicher so, dass das, was hier in Jahrhunderten entstanden ist, erst werden muss, “ setze ich erneut an. Inge trauert um das alte Dorf: „Das kann ja gar nicht mehr so urban werden. Das wird ja jetzt mehr oder weniger, wie aus der Fabrik kommend hergestellt. Das ist ja nicht gewachsen, das kann nicht mehr urban werden… naja vielleicht denkt man in 100 Jahren das wäre urban… aber das ist ja nicht richtig urban, wenn alles zu gleicher Zeit entsteht. Hier… das Otzenrath, das ist ja… da gibt es die ersten Aufzeichnungen von 1174, die Hofstelle von Leuffen und die Hofstelle von früher Lamberti, später Brockerhoff, also… das sind uralte Hofstellen, nicht dass die Gebäude so alt wären, aber… da hat es Grundmauern gegeben, auf diesen Grundstücken. Da wird auch jetzt noch geforscht. Da graben sie jetzt.

Das ganze Dorf Otzenrath ist von Gängen aus dem 30jährigen Krieg unterhöhlt. Mittelalterliche Dorfstrukturen gibt es noch.“ Ich horche auf: „Gibt es da Aufzeichnungen?“ Inge erzählt: „Ja, ein Buch über Otzenrath, da steht das alles drin. Hier gegenüber, als da die Schreinerei abgerissen wurde – ich hatte eine Schlüssel von diesem Haus, weil ich mir da ein Treppengeländer abgebaut habe … da hab ich gesehen, dass da ein Gang war, der zum Hof nebenan ging. Von jedem Haus ging so ein Gang ab zum Nachbarn, der später zugemauert wurde. Jeder Nachbar war mit dem anderen verbunden und an einer Stelle – ich weiß jetzt nicht, wo das bei uns war – da ging quer über die Straße ein Gang zu irgendeinem Bauernhof und von dort ging wieder ein Gang zum nächsten Gehöft. Die Häuser, die später gebaut wurden, wurden dann an dieses System angeschlossen. Ja… unter dem Dorf konnten sich alle versammeln. Das ganze Dorf ist unterhöhlt, also das wäre hier Unesco-verdächtig.“

Nun – Inge berichtet nicht von der Entdeckung römischer Grabkammern unter Köln, allerdings von geschichtsträchtigen Funden unter einem vom Abriss bedrohten Dorf. Mit Otzenrath werden auch diese Gänge ein für allemal verschwinden. Inge fährt fort: „Als ich das der Bodendenkmalpflege mitgeteilt hab, da gab es einen schönen Artikel und die Männer haben auch ganz erstaunt und haben gesagt – wir schicken Ihnen eine Abordnung von Studenten, die werden das alles messen und dokumentieren und das ist ganz toll! Und eines Tages höre ich hier den Bagger krachen, ich wusste gar nicht, dass die hier abbauen – da fangen die ja morgens um halb 6 an. Es krachte also fürchterlich und alles wurde abgerissen. Daraufhin hab ich dann die Leutchen angerufen – und was glaubst Du – der eine war krank, der andere war verreist, der nächste war pensioniert. Ich hab die ganze Sache noch fotografiert, da schlug der Bagger in die Gänge rein, da war das alles nur noch Brei. Da war alles vorbei. Und jetzt sieht man noch in dem Grundstück gegenüber, da wo die Schreinerei war, wo jetzt nur noch eine Wiese ist, da ist eine richtige Delle drin. Da sieht man noch, wo der Hauptgang war. Es wäre sicher auch spannend zu erfahren, ob da noch was drin liegt. Aber das wird hier gar nicht mehr kontrolliert, da gräbt keiner mehr.“

All das macht mich richtig wütend: „Mensch, in Köln kannst Du keinen Neubau errichten, ohne dass vorher mal das Römisch-Germanische Museum da war, um Ausgrabungen zu machen und jede Tonscherbe zu nummerieren.“ Inge lacht bitter: „Der Bagger hat ja nichts zu sagen – aber von keiner Stelle wird da wenigstens noch etwas dokumentiert … das bin ich nur, die das tut – aber das interessiert ja keinen … Bei meinen Nachbarn nebenan ist auch noch ein Gang. Und als meine Oma und mein Opa hier eingezogen sind, das weiß ich noch vom Erzählen, da gab es auch hier im Haus noch einen Gang zum Nachbarn hin. Da hat mein Opa das zu gemauert, das kann man jetzt noch sehen, dass die Steine ein bisschen anders vermörtelt sind, als der übrige Teil vom Keller. Und zur anderen Seite hin… das Loch war schon zu damals… aber da war noch ein Gang. Während der Reformationszeit haben sich da auch Leute versteckt – während des Dreißigjährigen Krieges sollen sie das da auch getan haben.

Leute, die das runterspielen, sagen, dass die Gänge für die Vorratshaltung gedacht waren, aber ich möchte mal wissen, warum mitten auf der Straße ein großer unterirdischer Platz zu finden ist… wegen der Vorratshaltung … das gibt es nicht! Als ich 10 Jahre alt war, da ging ich morgens zur Schule und mitten im Dorf, auf der Marktstraße, da hatte sich nach einem ganz langen Regen der Boden abgesenkt und da war ein Loch – da hätten etwa drei Häuser reingepasst, da war die Erde eingefallen. Da konntest Du – ich weiß es noch wie heute – sieben sternförmige Gänge von einem runden Versammlungsplatz, der festgetreten war, abgehen sehen. Das ist doch keine Vorratshaltung in Mergelkellern! Das Dorf ist nun mal uralt. Das wird herunter gespielt, weil man sich dann ja mit der Geschichte des Dorfes auseinandersetzen müsste.“

Feine Linien

Inge blättert in einem Buch über Otzenrath. „Das ist das Buch über Otzenrath?“, frage ich neugierig. „Das ist von einem Franz Rixen – „unseren Kindern zur Erinnerung, Weihnachten 1969 – das ist ja mein Lieblingsbuch.“ „Es gibt hier auch eine Franz-Rixen-Straße, habe ich gesehen, “ erinnere ich mich. „Ja, die ist oben am Bahnhof. Die ist schon abgebaut … da sieht man nur noch die Einfahrten der Häuser, die abgesenkten Bürgersteige… ganz sanfte Linien… da weiß man dann, da war mal ein Haus“, sagt Inge ein wenig wehmütig. „Das ist etwas, das einen schaudert, wenn man solche Straßen entlang geht, auf denen kein Haus mehr steht,“ fährt sie fort,“ da sieht man dann die abgesenkten Bürgersteige, die die Einfahrten markieren, die es dort früher mal gab. Das berührt mich immer sehr…“ sie stockt… „das ist mir ganz gruselig… irgendwie… und da habe ich zum Beispiel von Häusern, die es nicht mehr gibt, noch die Schlüssel und dann erinnere ich mich … mit diesem Schlüssel warst Du da drin… das ist schon … von meiner Schwester und meinen Nachbarn, da hab ich die Schlüssel noch… ja das ist schon… gruselig. Ja, dieser Rixen war ein Pfarrer.“ Inge geht auf den Inhalt des Buches ein und berichtet von einem Mammutzahn, der in Otzenrath gefunden wurde. „…und die Kirchen sind so liebevoll beschrieben. Und das kleine Kapellchen, das Otzenrather Kapellchen war ein ganz wunderschönes Gebäude.“

Inge zeigt mir eine Abbildung. Ein alter Sankt Martin ist zu sehen. „Meine Mama ist auch auf einem Foto, das Du gleich oben sehen kannst, vor dem Sankt Martin zu sehen. Ein Ignorant aus der Eifel hat das alte Kapellchen abreißen lassen, weil es angeblich baufällig war. Und da wurden die wunderbaren alten Figuren, St. Martin und Maria und dann auch Jesus am Kreuz, da wurden die evakuiert in so kleine, fiese, postmoderne Hüttchen mit Felsenstein. Da hat man in einem vorauseilenden Gehorsam ganz viel zerstört. Meine Mama liebte das Kapellchen, die war total traurig. Wir wurden als kleine Kinder immer hochgehoben, um uns die Figuren anzusehen. Das war immer der Höhepunkt des Spaziergangs. Es waren Holzfiguren, die waren ganz wunderbar bemalt mit Gold und Rosa und Hellblau und… so eben diese Farben…“

Sponsoren gesucht

„Es gab einmal einen Plan, Bänke im neuen Dorf aufzustellen, die jeweils ein Bild von der Straße im alten Dorf zeigen. Was ist aus dem Plan geworden“, will ich wissen. „Ja, das war mein Plan. Ich werde auch daran festhalten. Ich kann nur im Moment nicht, weil ich umziehen muss und das hat ja noch ein bisschen Zeit. Es gibt ja noch ganz viele Steine aus Otzenrath … das ging schon zum Bürgerbeirat. Der Herr Weidemann, der hat sich dafür eingesetzt, der hat das auch schon vorgestellt. Das war von mir aus so vorgesehen, dass jede Straße in Otzenrath ein Foto im Stein von der Straße gleichen Namens aus Alt-Otzenrath bekommt. Wenn man dann auf der Bank sitzt auf der neuen Hofstraße, dann gibt es da ein Foto von der alten Hofstraße.“ „Das heißt, die Straßennamen sind übernommen worden?“, frage ich. „Ja, die sind übernommen worden … das heißt, unsere Düsseldorfer Straße, die gibt es nicht mehr. Ich hab mich denn… nun, das ist jetzt ein bisschen gesponnen… aber meine Straße, die Düsseldorfer Straße, hieß früher Kölner Straße und davor Buttergasse. Hier gab es einmal ein Milchgeschäft und irgendwie hatte das ne Tradition. Ich habe dann vorgeschlagen, da es ja weder eine Düsseldorfer noch eine Kölner Straße gibt, soll man die neue Straße doch Buttergasse nennen. Das wäre doch witzig. Ich werde mich weiter dafür einsetzen. Da brauche ich aber noch Mitstreiter und Mitstreiterinnen. Von den Bänken habe ich eine Zeichnung gemacht, da sieht man einen Abfallkorb unter dem Sitz und wenn man die Klappe öffnet, dann kann man den Namen des Sponsors dort lesen. Das ist ganz kurios. Aber ich find das schön. Die Fotografin Hanne Horn aus Düsseldorf will die Fotos dazu machen. Und das wär doch einfach Klasse, oder? Das Gleiche hatten wir für das Gelände der Uni Düsseldorf mal geplant. Aber ich dachte dann, das wäre für Otzenrath viel, viel besser. Das passt ja hier viel besser hin. Das wäre schön, wenn Otzenrath damit ein Denkmal hätte. Wenn ich umgezogen bin, werde ich mich dafür ins Zeug legen und anfangen Steine zu sammeln.“

 Für Geld lässt sich nicht alles kaufen

„Rheinbraun, Behörden, Bistümer etc. haben, als es in die Vollen ging, versprochen, Entschädigungen zu zahlen für die Häuser. Sehr oft ist es aber so, dass die Entschädigungen, obwohl sie hoch sind, nicht ausreichen, um wirklich im neuen Dorf hinzugehen und sich ein neues zu bauen. Viele Häuser sind einfach alt und eben nicht so viel wert wie ein Neubau“, behaupte ich. „Ja, ja. Das ist genauso“, bestätigt Inge. „Man bekommt für sein altes Anwesen zwar relativ viel Geld. Das bekäme man auf dem freien Markt nicht. Wenn man geschickt ist, kann man gut verhandeln. Aber das kann man trotzdem nicht als guten Tausch ansehen. Denn ich wäre ja hier nie weg gegangen und ich finde es schön hier. Ich bräuchte eigentlich nicht weg zu gehen. Wenn man jetzt ein anderes Haus kauft und nicht im Auge hat, was die Renovierung kostet oder was das neue Haus wirklich kostet, dann kann man sich ganz fies in die Nesseln setzen. Viele bauen ja auch größer, als sie eigentlich wollten, weil die Kinder dann zum Teil wieder zurück kommen. … Das ist dann auch wieder etwas Schönes an der Sache… es entstehen wieder viele Großfamilien… Aber im Großen und Ganzen kommen sie dann mit ihrem Geld nicht aus. Mir geht es auch so, ich komme auch nicht mit dem aus, was ich bekommen habe, obwohl das für das Haus hier eine Menge Geld war. Aber ich muss ja weg, muss also damit auskommen. Das hat aber nicht geklappt. …Weil ich ein kleines Museum habe und das auch weiterführen will, wollte ich wieder ein altes Haus beziehen. Damit das passt. Ich hätte auch ein neues Haus bauen können, aber dazu hatte ich gar keine Lust. Ich wollte wieder in einer gewachsenen Struktur wohnen.“

Hausmuseum, die Zweite

„Das ist also jetzt nicht in Neu-Otzenrath?!“ „Nein, das ist in Hochneukirch. Ich wäre gerne bei den Leuten in Alt-Otzenrath. Ich kenne da viele und die mag ich sehr gerne. Meine Schwester ist ja auch da. Aber ich habe mich einfach dagegen entschieden. Und dann hat sich aber herausgestellt, dass die Renovierung von meinem alten Pfarrhaus sehr aufwendig und teuer geworden ist. Jetzt… ich hatte noch Glück im Unglück. Ich hatte mitten in dem ganzen Umzug einen schweren Unfall, wo mein Freund und ich fast ums Leben gekommen wären. Da habe ich wieder gekämpft – ich hatte ja Übung im Kämpfen. Ich habe zwei Jahre für mein Schmerzensgeld gekämpft und das steckt jetzt auch in dem neuen Haus drin. Sonst hätte ich das gar nicht kaufen können. Ich habe mich entschieden, das Geld in das Haus zu stecken, weil ich einfach das Museum weiter machen will. Auch wenn es nicht mehr authentisch ist. Aber es ist auch sehr viel Interesse da von den Alt-Otzenrathern und auch von den Kindern in Hochneukirch. Die sind alle sehr interessiert und wollen Führungen mitmachen. Das soll ja außerdem ein Kunstort sein.

Im Keller habe ich mir zum Beispiel eine Matschküche eingerichtet. Dort können Kinder kochen und Kunst machen. Die dürfen Freitag nachmittags kommen, dort übernachten im Museum. Übernachten im Museum ist das Größte. Das habe ich im Frauenmuseum in Bonn auch schon gemacht. Und dann holen die Eltern die Sonntag nachmittags wieder ab. Das kann man mit einer Gruppe von höchstens 10 Kindern machen. Ein Kind soll immer dabei sein, das dann nichts bezahlen muss. Damit Kinder ohne Geld nicht so ausgeschlossen sind. … So stelle ich mir das vor. Wenn die anderen etwas mehr bezahlen, können auch zwei Kinder umsonst bleiben. Die kochen sich dann selbst was. Das ist toll … weg vom Alltag. Wir bauen auch Dinge, mit denen man dann auf die Straße gehen kann und Theater spielen kann. Oben im Haus ist ein großer Speicher mit ganz vielen Stühlen aus den Häusern hier aus der Gegend und da können die Kinder dann Theateraufführungen machen und die Eltern können dann gucken kommen. Ich muss aber erst klären, ob das von der Statik her machbar ist … sonst spielen die Kinder halt nur für sich und ohne Eltern. … Sie fragen auch immer, ob es denn auch zwei Schneewittchen geben darf. Das wird dann ganz alternativ, mit zwei Schneewittchen … find ich Klasse! Es gab ja auch in Köln mal ne Künstlerin, die hat Zwillinge in die Krippe gelegt. Da nehmen wir uns ein Beispiel dran!“ Sie lacht. „Das wird sehr schön werden!“ ergänzt Inge. „Da wird Otzenrath dann wieder anders lebendig“, bestätige ich „Ja“, sagt Inge, „sie dürfen über Otzenrath alles fragen und im Garten ein bisschen buddeln. … Da bin ich zwar sehr empfindlich, aber die dürfen dann etwas pflanzen und sich über Pflanzen informieren. Da sind schon einige, die mir immer mal helfen. Und die sind schon ganz heiß drauf, dass das jetzt endlich mal klappt. Aber ich bin noch nicht so weit… Dann werden die auch alle fotografiert, die Kinder. Ich habe da jetzt so einen alten Schaukasten vom Pfarrhaus. Da hängen die dann immer drin und holen sich die Kinder ihre Fotos auch schon mal heimlich da heraus, weil ich noch kein Schloss hab. Alles ganz niedlich und lebendig, irgendwo. Das ist eine schöne Seite des Niedergangs von Otzenrath. Das mache ich auch sehr gerne und dann freue ich mich auch drauf. Mit dem Fahrrad kommen die Kinder von Neu-Otzenrath und schauen, wie ich denn inzwischen wohne und dann sind sie so müde, dass ich sie mit dem Auto nach Hause bringen muss mit dem Fahrrad auf dem Dach. Ja, es passieren auch schöne Dinge.“

Otzenrath in der Kunst

„Wirst Du denn insgesamt, die Thematik auch künstlerisch umsetzen?“ frage ich. „Immer, “ sagt Inge vehement, „ich mache nichts anderes … nur Otzenrath. Ich drehe jedes Thema so, dass es mit Otzenrath zu tun hat. Zum Beispiel … wenn es um Tiere geht bei einer Ausstellung, dann kommen auch die Tiere aus Otzenrath zur Sprache. Oder am nächsten Wochenende mache ich eine Gartenperformance im Bergischen und dann kommt auch immer etwas mit Otzenrath. Das ist nicht der Schwerpunkt der Geschichte, aber es kommt immer etwas mit Otzenrath vor. Ich kann das gar nicht anders, weil ich immer an Otzenrath denke. Immer Otzenrath.“ „Das ist auch ein kleines bisschen Denkmal setzen?“ frage ich. Inge hat ein Ziel: „Ja, die Leute sollen Otzenrath kennenlernen. Wir haben ja auch noch einen Kalender 2004 gemacht und eben diese Filme und den Stillstand, den 13.“ „Das ist eine Zeitschrift, nicht wahr?“ „Ja und seit dem 7. Stillstand mache ich immer etwas über Otzenrath, ganz kontinuierlich. Stillstand ist eine Zeitschrift der Ultimate Academy in Köln. Das bedeutet „die letzte Akademie“. Die hat Al Henson gegründet, ein Fluxuskünstler aus New York, der zog nach Berlin und dann nach Köln. Fluxus ist ja wieder im Kommen. Letztes Wochenende waren auch wieder zwei Fluxus-Veranstaltungen auf dem Roncalli-Platz in Köln. Die Ultimate Academy hat auch nach seinem Tod immer weiter gemacht. Es ist nicht mehr so ganz viel wie früher, weil wir auch alle gar nicht so viel arbeiten können, ohne Geld. Es gibt hier keine ABM-Stellen mehr. Es ist deswegen so ein bisschen eingeschlafen. Ab und zu, wenn wir dann mal wieder Geld kriegen, dann sind auch wieder alle da und dann gibt es Austausch zwischen Österreich, Graz und Köln. Dann passiert etwas. Diese Ultimate Academy gibt den Stillstand einmal im Jahr heraus. 13 Jahre besteht jetzt diese Zeitung. Auch das Kulturamt Köln hat etwas Geld dazu gegeben.“

Momentaufnahmen für die Ewigkeit

„Machen auch andere Künstler was zu Otzenrath?“ frage ich und Inge bestätigt: „Ja, es machen viele was. Zum Beispiel…“ Inge kramt und holt Bücher und Kalender aus einer Ecke. „… das ist ein Kalender von Werner Stapelfeld.“ „Die Seele bleibt hier“, lese ich. „Das beschäftigt sich mit Imden, auch ein Abrissdorf… Doch es machen viele was, sehr viele. Hier ist ein Buch von Frischemache… das machen die heute mit Books on Demand“, Inge kramt weiter. Wir blättern durch den Kalender und ich bleibe an einem Foto hängen. Es zeigt Baggerspuren auf einer Fläche und darunter die letzten Überreste eines Grabsteins, auf dem man „Eheleute… Langen“ lesen kann. Auch der Titel des Kalenders lässt sich auf einem der Fotos entdecken. „Die Seele bleibt hier“ hat ein Schmied aus Imden an sein Haus gepinselt, so erklärt mir Inge. „Das stand ganz lange an der Wand“, sagt Inge, „als unser Dorf noch nicht so betroffen war, da haben wir uns die anderen Abrissdörfer angeschaut.“ „Vorsicht bewohnt, das habe ich an vielen Häusern gelesen, als ich ankam“, erinnere ich mich. „Ja, das ist die Bäckerin, die jetzt gerade umgezogen ist. Die hat fast bis zuletzt ausgehalten.“ Und als Inge dort vor einiger Zeit Brötchen kaufte, sagte die Bäckerin ihr, dass das das letzte Brötchen sei, dass sie Inge verkaufe. Da hat Inge sich entschlossen, das Brötchen zu konservieren und zu einem Exponat im Museum zu machen. „Und das“, Inge zeigt auf ein weiteres Bild, „ist meine Nachbarin, die heute auszieht, mit ihrem Hündchen…“ Inge hält inne. Man kann nicht übersehen, dass sie der Auszug der unmittelbar neben ihr wohnenden Nachbarin sehr berührt und vielleicht sogar ein wenig ängstigt. Sie schweigt und kehrt dann zum Kalender zurück. Ein Foto, das liegengelassene Familienaufnahmen zeigt. „Fotos schmeißen die Leute oft weg“, kommentiert Inge, „ich sammel die dann immer. Hans-Jörg Tauchert, mein Freund, hat sie fotografiert und ich hab sie aufgehoben und mit nach Hause genommen. So arbeitet jeder auf seine Weise, um das alles zu bewahren. Ihm reicht es, wenn er sie fotografiert. Ich sammele sie.“

Richtig gefangen nimmt mich ein Bild, das offenbar heimlich durch die Büsche aufgenommen wurde. Es zeigt einen alten Mann, der auf einem Sarg sitzt und sehr hilflos, klein und bedrückt aussieht. Um ihn herum stehen weitere Särge. Offenbar ist das die Szene einer Umbettung. „Der Mann ist gestorben“, erzählt Inge, „paar Wochen später. Ich habe ihn selbst gesehen. Aber ich habe mich geniert, ihn zu fotografieren. Nun, der Jörg, der kommt ja aus Düsseldorf und der hat ihn dann durch die Büsche aufgenommen. Ich finde toll, dass er es gemacht hat. Aber ich kenne den Mann, ich hätte das nicht gekonnt.“ Ein weiteres Foto zeigt ein Blumengesteck auf den Stufen eines Hauses. „Das hat ein Mann da hingelegt, wie so einen Beerdigungskranz, als sein Haus abgerissen wurde“, weiß Inge. Bilder von Gänsen in Alt-Otzenrath und die Gipsgänse im neuen Dorf werden im Kalender schließlich gegenübergestellt. Die Otzenrather haben die echten Gänse in das Neudorf nicht mitnehmen können. „Die Gänse sind ein Zeichen für Zuhause“, sagt Inge.

„Es gibt ja noch einige Dörfer, die demnächst abgerissen werden sollen. Was würdest Du Leuten raten, wie sie sich verhalten sollen, wenn es einmal soweit ist“, frage ich. „Zusammenhalten und nicht weggehen, sonst nichts, was soll ich sonst sagen, das hätte ich mir gewünscht.“ Inge lächelt. Sie wünscht sich Entschlossenheit, Kampf, Zusammenhalt.
Ersterscheinungsdatum: 04.11.2005 auf einseitig.info

© Marie van Bilk/Maria Jürgensen – Veröffentlichungen des Texts, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin.

© Fotos: Marie van Bilk/Maria Jürgensen