Gated Generations

Die ewige Ü-30-Party

Eine Antwort auf „Ü-30 – Geschichte einer Verjüngung“ von Julia Trompeter bei Einseitig.info.

Wikipedia schreibt: „Der Generationenabstand, die Generationsdauer oder die Generationenspanne ist der Durchschnitt der Altersdifferenz aller Kinder zu Vater oder Mutter in Jahren. Entsprechend den Unterschieden im mittleren Heiratsalter von Mann und Frau ist die Generationenspanne zum Vater in der Regel größer als zur Mutter. In der Mutterlinie ergibt sich deshalb in zehn Generationen etwa eine Generationenspanne mehr als in der Vaterlinie.

Vor 1800 betrug der mittlere Generationenabstand noch über 30 Jahre. Rümelin berechnete 1875 für Deutschland eine durchschnittliche Generationsdauer von 36,5, für Frankreich eine von 34,5 Jahren. Er addierte hierzu das mittlere Heiratsalter der Männer und die halbe Dauer der mittleren ehelichen Fruchtbarkeit. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts sank der mittlere Generationenabstand um einige Jahre, weil die Mehrzahl der Kinder von Müttern unter 25 Jahren geboren wurde, die dann kaum noch weitere Kinder hatten. Früher waren noch zahlreiche Kinder von Müttern über 30 oder auch 40 Jahren geboren worden. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich dieser sinkende Trend in Deutschland erneut umgekehrt, und der Generationenabstand ist wieder gewachsen.“

In der populären Musik und den dazugehörigen Veranstaltungen gelten andere Regeln. Hier herrscht ein Denken in Dekaden.

Wie das so mit den Zufällen ist. Vor wenigen Tagen gestand ich unter Freunden, noch nie auf einer Ü30-Party gewesen zu sein und stellte die Frage, ob ich denn noch auf eine solche gehen dürfe, ob man mich dort noch hineinlasse. Die beiden von mir Angesprochenen hatten vor kurzem erst die 40 überschritten und verstanden mein Ansinnen nicht. Natürlich, antworteten sie und fragten zurück, warum denn nicht? Aber für mich seien doch jetzt die Parties der Ü50 oder 50+ erfunden worden, konterte ich. Seit ich nun den Erlebnisbericht meiner geschätzten ehemaligen Redaktionskollegin Julia Trompeter mit dem Titel „Ü30 – Geschichte einer Verjüngung“ las, verstehe ich die Äußerung meiner Freunde als nett gemeinte Vertuschung einer Wahrheit, von er ich gar nichts erfahren wollte. Anders herum kann ich aber ihrem daheimgebliebenen Freund nur beipflichten, denn auch ich hätte die Enttäuschung erahnt, wäre ebenfalls zuhause geblieben, vielleicht doch zur Selbstbestätigung mitgekommen oder hätte eine andere Party, einen anderen Club vorgeschlagen. Aber genug der Schlaumeierei.

Nein, nicht ganz. Denn wie alle alten Männer, möchte auch ich den jungen Dingern etwas erzählen.

Gefühlt begann es mit den Ü30-Parties irgendwann in den Neunzigern, also diese  die Afterworkparties der Achtziger ablösten, denn diese wurden zunehmend von Menschen übernommen, die gar nicht von der Arbeit kamen, höchstens aus der Schule. Sie sollten ein musikalisches Kontrastprogramm zum damals bei den Teens und Twens üblichen Party-Mainstream darstellen, der eher dem Techno und seinen Varianten zugeneigt war. Gewissermaßen stellte diese Entwicklung den Wunsch eines Marktsegments nach einer Abschottung vom Neuen dar, jene Art der Intoleranz und das Zeichen eines Stillstands also, die und das jede Generation ihren Eltern vorwirft.

Auch ich kann mich einer partiellen Ablehnung bestimmter musikalischer Dekaden nicht erwehren, was ich im nun Folgenden erklären möchte:

Ich wurde 1958 in die Welt zukünftiger Parties gesetzt, somit fand meine musikalische Sozialisation in den Siebzigern statt. In jenen Siebzigern der Supergroups, des Rocks also, dann auch des Jazz-Rocks und anderer Stilrichtungen, deren Namen meist erst in den Dekaden danach erfunden wurden. Es war die Zeit der langen Stücke, der Konzeptalben, der ausdauernd quietschenden Gitarren, der ewig langen Schlagzeugsoli und so weiter. Der zum Ende der Siebziger aufkommende Punk stellte sich mir musikalisch als ein Rückschritt hin zu den durchaus wichtigen Sechzigern dar. Sein optisches Erscheinungsbild und seine fehlende Virtuosität war mit damaligem Stand etwas für die ein paar Jahre später Geborenen. Ihn lernte ich erst viel später zu schätzen, als er leider nicht mehr lebendig anzutreffen war. Der sich ebenfalls Ende der Siebziger durchsetzende Diskosound (die zur Hälfte eingedeutschte Schreibweise ist Absicht) vertrieb mich aus den ehemals so beliebten Etablissements meiner Heimatstadt. Der Mann trug plötzlich Anzug und teilweise gar Krawatte, kämmte sich ordentlich, benutzte ekliges Gel für seine kürzer werdenden Haare, übte längst ausgestorben gewähnte Paartänze, die man zuvor in einer handvoll seltsamer Kinofilme gesehen hatte und erschrak bei Gitarrensoli. Die Jugend schien mich in ihrer Biederkeit plötzlich altersmäßig rechts zu überholen. War all die Aufregung der 68er für die Katz? Zumindest war die Grundlage geschaffen, all die unsäglichen Auswüchse der Neuen Deutschen Welle und des Elektropops, des zu Beginn recht unbeholfenem, aber wenigstens aufbegehrenden, Techno zum größten Teil und die dazugehörige Dekade vollständig in die Tonne zu werfen.

Erst in den Neunzigern kam wieder Hoffnung auf. Die stilistisch vielfache Öffnung des Techno zwischen Müll und hoher Kunst, der Trip-Hop, der Acid-Jazz, die Break- und Big-Beats, die Wiederentdeckung des Rock unter der Überschrift Crossover, um nur ein paar Stichpunkte in loser Reihenfolge zu nennen, brachten Spannung in das Thema und ließen mich wieder den einen oder anderen Club, so nannte man die Diskos unserer Väter unsere Diskos oder „Läden“ neuerdings.

Die frühen Ü30-Parties waren nichts für mich. War ich bereits zu alt? Jedenfalls, so wusste ich aus Erzählungen, wurde dort damals ausgerechnet der von mir so abgelehnte und stimmungstötende Diskosound, der Plastikpop der Achtziger zu Gehör gebracht, nicht einmal ein bisschen Punk, der etwas Erholung bedeutet hätte. Manch eine dieser Veranstaltungen verstieg sich sogar ganz auf die inzwischen längst veraltete Neue Deutsche Welle. Nein, dieser Preis für die bloße Gemeinschaft Gleichaltriger war mir entschieden zu hoch. Auch das Hinzufügen des Begriffs „Single“ konnte den Reiz eines solchen Events nicht fördern. Welches erotische Abenteuer wäre schon von einer Partybekanntschaft zu erwarten gewesen, die lauthals „Ich düse, düse, düse im Sauseschritt“ mitgröhlt? – Hier gerate ich den Bereich der Fiktion, denn, siehe oben, ich war noch nie auf einer derartigen Veranstaltung. Allein der Gedanke allein genügt zur Abschreckung.

Ein weiteres Derivat altersdefinierter Partykultur waren die bald folgenden Depeche-Mode-Parties, die ebenfalls von der jeweils gültigen Generation 30Plus besucht wurden. Was soll ich auf einer Party, die allein einer Band gewidmet ist, die auf jedem ihrer Alben nur ein bis zwei brauchbare Stücke produziert hat und ansonsten absolut überbewertet wird? Viel zu langweilig.

Ende der Neunziger und Anfang der Zweitausender besuchte ich in meiner Heimatstadt immer wieder gerne einen Club, ja ich lasse den Begriff jetzt so stehen, der den Namen Unique trug. Besonders die Abende – besser: Nächte – reizten mich, bei der eine Musik der mir vorangehenden musikalischen Sechziger-Generation gespielt wurde, die man mit Nothern Soul, Funk und noch ein paar anderen Bezeichnungen beschrieb. So hatte ich die Musik meiner Ahnen noch nie zuvor gehört, die jene ganz sicher mit anderen Namen bedachten. Es ging so richtig ab, jeder und jede hüpfte herum, der Schweiß floss in Strömen und der Laden war stets proppevoll und, wenn der Job nicht einen furchtbaren Abbruch forderte, frühestens gegen drei Uhr morgens wurde in die triste Realität hinausgelassen. Zur Erinnerung: Im Jahr 2000 zählte ich nicht mehr ganz zarte 42 Lenze. Während seine Kollegen vor anderen Clubs mit einer verbalisierten Kritik an meinem Schuhwerk und einer unerwähnten Kategorisierung unter „zu alt“ für das Fernbleiben im ihnen anvertrauten Etablissement gesorgt hätten, hatte jener kein Problem mit mir. Aufgrund des immensen Überhangs an jugendlicher Klientel hätte ich es sowieso schwer gehabt, den Altersdurchschnitt von maximal 23,7 zu heben.

Vielleicht war es die Konzentration der Menge auf die vorgetragene Musik, vielleicht war es die noch nicht bestehende seuchenhafte Verbreitung von Smartphones, vielleicht war es einfach die Toleranz der Anwesenden oder auch meine persönliche Ignoranz. – Ich fühlte mich wohl, nicht als Fremdkörper, obwohl ich der Vater einiger anwesender Blagen hätte sein können. So muss es doch sein, oder?

Inzwischen gibt es das Unique nicht mehr. Die Betreiber haben neulich eine neue Lokalität, das , eröffnet. Es sollte mein Ziel sein, es demnächst einem intensiveren Test zu unterziehen. Wenn mein alters- und berufsbedingt angeschlagener Rücken es zulässt, … Wer kommt mit?

Ja, liebe Julia, ich fürchte Generationenparties sind wirklich ein Zeichen des persönlichen Stillstands. Mit dem Alter – bei vielen Patienten tritt dieses unbeliebte Phänomen bereits beim Verlassen der Schule, während des einundzwanzigsten Geburtstags, mit dem ersten festen Job oder spätestens zur Geburt des ersten Kindes ein. Dann endet die Aufnahmebereitschaft für Neues. Ich fürchte zudem, auf Ü30-Parties gehen heute die Leute, die, wie ich, schon in den Neunzigern Ü30 waren und aufgrund eines fragwürdigen Stolzes, einer Altersfurcht oder Todesahnung keine Ü50-Party besuchen. Das dürfte Deine Beobachtungen bestätigen. Leider verhindert dieser Sachverhalt, dass die Ü30-Parties in den nächsten Jahren interessant für mich werden könnten, weil die vermaledeiten Achtziger erst durch das Wegsterben dieser schon viel zu lange währenden Generation überwunden werden dürfte.

Übrigens wird auf einer Party der Generation 50+, so habe ich gelesen, die Musik der Siebziger gespielt. Das ist dann eigentlich meine. Getanzt soll da auch werden, habe ich gehört. Gut und schön. Und zugegeben, manchmal überkommt sogar mich das Gefühl der Nostalgie, die Lust, die alten Scheiben wieder zu hören. Aber nicht nur. Brauche ich eine Party, um die Musik zu zelebrieren, die ich ohnehin im heimischen Regal finde? Und wie ist das mit der Ü50-Generation in zehn Jahren? Feiern die dann zur Neuen Deutschen Welle oder gibt es noch eine Möglichkeit, dieses Motto direkt den Um-die-100-Party-Kränzchen der Altenheime zu überlassen?

Bevor mir die Verzweiflungstränen über die in Ehren gereifte Gesichtshaut fließen, komme ich mit einem Statement zum Ende:

Ich lehne Generationenparties ab, erschaffe zur Unterstreichung meiner Ablehnung hiermit den aufgrund seiner Anglizität ungemein modisch klingenden Terminus technicus der „gated generations“ und rufe zum allgemeinen Ausbruch auf!  (Sollte man mich übrigens je auf einer Ü- oder U-Soundsoviel-Party antreffen, ist meine Anwesenheit allein wissenschaftlich begründet.)

Ansonsten, liebe Julia – das sei auch an Deine Mit-Ü-30erinnen gerichtet – nicht aufgeben: Kosmetik ist allgemein als überbewertet zu betrachten. Lass Dir das von einem alten Mann sagen.

 

© Dirk Jürgensen – Veröffentlichungen des Texts, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

Neu war das Blue Note in der Düsseldorfer Altstadt im Jahr 2012, als ich diesen Beitrag verfasste. Leider wird es musikalisch nicht mehr so bespielt, wie es damals der Fall war. Somit ist dieser Absatz nicht mehr aktuell.