Meine Schulmisere

Man könnte sagen, es schließt sich ein Kreis. Zumindest in der meiner Erinnerung.
Seit ich in diesen Stadtteil Düsseldorfs gezogen bin komme ich auf meinem Weg ins Büro täglich an einem Gebäude vorbei, das Teil des dunkelsten Kapitels meiner Schullaufbahn ist. Damals war der mächtige Bau noch farblos grau, die Fassade von Granatsplittern eines seit fünfundzwanzig Jahren beendeten Krieges beschädigt. Irgendwann wurden die Löcher dann ausgebessert und ein etwas lächerliches Rosa aufgetragen. Heute erstrahlt die Schule in leuchtendem Gelb und lässt mich rätseln, ob die erneute Renovierung endlich dazu reichte, die alten Geister zu vertreiben.

Erhard, Kiesinger, Brandt und Schmidt hießen die Bundeskanzler meiner Schulzeit. Keiner von ihnen konnte die politischen Grundlagen schaffen, meine Schullaufbahn zum Erfolg werden zu lassen. Wäre meine Geschichte im vergangenen und nun neu begonnenen Jahrtausend besser oder schlechter verlaufen und ebenso von Einzelpersonen und Zufällen abhängig wie damals? Ich war, das wird mir mit fortschreitendem Alter immer klarer, zu keinem Zeitpunkt ein Mensch, der sich einen Lebensplan aufzeichnete, niemand gab mir einen geeigneten Stift, nie forderte ich einen solchen ein.

Die Verallgemeinerung meines Falles ist nicht in allen Punkten sinnvoll, doch ist die heute so emsig diskutierte Bildungsmisere zwischen all den Schulreformen und Pisa-Studien schon verdammt lange aktuell. Aber der Reihe nach:

Es fing ganz hoffnungsvoll an, obgleich eine kurze Zeit vor meiner Einschulung in die evangelische Schule an der Heerstraße die Decke eines meiner zukünftigen Klassenräume einstürzte und ich in einer katholischen Schule Ersatzraum fand. Damals war die Trennung der Konfessionen noch üblich. Immerhin stand in meinem Zeugnisheft nach dem ersten Jahr, Dirk hätte einen guten Anfang gemacht. Ich mag es nicht zu beurteilen. Immerhin fand ich die Kurzschuljahre und die damals für das Erlernen des Schreibens und Lesens moderne Ganzheitsmethode sehr angenehm. Ich brauchte mich nicht mit Buchstaben abquälen und durfte von Beginn an ganze Wörter lesen, was mich einfach schneller an die Bücher brachte. Das Alphabet erlernten wir ganz nebenbei.

Die Zeitläufte sind mir abhanden gekommen; irgendwann gab es plötzlich Gemeinschaftsschulen und es war irgendwie wichtig auf einer gemischt-konfessionellen Schule unterrichtet zu werden. Von religiösen Dingen unbelastet wechselte man mich konsequenterweise auf eine solche. Im ganz neu entstandenen Schulgebäude an der Schmiedestraße fühlte ich mich recht wohl und lernte, wie damals noch üblich, vor der Erd- die Heimatkunde. Zudem noch viel längst Vergessenes über die Rattenfängerstadt Hameln, weil Frau S. aus eben dieser stammte. Mehr habe ich aus dieser Zeit nicht behalten. Bewusst jedenfalls nicht. Zum Abschluss der jedenfalls heilen Grundschulwelt stand eine wichtige Entscheidung. Ist der Junge gut genug für das Gymnasium oder reicht die Realschule?

Wie auch heute war ich ein ruhiger und eher zurückhaltender Mensch, meine Eltern erinnerten sich an ihre Kindheit in Vorkriegs- und Kriegsjahren, waren bereits über eine mittlere Entwicklung ihres Sprösslings froh. So sahen sie die Argumente der Lehrerin schnell ein, dass die Realschule wohl das Richtige für ihr Kind sein müsse.

Nun waren in diesen Jahren sehr viele Kinder in meinem Alter und die weiterführenden Schulen oftmals überfüllt. Die geburtenstarken Jahrgänge waren in aller Munde und der Pillenknick noch unbekannt. Klassenstärken von über vierzig Schülern waren üblich. So kam ich nicht auf die noch frische Schule meiner Anmeldung, sondern in die an der Färberstraße. In einem fast einhundert Jahre alten Bau mit Lehrern, die mindestens gleichen Alters waren. Eine reine Jungenschule. Eine Zeit, die ich eigentlich gar nicht erlebt haben kann, denn wenn ich die Erinnerungen wie einen Film abspule, sehe ich Bilder aus den dreißiger Jahren in schwarzweiß.

Mein Klassenlehrer Z. war Gemeindepfarrer von Volmerswerth, einem ländlich und bäuerlich geprägten Stadtteil meiner Heimatstadt. Dem folgend versammelten sich einige Bauernsöhne in meiner Klasse. Ich hatte nicht den Eindruck, sie wären intelligenter, fleißiger oder sonstwie smarter als ich gewesen. Nur erhielten sie die besseren Noten. Dieser der christliche Nächstenliebe verpflichtete Klassenlehrer äußerte einmal auf einem Elternabend, Arbeiterkinder hätten auf der Realschule eigentlich nichts zu suchen. Meine Eltern verstanden es, aber sie trauten sich nicht zu offenbaren und noch weniger zu protestieren. Ich kann und konnte sie verstehen, denn die Einschüchterung war allgegenwärtig.

Wir hatten einen kriegsversehrten, einbeinigen Lehrer für Deutsch und Geschichte, der uns langweilige Kapitel aus einem Buch zu lesen aufgab, deren Lehren uns verborgen blieben. Während wir lasen oder zu lesen vorgaben, verschanzte er sich hinter einer aufgeschlagenen Rheinischen Post und ließ pro Unterrichtsstunde mindestens eine dicke Zigarre dampfen und stinken.

Wir hatten einen Mathematiklehrer, der mich bis heute an Film-Naziprofessoren erinnerte, die die Massenvernichtung der Juden mit wissenschaftlichen Experimenten rechtfertigten. Ein strammer Typ, groß, scharfer Schnitt und strenger Scheitel, graue Haare, stets im weißen Kittel, der die Eigenart hatte, beim Schwätzen erwischte Schüler so lange an den Schläfenhaaren zu ziehen, bis sie kaum noch stehen konnten. Dann schlug er mit dem Lineal zu. Niemand wagte den Protest. Auch ich nicht. Ich hätte der Klassenheld werden können – oder zum Trottel.

Wir hatten einen Biologielehrer, der gleichzeitig Direktor dieser Einrichtung war. Ein lieber, kurz vor der Pensionierung stehender Mann, der wunderbar vom Thema abzulenken war. Begann er seinen Unterricht mit dem Aufbau und der Vermehrung von Nachtschattengewächsen, waren mehr als zwei Drittel der Zeit vom ach so maroden Eisenbahnsystem in England geprägt. Immer wieder erläuterte er die unterschiedlichen Spurbreiten die den internationalen Verkehr zwischen manchen Ländern erschwerten. Ich vermute, die Zustände in der von ihm nur offiziell geleiteten Schule waren ihm ebenso fremd, wie uns nach einem Schuljahr die Vermehrung der Pflanzen. Ob er etwas ahnte, ob er es gar duldete, werde ich wohl nie erfahren.

Wir hatten einen einzigen wirklich netten und für diese Schule viel zu jung wirkenden Lehrer. Es war ein rothaariger Engländer, der uns in seiner Muttersprache mit unnachahmlichem Humor unterrichtete. Die lehrreichen Erholungsstunden waren uns nur für ein paar Monate gegönnt. Er wurde plötzlich krank, starb – wie auch der Englischunterricht für viele Monate mit ihm starb. Als wir eine neue Englischlehrerin zugeteilt bekamen, waren die Zeugnisvergabe bereits in nächster Nähe. Andere hatten in der Zwischenzeit, ich kann es nur ahnen, heimlich Nachhilfestunden erhalten und meine Kenntnisse waren auf einem Monate alten Stand. Andere hatten sich gute Noten erkauft, ich erhielt eine Fünf. Es war nicht die Einzige.

Nach diesem Debakel, das den Namen Realschule trug, hatten meine Eltern, hatte ich die Wahl, das Schuljahr auf dieser Schule zu wiederholen oder zur Hauptschule, die unser Klassenlehrer immer als Müllwerkerschule bezeichnete, hinabzusteigen.
Ich wählte ohne zu zögern den Abstieg und lernte, um beim Bild des Erinnerungsfilms zu bleiben, die Zeit des Farbfilms kennen. Ich bekam Mut zum freien Atmen, was sich anfangs als den Unterricht ein wenig störend auswirkte und galt als leicht aufmüpfig. Aber ich war urplötzlich wieder ein guter Schüler, kein Streber, denn die Noten fielen nicht hervorragend aus, doch es reichte fast immer für eine Position in der Spitzengruppe meiner Klasse.

Neben jugendlich wirkenden, revolutionären und diskussionsfreudigen Referendaren – Jahre  später wurde mir erst bewusst, dass es sich um die ersten in die Berufsinstitution geratenen 68er handelte – blieben mir zwei ältere Lehrerinnen in Erinnerung. Die eine, völlig überfordert und vermutlich auch psychisch krank, Klassenlehrerin der Parallelklasse, wahrscheinlich tablettensüchtig, unterrichtete uns in Englisch und versuchte uns ganz exotische Betonungen beizubringen, die vermutlich in keinem Dialekt der Insulaner Verwendung finden. Wenn jemand beispielsweise das Wort Vegetables mehrmals richtig aussprach, bekam sie einen Nervenzusammenbruch und fehlte mehrere Tage. Kaltblütigerweise kannten wir keine Schuldgefühle und eigneten uns nie ihre seltsame Aussprache an.

Aber wir hatten eine Deutsch- und Kunstlehrerin, die noch heute und heute immer mehr meinen vollen Respekt und meine volle Bewunderung verdient: Frau H..

Der erste Aufsatz sollte geschrieben werden. Unvorbereitet und eingeschüchtert erwartete ich nicht viel bis gar nichts, schon gar kein Lob. Es sollte eine Erörterung zum Thema Vorurteile sein. Ich hatte keine Ahnung, übersprang die Einleitung und begann den Text ansatzlos mit einem Dialog zweier Frauen, den ich hinterher besprach und bewertete. ich spielte auf Risiko könnte ich behaupten, doch es erschien mir die einzige Möglichkeit zu sein, meine Phantasie für das Thema zu nutzen. Das Ergebnis war die erste Eins meines Lebens, zu großem Teil weil und nicht obwohl ich mir die formale Freiheit herausgenommen hatte. Auf der Realschu.le hätte man mich dafür bestraft.

Lehrerin

Frau H. – Endlich eine wirklich gute Lehrerin

Frau H. machte einen Unterricht, der ein in diesen Tagen nicht mehr vorstellbares Niveau aufwies – egal für welche Schulform diese Wertung auch abgegeben werden sollte.
Sie interessierte uns kindliche und reihenweise hormonell gehandicapten Ignoranten für Kunst, sie ließ Ideen und Kreativität in unseren Aufsätzen zu und, das werde ich nie vergessen, stellte sie sich beim Thema Brecht vor die Klasse und sang die Seeräuberjenny aus der Dreigroschenoper. Einfach so. Hätte man uns damals schon die Möglichkeit der Videoaufzeichnung gegeben, ich würde den heutigen Schauspielerinnen so gerne zeigen, wie das Lied zu singen ist. Sicher haben wir Blagen uns während der ersten Strophe noch gegenseitig angegrinst. Doch schon in der zweiten saßen wir bewegungslos, still ergriffen. Unvergesslich. Es gab damals viele Schülerinnen und Schüler, auch Eltern, die diese Frau als komische Type abtaten. Es wäre mir eine Freude, wenn sie es heute anders sähen, denn ich wünsche jedem Lehrer und jeder Lehrerin nur fünfzig Prozent ihrer Qualität und ihres Engagement. Sicher hat Frau H. in ihrem Leben wichtigere Dinge geleistet, aber ohne sie würden diese Zeilen sicher nicht entstanden sein.

So ging auch diese Zeit vorüber und ich war wie stets in allen Augen ein guter bis sehr guter Schüler mit erstaunlich durchschnittlichen Noten. Wahrscheinlich passten mir nur die Lehrinhalte nicht.

Die Hauptschulzeit ging viel zu schnell vorüber und es wurde sich auf die Suche nach einem doch noch möglichen mittleren Schulabschluss begeben. Da bot sich die zweijährige Handelsschule an, denn der danach zu ergreifende Kaufmannsberuf ist für einen Arbeitersohn ein erstrebenswerter Fortschritt. So glaubte man. Gerne wollte ich in die Werbung gehen, dann hätte ich meiner damaligen Meinung nach auch mein ebenfalls Frau H. geschuldetes graphische Interesse einbringen können. Weit gefehlt, es stand zum Ende der Handelsschule hin einen Gang zur Berufsberatung an. Lehrstellen waren dank all der anderen Geburtenstarken knapp, so wurde ich Einzelhandelskaufmann in einem konservativen Textilgeschäft, das es längst nicht mehr gibt. Anzüge verkaufen war nicht mein Ding. So folgte dann die einjährige Fachoberschule, die Fachhochschulreife, ein erfolglos und viel zu lang angefangenes BWL-Studium und nach dem Zivildienst das Berufs- und ach so erwachsene Alltagsleben, auf das mich manches in meinem Leben vorbereitet hatte – nur die Schule nicht, wie sei es sollte oder gar wollte.

© Dirk Jürgensen – Veröffentlichungen des Textes, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.