Wenn der Bagger kommt – Teil 1

Über die letzten Bewohner eines untergehenden Dorfes

Ein Gespräch in vier Teilen

David gegen Goliath

4572375e8fc4ee025b4d1f9d37889fa0Ich habe Inge Broska angerufen und gefragt, wie ich zu ihr komme. „Du fährst durch Jüchen und dann immer gerade aus und dann kommst Du zu uns“, sagt sie. Zu uns. Ungefähr 17 Menschen wohnen noch in ihrem Dorf. Es waren mal über 1600. Auf dem Weg nach Otzenrath, gerade mal 50 m entfernt, tut sich ein riesiges Loch auf. Braunkohletagebau. Dieser Goliath kämpft sich vor. Nur hat der kleine David hier keine Chance mit seiner Steinschleuder. Er hat schon eine Menge Beulen davon getragen. Doch sein Zuhause liegt im Sterben. David hat protestiert, hat auf den energiepolitischen Widersinn hingewiesen, geklagt, versucht zu argumentieren, ist mit Fackeln durch den Ort gezogen. Nichts hat genützt. Goliath ist stärker. Goliath zerstört – Rittergüter, mittelalterliche Gänge und Gebäude, Kultur und gewachsene Struktur. Goliath hat Geld. Man hat David erzählt, er verliere seinen Arbeitsplatz, wenn er seine Heimat nicht aufgebe und an einen anderen Ort ziehe. David hat es schließlich geglaubt und hat zum Wohl der Allgemeinheit – wohl eher zum Wohl des Konzerns – sein Zuhause, seine Vergangenheit, seine Erinnerungen und seinen Kindheit hingegeben und wurde entlassen, da war er noch gar nicht im Rentenalter. Jetzt hat er weder ein Zuhause noch den Job. Ich halte bei Goliath an. Schaue in das Loch und auf die riesengroßen Schaufelbagger. Außer mir steht hier noch ein Grüppchen Menschen und fotografiert. Einige Kinder spielen auf Steinen. Hier ist es laut. Ich fahre weiter.

Das Reich der trügerischen Stille

Kein Ortsschild mehr. Ich sehe die ersten eingeschlagenen Fensterscheiben, die ersten abgerissenen Häuser, Brachen – Felder, in denen man Bruchstücke von Kacheln, Ziegelsteine, Glas finden kann. Die evangelische Kirche hat ihre Spitze verloren, an der Bushaltestelle haben sich Kinder mit Filzstift verewigt und hinterlassen, wer in wen und wann verliebt oder wer einfach nur „doof“ war. An einem Haus hängt ein Transparent, auf dem steht: „Bewohnt und ausgeraubt. Einsteigen lohnt nicht. Nix mehr da!“. Ich erreiche die Düsseldorfer Straße, wo Inge schon vor der Haustür auf mich wartet und winkt.

otz_03Inge kocht Kaffee und holt Kekse. Ich schaue mich um: An den Wänden hängen Fotos aus ihrer Kindheit, eine Beschreibung zum „Otzenrath-Stipendium“, ein Diplom für Ziegenzucht von ihrem Großvater, eine Bleistiftzeichnung, Postkarten, Grüße, Kunstobjekte. Das Haus ist verwinkelt, mit einer alten, schmalen und knarrenden weißen Holztreppe, einem Fenster mit Blick in den verwilderten Bauerngarten und auf die dort verborgenen Schuppen. Auf dem Schrank am Küchenfenster sitzt Hermann, der alte Kater und blinzelt in die Herbstsonne. Inge hat fünf Katzen, es können auch schon mal mehr sein. Sie alle tragen Namen von Personen, die früher in diesem Haus gelebt haben. „Was machen wir jetzt?“, fragt Inge und setzt sich zu mir an den Tisch. Viel „machen“ kann man nicht mehr, außer zu warten, bis der Bagger kommt.

Einstweilen will ich mehr wissen vom Schicksal dieses Dorfes, das kein Einzelschicksal ist. Ich will später noch einmal durch den Ort gehen und die Eindrücke des Sterbens aufnehmen. Es berührt mich schon jetzt. Seltsam still ist es hier. Nicht nur „still“, sondern im wahrsten Sinne entmenschlicht still. Vögelgeflatter nehme ich wahr, sonst nichts.

„Lange wird es nicht mehr dauern und das alte Otzenrath wird es nicht mehr geben. 1997 gab es die Umsiedlungsanordnung, damit wurde das, wovor sich viele gefürchtet hatten, Realität. Bedroht wurde Otzenrath schon seit den 70ger Jahren vom Tagebau. Doch lange hat man nicht geglaubt, dass der Schaufelbagger über die Autobahn vordringen könnte. Dann war es plötzlich soweit. Wie habt ihr Euch gefühlt, Inge? Kann man das überhaupt beschreiben?“ Ich kann mir kaum vorstellen, wie man sich da fühlt. Inge erklärt: „Damals haben wir mit ganz Vielen aus dem Dorf gegen den Tagebau gekämpft und es waren nahezu 95 % dagegen und die gingen auch alle immer zu den Versammlungen und dann ging es richtig hoch hier. Da mussten sich die Rheinbraunleute richtig in Acht nehmen, dass sie nicht verprügelt wurden. Doch der Widerstand der bröckelte ab, nicht nur weil die Leute nicht mehr kämpfen wollten, sondern weil die einfach …vielleicht…“ Inge stoppt und sinniert, „ … müde waren“, fahre ich fort. „Ja, weil sie einfach müde waren“, sagt Inge „Trotzdem meine ich bis heute noch, wenn wir alle durchgehalten hätten, das ist ein frommer Wunsch und Theorie auch, leider – dass wir dann nicht weg gemusst hätten, das meine ich bis heute! Und jetzt wo fast alles weg ist und nur noch ungefähr 17 Leute hier wohnen, würde ich immer noch hierbleiben, auch wenn das um mich herum alles kaputt ist. Ich würde einfach ein Zeichen setzen und hier bleiben!“ Ihr Blick ist entschlossen, doch kann man ihr gleichzeitig die innere Sehnsucht ansehen, die aus der Aussichtslosigkeit und dem Widerwillen entsteht. Hierbleiben ist ein Traum. „Auch wenn das Haus, wo ich da hinziehe auch schön ist. Aber es ist für mich nicht schöner. Hier ist es am Schönsten.“ „Du bist auch hier aufgewachsen….“, werfe ich ein. „Durch einen Unfall kam ich in die Lage, das Haus da zu kaufen. Und weil ich ja auch ein Museum habe, bin ich froh dass ich das habe. Es ist sehr schön. Aber es ist in dem Sinn kein Tausch für dieses Haus. Das ganze Geld vom Unfall steckt im neuen Haus, doch ich brauch das ja gar nicht, dieses größere Haus. Weißt Du, mein ganzes Hausmuseum ist dort gar nicht mehr authentisch. Die ganzen Fotos meiner Mutter von den Tieren und von den Räumlichkeiten und von den ganzen Kindern, die hier gespielt haben, die Tiere, die hier gezüchtet wurden, von den Bäumen, die hier im Garten waren … welche Schlitten und welche Kinderwagen hier modern waren und … also zum Beispiel Ziegen und Schafe und Schweine und Kaninchen … alles wurde hier gezüchtet auf dem kleinen Grundstück und wenn man das hinterher zeigt, dann ist das ja reine Nostalgie in dem Haus, das ja gar nicht zu mir passt … das ist ein Pfarrhaus, das passt eigentlich nicht zu mir.“

Das neue Haus liegt in Hochneukirch, ist weiß und alt und wirklich wunderschön. Und es ist in der Tat nicht das alte Backsteinhaus auf der Düsseldorfer Straße mit der knarrenden Treppe, die Inge raussägen und mitnehmen will, um sie im neuen Wohnzimmer zu platzieren – ohne, dass sie irgendwo hinführt. Jetzt führt die Treppe in die 1. Etage, die ca. 50qm ausmacht, in 3 Zimmer aufgeteilt ist. Hier hat Inge mit ihrem ersten Mann und ihrer Familie gewohnt. Dielenböden, niedrige Decken, kleine Stufen ins Schlafzimmer hinunter, in dem ein großes, altes weißes Holzbett mit schnörkeligen Beinen steht und eine kahle Birne von der Decke hängt. Die Räume sind trotz der niedrigen Decke licht und sprechend. Sie haben viel erlebt, diese Zimmer. Hier hängen die Fotos, von denen Inge spricht. In diesen Räumen hängen Bruchstücke von Inges Vergangenheit. Sie hat die Negative nach dem Tod ihrer Eltern und bei Rückzug in das Haus ihrer Kindheit gefunden und die Bilder, die sie bis dahin nur aus Fotoalben kannte, vergrößern lassen. Sie zeigen das Otzenrather Kapellchen, Kinder auf dem Stroh für die Tiere, Schlittenfahrt auf der verschneiten Düsseldorfer Straße, die Oma mit den Hühnern im Garten.

Eine Reise in eine unerwartet gemeinsame Vergangenheit

„Hier ist es passiert, hier auf diesem Tisch…“, Inge schlägt mit der Hand auf den vor uns stehenden kleinen Holztisch, „ …da wurde das Schwein auseinander genommen. Das wurde draußen auf dem Hof geschlachtet. Sowas hat meine Mamma damals natürlich nicht fotografiert.“ Ich erinnere mich an meine Kindheit, die auf einem Bauernhof stattfand und sehe vor mir, wovon Inge erzählt. „…das durften wir auch nicht sehen, aber wir guckten dann durch die Ritzen der Rolladen. Das Schreien der Schweine war zu hören. Das vergisst man ja nie. Und dann isst man das wohl, das Fleisch. Aber bei den Schafen war es schon wieder ganz anders – das konnten wir zum Beispiel nicht essen, das Schafsfleisch.“ „Bei uns waren es die Kaninchen. Wenn mein Vater nur sagte, da liegt Fridolin auf dem Tisch, bekam ich keinen Bissen mehr herunter.“ Wir lächeln ob der ähnlichen Erinnerungen, die 22 Jahre auseinander liegen – Inge ist 63 und ich 41- und im Augenblick der Erwähnung so lebendig werden. Ein Foto in der ersten Etage zeigt einen Jungen, Frieder Fährholz, der später im 2. Weltkrieg mit 19 Jahren seinen Tod auf dem Schlachtfeld finden sollte. Ich bin nicht sicher, ob ich den Namen richtig verstanden habe. Doch ganz unabhängig davon, prägt sich mir sein Gesicht ein. Der Junge streichelt einer Ziege den Hals. Daneben Bilder von Inge und ihren Geschwistern mit den kleinen Schafen, die alle Namen hatten. „Gemeiner Weise haben wir mehr Partei für die Schafe ergriffen“, sagt Inge, die Eat-Art-Künstlerin, deren künstlerische Themen sich heute um Essen, Tieren, Tod und Sterben und Otzenrath bewegen. „Die waren einfach total schmusig, diese Schafe. Und ich kann heute noch kein Schafsfleisch essen. Und alles um diese Tiere, die Fotos meiner Mutter … das stimmt alles nicht mehr in dem neuen Haus“, sagt sie. „Es würde sowieso nicht mehr stimmen, weil es eine andere Zeit ist. Aber es vor allem der Ort, der fehlt. Neubauen wollte ich schon mal gar nicht. Das hätte gar nicht gepasst.“ Sie schaut sich um in dem Zimmer, in dem wir sitzen.

Kohle machen

Goliath schleicht sich ins Hirn. „Bis 2045 soll es weitere 10 Dörfer geben, die in dem riesigen Loch verschwinden. Ich habe gelesen, dass insgesamt 1,3 Milliarden Tonnen abgebaut werden sollen und das eine Menge ist, die Nordrhein-Westfalen 3 Monate lang versorgen könnte. In einer anderen Quelle heißt es, dass 15% des Gesamtenergiebedarfs der Bundesrepublik von der Braunkohle gedeckt würden. Diese Energie ist allerdings sehr CO2-lastig und trägt immens zum Treibhauseffekt bei. Ferner wird nur ein Drittel der erzeugten Energie wirklich zur Stromgewinnung gebraucht. Zwei Drittel verpuffen. Für eine Energie, die also ganz offensichtlich nicht mehr zeitgemäß ist, verlieren Menschen Heimat, Vergangenheit und Orte, an denen sie ihren Kindern von ihrer Kindheit erzählen können. Steht das noch im Verhältnis?“ frage ich Inge. „Überhaupt nicht. Und das wird ja auch gar nicht richtig rausgestellt, dass eben alternative Energie überhaupt unverzichtbar ist, ganz unabhängig davon. Das wird aber nicht forciert. Und jetzt mit der neuen Regierung, die wollen ja auch die Windräder wieder abschaffen. Das passt alles nicht zusammen. Ach, allein, wenn man ein bißchen mehr sparen würde, hätte man ja auch wieder ganz viel gewonnen.“ Inge plädiert für Idealismus und Zivilcourage.

Wir unterhalten uns ein wenig über die Chancen dieser neuen Wege, das Ruhrgebiet und die politische Zukunft des Landes, um schließlich wieder auf die konkreten Schicksale der Otzenrather zurück zu kommen.

„Ja und auch mit den Arbeitsplätzen. Die Otzenrather haben protestiert und mussten sich als Arbeitsplatzvernichter beschimpfen lassen. Hier in den Dörfern gab es ganz viele Arbeitsplätze. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, aufzuschreiben, wie viele Arbeitsplätze es seit ich hierher zurück gekommen bin vor 12 Jahren, gegeben hat. Da waren noch sehr viele Unternehmen und Läden – alleine drei Metzgereien – vorhanden. Und die ganzen Bauern kamen auch noch dazu und was da alles mit zusammenhängt. Und Wäschereien und … ja … bis hin zu den Kirchen. Es gab ganz viele Arbeitsplätze, über die hat sich keiner Gedanken gemacht. Es ist wirklich die Frage, ob so viele Arbeitsplätze geschaffen wurden, wie hier vernichtet wurden. Die brauchen ja immer weniger Leute in diesen Gruben. Das müsste man wirklich mal vergleichen. Ich weiß von meinem Schwager, als der 51 wurde, da war er am nächsten Tag arbeitslos. Und wenn sie denn überhaupt nicht gehen wollen, dann bekommen sie einen Job, der weit unter dem liegt, was sie vorher gemacht haben. Und das sind dann auch keine neuen Arbeitsplätze, die geschaffen werden. Es wird alles so rationalisiert, dass kaum neue eingestellt werden. Da haben sie uns schwer beschummelt. Damals war der Auslöser für viele eben diese Arbeitsplatzproblematik. Sie waren für den Tagebau, weil sie glaubten, damit blieben Arbeitsplätze erhalten.“

Inge erzählt, dass Kleinunternehmer in Neu-Otzenrath nicht mehr zu finden sind. Tante Emma-Läden, der Plausch zwischen Brötchen und Plunderteilchen beim Bäcker, der Blick ins Portemonnaie der betagten Oma, der Weg durchs Dorf beim Einkauf fallen weg. „Da gibt es gar keine Infrastruktur. Einen Metzger und einen Bäcker vielleicht. Die alte Struktur an Läden geht kaputt. Zwischen den Dörfern gibt es Supermärkte und da gehen dann alle hin. Auch die ganzen Nachbarschaften sind auseinander gerissen. Ganz abgesehen von der Sprache, die man in einem Dorf hatte. Früher war es so, dass Du merken konntest, wenn jemand drei Kilometer weiter in nördlicher Richtung wohnte.“ Das gab es hier noch, noch heute. Mit dem neuen Dorf wird es verschwinden. Die Alten sind zum Teil „vorsorglich“ gestorben. Traditionen sterben mit dem Umzug.

„Mein Opa kam nur aus dem Dorf raus, weil er einmal im Monat mit der Schubkarre quer durchs Feld fuhr, weil er die Seide, die er hier gewebt hat, zu der Fabrik gebracht hat und neue Rohseide holte, um die hier wieder zu weben.“ „Er hatte hier seine Seidenweberei – auch in diesem Haus?“, frage ich neugierig und kann mir gar nicht vorstellen, dass man hier wohnte und auch noch arbeitete. Mehr als insgesamt 80 Quadratmeter, wenn überhaupt, dürfte das Haus nicht haben. „Also, das war keine richtige Seidenweberei, das war ein großer Seidenwebstuhl, der stand da im Wohnzimmer und dann mit der industriellen Revolution, da waren die natürlich mese – da wurde der dann Nachtwächter. Aber das hängt alles in den Räumen hier.“ Ich kann mich nicht richtig freuen, über die Geschichten, die mir Inge und ihre Zimmer erzählen. Dieses Haus mit seiner Geschichte wird es demnächst nicht mehr geben! Anderswo baut man Freilichtmuseen, um solche Orte zu erhalten.

„Wie lange hat Deine Familie hier gewohnt?“ frage ich. „Mhm… vielleicht 150 Jahre. Das war schon ein altes Haus und dieses alte Haus wurde auch schon aufgebaut aus alten Steinen und manche Türen sind ebenfalls noch von diesem uralten Haus“, weiß Inge zu berichten. Man war sparsam. „Wann das Haus genau aufgebaut wurde, wissen wir leider nicht. Es gibt keine Unterlagen darüber, leider. Aber ich habe einen Brief von meinem Opa an meine Oma von 1880 mit Otzenrather Briefkopf und da steht drin, dass er gerne das Haus kaufen will, um mit meiner Oma eine Familie aufzumachen. Das ist ein richtig schöner Liebesbrief, so was Schönes habe ich noch nie gesehen. Meine Oma war Dienstmädchen beim Pfarrer und mein Opa wohnte gegenüber. Er schickte ihr die Briefe aber durch die Post. Ganz reizend.“ Inges Stimme wird sanft bei diesen Worten.

Stillstand wäre schön…

„Du hast mal gesagt, Du lebst in einem Stillstanddorf und hast dazu auch einen Text geschrieben. Was hast Du damit gemeint?“, will ich wissen. „Also Stillstand ist eigentlich nicht mehr ganz richtig. Es wäre eigentlich schön, wenn es ein Stillstanddorf wäre, dann würde hier nichts mehr abgerissen. Das stimmt also so nicht mehr. Es sind ja nur noch ein paar markante Punkte da, die noch da sind. Es ist ja schon fast alles weg“, sagt Inge.

„Für Dich ist Stillstanddorf also nicht mehr das, was Du ursprünglich damit meintest – Natur nimmt sich ein Dorf zurück und das Efeu bevölkert Ruinen, bewächst sozusagen ein Grab – sondern Stillstanddorf wäre jetzt etwas Positives, ein Dorf, wo der Bagger nicht mehr abräumt?“ „Ja. Und auch das Zurücknehmen durch die Natur ist zwar einerseits auch was Positives, aber nur eine ganz, ganz kleine Facette und nur eine geliehene Zeit für die Natur, bis der Abriss kommt. Es ist eine Sackgasse. Jetzt muss man auch sagen, dass diese Rekultivierung, wovon ja auch gesprochen wird, eine ganz ekelhafte und langweilige Sache ist. Das ist eine Monokultur aus aufgeschütteten Trümmern und Pappeln … und Rüben wachsen da dann vielleicht noch. Aber es ist eine ganz andere Landschaft als die heutige. Eine nicht gewachsene Landschaft. Rekultivierung ist ein Witz.“ Inge ärgert sich. „Da passiert, was mit dem Dorf auch passiert“, sage ich und denke an Neu-Otzenrath. „Ja, und unsere Häuser werden alle gemahlen und damit werden die anderen Gruben wo sie die Keller gerade ausgehoben haben, wieder zugeschüttet – sehr makabres Recycling. Da drüben gibt es Berge, da kannst Du dann Dein Badezimmer anschauen gehen!“ Inge ärgert sich immer noch heftig…

„Im Dorf sind höchstens vier kleine Bagger, von verschiedenen Firmen, die machen ein ganzes Dorf platt – da braucht man nur vier Männer für, um das ganze Dorf abzureißen. Meistens sind es sogar nur zwei Männer und zwei Bagger, die das mit Leichtigkeit schaffen.“ Inge ist mal mit einer Walze durch das Dorf gezogen, die sie als Überbleibsel in einer der Ruinen fand und hat symbolisch das Dorf plattgewalzt. „Ein großer Bagger steht vor den Toren von Otzenrath für die Grube.“ Der schaufelt sozusagen das Grab für die Leiche.

Fortsetzung folgt… In der nächsten Folge lesen Sie über das Sterben in einem sterbenden Ort, konservierte Erinnerungen, ein ungewöhnliches Stipendium und ein Museum, mit sehr persönlichen Exponaten.

Ersterscheinungsdatum: 21.10.2005 auf einseitig.info

© Marie van Bilk/Maria Jürgensen – Veröffentlichungen des Texts, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin.

© Fotos: Marie van Bilk/Maria Jürgensen