Seismograph und Soxleth-Apparat

Ein Gespräch über Hermann Harry Schmitz

Hermann Harry Schmitz

Hermann Harry Schmitz in einem zeitgenössischen Zeitungsausschnitt

Lobt man einen Autoren, der keinem Millionenpublikum bekannt ist und dazu noch aus der eigenen Heimatstadt kommt, erntet man bisweilen etwas mitleidige Blicke: Da sei man wohl aufgrund der eigenen lokalen Verbundenheit einem drittklassigen Heimatdichter auf den Leim gegangen. Dass es bei Hermann Harry Schmitz um einen Künstler handelt, dessen viel zu kurzes Leben und dessen Werk von mindestens deutschlandweitem Interesse sein sollte, hatte sich in der schnell herumgesprochen.

Um das mit großem Gelächter ausgezeichnete Ergebnis der Überzeugungsarbeit an die breite Öffentlichkeit zu bringen, suchte und fand Redakteur Dirk Jürgensen einen Kenner, der wie kaum ein anderer über den „Dandy vom Rhein“ und seine Grotesken bescheid weiß. Dieser Fachmann ist Dr. Michael Matzigkeit, hauptberuflich Leiter der Sammlung des Düsseldorfer Theatermuseums, Herausgeber einiger Schmitz-Ausgaben und zahlreicher Fachlektüren aus dem Bereich der Theaterwissenschaften. Von ihm stammt auch die Kurzbiographie des Herrmann Harry Schmitz, die ebenfalls bei Einseitig.info zu finden ist war.

Mit ihm sprach Dirk Jürgensen im November 2004.

Jürgensen: Herr Dr. Matzigkeit, wann und wie begannen Sie sich für Hermann Harry Schmitz (HHS) zu interessieren?

Matzigkeit: Es war so um 1980 herum, da machte mich ein Kommilitone an der Uni auf HHS aufmerk­sam. Er drückte mir die Sonderausgabe aus dem Diogenes-Verlag in die Hand und forderte mich zum Lesen auf. Normalerweise habe ich so meine Probleme mit Leseempfehlungen. Aus dieser Abneigung heraus habe ich auch selten ein Buch gelesen, das gerade in Mode war. In diesem Fall machte ich eine Ausnahme. Mit weitreichenden Folgen.

Hermann Harry Schmitz - Das Buch der KatastrophenIch besorgte mir, wie ich das bei starker Begeisterung dann meistens tue, alles was damals – vor den Segnungen des ZVAB.de – irgendwie greifbar war und hatte bald schon eine Sammlung aller relevanten Auflagen. Mein Schmuckstück ist ein Widmungsexemplar von Hermann Harry Schmitz an seinen Freund Dr. Paul Oberloskamp aus dem Jahre 1911. Diese Ausgabe des „Säug­ling“ hatte vielleicht eine Start­auflage von maximal 500 Exemplaren und ist auch als „normales“ Exemplar so gut wie nicht zu beschaf­fen. Leider wusste auch der Antiquar, was er mir da anbot.

Dann kam die Idee auf, zum 70. Todestag von HHS 1983 eine umfassende Ausstellung zu or­ga­ni­sie­ren. Das war damals keinesfalls selbstverständlich. Schmitz kannten nur ein paar Ein­ge­weih­te. Zumin­dest bildete ich mir das ein. Dagegen spricht, dass dieser Autor seit 1911 ohne wirk­lich große Unter­brechungen kontinuierlich auf dem deutschsprachigen Buchmarkt vertreten war und auch noch ist. Nimmt man alle Ausgaben zusammen, so sind bis heute sicherlich 200.000 Exem­plare von diesem Autor verlegt worden, von dem viele immer noch glauben, er müsse noch einmal wiederentdeckt werden.

In einem renommierten Literaturinstitut wie dem Heinrich-Heine-Institut eine solche Ausstellung zu zeigen, war in den frühen 80er Jahren noch undenkbar. Durch Vermittlung eines alten Düsseldorfer Schrift­stellers Josef F. Lodenstein, der auch über HHS publiziert hatte, erhielt ich den Kontakt zu Dr. Wieland König vom Düsseldorfer Stadtmuseum, der sich auf das Wagnis einließ. Und so konnte Ende Mai 1983 mit knappsten Mitteln, vielen Originalen aus dem hauseigenen Fundus und noch mehr Elan eine repräsentative Ausstellung eröffnet werden, zu der auch eine schmale, heute bereits selten gewor­dene Publikation erschien. (Der Schriftsteller Hermann Harry Schmitz. Gemälde, Grafik, Dokumente. Düsseldorf: Stadtmuseum, 1983)

Damit nicht genug: eine Ausgabe mit sämtlichen druckenswerten Texten von HHS sollte her. Durch meine eigene Sammlung wusste ich, dass nicht alle Textausgaben der Vergangenheit zuverlässig wa­ren. So mancher Herausgeber hatte den Geschichten – ohne Einspruchsmöglichkeit des lange verbliche­nen Autors – seinen eigenen Stempel aufgedrückt. In den 40er Jahren wurden manche Texte von dem literarischen Nachlassverwalter Victor M. Mai auch in vorauseilendem Gehorsam schlichtweg gefälscht. Stichproben ergaben, dass die Texte der Buchfassungen häufig auch von den Erstveröffentlichungen im „Düsseldorfer General-Anzeiger“ (heute: West­deutsche Zeitung) abwichen. Also sah ich meterdicke Sta­pel des „General-Anzeigers“ durch und hatte schließlich den größten Teil der Buchveröffentlichungen nun auch in der Zeitungsfassung vorliegen.

Die Suche nach einem mutigen Verleger gestaltete sich einigermaßen schwierig. Einige sagten zu­nächst zu, sprangen dann aber im letzten Augenblick wieder ab, weil sie das finanzielle Risiko scheuten. So auch der Claassen Verlag in Düsseldorf, zu dessen damaligem Lektor Bruno Kehrein ich durch die Ausstellung engen Kontakt erhielt. Wir beschlossen daher, das Projekt auch außerhalb des Claassen Verlages gemeinsam weiterzutreiben.

Um es abzukürzen: In dem Schweizer Verleger Haffmans, der Schmitz noch aus seinen Lektorats­zeiten im Diogenes-Verlag kannte, fanden wir einen verständigen, interessierten Partner, der den Kölner Buchkünstler Nikolaus Heidelbach für die Gestaltung der nun dreibändigen Ausgabe gewinnen konnte. Kongenial im Schmitz‘schen Sinne radikalisierte Heidelbach die Einbandgestaltung von Emil Preetorius von 1911, die während der Nazizeit ebenfalls verfälscht worden war. „Juden“ und „Zigeuner“ hatten zu dieser Zeit nichts mehr in einer Titelblattgestaltung zu suchen! Nach umfangreicher editorischer Tätigkeit, die sich zum Beispiel in Anmerkungen zu jeder Geschichte und einer Bibliographie sämtlicher bis dahin erschienenen Ausgaben niederschlug, konnte diese dreibändige Werk­ausgabe 1988 erscheinen.

Jürgensen: Warum sollte HHS gerade heute wieder gelesen werden?

Matzigkeit: Ich kann Ihnen nicht sagen, warum HHS gerade heute gelesen werden sollte. Schmitz ist ein Autor, der es uns durch seine Themenwahl (Konsum, Technik, Spießer etc.) und durch seine unauffällig moderne Sprache heute immer noch leicht macht, dass wir uns auf seine Texte einlassen, die nun bald 100 Jahre auf dem Buckel haben.

Natürlich ist es auch sein besonderer Blick auf die Dinge, der immer noch schallendes Gelächter provoziert. Es ist die treffende Konstruktion des Menschlich-Allzumenschlichen, in die sich der Autor sympathischerweise voll mit einbezieht.

Wären seine Geschichten reine Satiren, würden sie ihre Sprengkraft wegen der zeitbedingten Komik längst eingebüßt haben. Komik funktioniert ja zu allen Zeiten nur mit einem verständnisbereiten Gegen­über.

Aber bei ihm kommen ja auch starke groteske Elemente vor. Dinge werden mit einander kom­biniert, die nicht zusammengehören und die so Grauen oder Erstaunen hervorrufen. Alles in allem kommen uns aber die Problemstellungen der Geschichten sehr vertraut vor. Sympathie entsteht vielleicht auch deswe­gen, weil HHS auf kaum zu imitierende Weise – stellvertretend für uns – den unaufhaltsamen Gang der Zerstörung der auch von uns als schlecht empfundenen Wirklichkeit heraufbeschwört und uns so ein Ventil für unsere eigenen Aggressionen schafft.

Jürgensen: Menschen suchen nach Kategorien. Das was uns von seinem Lebenswerk greifbar erhalten ist, sind seine Geschichten, ist sein schriftstellerisches Werk. Mit welchem heute bekannten Künstler wäre das Werk Schmitz zu vergleichen?

Matzigkeit: Hier kann ich kaum weiterhelfen. Vergleiche mindern die miteinander Verglichenen. Ich emp­fehle eher den direkten Zugang. Schubladendenken hilft da nicht weiter. Was nützt Ihnen der Begriff „Kaf­ka fürs Volk“, „Frühsurrealist“ etc. Sagen Sie selbst!

Jürgensen: Volle Zustimmung, doch ich wiederhole den Fehler: Oft ist man auf der Suche nach einem landes- oder ethnotypischen, vielleicht englischen, jü­dischen oder rheinischen Humor. Kann eine solche Suche auch bei HHS erfolgreich enden?

Matzigkeit: Eine Frage von philosophischer Tragweite, die in der regionalbezogenen Germanistik seit Jahrzehnten diskutiert und immer wieder auf unterschiedlichste Weise beantwortet worden ist. Der mit am rheinischsten empfundene Kabarettist Konrad Beikircher, der sich auch bereits öffentlich als Schmitz-Freund geoutet hat, ist nebenbei gesagt Südtiroler.

Und doch scheint es da Etwas zu geben, das nicht nur an der mundartlichen Färbung hängt, was uns alle immer wieder den Griff in die Mottenkiste regionalspezifischer Zuschreibungen nahelegt. Wirklich plausible Lösungen habe ich noch nicht gehört und kann es wahrscheinlich auch gar nicht geben, da sich durch den kulturellen Transfer Vieles noch mehr zu mischen beginnt, als es das seit Jahrhunderten ohne­hin bereits tut. Sonderentwicklungen durch Abgeschiedenheit gehören wohl endgültig der Vergangenheit an.

Jürgensen: Zurück zum Individuum also. Wie könnte man Hermann Harry Schmitz den heutigen Menschen begreifbar machen? Als Prä-Dadaist, als menschliches Gesamtkunstwerk, als Heilung oder Ablenkung suchender Kranker, als satirisch schreibender Entertainer, als humorvoller Gesellschaftskriti­ker oder als Kind einer aufstrebenden und schon dekadenten Oberschicht?

Matzigkeit: Verzeihen Sie, ich müsste mich da wiederholen. Ich behaupte, dass man HHS nur durch ihn selber begreifen und begreifbar machen kann. Mit Inhalt, Form und Ton hat er etwas durch­aus Einmali­ges, Originäres im deutschen Sprachraum. Vergleiche mit der „englischen Note des schwar­zen Humors“ hinken begreiflicherweise, auch wenn ich sie gelegentlich selber verwende.

Jürgensen: HHS wollte sich den leistungsorientierten Vorgaben seines Vaters und der Gesellschaft entzie­hen und war dabei doch in eine vergleichbare Mühle geraten. Man erwartete immer wieder neue Ge­schichten von einem Sonderling und ich ziele auf seine, wie es heißt, mit dem Erfolg immer wiederkehren­de Schreibhemmung. Konnte oder durfte es einen HHS, einen deutschen Dandy wie ihn überhaupt ge­ben? Scheiterte er – neben seiner ständigen Krankheit natürlich – auch an diesem Zwiespalt?

Matzigkeit: Zum einen muss man sagen, dass sich HHS den Anforderungen des „normalen“ beruflichen Alltags als kaufmännischer Angestellter der Piedboeuf‘schen Kesselschmiede in Düsseldorf-Eller bis zum Erfolg sei­nes Erstlings „Der Säugling“ 1911/12 ausgesetzt hat. Zu diesem Zeitpunkt muss er durch den Tod seiner Mutter wohl zusätzlich eine Erbschaft gemacht haben; Hanns Heinz Ewers, auch ein literarischer Mentor von HHS, schildert ihn gegenüber seinem Verleger Georg Müller als „finanziell unabhängig“. Dass sich HHS unter diesen neuen Bedingungen im Alter von ca. 31-32 auf eigene Füße stellt, ist wohl begreiflich, da sein Lebensplan nach eigener Überzeugung in eine mehr künstlerische Richtung verlaufen sollte.

Allerdings hatte er schon seit ca. 1904/05 erfolgreich direkten Kontakt zu Düsseldorfer Künst­lern aus dem „Akademischen Verein Laetitia“ geknüpft und sich so eine Gegenwelt zum nüchternen Arbeitsalltag aufgebaut. Dort wurden ja auch erstmals seine grotesken Einakter aufgeführt.

Dass er zum Schreiben nicht geboren war, beweist, dass er sich seine leicht hingeworfenen Improvisa­tionen, seine Stehgreif-Geschichten für eine Papierfassung abquälen musste. Er hat sich da – auch wohl durch die unverantwortliche Erwartungshaltung des Feuilletonredakteurs Victor M. Mai – zum Schreiben pressen lassen. Natürlich ist er zu diesem Zeitpunkt auch ein Opfer seiner eigenen Eitelkeit geworden, eine Eigenschaft, die er wenig später unter dem Eindruck schwer­ster Krankheiten nur noch sehr kritisch gesehen hat.

Dass seine zahlreichen Krankheiten psychosomatische Ursachen haben, die nicht zuletzt aus dieser Notlage heraus begriffen werden müssen, steht für mich außer Frage. Selbst seine besondere Gabe, sein Rede- und Vortragskunst wurde davon ja nicht verschont: Er bekam eine Zyste unter der Zunge!

Jürgensen: Fatal! So enden auch die Geschichten des HHS oft in einem totalen Desaster. – Kurz vor dem Ende der DDR – 1987 – erschien unter dem Titel „Wie ich mich entschloss, auf Händen zu gehen“ (Eulenspiegelverlag Ber­lin) ebendort eine Auswahl seines Werkes. War die Zeit gerade dort reif dafür geworden?

Matzigkeit: Da sehe ich keinen unmittelbaren Zusammenhang, schon gar nicht im Hinblick auf die so­genannte „Wende“ von 1989. Schmitz ist in der DDR ja bereits viel früher erschienen. Die erste Veröffent­lichung war 1965, eine zweite Auflage kam 1974 heraus; beide unter dem Titel „Die Taufe“, ausgestattet von Horst Hussel, der kräftige Anleihen bei Max Ernst genommen hatte. Die Illustrationen sind in die Diogenes-Ausgabe, herausgegeben von Otto Jägersberg übernommen worden.

Schon die frühen Ausgaben wurden von Karl Heinz Berger herausgegeben, der dann zusammen mit seiner Frau Alice die Ausgabe zusammengestellt hat, die Sie in Ihrer Frage angesprochen haben. Was die wesentlichen Beweggründe für Berger waren, sich konsequent diesem „rheinischen“ Autoren anzu­nehmen, konnte ich bisher nicht herausfinden. Ein direkter Kontakt zu Berger in der DDR-Zeit war mir nicht möglich; inzwischen ist er nach Angaben des Eulenspiegel-Verlags verstorben. Bliebe natürlich noch seine Frau für weitergehende Fragen…

Fakt ist, dass HHS in der DDR in einem Nischenverlag erschien. Die kritische Zielrichtung seiner Ge­schichten konnte nicht oder kaum systembezogen interpretiert werden. Gleichwohl handelte es sich um einen Autor, der – zwar im Verständnis der herrschenden DDR-Ideologie – unpolitisch, aber dennoch kri­tisch gegenüber den schon um 1900 absehbaren problematischen Entwicklungen des bürgerlich indu­striellen System eingestellt war, auch wenn diese Tendenz nur vermittelt über die Groteske erkennbar wird.

Jügensen: Tritt diese unterschwellige politische Komponente manchmal auch zutage?

Matzigkeit: Schmitz ist nur mit einem erweiterten Politikverständnis als „politischer“ Autor zu begreifen. Für mich ist er ein Seismograph seiner, zum Teil auch unserer Zeit, der mit seinen Grotesken die tekto­nischen Verwerfungen einer industriellen Gesellschaft ausleuchtet. Immer wieder wird das Missverhältnis zwischen der geistig-mentalen Unreife der Menschen und der Notwendigkeit einer regulierenden Vernunft deutlich, um die mehr und mehr autark werdende Technik beherrschen zu können. HHS ist hier ein Mora­list, der im Untergang die Vernunft beschwört. Für ihn ist weniger mehr. Diese Bescheidenheit und die Erkenntnis von der Nichtigkeit allen Seins hat ihn auch an den Buddhis­mus herangeführt.

Jürgensen: Im Nachwort der Noch-DDR-Sammlung wurde von den Herausgebern Alice und Karl Heinz Berger der bewusste oder unbewusste Bezug zu den Anfängen des Kintopps und seinen Slapstickkomö­dien gezogen. War HHS eifriger Besucher der kinematographischen Anstalten? Brauchte er diese Krücke überhaupt, oder erlebte er das ihn befremdende Leben der „Normalbürger“ wie einen Film?

Matzigkeit: Die Möglichkeit, in Düsseldorf derartige Etablissements besuchen zu können, bestand durch­aus. Ob er diese Gelegenheit tatsächlich genutzt hat, ist – anders als bei Franz Kafka – nicht überliefert.

Dass seine Phantasie derartige Konserven kaum bedurft hat, legen seine Geschichten nahe. Umge­kehrt hat sich bisher noch kein Filmemacher an seine Geschichten herange­traut, was angesichts der heutigen tricktechnischen Animationsmöglichkeiten ja kein Problem mehr wäre.

Jürgensen: Oh ja! Da könnte ich mir gut einen Jean-Pierre Jeunet oder Terry Gilliam vorstellen… Warten wir ab und hoffen auf deren Gespür für gute Stoffe.

Wie wir der Biographie des HHS entnehmen können, war er so etwas, sicher etwas mehr als das, was man heute einen Comedian nennt. Nur standen ihm zu Beginn des letzten Jahrhunderts die Massenmedien, allen voran das Fernsehen, nicht zur Verfügung. Fehlte HHS die Chance zur Massenver­breitung oder fehlen uns heute die Salons, die ihm zu kleinem Ruhm verhalfen?

Matzigkeit: Ich glaube, heute ist beides gegeben. Es gibt die Millionen berieselnden Comedies, aber auch die Clubs mit der fast intimen Privatatmosphäre. Was HHS heute braucht, sind Leser, aber ebenso Vorleser, Animateure des Geistes, die in der Lage sind, seinen Witz zu vermitteln. Davon gibt es einige, aber immer noch nicht genug. Ich freue mich, dass HHS immer wieder Freun­de findet, mit denen er nach nun fast 100 Jahren kaum noch rechnen konnte. Es wäre ihm wohl auch Wurst gewesen. Schauen wir lieber, was wir in ihm finden…

Jürgensen: Setzen wir ihn dennoch einmal in die Zeitmaschine. Wo könnte er landen?

Matzigkeit: Ich sehe ihn mehr im Bereich des Kabaretts, wenn auch nicht in dem des klassisch politi­schen. Bei den „Mitternachtsspitzen“ könnte ich ihn mir durchaus vorstellen, weniger bei „Night-Wash“. Im übrigen hatte er ein Engagement an ein Wiener Kabarett, das er dann aber wegen seiner Krankheiten ausschlagen musste.

Jürgensen: HHS war ein begnadeter Vortragskünstler, der schon im Kindesalter sein Publikum begeisterte. Hatte er überhaupt literarisch/künstlerische Ambitionen? Schrieb er aus Mitteilungsbedürfnis, oder weil er damit – ganz legitim ökonomisch – mehr Menschen erreichen konnte, als mit seinen Auftritten?

Matzigkeit: HHS hat mit seinen Auftritten nie Geld verdient. Er trat bei Wohltätigkeitsveranstaltungen auf oder im Kreise seiner Künstlerfreunde. Zu den Umständen seiner Schreibqualen habe ich mich bereits geäußert.

Gleichwohl war da ein Drang zur Selbstdarstellung. Die massenwirksamste Möglichkeit da­zu war da­mals natürlich die Zeitung, die in einer Auflage von einigen zehntausend erschien. Diese Chance hat er genutzt. Allerdings mit den bekannten Folgen, die ihn – verschärft durch die Krank­heiten – schließ­lich in den Tod getrieben haben.

Jürgensen: Herr Dr. Matzigkeit, Sie werden sicher keine Ruhe geben, für das Werk Schmitzens zu werben. Was ist 2005, dem Jahr seines 125. Geburtstag zu erwarten?

Matzigkeit: Geplant ist Einiges; ich wünsche mir, dass wenigstens ein Teil davon zu realisieren ist. Um seinen Geburtstag herum – der ist am 12. Juli – soll im Rahmen des Düsseldorfer Bücherbummels eine Veranstaltung stattfinden. Als Akteur ist Konrad Beikircher im Gespräch, möglicherweise aber auch Frank Meyer. Frank Meyer sieht HHS nicht nur verteufelt ähnlich und hat seine Magisterarbeit über ihn ge­schrie­ben. Er ist auch der Autor des Schmitz-Stücks „Verzeihen Sie, ich bin eine Stricknadel“, in dem er alle auftretenden Personen (6-8) einschließlich HHS himself selber spielt. Eine mehr als beeindruckende Lei­stung. Das Ergebnis dieser Veranstaltung soll ein Hörbuch werden.

Für den Herbst 2005 ist eine Ausstellung mit begleitender Publikation an einem öffentlichkeitswirk­samen Ort geplant. Wo, wird noch nicht verraten. In der Ausstellung sollen besonders Gegenstände zu sehen sein, die in einem direkten Bezug zu Schmitz-Geschichten stehen (Wellenbadewanne, Soxleth-Apparat, Füllfederhalter, Kaffeemaschine etc.) Über Kopfhörer kann sich der Besucher die jeweilig pas­sende Ge­schichte anhören.

Die Publikation soll ein Bild-, Lesebuch zu Leben und Werk von HHS werden. Hier sollen sämtliche Abbildungen von ihm, aus seinem Umkreis, aber auch unveröffentlichte Briefe, Fundstücke etc. abge­druckt werden. Außerdem ein biographischer Essay, etwas zur über 100jährigen Schmitz-Rezeption in Düsseldorf und einer vollständigen Bibliographie (á jour).

Wünschen würde ich mir, wenn auch die Aktion des Literaturbüros „Düsseldorf liest ein Buch“ sich zeitgleich beteiligen könnte.

So viel in Kürze. Ich hoffe, ich konnte Sie neugierig machen.

Jürgensen: Ein echter Schmitz-Fan ist Ihnen jedenfalls sicher! Ich denke, dass sich auch unserer Leser nun begeistert mit der verfügbaren Literatur versorgen werden. Einseitig.info bleibt am Ball und wird auch die Geburtstagsfeiern im kommenden Jahr gern begleiten.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

Etwas später, zum 125. Geburtstag des Hermann Harry Schmitz, schrieb ich an gleicher Stelle:

Lieber Hermann Harry,

ach so treffend hast Du sie beschriebenen, die chaotischen Wirrungen, die das menschliche Dasein lenken. In Deiner, wie auch in unserer Zeit. Nein, wir haben in all den Jahren rein gar nichts dazugelernt.

So irrt die große eitle Masse weiterhin tumb umher und nur eine kleine, doch hoffnungsvoll in diesen Jahren sogar wieder wachsende Schar, wird sich an Dich und das heutige Datum erinnern. An jenen Tag, der am Beginn eines viel zu kurzen und von Dir selbst, in einer Riesensauerei mit einer Browning beendeten Lebens stand. Wir könnten sagen, es sei viel zu früh gewesen, Dreiunddreißig sei kein Alter. Doch Deine Lunge wäre selbst am Ausblasen einer Kerze gescheitert.

Wir mögen heute rätseln und wir hätten es Dir gewünscht, dass jemand eine medizinische Hilfe für Dich gefunden hätte. Aber niemand sollte angesichts Deiner Leiden, Deiner Zerrissenheit zwischen Humor, Rolle und der Kariere mittenmangs der Bohème Banausingens sowie der allgegenwärtigen Dekadenz von Körper und Gesellschaft über Deinen Selbstmord und dessen Zeitpunkt urteilen. So wird am heutigen 12. Juli 2005 – wer hat nur diese Spur gelegt? – wirklich niemand Dein blutiges Finale feiern – das kann jeder, der will, am 8. August. Heute aber ist Dein Geburtstag. Der 125.!

Tränen sind somit nur erwünscht, welche aus lachenden Augen rinnen. Dazu liefertest Du uns zum Glück genügend Material aus der Feder Deines amerikanischen Fountain Pens. Man muss sich nur etwas umschauen. Im Antiquariat, sogar im aktuellen Buchhandel, auch zwischen den Hörbüchern, in den Veranstaltungskalendern, wenn Deine Texte mal wieder rezitiert werden. (Was in diesen Tagen um seinen 125. Geburtstag herum immer wieder geschieht! – Anm. d. Autors)

© Dirk Jürgensen – Veröffentlichungen des Texts, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

Das Online-Magazin Einseitig.info ist leider inzwischen Geschichte. Umso wichtiger war mir die Übernahme meines Interviews an dieser Stelle.