Der Spacko

Als er mir in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum ersten Mal begegnete, fühlte sich der Schwachmat nicht mehr so einsam. Jedenfalls im jugendlich-proletarischen Sprachgebrauch. Er bekam den Spacko an seine Seite. Beide sind sich recht ähnlich, sind dümmlich, dreist und irgendwie erfolgreicher als unsereiner. Der Spacko hat, das Wort kann nicht in fettreduzierter Form akzentuiert werden, muss ein feister Schwachmat sein. „Wir werden von Schwachmaten regiert und die Spackos – in einigen Regionen auch Spacken – machen doch sowieso nur das, was ihre Taschen füllt – und wir wählen sie auch noch.“ Eine Aussage, die bis in die heutigen Tage beliebt geblieben ist und mich die Frage stellen lässt, ob nicht wir die eigentlichen Schwachmaten sind, die den Spackos die Machtpositionen überlassen.

Ich lasse die Frage unbeantwortet und möchte darauf hinweisen, dass es der Spacko nun mit einiger zeitlicher Verzögerung auch in den Duden geschafft hat. Dort hat man seine gesellschaftliche Relevanz allerdings nicht erkannt und mit der Wortbedeutung „dummer Mensch (Schimpfwort)“ erheblich herabgestuft. Liebe Duden-Redaktion, der Spacko kann wesentlich mehr. Leider.

Wie komme ich nur darauf? Na klar. Im November 2007 ging mir einmal mehr die in unserem Büro in kürzesten Abständen schallende Radiowerbung auf die Nerven. Ich war derart erregt, dass es ein paar kurze Textfragmente aus mir schrieb, die ich im Online-Magazin Einseitig.info veröffentlichte. Da ich keine Markenrechte verletzen wollte, kam mir der Spacko lautmalerisch in die Quere. Wer hätte ahnen können, dass mich ausgerechnet der neue Duden des Jahres 2013 an daran sollte? Die angesprochenen Werbespots laufen inzwischen nicht mehr. Mir sind sie jedoch in Erinnerung geblieben, wenngleich ich heute einige neue Beispiele aufführen könnte.

Spacko-Reichundfetter – Radiowerbung macht aggressiv!

Mein Name ist Martina Schelmisch, die Boxerin. Wenn ich keinem in die Fresse haue, dann esse ich Spacko. Spacko macht mich reich und dich fetter. Und nach dem Spacko-Reichundfetter-Job mache ich Wellness, weil zurückgeschlagen werden auf Dauer blöd macht.

Ein Werbespot, den man als leidgeprüfter Büro-WDR2-Mithörer immer und immer wieder auf die Ohren gehauen bekommt, wenn nicht gerade wieder kein Rabatt auf Tiernahrung gegeben wird. Wenn ungare Kaltbäcker nicht minütlich wiederholend ihre alte Wurst, unter dem Namen Schmecklecker dem ach so witzigen Reim verpflichtet, keck in den Darm stecken.

Dann folgt der Beitrag einer Werbeagentur, die bisher von unterbezahlten Schülern Wurfzettel für Gabi´s Friseurladchen in überfüllte Briefkästen und Papiercontainern stopfen ließ. Ob es Dilettantismus oder einfach ein fehlendes Budget ist, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls wären professionelle Sprecher durchaus ratsam gewesen, um dem Anpreisen vollkommen unzeitgemäß energiefressender Elektroheizungen einen gewissen Touch Seriosität zu verpassen. Beim ersten Hören ist der Spaßfaktor aufgrund der vermutlich unfreiwilligen Komik gar nicht so gering, doch verliert er sich schnell und schlägt, wenn die Abstumpfung des Rezipienten noch nicht das Endstadium erreicht hat, in pure Aggression um.

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Leider ist Blödheit nicht allein Sache des Etats. Bis vor wenigen Tagen bereitete eine Elektroselbstbedienungskette die inzwischen in ihrem Geiz erheblich aufgegeilte Öffentlichkeit auf das Ende ihrer Geilheit vor. Es handelt sich nicht um jene Kette, welche, unter der gleichen Konzernregierung dienend, einst unsere Leitblödler Schmidt und Pocher beschäftigte und trotz ihres unterscheidenden Rädermaßes auf ein Gleis wuchtete, sondern um die andere.

Etwas bahnbrechend, total, super und überhaupt Neues sollte kommen. Der ultimative Claim. Man konnte sich ausmalen, wie sich die führenden Kräfte einer in ihrer Kreativität unermesslich grenzenüberschreitenden Spitzenagentur Tage, Wochen, ach was Monate bei Coffee-Pad-Kaffee und im Qualm stylischer Zigaretten verbrachten, ihre Brains durchstormen ließen, Wording um Wording verwarfen, … bis … bis endlich …

bis endlich der Chef sagte:

„Leute, ich hab´s!“

„Ja, Chef, lass uns hören, was Du zu sagen hast!“ rief darauf hin die verschwitzte Menge der Untergebenen. Unter ihren glasigen Augen, Ränder, so dunkel wie die durcharbeiteten Nächte jeder vergangenen Woche. Und der Chef hob an:

„Wir lieben Technik…“

„Jaaaa!“ forderten die erleichterten Schergen eine Fortsetzung. „Weiter!“

„…und hassen Teuer!“

Schweigen.

Noch immer Schweigen.

Plötzlich stand einer auf. Es folgten weitere. In den hinteren Rängen fielen einige auf die Knie. Eine Stimmung machte sich im Raum breit, die uns nur der Gründer einer Weltreligion glaubhaft nahebringen könnte, wenn er nicht längst gestorben wäre.

Der erste, eigentlich derjenige, der so gern auf dem Stuhl des Chefs säße, wagte das Schweigen zu durchbrechen:

„Das ist es Chef! Damit haben wir sie!“

Dem Fußvolk blieb nur noch der Jubel. Und als sich dieser nach einer guten Stunde gelegt hat, die Sektkorken einen Großteil der Leuchtstoffröhren zerschmettert und den Sitzungsraum in ein festliches Halbdunkel gelegt haben, klopfen jene, die die Kraft noch finden, dem Chef auf die Schulter:

„Mannomann, Chef, wie sie das wieder gemacht haben!?“

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Wissen Sie, warum man noch nicht dazu übergegangen ist, Radiosendungen allein aus Werbespots zu gestalten, warum man also zwischendrin die einzige zur Verfügung stehende Best-of-Sonstwas-CD rauf und runter spielt und mindestens stündlich die Nachrichten aus-aller-Welt-und-bei-uns-zuhaus wiederholt?

Ganz einfach. Es geht um die Sicherheit der Bevölkerung.

Wer nämlich gezwungen wird, nur einen Tag lang an einem Stück die Radiowerbespots der einschlägigen Sender anzuhören, wird sich in der nächsten Bahnhofsgegend seiner Heimatregion eine annähernd massenvernichtende Waffe besorgen und mit ebendieser Amok laufen. Denn nur, wenn es keine lebendigen Ohren mehr gibt, dann wird man auch aufhören, den Mist auszustrahlen.

So und nicht anders verhält sich der Markt. Anders versteht er es nicht.

Wir wissen nicht, ob Innenminister Schäuble bereits intervenierte. Gut, dass die Sender – freiwillig oder nicht – noch ein Stückchen Verantwortung spüren und den Begriff der Werbeunterbrechung wörtlich nehmen. Und es ist gut, dass die Verfügbarkeit massenvernichtender Waffen auf deutschen Bahnhofsvorplätzen allgemein arg überschätzt wird.

 

Ersterscheinungsdatum: 04.11.2007- auf Einseitig.info

© Dirk Jürgensen – Veröffentlichungen des Texts, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.