Wie war dein Tag?

von Maria Jürgensen ...

Fäden spinnen

Zwölf von zwölf heißt die Aktion, sagt W. und erzählt. Da posten Menschen Fotos von Jeanshosen in Waschmaschinen und gefüllten Kaffeetassen auf dem Frühstückstisch im weltweiten Netz und lassen uns an einem Tag in ihrem Leben teilhaben. Ich mag das. Ich mag Profanes. Winzigkeiten. Löcher in Socken, Schlafanzüge über nackten Füßen, Zahnpaste auf Zahnbürsten, angebissene Butterbrote, Apfelkitsche, Glasränder auf Kneipentischen, Kuchenkrümel, Blicke aus Fenstern oder in Fenster hinein. Ich liebe Wintermorgenfahrten mit dem Bus oder der Bahn. Er oder sie schaukelt über die Landstraße oder durchs Schwarz der Felder, durch die Schatten der Wälder, kriecht in die Orte hinein und dann krakeelen Lichter hinter verschlossenen Gardinen, erlauben Menschen gar den Blick auf ihre Hausaltäre. Dort nestelt eine Frau an den Zimmerpflanzen und gießt, da schaut einer morgens um sechs noch fern, hier besitzt einer Tausende Bücher, sortiert im Regal nach Alphabet oder Vorliebe. Anderswo schaut einer nicht mehr in den Spiegel und die andere tut’s erst recht. Irgendwo hüpft ein Kind durchs Wohnzimmer und schreit stumm. Ich male mir die Leben dazu aus oder stricke mir ein neues. Manche sind ganz verworren, Knäuel, die man auseinanderklamüsern muss. Und dann gibt es welche, die sind aus feinem, weißem, brüchigen Garn, hängen am seidenen Faden. Früher habe ich aus solchen Mäuschenspielereien Zufluchten für mich entworfen, ihnen gedanklich eine Form gegeben. Da bin ich mit Hammer und Nagel an die Wände und habe Bilder mit Erinnerungen aufgehängt. Das schaffte Identität. Immer wieder neu. Weiterlesen