Bis dass der Tod uns scheidet

Die Geschichte einer unerfüllten Sehnsucht

Bis-dass-der-Tod-uns-scheidetHundertsiebenundzwanzig Kilo waren es, die er täglich durch die Gegend schob. Dabei waren nur sechzig erlaubt. Sein Wagen war um etliche Taschen erweitert und er freute sich jeden Morgen auf den frühen Nachmittag. Dann hatte er die Hälfte der Briefe verteilt und die Last wurde leichter. Postbote war nicht sein Traumjob gewesen, er hatte Lehrer werden wollen. Seine schulischen Leistungen reichten für ein Studium nicht aus. Er wünschte sich einen Beruf, der ihm einen frühen Feierabend verhieß. Doch rund 1500 Briefe, diverse Kleinpäckchen und Zeitungssendungen wollten in den Briefkästen landen. Da hieß es oft, sich im Laufschritt zu bewegen, wenn man abends früh auf der Couch sitzen wollte.

Jeden Tag legte er im Schnitt sieben Kilometer Weg zurück. C S hatte einen regen Verschleiß an Schuhwerk, obschon er sich inzwischen für besonders stabile Sohlen und Einlagen entschieden hatte. Seine Plattfüße mokierte niemand. Er allein musste schließlich damit leben. Als es um seine Einstellung ging, hatte man ihn gemessen und ein Gesundheitszeugnis verlangt. Auch für ihn war eine Mindestgröße von ein Meter fünfundfünfzig vorgeschrieben, sonst hätte er einen Großteil der Einwurfschlitze nicht erreichen und sich ein Leiterchen auf den Rücken schnallen können. Nachts, wenn er wach lag, malte er sich aus, wie es wäre, kleinwüchsig geboren worden zu sein.

Als er in der Früh aus den Federn kroch, plagte ihn die Müdigkeit besonders. Am Tag zuvor hatte er die Runde nicht ganz geschafft. Das schlechte Gewissen nagte schon, doch im Küchenschrank war genügend Platz für die restlichen Briefe gewesen. Es waren vielleicht fünfzig, die es gestern nicht zum Empfänger geschafft hatten. Nur fünfzig. Wer vermisste die schon? Und wer eine Rechnung erwartete, bekam eben demnächst eine Mahnung. Einmal. Das konnte doch nicht so schlimm sein. Auf dem Weg zur Kaffeemaschine fasste er den Entschluss, sich heute krank zu melden. Dann setzte er sich noch im Schlafanzug mit seiner Tasse Kaffee auf den Balkon, schaute in die Krone der Blutbuche und döste vor sich hin. Die erhoffte Ruhe wollte sich nicht einstellen, Gedanken jagten ihn. Schließlich erlöste er die Briefe aus dem Küchenschrank, vom Sigel und den Kordeln. Er fror und schloss die Balkontür. C entschied, sich stadtfein zu machen und der Planetenstraße mit den Briefen einen Besuch abzustatten. Seine Vertretung dürfte bis dort noch nicht vorgedrungen sein und so konnte er unbemerkt nachholen, was er gestern versäumt hatte.

Seine Sonnenbrille verdunkelte die Straße vor seinem Haus. Es war bewölkt, aber schwül. Heute Nachmittag würde es sicher ein Gewitter geben. Die alte Frau aus der dritten Etage wunderte sich über die Sprechanlage, dass er heute so früh dran war. „Wir fahren Doppelschicht“, trötete er ins Mikrofon. Die alte Frau antwortete nicht mehr, drückte einfach wie üblich auf den Summer. Innerhalb der nächsten halben Stunde hatte er die Briefe bis auf zehn verteilt und blieb resümierend und an sich selbst zweifelnd auf dem Bürgersteig stehen. Er rieb sich das linke Auge und setzte seinen Weg, während er durch die übriggebliebenen Briefe blätterte, fort. Dann stoppte er erneut und betrachtete die eilige, geübte Handschrift auf einem pastellgelben Umschlag. Er nahm sich unverzüglich des Briefes an und steckte ihn die die Jackentasche. Schnell setzte er seine Runde fort und begab sich mit leichter Anspannung, den Brief in der Tasche umklammernd, nach Hause. SIE wohnte in der Rudolf-Pannwitz-Straße wie der Absender verriet. C, der Briefträger kannte IHN, den Adressaten, einen hageren Mann um die Siebzig, vielleicht auch älter, mit schütterem Haar, runder, kleiner Brille und wachen Augen, einen Musiker mit beachtlichem Talent, der den ganzen Tag in SEINER Wohnung zu verbringen schien und übte. C beschleunigte jedes Mal seinen Schritt und bewegte sich im Rhythmus der Musik, wenn er sein Fenster passierte. Seit ein paar Tagen war Stille eingekehrt.

Zuhause angekommen, setzte er sich und legte den Brief vor sich auf den Küchentisch. Daumen und Zeigefinger beider Hände rahmten den Brief ein und rückten ihn in Position. Er zögerte. Selbstverständlich musste er ihn öffnen. In dieser Lage war es geradezu seine Pflicht. Er wusste, dass der Musiker keine Angehörigen hatte. Er betrachtete die Wellenlinien, die den Poststempel begleiteten. Die Briefmarke zeigte eine rote Rose. Sie roch. Eine neue Briefmarkenserie, die man nur reiben musste, damit sich ihr Duft entfaltete. Toilettenfrisch. Ein Duft nach Daheim.

C öffnete hastig den Umschlag, bevor er es sich doch noch anders überlegte und entfaltete den Bogen Büttenpapier, der eine handgeschriebene Nachricht enthielt. Der Brief begann mit „Mein Bester“ und erzählte von der tiefen Verehrung einer jungen Musikliebhaberin, gemeinsamen Universitätsjahren, in denen ER IHR Lehrer gewesen war und einer leisen, schüchternen an SIE adressierten Liebe, die vergeblich nach Erwiderung gesucht hatte. SIE erzählte von einer Frau, der nun, in den besten Jahren und frisch geschieden, bewusst wurde, was SIE versäumt hatte und davon, wie dumm es gewesen war, IHM IHRE Hand zu verweigern. SIE wünsche sich nichts mehr, als von IHM zu hören, IHN vielleicht sogar zu sehen, selbst wenn das Feuer längst verloschen war. Kein Tag verginge, ohne dass SIE SEINER Musik lausche und alte Schallplatten auflege. Den Ehemann habe das zur Weißglut gebracht. SIE würde es sich nie verzeihen, wenn SIE nicht zumindest den Versuch unternommen hätte, IHN zu kontaktieren. SIE sei noch jung und ER doch noch nicht zu alt und es sei doch noch längst nicht zu spät. C las den Brief dreimal und wünschte sich, selbst der Empfänger dieses Briefes zu sein. Eigentlich war er das ja auch. Er hatte den Brief empfangen, er hatte ihn geöffnet und er hatte ihn gelesen. C grübelte vor sich hin, legte den Brief flach auf die Tischplatte und streichelte dessen Oberfläche.

Entschlossen erhob er sich und begab sich ins Schlafzimmer. Er öffnete die Schublade des Sekretärs, den er von seiner Großmutter geerbt hatte und holte Briefpapier und einen Füller hervor. In der hintersten Ecke fand er sogar noch einige Briefmarken. Er blies den Staub vom Karton des Papiers und ging zurück in die Küche. ER schrieb an SEINE Beste, dass ER sich sehr über IHREN Brief gefreut habe und dass ER nie aufgehört habe, an SIE zu denken, selbst wenn es nicht wenige Verehrerinnen gegeben habe und ER gegenüber manch einer nicht abgeneigt gewesen war. ER schilderte SEIN Leben auf dreieinhalb Seiten in schillernden Farben und in einer berauschenden Sprache, berichtete von Konzertreisen und Abenteuern unterschiedlicher Art und von SEINEN Erinnerungen an die Studienzeit. In seinem Kopf tummelten sich Melodien und Bilder, wie sie nie zuvor so bunt existiert hatten. Er wurde verehrt, vielleicht sogar geliebt und er genoss es.

In dieser Nacht schlief er nicht gut und auch in der nächsten, nachdem der Brief sich auf dem Weg zu IHR befand, wälzte er sich von der einen Seite auf die andere. Keine Chance mehr, den Brief abzufangen. Nun war es zu spät. Lediglich auf die Briefe in der Straße des Empfängers konnte er Einfluss nehmen. Das tat er dann auch, denn IHRE Antwort folgte auf den Fuß.

SIE wunderte sich über die ein oder andere Station SEINES Lebens, denn in der Presse habe SIE manch anderes gelesen, aber man wisse ja, dass man es dort mit der Wahrheit nicht so genau nehme. Es sei alles schon so lange her, ob ER denn noch auftrete. Vielleicht sehe man sich auf einem Konzert, SIE würde dafür reisen. SIE freute sich über die auch bei IHM noch existierende Zuneigung und auf SEINEN nächsten Brief oder ein baldiges Telefonat. IHRE Rufnummer hatte sie beigefügt. C war unschlüssig und beschloss, in der Versenkung zu verschwinden, IHR nicht zu antworten, obwohl die Versuchung groß war. Keine hundertsiebenundzwanzig Kilo mehr pro Tag.

C’s Schweigen reichte für zehn Tage und SIE beschwerte sich nicht. Dann hielt es ihn nicht länger. ER griff doch wieder zum Schreibwerkzeug und brauchte nicht lange, um das Ergebnis in den gelben Kasten zu befördern. IHR Schweigen reichte länger.

Als C am 5. September seinen Briefwagen an SEINEM Haus vorbeischob, vernahm er vertraute, melancholische Klänge und blieb wie angewurzelt stehen. Die alte Frau kam ihm mit Einkaufstüten entgegen und grüßte. C nahm sie kaum wahr. Die Alte blieb stehen und wippte von einem Fuß auf den anderen. C erwachte aus seiner Erstarrung und suchte nach ihrer Zeitung und ihrer Post. „Seit wann ist ER denn wieder im Lande?“, murmelte er und versuchte verzweifelt sein zuckendes Lid unter Kontrolle zu bringen. „Ja, mein Gott. Ich hab‘ doch glatt gedacht, ER wäre gestorben, nachdem man so gar nichts mehr von IHM gehört hat, gell? Immer die Jalousien dicht, keine Musik?“. Ihre Stimme krächzte ein wenig und glich der eines nachahmenden Papageien. „Die Nachbarin aus dem Souterrain meinte sogar, es habe im Treppenhaus so komisch gerochen und an einem Tag hätte sie einen Leichenwagen parken sehen. Da kommt man doch auf dumme Gedanken, nichwahr?“. C nickte stumm. Er ließ die mitteilungsfreudige Dame stehen und erledigte seine Aufgabe so gut es eben ging. Die Musik verblasste und mit ihr seine Gedanken an die Tat.

Zum Feierabend kaufte er sich am Kiosk eine Zeitung und war schon wieder guter Dinge. Während er die Bratkartoffeln in sich hinein schob, blätterte er durch das Tageblatt. „Er wird nicht aus seiner Haut können“, las er über einen Politiker, der eine wichtige Entscheidung zu treffen hatte und befand sich schließlich auf der Seite derer, die schon aus ihrer Haut waren. Er las die Todesanzeigen wie immer sorgfältig, als ihn eine in ihren Bann zog. „DEIN für immer“, war dort zu lesen. „SIE – gestorben am 29. August 2011. ICH werde DICH auf ewig vermissen.“

Ersterscheinungsdatum: 1.9.2011 auf einseitig.info

© Marie van Bilk/Maria Jürgensen – Veröffentlichungen des Texts, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin.

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