Detlef von der Birk

Eine Geschichte aus Angeln

Wenn ich, wie in jedem Jahr damals, mit meinen Eltern in den Sommerferien aus Düsseldorf mit dem Zug in ihre alte Heimat fuhr, war Detlef immer schon da. Detlef mit langem ersten „e“ und nicht wie im Rheinland mit doppeltem „t“ – „Dettlef“ gesprochen. Ganz wichtig, denn sonst wäre er eine andere Person.

Nein, um keine Missverständnisse entstehen zu lassen, er war nicht Teil meiner Familie oder der ständigen Urlaubsbekanntschaften, er war Teil einer kleinen, heute nicht mehr existierenden Welt, Teil des so ganz anderen Landes, in das wir fuhren. Er war ein Teil der Ferien, präsent, wie ein bizarrer solitärer Baum an einer Wegteilung, der so lange ignoriert wird, bis ein Blitz ihn vernichtet.

Detlef war ein Einzelgänger. In der Stadt würden wir ihn heute viel zu abschätzend und nicht zutreffend Penner nennen. Hier jedoch hatte er seinen eigenen Namen, seinen Vornamen. Seinen Familiennamen kannten, ohne ihn jemals zu nennen, nur die Eingeweihten, Einheimischen und nicht die Badegäste. Fremdkörper wie ich. Wozu auch? Statt dessen gab jeder ihm einen Adelstitel: Detlef von der Birk.

Ein Adeliger mit zerknittertem und fleckigem Filzhut, einer staubigen, löchrigen Arbeitsjacke, wie sie die Landarbeiter damals trugen. Die ungeschickt geflickten Hosen steckten beulig viel zu großen Gummistiefeln, die in ihren Stollen noch Klumpen vom tiefen Morast des feuchten Frühjahrs trugen. Ich überlege, welche Farbe mir bei den Gedanken an Detlef in den Sinn kommt. Die einzige Farbe der Vergangenheit?

Grau, der Morast, der Schlamm, Grau – sicher war Grau dominant, als ehemaliges Grün der Arbeitsjacke. Ein grober Stoff, der schon so viele Jahre hielt und nun doch irgendwann vergehen musste, von fruchtbaren Regengüssen, die hier in jeder Jahreszeit zuverlässig wiederkehren, ausgewaschen und von erstaunlich sengenden Sommersonnen ausgebleicht.

Auch der Mann war aus diesem Stoff gefertigt. Sein in der Jugend ohne Frage stolzer Schnurrbart, ergraut wie das mit ungleichmäßigen Stoppeln übersäte, gegerbte und an den Wangen dennoch auffallend rosige Gesicht hatte längst keinem Spiegel mehr zu gefallen. Seine blauen – jetzt bin ich mir ziemlich sicher – oder vielleicht doch wieder grauen? –  jedenfalls aber hellen Augen, waren erst zu sehen, wenn man Detlef ganz nahe kam, da die tiefe Hutkrempe sie sonst verbarg.

Halt! Nicht lügen! Es kann sein, dass ich seine Augen nie sah, dass sie immer zugekniffen waren, dass ich nie nah genug heran kam, dass ich sie mir einbilde. Doch das Leuchten sehe ich noch heute. In Wirklichkeit.

Detlefs Birkkate

Detlefs Kate auf der Birk – Nur noch eine alte Ansichtskarte

Er war meiner Erinnerung nach immer alt, fuhr mit einem mindestens genauso alten Rad, beladen mit einem verschlissenen Koffer hinten und einer verbeulten Milchkanne am Lenker, ganz langsam, hier sagt man herrlich passend „sinnig“, von Dorf zu Dorf, verkaufte schäbiges Nähgarn, schmuddelige Pflasterstreifen als Meterware und angeeckte, vergilbte Postkarten. Wichtige Dinge also, sorgsam ausgesucht, Dinge, die in jedem Haushalt und in guten Sommern von zahlreichen Touristen gefragt sein mussten.

Die klappernde Milchkanne konnte schon lange keine Milch mehr halten, doch leistete sie für den einigermaßen trockenen Transport der Güter noch gute Dienste. Zwar war die Tiefe der Kanne stets lange zu durchsuchen, doch sorgte das endlich geglückte Hervorholen des unmedizinisch braunen Pflastermeters für ein überraschtes Erstaunen, das sonst nur die Schlangenbeschwörer auf dem Marktplatz von Marrakesch bei ihrem Publikum erreichten.

Niemand konnte ehrlich diese Waren gebrauchen. Zu wertvoll war die Gesundheit der Kinder, als dass man die aufgestoßenen Knie mit Detlefs Pflaster versorgte und viel zu lange benötigte man für das Abwickeln der Garnspulen, um an einen endlich brauchbaren weißen Faden zu gelangen.

Doch man kaufte sie, steckte sie ohne Sorgfalt in Schubladen und Fächer, die erst nach Jahren wieder geöffnet wurden. Der Fund rief ein kurzes „guck mal, das Zeug hab ich doch damals bei Detlef gekauft“ hervor ehe man es für lange Zeit wieder im Dunkel des Schrankes verschwinden ließ. Was nicht noch heute in den alten Küchenschränken verborgen ist und seine seltenen Wiedergeburt erlebt, wurde spätestens nach dem Tod der Großmutter und dem unausweichlichen Einzug der modernen Welt zusammen mit den alten Möbelstücken verbrannt. Da kannte man keine Sentimentalitäten. Manchmal kamen reisenden Antiquitätenhändler dem Scheiterhaufen zuvor. Die schwatzten den Hinterbliebenen jedes noch so wertvolle Schätzchen ab – natürlich ohne dafür eine müde Mark zu zahlen. Wer kannte schon die Preise, die man in Hamburg oder gar im Rheinland, das hier zu meinem Erstaunen in den „Ruhrpott“ fiel, erzielen konnte? Die Händler beluden in Windeseile ihren Lieferwagen, man half noch dabei und wunderte, sich, welchen Müll der Mann schon geladen hatte und winkte dem Sonderling dankbar zum Abschied. Man war die „olen Plünnen“ endlich los. In alle Himmelsrichtungen wurden Kleider- und Küchenschränke, Tische und Stühle, Standuhren, Bilder und Betten verteilt. Und mit allen daran gehefteten Erinnerungen auch Detlefs Pflaster, sein Nähzeug und die Postkarten. Wenn ich heute alte Möbel auf einem Trödelmarkt sehe, zerre ich gern an den meist verkanteten Schubladen. Die Chance eines zufälligen Fundes ist zwar gering, denn das Meiste dürfte auf einer der zahlreichen Zwischenstationen in Mülltüten, in jene blauen Schlusspunkte so vieler Geschichten geraten sein, aber sie ist da, die Chance.

Diese mit Ewigkeit und Endlichkeit gezwirnten Gedankenfäden brauchte damals, als man bei Detlef kaufte, niemand spinnen. Sie werden erst heute und längst nicht bei jedem greifbar. Damals war Detlef Gegenwart, so gestrig er bereits zu Lebzeiten war. Es gehörte dazu, ihm ab und an etwas abzukaufen. Fertig.

Kaum Gedanken an aktive Hilfsbereitschaft waren in den Köpfen, dafür gewiss ein heimliches, nach außen durch Kopfschütteln kommentiertes, Mitleid mit diesem runtergekommenen Mann spielten in der Reaktion auf Detlefs Erscheinung immer mit. Noch mehr Belustigung über den Sonderling. Neugier auch.

Am Gartentor, bei der Stachelbeer- oder Rotdornhecke, wurden dahingenuschelte, kurze plattdeutsche Floskeln oder auch ganze Geschichten mit ihm ausgetauscht. Manchmal dauerten die Gespräche stundenlang, manchmal zog Detlef nach zwei Sätzen wieder ab. Ganz nach Lust und Laune, ganz nach gegenseitiger Sympathie oder Zeit. So genau konnte ich das damals leider nicht unterscheiden.

Auch konnte ich nicht erkennen, wer diese Gartenzauntreffen beendete, ob Detlefs Geschäfte ihn weiter trieben, ob es dem Kunden irgendwann genug wurde. „Keine Zeit“ war, wurde sie einmal verwendet, eine billige Ausrede. Zeit brauchte sich bei aller ländlichen Geschäftigkeit in Haus, Hof und Garten niemand zu opfern. Die hatte jeder zur Genüge und so musste man auch keine Angst vor Diebstahl haben. So reiche Zeiten waren das.

Wenn er denn verschwunden war, hörte ich, wie Leute bewundernd erzählten, dass sich Detlef an Datum, Wochentag, manchmal sogar Stunde der Geburt eines jeden einzelnen Kindes der umliegenden Gemeinden erinnern konnte und er sich auch nach ihrem Verbleib oder Wohlergehen der längst Erwachsenen erkundigte. So auch bei meiner Großmutter und den in mehr oder weniger direkter Nachbarschaft lebenden Tanten. Er kannte den Namen meines Vaters und die Namen seiner zwölf Geschwister, wusste, dass er nun im Rheinland lebte und die ältere der beiden Schusterstöchter aus Gelting geheiratet und in die Ferne mitgenommen hatte.

So sehr war er, ohne dass es jemand laut zugegeben hätte, ein bewunderter Teil des Ganzen und insgeheim dessen stiller Chronist.

Die Kommunikation wurde von jeweils mindestens einem „“ beim Kommen und einem „Moin“ beim Gehen eingerahmt. Herzlichkeit wird übrigens hierzulande mit der jeweiligen Verdoppelung dieser Grußformel ausgedrückt. „Moin, Moin!“ Überschwang ist eben nicht die Sache der und Herzlichkeit eine innere. Heute beschränkt man sich auf ein „Moin“ zur Begrüßung und hat sich bei der Verabschiedung das internationalere, hanseatische „Tschüß“ angewöhnt, das uns im Rheinland als Abwandlung in Form der leicht frankophonen „Tschöh“ begegnet. Die Welt wird kleiner.

Detlef wohnte, das wusste jeder, in der Birkkate, einen gehörigen Fußmarsch von Falshöft, dem Geburtsdorfes meines Vaters entfernt. Dorf zu sagen, fällt mir angesichts dieser kleinen Siedlung ein bisschen schwer, auch wenn der am Rande aufragende Leuchtturm ihr etwas Bemerkenswertes gibt. An weiteren kleinen Siedlungen und einzelnen Bauernhöfen vorbei, fünf Kilometer entfernt, ist das nächste – im städtischen Blick – richtige Dorf Gelting zu finden. Von dort stammt meine Mutter und dort verbrachte ich den größten Teil der Ferien. Lange Wege zur Kundschaft, für einen alten Mann. Vielleicht werde ich ihnen einmal nachspüren, sie mit deutlichem Strich auf die Landkarte zeichnen.

Detlefs Heim war ein kleines reetgedecktes Fachwerkhaus, früher sicher einmal für Tagelöhner, Hirten, errichtet, gelegen, das konnte damals niemand ahnen, inmitten eines Naturschutzgebietes, der Birk eben, hundert Meter hinter dem, an der Ostsee im Gegensatz zur Nordsee meist angenehm niedrigen Deich, der immer wieder einen Blick auf das Meer gewährt. Eingebettet in das, was wir allzu schnell und gern romantisch nennen, was im oberflächlichen Jargon billiger Reiseführer gern als pittoresk und ursprünglich bezeichnet, doch nicht beschrieben wird, was auf alten Fotos kitschiger, manchmal vergilbt schwarzweißer, oft viel zu bunter Ansichtskarten überraschend glaubhaft wird.

Diese Postkarten mit der Unterschrift „Birkkate“, manchmal sogar „Detlefs Kate“ können mit glücklicher Hand noch heute gekauft werden, auch wenn sie längst nicht mehr steht, ein Feuer sie in den wenigen entscheidenden Minuten einer Gewitternacht niederbrannte und auch die Grundmauern inzwischen organischer Bestandteil einer bunten Wiese oder eines verwunschenen, windgeduckten Wäldchens geworden sind.

Nach seinem Verschwinden wird das, was jetzt noch Gegenwart ist, zum Arbeitsfeld der Archäologen. Doch was ihnen für ein Graben und Sieben an dieser Stelle fehlt, ist allein die Begründung, eine von Menschen geschaffene Bedeutsamkeit der hier gelebten Episode, eine historische Dimension. – Vergessen wir es also?

Sehr wahrscheinlich kauft heute kein Tourist diese Ansichtskarten, da er ohne die dazugehörigen Geschichtsfetzen nichts mit ihnen anfangen kann und die Qualität der Fotos unserer modernen Hochglanzprodukte nicht im Geringsten entspricht. Vielmehr können die Badegäste mit Bildern eines fiktiven Ortes anfangen, den sie aus einer in der Gegend gedrehten Arztserie aus dem Fernseher kennen. Sie kaufen Ansichtkarten eines Dorfes, das es nie gab und Autogrammkarten von Bewohnern, die niemals hier lebten. Detlef wurde in keinem Drehbuch vermerkt, sein Haus, das niemals sein Eigentum war, nicht aus Pappmaché nachgebaut. Seine mehr zufälligen Auftritte auf unscheinbaren Amateurfotos sind persönliche Dokumente, die nicht auf Ansichtskarten und auf keinem Videoband zu finden sind. Die Kate jedoch bleibt Einigen jenseits des Fernsehrummels noch präsent. So lässt mich meine eigene Sentimentalität hoffen, dass die Ladenbesitzer sich einfach nicht trauen, sie aus den Verkaufsständern zu nehmen, allein weil die es Angst vor dem endgültigen Verdampfen ihrer eigenen Kindheitswärme verhindert. Ich habe mir soeben vorgenommen, bei meinem nächsten Besuch mindestens eine davon zu kaufen, damit dieser Zustand noch lange so bleibt. Ich werde auch fragen, ob sie noch nachproduziert werden, sollten die letzten Exemplare doch zu verwittert oder gar vergriffen sein.

Meine sommerlichen Erinnerungen an Detlef sind wohl beinahe vierzig Jahre alt. Sie verblassen, kommen jedoch in unregelmäßigen Abständen verklärt, real oder traumhaft zurück. In letzter Zeit sogar häufiger.

Ebenso ist meine Liebe zu dieser Landschaft, die die Wildheit ihrer Meeresnähe mit ihren kleinen Wäldern, den sanft schwingenden Feldern und den bunten, üppiger als anderswo blühenden Blumen heimtückisch vertuscht, erst in jüngerer Vergangenheit und mit den leider immer stärker anwachsenden Abständen meiner Besuche gewachsen. Die Hügel erscheinen mir heute niedriger als damals, die Abfahrten mit dem Rad gar nicht mehr spektakulär. Gut, denn jetzt kann ich mich trauen die Augen von der Straße zu lösen, mit ihnen die Landschaft zu sehen. Die Strände sind nicht die endlos weiten und feinen Sandflächen der Nordseeküste, die das drohende Meer kompromisslos gezeitenweise anwachsend und schrumpfend vom Land trennen.

Friedlich ist das Küstenbild, die gegenseitige Rücksichtnahme, die nur ganz selten durch die Wut von herbstlichen Sturmfluten gestört wird. Die Ostsee zeigt meist Gleichmut und Zuverlässigkeit. Sie verschwindet nicht wie ihre große Schwester im Westen für Stunden, dem Betrachter zu verheimlichend, wen sie besucht – und von diesem hoffentlich nicht voller Wut wiederkehrt. Sie bleibt und möchte dafür auch ihre Ruhe behalten. Böse kann sie werden, wenn man ihr ehrfurchtslos und ohne Erfahrung zu nahe kommt. Harmlosigkeit und Anmut wurden wenige hundert Meter weit draußen schon oft zur tödlichen Falle.

Doch an Land ist die Ostsee ist ein Meer, das die Harmonie mit ihrem umgrenzenden Festland zu sucht. Beide geben sich Spielräume. Schmeichelnde Buchten und Halbinseln, flache Noore, die an Binnenseen erinnern und für den Nachwuchs der Fische so wichtig sind, Eichenwälder, die sich die Küste mit dem Strand teilen, Förden, die einen sanften Ersatz für fehlende Flussmündungen bieten, und nur ihren eiszeitlichen Ursprung mit den schroffen Fjorden Norwegens teilen.

Der Sand der Strände ist längst nicht so fein wie der vieler anderer Meere, so dass er sich auch nicht als stolz umherwandernde Düne zeigt. Bescheidenheit. Eher wird er zum Ärger der Badegäste weggeschwemmt als angespült.

Der Strand – mal Sand, mal Schilf, oft in der Sonne trocknendes Seegras, als Wellenbrecher in Reihe gesteckte, verrottende kleine Holzpfähle die scheinbar niemals erneuert werden, doch in jedem Jahr noch da sind und Steine.

Diese Steine. Sie gaukeln gemeißelte Gesichter oder Tiergestalten vor, wirken anschmiegsam oder schroff bis scharf, zeigen Einschlüsse unserer längst zu Kalk gewordenen Vorgänger, haben fingerdicke Löcher, maserige Muster und überraschende Kontraste zwischen außen und innen.

Bernstein ist nicht mehr zu finden, doch einmal angefangen, endet ein Nachmittag des erfolgreichen Sammelns üblicherweise mit dem Bewusstsein, nicht alle Fundstücke transportieren zu können und dass gerade die prächtigsten viel zu schwer sind. So bleiben die Besten immer liegen.

Als Stadtkind habe ich die große Freiheit dieses unendlichen Abenteuerspielplatzes genossen. Auch wenn ab und an, besonders nach Erzählungen von Klassenkameraden, die schon damals von viel exotischeren Reisezielen, wie Österreich, Italien oder gar Spanien berichteten, so etwas wie Neid aufkam. Doch Länder, Landschaften und Leute, wie Erwachsene sie sehen, waren noch nicht wichtig, Spielkameraden schon – und glücklicherweise an meinem Urlaubsort mehr als ausreichend vorhanden.

Ich kam an, hatte kaum Zeit für die Begrüßungsfrikadellen meiner Oma, rannte los und traf die wie ich wieder ein kleines Stück gewachsenen Kollegen des Vorjahres. Manchmal waren sie schneller als ich, standen, gerade hatte ich den Koffer abgestellt, schon in der Haustüre der Großmutter. Schmutziger, im klebrigsten Sinne rotznäsiger als Stadtkinder. Neugierde. Kurze Fremdheit. Dann fühlte ich mich wieder wie einer von ihnen, ohne diese gewisse großstädtische Arroganz restlos abzulegen, denn auf diese Weise brauchte ich möglichst wenig von meinem Beeindruckssein preisgeben.

Die Spiele, die wir spielten, waren keine Spiele, kein dämliches Nachlaufen, kein Cowboy- und Indianergeplänkel mehr, bei dem der Getroffene nach jedem Todesschuss sofort „ich bin ein Neuer“ ausrufen musste, damit noch genug Spielende dabei blieben. Völkerball wurde zur Völkerschlacht und Verstecken war auch in kilometerweit entfernten Baumkronen noch möglich. Es waren Abenteuer, die ich in der Heimat der Häuserwände und Autoabgase nicht erleben konnte und hier zum Wunder des Hineinkriechens in die Leinwandwelt wurden.

So nahmen sie mich damals also auf ihren Streifzügen mit und mit der bescheidenen Weisheit meines Alters, auch ohne böse zu sein, kann ich heute sagen: wahrscheinlich war die Zahl ihrer Bandenmitglieder wichtiger als die Qualität.

Ich kann mich dunkel daran erinnern, dass Detlef sogar in manchen dieser Abenteuer eine Rolle spielte. Eine Rolle wie , den wir aus den Winnetou-Filmen kannten. Detlef war uns Kindern näher als dieser und wurde somit in fast logische Konsequenz eingebaut. Eigentlich hätte dies eine Ehre für ihn sein müssen, denn welches Kind stellt im Spiel schon einen wirklich lebenden Menschen dar? Gut, Vater oder Mutter vielleicht, aber nie den echten und eigenen Vater oder die echte und eigene Mutter. Die sind viel zu langweilig und nachprüfbar. Da war es besser, die Film- und Fernsehhelden zu nehmen, ihre Geschichten weiterzuspinnen.

Wir spielten den echten, kindlich falsch interpretierten Detlef, denn leider überwog die komödiantische Seite, die Seite, die ich einmal kennen lernte, als ich mit meinen Eltern eine Fahrradtour zum Strand unternahm und wir plötzlich ein Paar alte Stiefel im Gras des Straßengrabens liegen sahen. Genau dort, wo ich sonst so gerne die Weinbergschnecken auflas, um sie im Garten meiner Großmutter, sauber markiert und numeriert auszusetzen, lagen diese riesigen Stiefel im hohen Gras. Ordentlich nebeneinander, so als wollten sie, wenn sie denn einmal poliert würden, für die Auslage im Schaufenster eines vornehmen Schuhgeschäftes proben.

Näher herangekommen waren die Stiefel jedoch nicht mehr allein. Detlef lag in ihnen, schlief, wie wir zu unserer Beruhigung an seinem Schnarchen hören konnten. Er schlief sich einen Rausch aus, denn je älter er wurde, um so mehr soff er.

In jedem Jahr sah man ihn öfter schiebend neben oder bedrohlich schwankend auf seinem Fahrrad sitzend, kaum in der Lage, die anstrengenden Steigungen der von umrahmten Straßen zu meistern.

Wie oft ist er wohl gestürzt und wie oft sind die Nähgarnrollen aus der Milchkanne und die Pflaster und Postkarten aus dem Koffer auf die staubige Straße gefallen und haben den ohnehin geringen Verkaufswert geschmälert?

Anscheinend wurde seine Kauzigkeit mit den Jahren zur stillen Äußerung einer unfreiwilligen Einsamkeit, wie die rosigen Wangen kein Zeichen von Jugend mehr waren, sondern nur noch das des Wechselspiels von Alkohol und Dünnhäutigkeit.

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Vor einiger Zeit wurde ich von einer für mich neuen Information überrascht. Mit ihr zeigte sich, dass Detlefs Einsamkeit einen später angesetzten Ursprung gehabt hatte, als ich es lange vermutete. Die Rolle war wirklich eher eine tragische, denn eine komische. Die Rolle eines vormals ganz üblichen Landbewohners, die an einem Stichtag vom Spielplan gestrichen wurde. Einsiedler werden nicht geboren.

Detlef hatte Familie. Eine Frau und eine stattliche Anzahl von Kindern, aus denen allen, wie es gerne aus etwas überheblicher Verwunderung gesagt wird, etwas geworden ist. Eine Tochter soll gar mit einem dänischen Pastor verheiratet sein und die Söhne erlangten allesamt anerkannte Berufe. Als könnte es einen Grund für das Gegenteil geben. Als hätte ein gemeinhin unverstandenes Leben mit vererbbarer Dummheit oder zwangsläufigem Versagen zu tun.

Einen Beruf, der gerne als Ablenkung für ein nicht funktionierendes Leben dienen kann, einen Beruf, den Familienväter unbedingt brauchen, um allgemein als Ernährer anerkannt zu werden, hatte er nicht mehr. Der war ausgestorben. Einen Schweizer, so nennt man hier einen Melker, wollte kein Bauer mehr beschäftigen. Es wurden lieber teure Melkmaschinen gekauft, die schneller, rationeller waren, als seit Generationen erprobte Menschenhände.

Seine Frau ist, so reime ich es mir zusammen, kurz nach dem Erwachsenwerden der Kinder, viel zu früh also, gestorben und hat damit ihren Mann unfreiwillig ins Einsiedlerdasein überlassen. Zusammenhänge, Schicksale, die damit keine Einzelschicksale sind, die ich noch nicht verstehe, die noch nicht recherchiert sind, die ohne Frage Alltäglichkeit beweisen würden und Detlef weniger fremd werden ließen. Noch ist etwas Zeit mehr über ihn zu erfahren und die Erinnerung an ihn als bloßen Stoff simpler Hochzeitssketche überleben zu lassen.


Nachtrag zur Fassung aus dem Jahr 2008

Der vorliegende Text ist ein Auszug aus einer noch nicht fertiggestellten Sammlung von Ferienerinnerungen aus Kindertagen. Für die über all die Jahre eingeflossenen fiktiven Elemente, man könnte sie auch Verfälschungen nennen, möchte der Autor bei den Nachfahren des wahren Detlefs und all jenen, die es besser wissen, um Verzeihung bitten. Um seine eigene Erinnerung aufzufrischen und um der „Wahrheit“ etwas näher zu kommen, ruft er die Leser dieser Ausgabe auf, ihm authentische Informationen, Geschichten und Eindrücke zuzuschicken. Gerne würde er seine Erinnerung weiter auffrischen.


Zweiter Nachtrag

Bedanken möchte ich mich bei Herrn Konrad Rücker, der auf den Text an anderer Stelle aufmerksam wurde und ihn im Geltinger Amtskurier veröffentlichte. Dies und die Tatsache, dass meine Geschichte von den Lesern, die Detlef besser als ich gekannt haben, trotz meiner sehr subjektiven Sichtweise als treffend gelobt wurde, freut mich außerordentlich. Zu gerne möchte ich möglichst bald einen Urlaub nutzen, um weitere Geschichten und Bilder zu retten. Wer mag, darf gerne diesbezüglich Kontakt mit mir aufnehmen.

Dritter Nachtrag

Am 22.Januar 2014 erinnerte der Schlei-Bote aus Kappeln aufgrund des Erscheinens eines historischen Bildbands an „Callsens rollendes Kaufhaus„.

© Dirk Jürgensen – Veröffentlichungen des Textes, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

Angeln, für viele unbekannt ist der schleswig-holsteinische Landstrich zwischen der Schlei – Karte holen – und der dänischen Grenze und auch der Flensburger Förde. Im Westen grenzt Nordfriesland und im Osten die Ostsee an dieses Land der roten Kühe.
Vermeintlich wissende oder eher herkunftsbedingt unwissende Badegäste antworten gerne etwas irritiert noch am Abend mit „guten Morgen“. Doch „Moin“ ist mit dem niederländischen „mooi“ verwandt, heißt nichts Anderes als einfach nur „gut“ und ist daher für jede Tagszeit geeignet.
So bezeichnet sich die Bevölkerung des Landstriches selbst. Nicht etwa als Angeln oder Angelner, immer mit einem gewissen Stolz, irgend etwas mit den Angelsachsen, die unverständlicherweise irgendwann auf die britische Insel auswanderten, zu tun zu haben und auch mit den gleichnamigen roten, eigentlich rotbraunen, Kühen, die hier den Schwarzbunten keine Chance lassen.
Ralf Wolter spielte ihn und ich weiß, dass es meine Lieblingsfigur dieser Filme war. Winnetou war immer zu ernst, Old Shatterhand zu adrett. Hieß er Fuzzy? Egal, jedenfalls war es eine Figur, die Fehler hatte und eine gehörige Menge Humor zum Überleben besaß.
Knicks sind diese markanten wallbildenden Feld- und Wegumrandungen Angelns, die mit hier Fliederbeeren genannten Holunderbüschen, Weiden, Nussbäumen und Eichen kleine Wälle bilden und damit Windschutz und Feuchtigkeitsregulierung bieten. Lange wurden sie zugunsten einer Vergrößerung der Nutzflächen und die rationelle Benutzung industrieller Landmaschinen weggerissen und erst in den letzten Jahren wieder aufgeforstet.