Kein Stück weiter – Die Energiewende wurde schon 1977 verschlafen

Als ich diesen Text im Mai 2006 verfasste, konnte niemand ahnen, dass die japanische Stadt Fukushima einmal ähnlich berühmt wie Tschernobyl werden sollte. Noch stand hingegen der Ausstieg vom Atomausstieg bevor, den heute erneut einige von der Industrie getriebene Politiker fordern und uns täglich die Kosten der Erneuerung vorrechnen. Dabei sind es die Fehler einer längst vergessenen Zeit, die uns heute teuer zustehen kommen. Doch nun zur Geschichte.

Und diese Jahrzehnte müssen überlebt werden – mit Atomenergie“

Wenn ich mich langweile und es meine Zeit zulässt, dann mache ich Reisen – vornehmlich Zeitreisen. Bitte lassen Sie mich im Zusammenhang mit der von mir verwendeten Technik Verschwiegenheit bewahren, denn allzu groß ist bei unsachgemäßem Umgang die Gefahr eines fatalen Eingriffes ins Raum-Zeit-Kontinuum. Sie kennen die Problematik gegebenenfalls aus einem populärwissenschaftlichen Filmklassiker, der den Namen „Zurück in die Zukunft“ trägt. Tatsächlich sind Zeitreisen übrigens wesentlich unspektakulärer, als Hollywood es uns weismachen möchte.

Der Spiegel vom 3. Januar 1977

Der Spiegel kostet zwei Mark fünfzig, nur ein Drittel des heutigen Preises, und ist auf den 3. Januar 1977 datiert. Jetzt weiß ich, warum ich friere.

Neulich verschlug es mich ins Jahr 1977. Da ich meistens an einem Montag ankomme, zieht es mich auch diesmal wieder in die Richtung eines Kiosks, lässt mich einen Spiegel kaufen. Zum Glück habe ich zu diesem Zweck immer ein paar alte D-Mark in der Tasche meiner zerschlissenen Jeans. Die passt immer, da meine Zeitreisen höchsten fünfunddreißig Jahre weit reichen. Der Spiegel kostet zwei Mark fünfzig, nur ein Drittel des heutigen Preises, und ist auf den 3. Januar 1977 datiert. Jetzt weiß ich, warum ich friere.

Ich suche mir ein Café. Die sind in dieser Zeit noch den alten Damen vorbehalten. Ich gehe trotzdem hinein, setze mich etwas abseits in ein Eckchen und bestelle bei der beschürzten Kellnerin einen Milchkaffee. Sie stutzt, geht aber dann doch fort und kommt wenige Minuten später mit einer Tasse schwarzen Kaffees zurück. Das Milchkännchen steht daneben. Ach ja, ich erinnere mich, solche Bestellungen sollte ich frühestens in den Neunzigern aufgeben.

So, als hätte ich ein seltenes Exemplar aus dem Archiv eines Museums in der Hand, lege ich den Spiegel in möglichst sicherer Entfernung vom Kaffee auf den Tisch. Das Titelbild zeigt eine riesige Glühbirne, die hinter einem Atommeiler aufragt. Auf ihr ist fett „Atomstrom“, etwas kleiner „die große Illusion“ und darüber „Streit um die Energie-Lücke“ zu lesen. Eine solche Überschrift zu Beginn des Jahres 1977? Damals schon? Neun Jahre vor Tschernobyl?

Ich erinnere an meine eigentliche Gegenwart, an 2006. Eine Mehrheit der Bundesbürger soll laut immer wieder herumgetragener Umfragen für längere Laufzeiten der Kernkraftwerke sein. Spätestens seit dem letzten Wahlkampf wurde die Stimmung im Geiste einer fragwürdigen ökonomischen Vernunft vorangetrieben. Die Loslösung vom Öl, obgleich es kaum bis gar nicht der Stromerzeugung dient, sei wichtig. Außerdem benötigten die wachsenden Ökonomien Asiens immer mehr Energie um ihre Volkswirtschaften und unseren Arbeitsplatzabbau voranzutreiben, würden die Rohstoffpreise ins Unermessliche treiben und weitere Kernkraftwerke benötigen, die sie von uns beziehen würden. Und wenn andere diese Energieform nutzen, warum denn nicht wir? Dabei sind doch unsere Kraftwerke noch sicherer als die sonstwo auf der Welt. Vom strahlenden Müll und dessen Entsorgung (aus den Augen, aus dem Sinn) irgendwo in tiefsten Salzstöcken redet niemand mehr. Sie würden die Kostenkalkulationen mit dem Ergebnis billigen Atomstroms zu leicht ad absurdum führen. Optimismus statt Miesmacherei ist in Zeiten der Großen Koalition das oberste Gebot. Man soll ja auch nicht über ungelegte Eier und erst recht nicht über Regierungen oder Terroristen in ein- oder gar zehntausend Jahren spekulieren.

Auf Seite 32 finde ich heraus aus meinen Gedanken der nun für eine gewisse Zeit hinter mir liegenden zukünftigen Gegenwart. Oder auch nicht. Denn der Untertitel des Beitrages lautet:

Zwanzig Jahre lang wurden Kernspaltung und Kernfusion als die großen Energiespender der Zukunft gefeiert. Nun plötzlich gerieten die hochsubventionierten Kernkraftwerke teurer, gefährlicher und anfälliger als vermutet. Und schlimmer noch: Die Förderung der Atomenergie blockierte bis jetzt fast jede andere neue Energietechnik.
Moment mal. Tschernobyl liegt fast ein Jahrzehnt in der Zukunft und man machte sich bereits 1977 über die Gewichtung der Förderung alternativer Energien Gedanken? Ich lese gebannt, was nun folgt:

[…] rund hundert Milliarden Dollar wurden schon jetzt in die Atomkraft investiert, mehr als in jede andere Technologie seit dem Aufbruch des Kapitalismus. Aber für 1990 wird der Kernkraftanteil am Weltverbrauch von Primärenergie mit nur 13 Prozent angegeben. Selbst kühnste Pläne der Energiepolitiker enden für das Jahr 2000 bei einem Atomanteil von 20 Prozent der Weltversorgung. Denn anderes als Elektrizität – zu 13 Prozent am Energieverbrauch beteiligt – kann die Kernkraft vorerst kaum schaffen.

Wenn ich zurückkomme, werde ich einen Fachmann fragen, ob die Zahlen bestätigt wurden.

Doch die Stromerzeugung wurde – Absicht oder nicht – zum Maßstab allen Wohlstands genommen. Und die Kernkraft bot sich – Zufall oder nicht – als Retterin des Abendlandes vor dem Abgrund schwindender Ölreserven an: Atomenergie, so ihre Propagandisten, sei die einzige Alternative zu Kohle, Öl und Erdgas, mithin die einzige Bewahrerin des Wohlstands der Massen.

Hastig übernahmen die Politiker das Credo von der Kernkraft und fertigten ihre großen Programme daraus. „Denn ohne Kernkraft“, tönte jüngst selbst Forschungsminister Hans Matthöfer noch, „gehen bei uns die Lichter aus.“

Eine schon Ende der siebziger Jahre „mit Sicherheit auf uns zukommende Energieverknappung“ signalisierte Esso-Chef Wolfgang Oehme den politischen Freunden. Auf Kernenergie, so der deutsche Statthalter des tief im Uran- und Brennstäbegeschäfts steckenden Ölmultis Exxon, könne die Welt „keineswegs“ verzichten.

Bundeskanzler Helmut Schmidt, Oehmes Studienkollege aus Hamburger Volkswirtschaftsseminaren, widmete in seiner Regierungserklärung vom 16. Dezember [1976] der Atomkraft eine zwielichtige Passage. Aber „Kernenergie […] bleibt zur Deckung des vorhersehbaren Strombedarfs notwendig und unerläßlich.

Schmidts Kabinettskollege Hans Friderichs findet, daß es „keine realistische Alternative für den verstärkten Einsatz der Kernenergie“ gebe. Denn Kernkraft, so wissen die Bonner aus ihren nahtlosen Kontakten mit den Managern der Stromversorgungsunternehmen, ist billig und sauberer als alles andere und befreie die Republik von der Importabhängigkeit für Energie.

Vor allem Heinrich Mandel, Vorstandsmitglied des mächtigen Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerks (RWE), profilierte sich als industrieller Atomprediger. […] Um mindesten drei Pfennig je Kilowattstunde sei der Strom aus dem Reaktor billiger als Elektrizität etwa aus Kohlekraftwerken. Daß allein die Bundesrepublik Deutschland bis jetzt 19 Milliarden Mark in die Entwicklung der Kernkraftwerke vorgeschossen hat, geht in die Rechnungen des RWE-Mannes nicht ein.

Der Klimawandel war wohl noch kein Thema. Zu der unter dem Eindruck der Ölkrise gewünschten Versorgungssicherheit ist in Zeiten des Klimawandels der ebenso bedeutende CO2-Ausstoß in der Energieerzeugung hinzugekommen, aber trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, die Schienen für die eingleisige Diskussion im Jahre 2006 wurden damals gelegt. Wenn die Milliarden einmal ausgegeben wurden, dann müssen wir da durch.

Auch über Maß oder Unmaß der Folgekosten, die auf den Steuerzahler fallen, schwiegen sich die Atomophilen weitgehend aus. Atomare Wiederaufbereitungsanlagen kosten vier Milliarden Mark, die Entsorgungsschächte im Lande Niedersachsen wohl noch einmal das gleiche. Auf 50 Milliarden Mark, so rechnen Beamte der Atomenergiebehörde Erda aus, werden die Kosten für die Lagerung des amerikanischen Atommülls bis zum Jahre 2000 auflaufen. Vor solchem Hintergrund werden selbst sorgfältige Rentabilitätsrechnungen der Stromerzeuger Illusion.

[…] Noch 1960 setzte die Europäische Atomgemeinschaft (Euratom) die Rentabilitätsschwelle der Atomkraftwerke bei 150 Megawatt Leistung an. Sechs Jahre später rechnete die gleiche Behörde mit 600 Megawatt, und noch einmal sechs Jahre später sollte unter 1200 Megawatt überhaupt nichts mehr gehen.

Allein zwischen 1971 und 1975 erhöhte sich der Investitionsaufwand für ein neues Atomkraftwerk um 60 Prozent. Zwischen 1965 und 1975 waren es gar 244 Prozent. Von 1972 und 1975, so das renommierte Massachusetts Institute of Technology (MIT), werden die Investitionskosten für eine Kilowattstunde Strom aus Kernkraft noch einmal von 300 auf 1135 Dollar klettern. Daß gleichzeitig auch die Preise des Uran von 30 auf 100 Dollar pro Pfund steigen, ist bei einer so verfahrenen Entwicklung kaum noch von Bedeutung. Die Kapitalkosten erreichen – einmalig bei industrieller Produktion – 80 Prozent der Gesamtkosten.

Mit heutigen Maßstäben gemessen wirken die Milliardenbeträge teilweise winzig. Wir sollten allerdings nicht übersehen, wie oft der Preis des Spiegels in den vergangen Jahren erhöht wurde.

[…] Ausgespart bleib bei manchen Kalkulationen, daß Kernkraftwerke zuweilen ausfallen. […] Um Ersatzstrom zu produzieren, müssen sich die Elektrizitätsgesellschaften konventionelle Kraftwerke halten, die sie nach Bedarf, wie bei einer Schnauferlrallye, wieder anwerfen. Auch das erhöht die Kosten der Kernkraft.

Rechner wie die Manager des Chemie-Multis BASF haben ihre Kernkraftpläne denn auch wieder aufgegeben. Für das in der Nähe von Ludwigshafen geplante eigene 480-Megawatt-Kraftwerk der Chemiefabrik lagen die Kosten-Voranschläge 1969 bei 500 Millionen, jetzt liegen sie bei 2,1 Milliarden Mark – mehr als das Vierfache. […]

Erstaunlich, selbst Industrieunternehmen wollten einst eigene Kernkraftwerke bauen und nahmen aus Kostengründen davon Abstand. Wahrscheinlich nur, weil nebenan ein öffentlich subventionierter Meiler entstand. Besser, die Allgemeinheit trägt die dauernden Lasten.

An anderer Stelle wird dann endlich – der Begriff der „erneuerbaren Energie“ war, scheint´s, noch nicht erfunden – auf die Notwendigkeit von Alternativen, auf andere Formen der Energiegewinnung eingegangen.

Die Regierungen des Westens, die jetzt zwanzig Jahre lang einzig auf die Kernkraft gesetzt haben, könnten eines Tages dann ganz leer dastehen: Die Uran-Reaktoren fallen aus, weil die Uranvorräte der Erde verbraucht sind, die Brüter, weil sie zu gefährlich sind, und die Kernfusion, weil sie nicht geht.

Kein Plan weit und breit aber wurde entwickelt, auch jenseits der Kernkraft noch Energien zu sichern. Im Gegenteil. Der konzentrierte Milliarden-Einsatz für die Atomenergie blockierte rund um die Welt den Ausbau irgendeiner anderen modernen Energieform. Und schon jetzt ist es so weit, daß die ganze banale Reaktortechnik der ersten Stufe für eine Übergangszeit nötig ist, weil sie sich selber notwendig gemacht hat. Die Atomlobby hat auf der ganzen Linie gesiegt.

Ui, das hat gesessen. Die Niederlage alternativer Energieerzeugung, die uns im Jahre 2006 immer wieder vor Augen geführt wird, stand damals schon fest, wurde sogar durch immer weiter geförderte Reaktortypen, die noch immer den gleichen ewigen Müll erzeugen, immer weiter zementiert. Nach Tschernobyl und einigen kleineren „Unglücken“ wurde die Atomlobby etwas geschwächt. Doch welche Halbwertzeit hat eine öffentliche Meinung? Keine bedeutende. Appelle, die Stromsparen propagieren, verpuffen schon beim Kauf eines Radios. Welches Gerät kommt heute ohne verschwenderische stand-by-Schaltung aus? Da hinken wir sogar der Technik aus den Siebzieger Jahren hinterher. Dabei war auch damals schon das Sparen ein Teilaspekt zur Verhinderung neuer Kernkraftwerke.

Mit Tricks solcher Art [es ging vorab um sparsamere, auch von Methanol betriebene Autos, die zum Beispiel VW bereits erfolgreich im Testbetrieb probte, um Fernwärmeprogramme und die Nutzung von Wind, Sonne und Wasser] aber ist weit mehr Energie einzusparen, als die Atomkraft selbst im Jahre 2000 und selbst nach Meinung ihrer Propagandisten liefern kann. Aber sie würden eine langwierige Umrüstung der Industrieländer voraussetzen, die Jahrzehnte dauert. Und diese Jahrzehnte müssen überlebt werden – mit Atomenergie.

Der letzte Satz kommt mir sehr bekannt vor. Den habe ich ganz bestimmt auch im Jahre 2006 schon gelesen. Einerseits sollte man meinen, Zeitreisen würden weitaus häufiger als vermutet angetreten, besonders von Politikern und Journalisten. Andererseits ist es traurig, dass sie uns auch nach fast dreißig Jahren noch mit den gleichen Phrasen erfolgreich weich dreschen. Mir reicht der Besuch der Vergangenheit. Ich lege der Kellnerin drei Mark hin. Das wird wohl reichen. Sie bedankt sich überschwenglich.

Aufgrund einiger chronologischer Turbulenzen und einer ungenauen Zieleingabe in der Transmittersteuerung, landete ich für einen Zwischenhalt um den 13. / 14. Mai 2006 herum in Rostock. Dort, als ich im Vorraum einer großen Halle nach einer Möglichkeit, mir die Hände zu waschen suchte, hielt man mich für einen Delegierten des dort stattfindenden FDP-Bundesparteitages und drückte mir ein junger Kerl im Anzug – da ich seinem Kleidungskodex längst nicht entsprach, hielt er mich sicher für ein Relikt aus sozialliberaler Zeit – einen eng bedruckten zweiundzwanzigseitigen Block Papier in die Hand. Die Überschrift lautete:

Innovation und Lebensqualität durch marktwirtschaftlichen Umweltschutz – Grundsätze und Schwerpunkte liberaler Umweltpolitik

Na, das passte ja wieder: Alles der Marktwirtschaft unterordnen, sogar den Umweltschutz. Wenn das mal gut geht, sagte ich mir.

Ich hatte es dann doch eilig, wollte schnell in meine Gegenwart kommen, steckte die liberalen Grundsätze und Schwerpunkte in meinen Jutebeutel – den ich unlängst von einer anderen Reise in die Siebziger mitbrachte – und verschwand. Die Reise dauerte wenige Sekunden.

Zuhause angekommen, die Bundesligasaison war beendet, Bayern schon wieder Meister, las ich aus Langeweile im Papier der FDP. Auf Seite 10 stoppte ich, stand auf, holte meine Spiegel-Ausgabe Nr. 1/2 von 1977 hervor, las den fast dreißig Jahre alten Satz noch einmal:

Und diese Jahrzehnte müssen überlebt werden – mit Atomenergie.

Dann nahm ich den Antrag L des Bundesparteitages der FDP von 2006 wieder zur Hand und las:

Eine Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke ist notwendig, um bei der Stromproduktion Klima- und Versorgungssicherheitsziele zu erreichen, bevor die erhofften wirtschaftlichen Verfahren für CO2-reduzierte Kohleverstromung und in größerem Umfang grundlastfähige erneuerbare Energien als zusätzliche Option zur Verfügung stehen. Der staatlich verfügte Ausstieg aus der Kernenergienutzung am Standort Deutschland widerspricht in diesem Sinne den energiepolitischen Zielen der Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit.

Zeitreisen lohnen sich nicht für Menschen, denen ohnehin zu viele Wiederholungen gesendet werden. Wer weiß, wie weit die Diskussion im Jahre 2036 gekommen ist. Es kann gut sein, dass man bis dahin aufgrund der unerwartet hohen Kosten für die Sicherheit der Endlagerstätten alle Forschung an alternativen Energiegewinnungstechniken aufgegeben hat. Es sei denn, es hat irgendwo in Indien, in Weißrussland oder im Iran ein zweites Tschernobyl gegeben oder Terroristen haben sich eines Zwischenlagers in Pakistan bemächtigt. Kann man das vorher wissen? – Nicht wissen, ahnen.

Ein letztes Zitat aus dem Mitbringsel meiner Zeitreise, die mich in die Zeit vor den Super-GAU führte:

[…] Nicht einmal die Nationalstaaten von heute haben sich bislang in der Lage gesehen, Energiepolitik anders zu betreiben als in Form einer Datensammlung, die von der Industrie aufgegeben wurde. Nicht einmal die Ölkrise von 1973 brachte die Regenten des Westens dazu, sich über langfristige Energiepolitik zu einigen – sie verließen sich lieber auf die Expertisen der Ölmultis, die sämtlich auch im großen Atomgeschäft stecken.

Sie verließen sich vor allem auf Versicherungen der Techniker, daß der große Reaktorunfall, der Hunderttausende von Menschenleben fordern würde, mit Sícherheit nicht kommen würde, aber eines Tages kann er dennoch geschehen. Die Regierungen verließen sich bei Kernkraftwerken und Entsorgungseinrichtungen auf sehr konventionelle Sicherheitsvorkehrungen gegen Terroristen und hatten dabei nichts anders im Sinn als Gangsterstücke in einer ansonsten funktionierenden Gesellschaft.

Aber keine Gesellschaft, kein Staat lebt so lange, wie Plutonium strahlt. Was in weltgeschichtlichen Krisen passiert, daran hat, so Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker, keiner gedacht. Schon heute ist bei dem dringendsten aller Probleme, dem der Energieversorgung, die pluralistische Welt unregierbar geworden, versagen den Staatenlenkern die Visionen.

Nur wenige Jahrzehnte Kernkraft für alle heißt auf lange Zeiten Kernwaffen für viele. […] In der Bundesrepublik, deren Atomindustrie mächtig ist, aber drückte Forschungsminister Matthöfer nur noch den Zwiespalt der Nation aus. „Das Problem ist, den Schaden möglichst klein zu halten.“
Was ist das: Möglichst klein?

Eine Frage, die heute besondere Brisanz erhält, wenn einem gefürchteten Staatslenker namens Ahmadinejad die Lieferung „sicherer“, „kontrollierbarer“ Atomtechnik in den Iran angeboten wird. Es handelt sich um einen Kompromiss, der den Schaden möglichst klein halten soll. – Wie klein geht er denn, der Schaden? Wie heißt, was kann und was will ein neuer Ahmadinejad in zwanzig Jahren? Oder wie weit gehen die Fähigkeiten eines noch heranzubildenden Terroristen in irgendeinem heute noch vertrauenswürdigen Land, wenn Ihre und meine Enkel erwachsen sind? Soll ich während meiner nächsten Zeitreise einmal nachschauen, was der Spiegel schreibt? Hollywood ist ein Klacks.

26.05.2006

© Dirk Jürgensen – Veröffentlichungen des Textes, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors