Wenn der Bagger kommt – Teil 2

Über die letzten Bewohner eines untergehenden Dorfes

Ein Gespräch in vier Teilen

otz4_01Sich mit dem Sterben des sogenannten „Geisterdorfes“ abzufinden, ist nicht leicht. Inge muss täglich dabei zusehen. Geisterdorf … die Erinnerung spukt hier, vielleicht auch die Seelen derjenigen, die nicht gehen wollten und konsequent Entscheidungen trafen. Und so machen sie und ich zunächst bei Kaffee und Keksen und nicht zum letzten Mal einen Ausflug auf den Friedhof.

Leben und Sterben

„Ich hab gehört, dass eine alte Dame aus Otzenrath, als sie von der Umsiedlung hörte, geäußert hat, sie ginge nicht mehr mit. Und die ist dann auch noch hier im Ort gestorben, quasi auf Entschluss“, werfe ich ein. „Das passiert oft. Gerade hast Du ja gesehen, dass meine Nachbarin, die 88 Jahre alt ist, gerade um zieht, nach langem Hin und Her…“ Inge seufzt „… also ich wünsche ihr, dass sie noch lange lebt, aber meistens sterben sie dann ganz plötzlich. Eine Dame war 93 und ist innerhalb von ein paar Wochen gestorben und das ist ganz oft so… nicht nur Frauen sterben, auch Männer.“ Umziehen werden auch die Leichen. Die Gräber sind mit Holzschildern bestückt, die zeigen, wer wann auf den neuen Friedhof umzieht und auf welcher Seite er zukünftig zu liegen kommt. „Vor dem Schrecken haben die alten Leute Angst und später laufen sie durch den neuen Ort, der so vollkommen fremd ist und man sieht sie dann da laufen und sie wissen gar nicht wohin. Der neue Friedhof ist auch wie eine kalte Platte. Früher gingen die Alten zum Friedhof und trafen sich auf den Bänken. Sie sagten dann immer – Ich gehe zum Probeliegen – ganz verschmitzt. Auf dem neuen Friedhof kann man nicht sitzen, da sind nur „kalte Platten“, ganz ordentlich, da ist nichts – wer will denn da schon sitzen? Da ist kein Bäumchen, kein Garnichts.“ Man hört Inges Wut. „Selbst diese Friedhofskultur ist weg!“

Otzenrath_6Ich erinnere mich an die Nachbarn, die in meinem Zuhause auf den Stufen ihrer Häuser sitzen. Jedes Haus hier hat Stufen, auch Inges Haus. Jeder hatte auch noch Zeit zu erzählen. Sie kennt das auch, diese Versammlungsplätze, das Gefühl von Geborgenheit und Heimat. Vieles davon war hier in Alt-Otzenrath noch heute vorhanden und wurde gelebt. Ein Ort ist eben nicht nur ein Ort. Wir gehen zurück auf den Friedhof. „Ja und ich habe sehr, sehr gekämpft für ein paar Grabsteinchen, die ich retten wollte und da hab ich erstmal im wahrsten Sinne des Wortes auf Marmor und Granit gebissen, weil da kaum Leute Interesse hatten, diese Grabsteine zu erhalten. Das ist doch auch alles Kultur. Neue Grabsteine sind in 30 Jahren ja auch alt. Es gibt auch Grabsteine, die sind 2… 300 Jahre alt. Da hab ich mich so sehr ins Zeug gelegt und der evangelische Pastor hat mir geschrieben, er würde sich dafür einsetzen, dass die mitgenommen würden. Ich hoffe, dass das passiert. Es sind aber auch schon ganz viele kaputt geschlagen worden und auf dem Container gelandet.

Meine Freundin Gabi, hier aus dem Dorf und ich, wir haben dann Grabsteine geschleppt, da haben wir uns wirklich ein bißchen viel vorgenommen. Das war ganz furchtbar.“ Inge lacht. „Nun muss ich sagen, Leute wie LKW-Fahrer und andere, die sagten uns dann – Ja, Kinder, wir helfen Euch, wir machen das schon – uns haben ganz viele Leute geholfen. Aber es kommt dem Kern der Sache ja nur begrenzt nahe. Da ein Steinchen retten und dort, das ist es ja nicht. Da müsste von oben mal ein Machtwort gesprochen werden. Wenn der Pastor sagen würde – so Leute jetzt behaltet mal Eure Grabsteine, das ist Kultur, die stellen wir einmal an den Rand unseres Friedhofes auf, das machen andere Gemeinden auch, nu machen se das mal, unterstützen sie uns, da müsste man ganz anders vorgehen. Und nicht, dass zwei Frauen da Grabsteine schleppen… das nimmt ja gar keiner wahr. Das hat mich sehr enttäuscht, dass das nicht passiert ist.“

Andenkmäler

„Glaubst Du, dass dieses Bewusstsein für die eigene private Kultur verloren gegangen ist?“ frage ich und denke an die alten Zuckerdosen, Möbel, Kleider und Goldrahmen auf Flohmärkten und an die, die von meinen Urgroßeltern in den Küchen meines Bruders und der meinen noch immer zu finden sind und auch an das, was verloren gegangen ist. Inge hebt so was auch von anderen auf. Museen graben tiefe Löcher, um genau das aus alten Zeiten zu finden. „Ja, klar. Die Grabsteine waren ja fast das Einzige, was man hätte retten können – überhaupt. Die Häuser kannst Du nicht mehr retten. Ein bisschen Zuhause auf den neuen Friedhof mitnehmen, da braucht man nicht religiös sein. Das spiegelt Zeitgeschichte wider. Ich hätte mir das einfach gewünscht, dass die rund um den Friedhof aufgestellt würden – egal von wem sie sind und wie alt sie waren. Einfach so, als Zeitzeugnis…“ „… als Denkmal, als das sie ja mal gedacht waren“, füge ich hinzu. Inge ist nicht zu bremsen.

All diese Themen bringen sie innerlich auf: „Und ich finde es auch unmöglich… da hab ich dann zum Beispiel einen halben Fritz gesehen, der lag da auf dem Container und einen ganzen Heinz, der da so rausgebrochen war, einen Jesus, der mitten durchgebrochen war… ich bin überhaupt nicht religiös … aber das nimmt einen mit … schöner, schwarzer Marmor und darauf ein Jesus – ganz fein geschmiedet. Herrlich. Einfach kaputt. Das tut mir weh. Das ist einfach eine wahnsinnige Zerstörung, die unnötig ist.“

Trauerarbeit wird woanders geleistet und ich frage Inge, wie die Leute mit der Demontage ihrer Häuser umgehen. „Meistens sind es Männer, die fotografieren und die Frauen sitzen im Auto und weinen. Das hab ich nicht nur einmal gesehen, bisher.“

Ein Stück der Geschichte der Menschen ist auch dieses Infernal. „Neulich hab ich gesehen, wie der Baggerführer seine eigene Wohnung abgerissen hat. Der hat sehr betreten geguckt, das muss ich schon sagen. Das hat ihn aber doch sehr mitgenommen. Dann kommen auch ganz viele Leute, wenn gar nichts mehr da ist. Meine Schwester zum Beispiel, deren Haus vor zwei Wochen abgerissen wurde. Die war wie versteinert. Der Abriss ging dermaßen schnell – innerhalb von einem Tag war eine halbe Häuserzeile weg. Da war nichts mehr, nur noch Krümel. Da hab ich für meine Schwester noch ein Stück von der Mauer ihres Vorgartens gerettet. Mit dem Bewuchs … so was Grünes drauf, mit Moos und so. Da hat sie sich bald nicht mehr eingekriegt, dass da noch ein Krümelchen von ihr war.“ Wir schweigen.
Der verlorene Kampf und seine Dokumentierung

„Es sind noch insgesamt 17 Leute im Dorf übrig. Sind da Leute dabei, die sagen, wir bleiben jetzt wirklich bis zum Schluss?“ frage ich. „Die meisten bleiben, solange, bis sie mit dem Haus fertig sind. Vielleicht auch noch ein bisschen länger. Das kann ja keiner kontrollieren, ob sie nun fertig sind oder nicht … Ich weiß nicht, wer die Letzte oder der Letzte ist – keine Ahnung.“ „Du bist jemand, der hier bleiben würde aus Protest, wenn Du damit was erreichen könntest …“ Inge unterbricht mich: „ Da kann ich nichts mit erreichen … Alle wissen, dass sie nichts mehr erreichen können. Das ist einfach definitiv so, dass man gar nichts mehr machen kann. Ich hab nicht die Mittel, um mich dann enteignen zu lassen, das kann ich gar nicht. Selbst wenn ich es wollte. Ich sehe das auch irgendwo nicht ein. Kann ich mir nicht leisten. Der BUND kann das machen, die haben auf der anderen Seite eine Apfelwiese, die werden vielleicht enteignet.“

„Es ist ja viel über Otzenrath geschrieben worden. Es gab ja einen WDR-Bericht, es gab Presseberichte, einen Dokumentarfilm. Ist das ein Stück Erinnerung an Otzenrath?“ will ich wissen. „Ja, wir haben hier den Dokumentarfilm gemacht, der ist von Sebastian Wilke und Rovefilm aus Immerrath, drei junge Leute. Der Film ist ganz schnell entstanden, weil wir den Ist-Zustand noch mal haben wollten, wo noch fast alles da stand. Inzwischen ist es aber so, dass das meiste weg ist, was man da sieht. Jetzt entsteht ein neuer Film, der mit dem alten verbunden wird, um den Fortgang zu zeigen. Der zweite Film soll alles zeigen, bis zum Schluss. Wenn ich ausziehe, mache ich einen Tag der offenen Tür. Dann kann man alle diese Filme gucken. Ich habe auch ganz viele Filme von anderen Leuten, die hier waren. Ganz viele Fotografen waren hier, jede Menge.“ „Was heißt, alle Prozesse sind dokumentiert.“

Das Otzenrath Stipendium

Mein Blick wandert an Inges Wand entlang und fällt erneut auf den Schriftzug „Otzenrath-Stipendium“. „Du hast das Otzenrath Stipendium gemacht. Was genau ist das?“ „Das ist wie das Hausmuseum – also nicht Heimatmuseum, das heißt mit Absicht Hausmuseum – aus Protest entstanden gegen den Tagebau. Das bekommen Leute, die sich um das Vergessen von Otzenrath verdient machen. Du bist auch eine Anwärterin, weil Du das hier machst“, sagt Inge und lächelt. „Da ist ein Baumpate aus Düsseldorf, Sebastian Wilke aus Mönchengladbach und Justina Nocon aus Immerrath und Sven Scheuren aus Immerrath und Dieter Müller-Henning aus Krefeld und aus Düsseldorf Werner Stapelfeld, der kommt übrigens schon vielleicht 15 Jahre in die Braunkohlegebiete und fotografiert die; Merle aus Düsseldorf und Jörg Frischemeyer aus Düsseldorf und Hildegard Weber aus Köln, Petra Deus aus Köln.“ „Das sind auch all die Fotos die hier hängen?“ Ich schaue mir die Fotos an den Wänden noch einmal genauer an. „Ja – und dann kommen oft Fahrradgruppen und wollen einfach was wissen und Herr Beer aus Otzenrath ist der, der am meisten fotografiert hat und auf der Marktstraße gelebt hat. Ich bin vor Ort und knipse alles, das können die anderen ja nicht so. Da ist dann auch das ein oder andere dabei, das verwertbar ist. Es gibt auch noch viele Fotos von Viktor Holt aus Jüchen, der kommt aus Alt-Garzweiler. Der hat die evangelische Kirche mit dem Posaunenengel fotografiert, den ich immer so liebte, als Kind, weil meine Oma mir immer davon erzählt hat – die war ja im Pfarrhaus Dienstmädchen. Ulla Hähne fotografiert auch. Sie wohnt im ältesten Haus von Otzenrath, was noch steht, von 1720. Da ist kaum was geändert. Ulla Hähle ist Designerin, die wir durch den Dokumentarfilm kennen gelernt haben. Es ist schon erstaunlich, wer hier doch noch alles gelebt hat, mit denen man vorher nie gesprochen hat. Sie malt auch Aquarelle nach Fotografien von Alt-Otzenrath. Spannend.“

Das Hausmuseum

„Hausmuseum – hast Du dann irgendwann gesagt, ich muss das einfach aufbewahren, ich muss das einfach aufbewahren und festhalten?“ frage ich.

„Als ich hierher gezogen bin… mit meinem Vater ging ich immer zu Demonstrationen und als er dann starb, bin ich hergezogen, weil ich nicht wollte, dass hier niemand lebt und dass das Haus einfach verfällt und ich wollte immer wieder zurück nach Otzenrath, auch während ich in Köln war, die 20 Jahre. Mein Freund Hans-Jörg Tauchert und ich haben aus Protest das Hausmuseum gegründet und … das hieß früher Heimatmuseum, weil wir das alles erhalten wollten, was für andere nicht wertvoll war, wie Küchenutensilien und alte Schilder und Gartengeräte, unwahrscheinlich viel und Reste von Geräten, ganz furchtbar viel. Das habe ich jetzt im neuen Haus deponiert.

Das Herzstück vom Hausmuseum, das sind die Fotos meiner Mutter. Wir haben das alles gesammelt, damit das nicht verschwindet. Dann war mal ein Journalist hier, Herr Erkens, ich glaube von der Rheinischen Post, ein älterer Herr. Der hatte ganz viel Sensibilität für dieses Thema. Der hat zu mir gesagt, das ist ja eigentlich kein Heimatmuseum, das ist ein Hausmuseum. Und ich finde, das war der Begriff, nach dem ich gesucht hatte – weil es eigentlich kein Heimatmuseum ist, mit vielen wertvollen Sachen und Büchern und, und, und. Es ist was anderes. Es ist etwas von einem Haus und der Gegend um es herum. Seitdem heißt es Hausmuseum, das man auch unter www.hausmuseum.de besuchen kann. Und die Otzenrather, das fand ich total Klasse, der Spiel- und Turnverein, die haben einen Link auf ihre Seite gesetzt.“ Der Hinweis darauf, dass auch Einseitig den Link schon verewigt hat, freut Inge sehr.

„Viele von außerhalb besuchen auch die Seite und rufen dann an und sagen, sie hätten da und da in Otzenrath gewohnt und das sind dann manchmal welche, von denen ich die Namen noch kenne. Eine Tochter von einem Pastor, der mal hier war. Manchmal bekomme ich e-Mails von ganz weit her. Aus USA und Australien, die fragen dann nach den Gräbern ihrer Verwandten. Die drücken dann in weiter Ferne mal auf Otzenrath und dann sehen sie es.“

Ersterscheinungsdatum: 28.10.2005 auf einseitig.info

© Marie van Bilk/Maria Jürgensen – Veröffentlichungen des Texts, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin.

© Fotos: Marie van Bilk/Maria Jürgensen und Dirk Jürgensen