Die Invasion der Blauhemden – Oder: Die Wahrheit über Tante Annegreth

September 2004. Die traurigen Fetzen der New-Ecomy-Blase hingen noch in den Bäumen und man pumpte in den USA, ohne es zu wissen, fleißig an der Immobilienblase. Als Reaktion auf das Scheitern der manchmal recht freakigen Internet-Firmengünder machte es die Jugend immer mehr den noch nicht verrufenen Bankangestellten nach und ging im Anzug oder Business-Zweiteiler an die Ausbildungsstelle. Adrette Kleidung sollte wohl Kompetenz ausstrahlen und den Kunden Seriosität vermitteln. Form vor Inhalt? Oder doch alles ganz anders. Mir kam das vor nunmehr fast zehn Jahren alles recht seltsam vor:

I.        Warnung durch Fiktion

Ungefähr 1970 muss es gewesen sein. Da lief mit leichter Verspätung im noch übersichtlichen bundesdeutschen Fernsehen eine Science-Fiction-Serie mit dem Titel „Invasion von der Wega“. Bis auf den Dreh des Vorspanns, in dem man eine dem Klischee entsprechende Landung einer fliegenden Untertasse hinter einem blendenden Lichtschein mehr vermutete als sah, verzichteten die Macher auf die teuren Spezialeffekte, die man auch damals schon aus dem Kino kannte. Der Geschichte war es egal.

Viel wichtiger war vielmehr die unmerkliche Unterwanderung (bedenke: Unterwanderung ist stets unmerklich!) der amerikanischen, nein, natürlich der gesamten irdisch freien Gesellschaftsordnung. Damals war das in unserem Fernsehen vorgelebte, freie und von allen Seiten bedrohte Leben stets ein amerikanisches, dies sei den jüngeren Lesern kurz erklärt. Deutsche Serien hatten stets kommissarhaft muffiges Wohnzimmerniveau, das höchstens durch einen ganz privaten Eifersuchtsmord gestört wurde, um in genau diesem Wohnzimmer mit unverständlich zufälligen Kombinationsspielchen Aufklärung zu finden. Vierzig Minuten nach dem fein säuberlichen Entfernen der Blutflecken auf dem Perser.

Abgeschreckt von der großmütterlichen Nähe ordentlicher Wohnzimmer und angeleckter Taschentücher begehrte ein Zwölfjähriger lieber die spannendere amerikanische Auffassung von einer allgegenwärtigen Bedrohung. So konnte ein Junge wie ich am nächsten Morgen den Schulkameraden voller Befriedigung erzählen, wieder eine dieser nicht altersgerechten Folgen gesehen zu haben, die doch erst lange nach der Tagesschau gesendet wurde.

In jener Tagesschau herrschte der ferne Vietnamkrieg, in der Bildzeitung der böse Kommunist als Lehrer und mancherorts tatsächlich noch die Machenschaften verknöcherter Nazirichter in CDU-Fraktionen. Napalm drohte den Vietnamesen und die Unterwanderung von links und rechts uns. Negative Strömungen gab es zur Genüge auf unserem Planeten in einer Zeit, da die Amerikaner und die Russen auch die Reisekontakte mit dem Weltall begannen. Es konnte also nicht mehr lange dauern, bis wir auch die Infiltration durch außerirdische Feinde feststellen mussten. Ein gefundenes Fressen für die Drehbuchautoren.

So, wie in heutigen Tagen massenweise produzierte Soaps, Casting- und Talkshows die Banalisierung der Gesellschaft vorantreiben, wurde damals das Misstrauen, die Angst vor Unbekanntem geschürt. Was war uns neben den Ausländern im Nachbarviertel unbekannter, als die Wesen aus dem All? Dies ist eine gesellschaftliche Einschätzung der Beeinflussung, die mir als eben erwähnter Zwölfjähriger selbstverständlich fremd war. Nun, auch nach dem Heranwachsen zu einem kulturell, nahrungsmitteltechnisch und politisch hoch aufgeschlossenen Menschen ist es noch immer da: das Misstrauen.

Diesem Umstand diente die eben angesprochene Serie „Invasion von der Wega“ ganz hervorragend, denn die Außerirdischen, die im Sinne der genügenden Fernsehvermarktung naturgemäß nichts Gutes im Schilde führten, waren äußerlich nicht von den übrigen Zeitgenossen zu unterscheiden. Sie trugen die Kleidung der amerikanischen Mittelschicht. Sie waren Männer im Anzug mit Krawatte und Frauen im Kostüm und Twin-Set. Sie kamen so professionell freundlich daher, wie es von Vorwerck-Vertretern, die in mehrmonatlichen Abständen ins Haus kamen und Stewardessen, die ich in Ermangelung von Fernreisen nur von Bildern kannte, verlangt wurde – übrigens lange bevor „Service“ als Ausrede für Einsparungen im Kundendienst die deutsche Sprache vernebelte.

Die Außerirdischen zeigten sich als Langweiler mit bösem Kern. Ihre Zahl war zum Glück noch gering und dennoch hatte der über die Jahre in meinem Gedächtnis gesichtslos gewordene Held – er war der Langweiler mit dem guten Kern – die wundersame Gabe, immer wieder auf die wenigen Aliens zu stoßen und sie dann auch noch zu erkennen. Denn er hatte aufgrund seiner Studien oder eines bloßen Zufalls herausgefunden, wo die außerirdische Mimikry aus mir noch heute unerfindlichen Gründen misslang. (Dies möchte ich an dieser Stelle zur Entschuldigung der Autoren festgehalten wissen: Womöglich habe ich die Erklärung für das Entstehen dieses Phänomens ganz einfach vergessen.)

Es war der kleine Finger einer, ich glaube, der rechten Hand. (Womöglich platze gerade an dieser Stelle die eigentliche Gestalt der Kreatur aus dem fremden Körper heraus?) Jedenfalls war dieser Finger etwas länger als bei uns gewöhnlichen Menschen, hatte ein Gelenk mehr oder war gelähmt und wurde von diesen Wesen, wenn sie sich unbeobachtet fühlten, beim Kaffeetrinken immer gespreizt.

Nun würde der geneigte Leser, wie die ebenso geneigte Leserin, mir wie dem Serienhelden gerne entgegnen, er oder sie hätte selbst so ein Beispiel, die Tante Annegreth nämlich, die genau dieselbe Angewohnheit an den Tag legt und definitiv nicht aus den Tiefen des Raumes stammt. Das mag sein. Doch wissen Sie es wirklich oder beruht Ihr Urteil lediglich auf der trügerischen Geborgenheit familiärer Bande?
Ich möchte nun wirklich nicht Angst und Schrecken verbreiten, aber haben Sie Tante Annegreth einmal darauf angesprochen, ihre dann einsetzende Nervosität oder gar Aggressivität beobachten können? Vergessen Sie bitte beim nächsten Familienfest für kurze Zeit ihr Erbteil und versuchen die Frage zu stellen. Die Erdbevölkerung wird es Ihnen danken.

Ich dagegen habe die Chancen vieler Jahre verpasst, habe damals, als die Erinnerung an die Serie noch frisch war, eine Reihe von Verdächtigen entdeckt, sie zum Leidwesen heutiger Generationen nicht gestellt und irgendwann die Symptome aus den Augen verloren, die Serie und ihre Relevanz vergessen.

Ebenso erging es auch der Politik, solange die Eindrücke der „Invasion von der Wega“ noch wirkten. Worin sind sonst die indifferenten Versuche einer Eindämmung der Gefahr durch einen Radikalenerlass zu begründen? Natürlich haben die meisten Politiker alle wahrhaft konkreten Warnungen in den Wind geschlagen, natürlich haben die Politiker mit eben diesem Radikalenerlass in die falsche Richtung geschossen.

Fehleinschätzungen sind menschlich, wenn auch nicht immer verzeihlich – und aus diesem Grunde werden der aufmerksamen Leserin und ebensolchem Leser die Parallelen zu den Golfkriegen der näheren Vergangenheit sehr nahe liegen. Doch wer sollte es den jeweils Herrschenden verdenken, wenn die warnende Botschaft verschleiert in einer mittelmäßig spannenden Unterhaltungssendung verpackt wird?

II.      Sie sind unter uns

blauhemdenNun leben wir nach der auf unserem Planeten größtenteils anerkannten Zeitrechnung in einem neuen Jahrtausend. Es gab für die Invasoren interessante und, die Ernsthaftigkeit meiner Befürchtungen und die Klarheit meines Blickes vorausgesetzt, verlorene Jahre für die Menschheit. Eine Reihe von Beobachtungen, die ich ihnen, lieber Leserin und lieber Leser, nicht vorenthalten möchte, hat etwas mit einer gewissen Uniformität zu tun, die auf einen Taktikwandel der Wegawesen schließen lässt. Ich vermute, die Annegreths mit dem abstehenden Finger geraten mehr und mehr in die Minderheit und werden von einer neuen Generation von Außerirdischen ersetzt oder erweitert, die sich durch ihre Kleidung tarnt und gleichfalls offenbart.

Dazu möchte ich kurz erklärend ausholen. Kleidungsfarben waren in vielen Epochen ein Zeichen für Gemeinsamkeit, gemeinsamer Stärke und damit für die, die nicht in diese Gemeinsamkeit gehörten oder gehören sollten, zur existentiellen Bedrohung. Allein für die Zeiten der näheren Geschichte bitte ich an die zum Glück überwundene Gewaltherrschaft der Braunhemden zu erinnern, die die braune Farbe außer für die Fans des FC St.Pauli, die nun wirklich nichts mit denen zu tun haben, noch immer negativ behaftet sein lässt.

Etwas später sprachen wir von der Gelben Gefahr, die sich bei uns im Westen vielmehr in den meist blauen Mao-Anzügen manifestierte. Fast zeitgleich kennzeichnete die Blue-Jeans die Annahme der amerikanischen Kapitalismusausprägung. Die blaue Farbe wurde also, losgelöst von den uns als vollständig unterschiedliche bekannten Gesellschaftsmodellen, als Massensymbol eingeführt. Übrigens trug selbst die Jugendorganisation FDJ der damals noch bestehenden DDR jenseits ihres, nun in ganz anderem Licht erscheinenden „antiimperialistischen Schutzwall“, blaue Hemden.

Es kamen die Achtziger Jahre. Die Jeanshersteller beklagten Absatzprobleme mit ihren bisher von Modeeinflüssen unberührten Blue Jeans. Anzüge, lange bei der Jugend verpönt, bekamen zuerst ganz langsam und bis in die heutigen Tage immer stärker werdend, den Duft des Erfolgreichen, nachdem auch die Begriffe Karriere und Anpassung ihren unangenehmen Geruch verloren. Andere Strukturen sollten sich durchsetzen. Im Westen Deutschlands, der BRD, war es die Zeit der Wende. Deutlich wurde sie, als kleines Beispiel dargestellt, als sich die links-alternativen „Jungdemokraten“ vollkommen entnervt von ihrer Mutterpartei F.D.P. lösten und damit den „Jungliberalen“, den damals noch belächelten Anzugträgern, den Platz räumten.

Viel stärker von der Weltöffentlichkeit beobachtet begannen im gesamten sozialistischen und kommunistischen Osten die einst stabilen Regime zu wackeln, was hier in dem Niederreißen der Mauer, der dann unvermeidlichen deutschen Wiedervereinigung und dem ohne direktes kriegerisches Wirken einsetzende Zerfall der UdSSR mündete. Damals sahen wir diese Entwicklung noch als durch den Freiheitsdrang des Menschen vorangetrieben. Doch wer steckte wirklich dahinter?

Zum Versuch, eine Antwort auf diese Frage zu finden, möchte ich nun einige meiner Beobachtungen, für deren Authentizität sich der Verfasser verbürgen möchte, die zwar oberflächlich ohne gesellschaftliche Relevanz sind, doch täglich von jeder Frau und jedem Mann ergänzt werden können, weitestgehend ohne Kommentierung kundtun und der gefälligen Beurteilung durch den klaren Menschenverstand zur Verfügung stellen:

a) Die Zahl der zumeist männlichen Träger von blauen Oberhemden hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Meist bilden sich in den Kantinen mittlerer bis großer Unternehmen Grüppchen von ihnen, die nur äußerst selten von andersgekleideten Menschen aufgelockert werden. Je nach Abteilungsstruktur und Belegschaftszahl hat die Einstellung der Blauhemden in der Regel mit der Arbeit von externen, meistens auch mit blauen Hemden bekleideten Unternehmensberatern und der Einführung eines Bereiches mit dem Namen „Controlling“ begonnen.

b) Auf dem Bahnsteig eines S-Bahnhofes machte sich vor einiger Zeit eine einzelne männliche Gestalt zum Gespött der übrigen Wartenden. Sie war vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt und mit einem dunkelgrauen Anzug mittlerer Güte, recht noblen Schuhen und einem blauen Oberhemd mit leicht gemusterter Krawatte bekleidet. Der junge Mann trug eine Schultertasche, die wahrscheinlich einen dieser tragbaren Computer enthielt. In einer Hand hielt er einen Kleiderbügel auf dem ein Hemd hing, das mit dem am Leibe befindlichen identisch war. So ging er ständig auf und ab und sprach. Früher ein Indiz für fortschreitenden Wahnsinn, gehört ein solches Verhalten heute zur Normalität. Er sprach mittels eines an einem unsichtbaren Mobiltelefon angeschlossenen Head-Sets mit einer Dorothée. Immer wieder nannte er diesen Namen überdeutlich, oberlehrerhaft könnte man sagen, mit Silbentrennung und gesprochenem doppelten „e“ am Ende. Das weitere Gespräch, immer wieder von diesem Wort „Dorothé-e“ unterbrochen, war meist nur bruchstückhaft zu verstehen. Sein angewinkelter Arm hielt den Kleiderbügel, sein Aufundabschreiten maß ungefähr zehn Meter der Bahnsteiglänge und dauerte, da alle Züge wieder mindestens zwanzig Minuten Verspätung hatten, bereits fünfzehn Minuten. Zuerst unfreiwillig, dann genervt, dann neugierig nach Einzelheiten suchend, schloss ich aufgrund der von ihm genannten zeitlichen Zusammenhänge zunächst darauf, dass er mit der so seltsam ausgesprochenen Dame die Nacht verbracht hatte. Da das Gespräch jedoch viel zu fern von der romantischen Verklärtheit einer jugendlichen Verliebtheit schien – allein so hätte ich es mir für das zarte Alter des Blauhemden vorstellen können – klang „Dorothé-e“ nun mit jeder Wiederholung eher wie das Codewort eines Geheimagenten oder wie die Durchsagen der Zahlencodes, deren Übertragung man vor langer Zeit und in der Nacht am Ende der Skala eines Transistorradios fand und ebenso gebannt wie vergeblich nach einer Systematik suchend zuhörte.

c) Einmal hatte ich jedoch eine sehr nahe Begegnung mit einem dieser mir Angst einflößenden Spezies. Dabei spielte die Geschichte in entspannter Atmosphäre und bei, mit heutigem Wissen betrachtet, unvorsichtigem Alkoholgenuss. Immerhin hatte sich mein verdächtiges Gegenüber des Sakkos entledigt, die Ärmel seines hellblauen Eterna-Hemdes hochgekrempelt und die Krawatte gelockert. Wir sprachen über Fußball – er war nicht aus meiner Stadt. Wir sprachen weniger über Gott als über die Welt und kamen über die allseits schwierigen Bedingungen des Arbeitsmarktes auf meine alles entscheidende Frage. Auf die Frage nämlich, was seiner Meinung nach der Grund für die weite Verbreitung der blauen Oberhemden beim Anzugträger dieser Tage sei. Meine Frage war also höflich und vorsichtig genug formuliert, wie mir die Leserschaft sicher beruhigend bestätigen wird. Ebenso wird sie meiner Einschätzung Verständnis entgegenbringen, dass es sich bei der nach kurzem Überlegen erhaltenen Antwort um eine sehr hilflose, doch von mir aus Sicherheitsgründen nicht weiter hinterfragten, Ausrede handeln konnte. Er sagte nur: „Blaue Hemden wirken nicht so steif wie weiße.“ – Nein, ich achtete danach nicht mehr auf seine eventuell bestätigenden Fingerhaltung. Das Gespräch war für mich, wie auch der entspannte Abend, der irgendwann Ende der Neunziger datiert werden kann, beendet. Meine zur Verdrängung bald einsetzende fatale Beruhigung glich dem Gleichmut einer Mehrheit, die sagt, es würde schon nicht so schlimm kommen.

d) Versicherungskonzerne haben eine außerordentlich hohe wirtschaftliche Macht und damit einen erheblichen Einfluss auf das Leben im Staat. Sie verkaufen uns mit großem Geschick Verträge, deren Notwendigkeit uns bei der Unterschriftsleistung noch deutlich ist und behalten dennoch das von den Kunden eingezahlte Geld, da der Versicherungsfall in der Regel nie eintritt, selbst wenn wir ihn für eingetreten halten. Die Erfolge dieses ungewöhnlichen Geschäftsgebarens wird mittels mächtiger Gebäudekomplexe sichtbar gemacht, deren Schatten die staatlichen Machtzentralen unserer Hauptstädte mit Leichtigkeit verschwinden lassen. – Neulich kam ich an einem dieser Paläste vorbei. Der technokratisch kalte Vorplatz, frei von fortschrittbremsendem Grün, war ungewöhnlich belebt. Man hielt offensichtlich eine große Konferenz, ein Treffen ab, zu dem tausende Teilnehmer aus Reisebussen, Parkhäusern und U-Bahnschächten herausquollen. Der Vergleich mit einem Arbeitervolk blauglänzender Ameisen lag mir augenblicklich im Sinn, denn allesamt waren Träger dunkler Anzüge, Schultertaschen für oder mit Notebooks und zu vielleicht achtzig Prozent blauer Oberhemden, strebten ohne eine erkennbare Individualität in ihren Gesichtern zum Eingangsportal der Konzernzentrale. – Mein aufsteigendes Unwohlsein verhinderte ein weiteres Verweilen in der Nähe des Geschehens, über das die Tagesschau übrigens nie berichtete.

Diese kleinen Episoden stellen dar, wie sich der weltweite Wandel, der Stand der Invasion sich ganz nah in unserem täglichen Leben darstellt. Die aufmerksame Zuschauerin wie auch der aufmerksame Zuschauer von Nachrichtensendungen der Fernsehanstalten wird diese Erlebnisse ebendort schnell wiedererkennen.

So wird er oder sie sich bald an die nicht zählbare Zunahme der Blauhemden nach der deutschen Wiedervereinigung erinnern, die wahrscheinlich nichts als eine optische Verwandtschaft mit denen der FDJ – auch nichts mit denen der ‚camisas viejas‘ Francos – gemein hat. Die modernen Blauhemden zogen in den Osten, um ihren Vorstellungen nach veraltete, augenscheinlich nicht ins Wegakonzept passende Unternehmen „abzuwickeln“.

Nun ist diese gewisse Säuberung des Veralteten auch im Westen zu beobachten, die viel mehr noch als meine eben geschilderten Begegnungen auf die Existenz des Einzelnen wirken, dieselbe gar final bedrohen.

Langsam, Schritt für Schritt werden Menschen durch Außerirdische ersetzt! Auch dafür gibt es eine Vielzahl von Argumenten:

Unsere Parteien sind weitestgehend gleichgeschaltet. Es überwiegt der Abschied vom sozialen Gewissen. Das, was die Blauhemden als Berater getarnt in den Unternehmen mittels der Verkündung des Mottos einer fragwürdigen Vernunft vorgelebt haben, ist kühle Ameisengleiche. Alles gilt für das Wohlergehen der Königin Ökonomie. Eine Ökonomie, die bei der Darbringung teuerster irdischer Opfer wohl nur auf der fernen Wega blühen, wachsen soll, nicht jedoch auf unserem Planeten.

Das Erkennen der Invasoren ist, wie bereits in der anfangs angesprochenen TV-Serie, nicht einfach. Ein großflächiger Austausch der alten oder eine ergänzende Erneuerung der Invasoren hat stattgefunden. Der lange Finger wurde mehrheitlich durch eine einheitliche Kleidung ersetzt, die von eher opportunistisch eingestellten Menschenwesen gerne übernommen wird und sie so zur Tarnung werden lässt.

bushDie zu Teilen noch freie Wissenschaft sollte bald ergründen, ob die Fremden menschliche Körper benötigen, sie überstreifen, ob sie sich auf der Erde oder nur auf dem Heimatplaneten vermehren oder ob es sich bei ihnen um geschickte humane Nachbauten handelt. Letzteres könnte eine Begründung dafür sein, dass sie gewöhnlich als sogenannte Singles leben und es von ihnen keine Kinder gibt, dass sie selten, höchstens in an uns Menschen gerichteten Werbesendungen, mit Kindern gesehen werden und dass es keine Alten/Ruheständler unter ihnen gibt.

Sollte ich mich also doch in Tante Annegreth geirrt haben oder ist sie das vergessene Exemplar einer veralteten Generation, die längst wieder auf dem Heimatplaneten angekommen oder beseitigt ist?

Nur durch die hiesige Existenz einer einheitlichen Invasorengeneration ist übrigens die Kaltschnäuzigkeit von Blauhemden einiger Parteien zu erklären und zu verstehen, in der die Abschaffung des Kündigungsschutzes für Menschen gefordert wird, die älter als 53 Jahre sind. Ältere finden dank des Einsatzes von Blauhemden in den Unternehmen ohnehin keine Anstellung mehr und ihnen zu junge Menschen werden gar nicht mehr in das Berufsleben integriert. Das Einstellungsideal entspricht allein dem für herkömmliche Menschenaugen lächerliche Humanoiden, wie ich ihn unlängst auf dem Bahnsteig beobachtete.

III. Der verlorene Kampf, der nie stattgefunden hat

Es ist, so muss mein deprimierendes Fazit nun lauten, zu spät, den Anfängen zu wehren. Die dem Menschen so liebe Individualität innerhalb einer zugegebenermaßen immer nur teilweise funktionierenden Gemeinschaft wird dem zentralen Thema des ökonomischen Wachstums angepasst. Einem Wachstum, dessen wahre Gestalt und dessen Ziel uns nicht verständlich sein kann. Der deutlich sichtbare Widerspruch zwischen der mangelnden Solidarität und dem einheitlichen Streben der Individuen wird plötzlich erklärbar. Jeder soll an seinen Individualismus, an seiner Zugehörigkeit zu einer Elite glauben und dennoch nur den Job einer Ameise tun.

Warum und wozu gerade unser Planet erwählt wurde, weiß ich nicht. Welches wertvolle Gut wir diesen Fremden liefern sollen und warum sie es sich nicht einfacher und schneller holen, ist von der Wissenschaft noch herauszufinden. Eins ist mir bereits jetzt klar: Es wurde und wird uns ein Lebensschema aufgestülpt, zu dessen Durchsetzung der Mensch wohl nur von Außerirdischen getrieben werden kann.

Welche Hemdenfarbe trägt ?

 

PS – Ja, Horst Köhler war zu Beginn seiner Amtszeit tatsächlich ein Träger blauer Hemden. Als ehemaliger Direktor des Internationalen Währungsfonds hat man schließlich immer welche im Schrank. Das oberste Amt im deutschen Staate ließ ihn dann Wandlugen durchmachen und das Hemd mehrmals wechseln, bis ihm die Farbe gar nicht mehr stand. Sein plötzlicher, von der Öffentlichkeit und mir kaum verstandener Rücktritt war wohl in Wirklichkeit der Rückruf zur Wega. Es kam mit Christian Wulff einer, dem das blaue Businesshemd persönlich stets gute Dienste geleistet hatte, bis es ihm dann ganz plötzlich zu eng wurde. Heute heißt der Bundespräsident Joachim Gauck. Ein Mann der Kirche, der weder dem schwarzen Talar, noch dem blauen Oberhemd zuzuordnen ist. Ob er sich um eine neue Farbenlehre bemüht, vermag ich aufgrund seiner eher farblosen Amtsführung (noch) nicht zu beurteilen.

 

© Dirk Jürgensen – Veröffentlichungen des Textes, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.

Nun ist gut zu erkennen, dass dieser Text aus dem Jahr 2004 stammt. Aber hat sich in den ganzen Jahren eigentlich viel geändert?